Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Januar 19, 2011

Na, klappt doch schon mal ganz gut: Die Überprüfung des Verbundenheitsbanners der PSD-Bank

”Zur Werbung, die an der Kita prangt, sagt Dieter Jurgeit, Vorstandsvorsitzender der „PSD Bank“, die St. Pauli per anno einen hohen sechsstelligen Betrag überweist: „Das Banner dokumentiert unsere Verbundenheit mit der Kita. Der haben wir durch eine 50000-Euro-Spende das Mobiliar ermöglicht – und das ist keine Einmal-Aktion.”

 

Auch wenn Buttje Rosenfeld es gelingt, großflächige Banner eines gewinnorientierten Unternehmens nunmehr als Nicht-Kommerz zu labeln: Das ist doch im Grunde genommen, was fehlte. Die Fanszene des FC St. Pauli in ihrer Heterogenität nimmt eindrucksvoll ihre Rolle als kritische Öffentlichkeit im Rahmen und angebunden an die demokratische Organisation “Verein” wahr, und prompt hagelt es Auskünfte.

Allen, die glauben, nunmehr einen Konflikt auflösen zu wollen, sollte klar sein, wie notwendig dieser ist und das er aufgrund unterschiedlicher Handlungslogiken dieses auch bleiben wird. Das Denken und Handeln der alteingesessenen Stadionbewohner wie auch der Vereinsmitgleider KANN gar nicht die Logik der Ökonomen in der Geschäftsführung übernehmen und sollte das auch tunlichst bleiben lassen.

In inhaltlich arbeitenden Unternehmen gibt es so bestenfalls die Trennung zwischen “redaktionellem Teil” und jenen, die die Werbung aquirieren, in kreativ arbeitenden jene, die für das Produkt verantwortlich sind (Filme z.B.) und jene, die die Budgets verwalten. Die Gesamtgesellschaft wie auch die Wirtschaft krankt daran, dass diese Trennung, in differenten Denkweisen begründet, seit den 90er Jahren zunehmend von den Ökonomen annektiert wurde – Opel ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn sie aufgehben wird: Wenn Sinn und Zweck des Unternehmens nicht mehr ist, gute Autos herzustellen, sondern in der Produktion und Produktentwicklung zwecks Gewinnmaximierung eingespart wird, dann kann auch mal was schief gehen.

Die Bankenkrise war auch Resultat dessen, dass der Zweck der Produkte, z.B der Derivathandel, das Geldverdienen selbst war – dann gibt es Blasen, und die platzen halt zu Ungunsten aller. Alles in allem gar keine linke Position, die ich hier skizziere, sondern eine konservative. Und das “Produkt” beim FC St. Pauli ist eben NICHT nur Fussball, um so erstaunlicher, dass trotzdem darum gekämpft werden muss, ihn während des Spiels werbefrei zu halten.

Nun ist Problem des FC St. Pauli aktuell, dass das Präsidium diese beiden Handlungslogiken in der Öffentlichkeit nicht mehr miteinander vermittelt, sondern sogar noch die im ökonomischen Sektor Angestellten vor schickt, um so zu tun, als würden sie dergleichen tun. Das ist eine grundschiefe Konstellation, und vielleicht mag man von Fachanwälten für Immobilientransaktionen und Unternehmensverkäufe dergleichen auch gar erwarten, eine solche Rolle zu spielen. Dann hat man schlicht die Falschen gewählt, weil gewinnmaximierende Bindungsfreiheit deren täglich Brot ist, nicht Identitätspolitik.

Das Beispiel der PSD-Band ist nunmehr gar kein Beispiel für ein Irrlaufen der Sozialromantiker-Petition, sondern für einen Appell an die Überprüfung dessen, was richtig und was schief läuft im ökonomischen Sektor des Vereins. Könnte ja sein, dass das nun gerade ein Beispiel dafür ist, wie gelungen manches auch ist. Es handelt sich immerhin um ein Unternehmen aus der Gruppe der Volks-, Raiffeisen- und Genossenschaftsbanken, die im Zuge der Bankenkrise meines Wissens noch am wenigsten Schindluder getrieben haben.

Nun wäre es naiv anzunehmen, aus purer Herzenswärme würde es die Stadion-Kita stützen: Nix besseres kann eine Bank tun, die sich vor allem allem um Jungkunden müht, um so langfristige Bindungen zu erzeugen, als in – oder an – Kindergärten zu werben. Da offenkundig ein weiterer Schwerpunkt die Immobilienfinanzierung ist und die Stadion-Kita auch medienwirksam ist, wird die Bollerwagenspende keine allzu tiefen Einschnitte in das 1,7 Milliarden-Budget des  Konzern reißen, zudem im allseits registrierten Stadionneubau dieses die einzige Bande ist, die man auch vom Bus, der die Feldstraße hinunter fährt, aus sehen kann. Fast meint man, die hätten dort eine Filiale …

Kann also alles prima sein, was die PSD-Bank im Rahmen des FC St. Pauli tut, für die Kinder freuen mich die Bollerwagen, für die Obdachlosen die Weihnachtsspenden  – es wäre nun aber unsinnig anzunehmen, dass das irgendwas jenseits des kommerziellen Interesses wäre, was da statt findet, was das Strukturelle, nicht die individuellen Gefühlsregungen einzelner Protagonisten betrifft. Und beurteilen können das mit Sicherheit nicht die Ökonomen selbst.

Ich würde als Bank mich auch bei einem studentischen Publikum wie dem des FC St.Pauli engagieren, wenn ich Interesse daran hätte, dass Studienjahre über mich finanziert werden. Das ist auch gar nicht verwerflich, c’est la vie in einem Land, da man erheblich Kredite aufnehmen muss, wenn die Eltern das Studium nicht finanzieren können, weil “Bildung für alle” hier mittlerweile ebenso out ist wie ein klassenloses Gesundheitssystem, und einem,wo jeder Geld verdienen muss. Nichtsdestotrotz kann und muss in einem demokratisch verfassten Verein auch diese Frage diskussionsfähig sein und sollte nicht von gewählten Präsidien mit blutrünstigem, politischen Extremismus identifiziert werden mittels einer anhaltenden Medienkampagne.

Denn, wie wurde es so schön im Forum zusammengefasst und von Ring2 wieder gegeben:

 

“1. St Pauli Fans sind nicht gegen Kommerz. St Pauli Fans sind gegen zu viel und ablenkenden Kommerz!”

 

Und die Frage ist zudem: Welcher denn? Sie wird gerade massiv gestellt, und das ist auch gut so.

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