Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Zur Schändung roter Sterne und den mutmaßlichen Kumpels der HSV-Hools

Keine Ahnung, ob es wahr ist, es würde aber passen:

“Unter den HSV-Anhängern, die sich in der Nacht auf dem Kiez versammelt hatten, befanden sich nach ersten Erkenntnissen auch Hooligangruppen von Roter Stern Belgrad sowie aus Kopenhagen und Glasgow – sie alle werden kaum angereist sein, um das Fußballspiel der Hamburger Klubs zu sehen.”

Bei “Roter Stern Belgrad” leuchteten sofort alle Alarmlampen, als ich es zum ersten Mal las. Nicht nur wegen der Vorfälle in Italien, sondern auch wegen der politischen Rolle des Hooliganism in Serbien derzeit. In der Printausgabe der FR fand sich Samstag ein Bericht, wie die nationalistische Ultrarechte Serbiens sich lange schon der Schläger dieses Fussballvereins bedient. Habe noch mal rum gegeoogelt und unter anderem das folgende gefunden:

“Auch die “Ultra Bojs”, ein Klub von Fans des Fußballvereins Roter Stern Belgrad, gehören zur Szene der 2000 bis 3000 gewaltbereiten Rechten. Führungsfiguren des Fanklubs, zu denen offenbar auch der in Genua festgehaltene Hooligan Ivan Bogdanov gehört, sind gleich nach dem Überfall auf die Schwulen nach Italien gereist.

Die Verwicklung der rechten Rowdies in die Politik hat eine lange Tradition. Unter dem Autokraten Slobodan Milosevic wurde 1989 der mehrfach vorbestrafte Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, Vorsitzender der Roter-Stern-Fans. Aus den aggressivsten Vereinsanhängern rekrutierte der damals 38-Jährige eine “Serbische Freiwilligengarde”, die als “die Tiger” in Kroatien und Bosnien Angst und Tod verbreiteten und in Serbien wirtschaftlich zu einer Macht wurden. Im Jahr 2000 wurde Arkan, der sogar eine Partei gründete und als Staatspräsident kandidierte, von rivalisierenden Gangstern erschossen. Fußball-Hooligans waren beteiligt, als 2001 zum ersten Mal eine Schwulenparade angegriffen wurde, als ultrarechte Gewalttäter 2004 die Belgrader Bajrakli-Moschee anzündeten und 2007 mit dem Spruch “Kosovo ist Serbien” die US-Botschaft stürmten.”

Auch wenn ich gegen Norberts Anführen des Paragraph 129 doch deutliche Einwände habe, die, glaube ich, auch wohl begründet sind (ansonsten stimme ich ihm voll und ganz zu): Sollte es diese Verbindung von Roter Stern Belgrad und HSV-Fans tatsächlich geben, so schwappt da tatsächlich eine neue Qualität rechter Agitation inmitten Hamburgs in die Wildwasserarena im Volkspark. Die Angriffe auf die CSD-Parade jüngst haben weltweit für Resonanz und Entsetzen gesorgt, und um so unverständlicher – oder auch nicht – ist es, dass laut Pressemeldung von Ballkult der Eindruck entstehen konnte, dass die Polizei wenig dafür tat, den Mob vom Jolly fern zu halten.

Man sollte nicht unterschätzen, dass die Hatz auf “linke Spinner” (DIE WELT), auch von der Extremismus-Agitation z.B. Kristina Schröders angetrieben, in manchen Landstrichen – der “Störungsmelder” in DIE ZEIT wusste zum Beispiel davon zu berichten – bereits zu de facto Kooperationen zwischen Exekutive und rechten Schlägern führte. Ohne das der Hamburger Polizei nunmehr unterstellen zu wollen, sollte dennoch gerade angesichts der anstehenden Wahl offen darüber diskutiert werden, dass so was möglich ist. Immerhin war der Herr Ahlhaus verantwortlich für fragwürdige Polizeieinsätze rund um die Schanzenfeste, und bevor Olaf Scholz nach Berlin ging, versuchte er in Antwort auf Ronald Schill sich als Hardliner in Fragen innerer Sicherheit zu profilieren.

Hier wäre auch das Präsidiums des FC ST. Pauli aufgefordert, Aufklärung der Vorfälle rund um das Jolly inclusive der Taktik der Polizei einzufordern, statt sich auf Abendspiele zu freuen. Ebenso ist mir zumindest außer windigen Entschuldigen Hoffmanns wie auch wüsten Beschimpfungen Armin Vehs noch keinerlei Verlautbarung aus Führungskreisen des HSV zu Ohren gekommen, vielleicht, weil ich nicht Insider genug bin, die zu den Attacke der HSV-Hools Stellung beziehen. Gewalt rund um Fussballspiele ist nicht im unpolitischen Raum situiert, schon gar nicht, wenn Kneipen wie das Jolly gestürmt werden sollen. Da ist die “Chaoten hier, Chaoten da”-Rhetorik schlicht ein Verschließen der Augen vor Entwicklungen, die durchaus gesamtgesellschaftliche Dimensionen annehmen können.

Nachtrag: Punkt 1 meines “Wunschzettels” wurde erfüllt – offizielle Stellungnahme des FC St. Pauli:

„Es macht uns traurig und wütend, dass die Fankneipe „Jolly Roger“ zum wiederholten Male Ziel von sogenannten Fans des HSV wurde. Wir verurteilen die Angriffe und Aggressionen auf die Fankneipe – und auch sonst im Viertel – auf’s Schärfste. Von den Verantwortlichen des HSV verlangen wir, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Einfluss auf Teile seiner Fanszene zu nehmen. Wir wünschen allen Verletzten schnelle und gute Genesung. Insbesondere der jungen Frau, die sich am Rande dieser Auseinandersetzungen bei der Kontrolle durch Polizisten beide Unterarme gebrochen hat und sich derzeit noch im Krankenhaus befindet. (…)”

 

Noch’n Nachtrag:

 

“Am Sonntag war die Polizei erneut am Jolly Roger im Einsatz – dieses Mal, um eine “polizeiliche Maßnahme” durchzuführen. Laut Polizei hielten sich vor dem Lokal mehrere Personen auf, die mit Schlagwerkzeugen bewaffnet gewesen sein sollen. Die Polizei riegelte das Lokal ab und durchsuchte es. Sie beschlagnahmte zahlreiche Holzlatten, außerdem wurden die Personalien von 78 Gästen aufgenommen.”

“Jolly Roger von Polizei durchsucht

Am frühen Abend des gestrigen Sonntags erreichten Betreiber und Gäste der
St. Pauli Fankneipe Jolly Roger Informationen über einen bevorstehenden
erneuten Angriff von HSV-Fans. Nach den Erfahrungen der vergangenen Nacht
(siehe Pressemitteilung vom 06.02.) versammelten sich solidarisch Fans und
Nachbarn, um die Einrichtung zu schützen. Kurze Zeit später umstellten
Einheiten der Bereitschaftspolizei das Lokal. Sämtliche Anwesende mussten
ihre Personalien angeben, im Anschluss wurde das Jolly Roger von der Polizei
durchsucht. Hierbei wurden diverse Gegenstände sichergestellt. Die
Rechtmäßigkeit des Einsatzes wird derzeit von Anwälten überprüft.

Das Jolly Roger legt Wert auf die Feststellung, dass zu keiner Zeit, weder
am Samstag noch am Sonntag, eine Gefahr von Besuchern des Lokals ausging.
Auf Grund der polizeilichen Maßnahme hatten viele das Jolly verlassen. Da
deshalb nicht mehr für ausreichenden Schutz im Notfall gesorgt war, musste
das Jolly Roger früher als geplant schließen.”

St.Pauli.nu bringt es auf den Punkt:

“So werden aus Angegriffenen Täter gemacht.”

Die Mopo titelt heute reißerisch: “Wie brutal wird das Derby?” Anzuschließen ist die Frage: Welche seltsamen Motive treiben die Polizei im mutmaßlichen Schikanieren des Jolly?

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8 Antworten zu “Zur Schändung roter Sterne und den mutmaßlichen Kumpels der HSV-Hools

  1. kleinertod Februar 7, 2011 um 1:54 nachmittags

    Von mir aus kann man sich schicksalsergebend auf ein Abendspiel freuen, wenn man dieses eh nicht vermeiden kann. Warum auch öffentlich in Panik deswegen ausbrechen, wäre auch ein falsches Signal.

    Aber den Polizeieinsatz hinterfragend anzugreifen, dies wäre wahrlich Aufgabe unseres Präsidiums. Für mich ist es einfach unfaßbar – wirklich überraschend allerdings nicht – daß dieser Angriff trotz der Vorhersehbarkeit möglich war und nicht sogleich unterbunden wurde.

  2. momorulez Februar 7, 2011 um 1:58 nachmittags

    Na ja, man kann aber schon auch auf die Gefahren für die Anreisenden hinweisen, ohne sich dabei die Freude auf Spiele verderben zu lassen. Die Angriffe waren immerhin schon geschehen, als der Herr Orth sich äußerte. Der soll mal anfangen, die Interessen der Fans zu berücksichtigen, anstatt auf seiner Firmenhomepage Werbung mit Charles Takyi zu machen und sich ganz geschmeichelt zu fühlen, dass der große Herr Hoffmann ihn persönlich anruft. Ja, ist gemein, aber diese “sogenannte Fans”-Rhetorik ist mir echt zu billig, wenn Crowds wie Roter Stern Belgrad ja schon VOR dem Spiel im Gespräch waren. Gibt auch rechtsradikale, “richtige” Fans.

  3. Pingback: HSV-Belgrad // Extremismusgefahr im Hamburger Fussball? » Sankt Pauli - nu*

  4. Pingback: Derby – wie friedlich wird das Nachholspiel? « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  5. astro Februar 8, 2011 um 11:49 vormittags

    Als selbst vom “polizeilichen Einsatz” am Jolly Betroffener kann ich zwar sagen, daß der total überzogen und lächerlich war, aber der üblichen polizeilichen Logik gefolgt ist. Vielleicht bin ich da zu naiv, kann aber nicht erkennen, daß es sich zwingend um einen Einsatz aus einem “höheren Grund” gehandelt hat. Die Ahnungslosigkeit der Polizei bei der Bewertung von Situationen ist ja nicht erst seit gestern bekannt.

  6. astro Februar 8, 2011 um 11:51 vormittags

    Ach so: Linfield-Hools wurden wohl auch noch im Flieger nach Irland gesichtet… das macht das langsam echt zur Achse des Scum…

  7. momorulez Februar 8, 2011 um 12:45 nachmittags

    Oha … und diese Logik des Jolly-Einsatzes, auch wenn ich das nur im Forum verfolgen konnte, ist ja auch kein Novum. Im Kleinen gibt es ganz alltäglich Übergriffe auf der Schanze, da besonders gegen “migrantische” Passanten, und auch sonst bekommt man zumindest den Eindruck, dass durch öffentliche Interessen so gar nicht gedeckte Motive die Polizisten antreiben, mal vorsichtig als Meinungsäußerung meinerseits formuliert. Durch das jegliche Willkür legitimierende Polizeigesetz hat da eine höchst fragwürdige Mentalität Einzug gehalten, wie mir scheint.

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