Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

“Ich bin nicht der Nostalgie wegen gekommen!”

Da haben wir das N-Wort mal in anderem Kontext:

“Ein Freund von mir hat mal gesagt: Der Ziegler ist ein weißer N… . Das stimmt: Ich bin ein weißer N…!”

Wäre nun interessant, ob der Freund schwarz war oder nicht. Klar aber, dass die Redakteure von DIE ZEIT das nun ausgerechnet genüßlich in die Überschrift nehmen und vermutlich gar nicht merken, wie sie sich dergestalt vorsichtshalber auf Distanz zu dem Interviewten bringen.

Da das Interview insgesamt grandios ist, soll es mir auch schnurz sein – Ziegler pflügt pointiert, mit Bravour, Klarheit und Emphatie, durch die aktuelle Weltlage, Danke, Außenbetrachter, dass die Lektüre gleichermaßen lohnt und erschüttert. Unbedingt lesen. Angesichts der, na, Diskussion kann man das ja nicht nennen, angesichts also wutschnaubender, beleidigter, rachsüchtiger, weißer, heterosexueller Männer, denen nun auch noch Schwule zu Seite springen, wie sagte Loellie neulich treffend “Die Bürgerlichen sind langsam echt ein Problem”, und ihrer Versuche, maoistische Tribunale in Light-Version abzuhalten an unverlinkbaren Orten, sei folgende Passage hervor gehoben:

 

“ZEIT: In Ihrem aktuellen Buch Der Hass auf den Westen schildern Sie ein bezeichnendes Aufeinandertreffen von Abdelasis Bouteflika, dem Präsidenten von Algerien, und Nicolas Sarkozy.

Ziegler: Die beiden trafen sich im Dezember 2007 in Algier, um Lieferverträge für Erdgas zu unterzeichnen. Alles lag fertig auf dem Tisch, als sich Bouteflika plötzlich erhebt und sagt: »Ich will eine Entschuldigung für Setif.« In der Stadt Setif waren 1945 zigtausend Algerier abgeschlachtet worden, weil sie aufbegehrten gegen die französischen Kolonialherren. Daraufhin sagt Sarkozy den unglaublichen Satz: »Ich bin nicht der Nostalgie wegen gekommen.« So steht es im Protokoll. Doch Bouteflika insistierte: »La mémoire avant les affaires.« Das Gedächtnis vor den Geschäften. Die Verträge wurden nicht unterschrieben, bis heute nicht.”

 

Na ja, Algerier abschlachten gilt ja heute insgeheim im Sinne der Zivilisierungsmission der Menschheit durch weiße, heterosexuelle Männer wahrscheinlich wieder als probates Mittel, wenn sich die Gelegenheit nur mal wieder böte … ach, war das schön, Bagdad zu zerbomben!

Wichtig an dem Interview ist auch die Rolle Jean-Paul Sartres. Häufig ist mir in letzter bei Leuten, die z.B. mit Derridas Ethnozentrismuskritik wenig anfangen können, eine Wiederentdeckung Sartres begegnet, dessen herausragende Rollen in antikolonialen Kämpfen gar nicht oft genug gewürdigt werden kann.

Ähnlich wie später Foucault vollzog er vor allem die Praxis, nun nicht als Intiativgruppe pro Migranten Schwarzen vorschreiben zu wollen, was sie zu empfinden haben, wenn jemand das N-Wort sagt – er hat Vorworte geschrieben und sich als Herausgeber betätigt, um Marginalisierten selbst zu Öffentlichkeit zu verhelfen, ohne ihnen nun die Perspektive aufzubügeln, die sie einzunehmen hätten. Ausnahme der “Saint Genet”, von dem Jean Genet sich nie erholte. Michel Foucault verfolgte später die gleiche Praxis, eh erstaunlich, wie schnell sich die theoretischen Kontrahenten politisch-praktisch einigen konnten, weil sie diesen Ethos teilten: Sich zurück zu nehmen, wenn es darum geht, jenen zur Sprache zu verhelfen, die ansonsten mit allen Mitteln als Subjekte von Bildschirmen und aus Headlines verschwinden und als Objekte der Zurichtung Statistiken verfassender weißer, heterosexueller Bildungsbürger-Männer dort wieder auftauchen. In der klassistischen Umerziehungsvariante findet das dann täglich im Nachmittagsprogramm von RTL statt.

So erklärt sich auch das Aufsuchen “dubioser Quellen” durch Foucault – gerade die fiesen, kleinen Provinzstaatsanwälte, die wegen des 175 denunzierenden Nachbarn einst sind Realgeschichte, nicht primär die Verfassungsgerichtssprechung. Beide Denker haben je unterschiedlich durchgespielt, wie durch die Objektivierung und durch den “Blick” das Anderen Subjektivitäten erzeugt werden. Im Grunde genommen schreibt Foucault, entkleidet man das ganze von philsophiehoistorischem Ballast, mit der Analyse des Panoptismus implizit das Werk Sartres fort, indem er diese Form der Macht als die Gesellschaft durchwirkende mittels eines internalisierten, anonymisierten, diskursiv und dialogisch erzeugten und in Praktiken wie auch Architekturen sich manifestierenden Mechanismus’ analysiert.

In diesem Sinne ist auch Ziegler zu verstehen – helft den Objektivierten und dergestalt Unterworfenen, Subjekte zu werden, und dazu nötig sind vor allem anderen die klassischen ökonomischen Grundlagen; imposant, welch breites Panaroma er zu erzeugen vermag und mit welcher Hartnäckigkeit ausgestattet dieser Mann kämpft. Ein Vorbild in dieser Hinsicht.

 

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74 Antworten zu ““Ich bin nicht der Nostalgie wegen gekommen!”

  1. che2001 Januar 7, 2011 um 10:50 vormittags

    Der Ziegler, der auch meine Perspektive mitprägte, ist übrigens ein Freund meiner in der Schweiz lebenden Patencousine. Nur so am Rande.

  2. momorulez Januar 7, 2011 um 11:53 vormittags

    Ah, schöne Grüße an ihn ;-) ….

  3. momorulez Januar 7, 2011 um 1:27 nachmittags


    “Sartres persönliches Engagement beginnt jedoch erst im Jahr 1956, als der neu gewählte sozialistische Ministerpräsident Guy Mollet, nachdem das Parlament ihn mit Sondervollmachten ausgestattet hatte, den Krieg im März intensivierte. Sartre war damals Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Dass sich unter der Regierung der Linken der Krieg intensivierte und die Kommunisten den Krieg unterstützten, war für Sartre ein Stein des Anstoßes. Doch erst im November 1956, nach dem Einmarsch der Sowjets in Ungarn, kam es zum endgültigen Bruch. Von da an fand bei Sartre “eine ethische Verschiebung statt, die Schritt für Schritt dazu führte, dass er ein neues Subjekt der Geschichte entdeckte, das radikaler war als das Proletariat: die Kolonisierten. Algerien sollte davon profitieren.”(4) Sartres zwischen März 1956 und April 1962 veröffentlichten Texte(5) lassen einen heute rar gewordenen polemischen Furor und ungewöhnlichen Mut erkennen. Sein Leben war in Gefahr: Zweimal wurde seine Wohnung in der Rue Bonaparte Ziel von Bombenattentaten der aus Algerier-Franzosen und ranghohen Militärs bestehenden “Organisation de l’armée secrète” (OAS).

    “So rechtfertigen die Kolonialherren, dass sie die Menschen wie Arbeitstiere behandeln. Die koloniale Gewalt hat zuallererst den Zweck, diesen unterdrückten Menschen Respekt einzujagen. Sie versucht sie zu entmenschlichen. Um ihre Traditionen zu vernichten, um ihre Sprache durch unsere zu ersetzen, um ihre Kultur zu zerstören, ohne ihnen die unsere zu geben, werden keine Ausgaben gespart; die Menschen werden bis zur Erschöpfung abgestumpft.”

  4. T. Albert Januar 7, 2011 um 3:07 nachmittags

    Danke! Das hat mich auch sehr gefreut, der Sartre da drin. Freut mich auch, wenn hier mit Ziegler Sartre bei manchen Leuten wieder Hysterie auslöst. Das “neue Subjekt der Geschichte” wächst ja wieder, auch in der inneren Kolonisation. Ziegler reicht auch ohne Sartre für lustige Hysterien aus.

  5. momorulez Januar 7, 2011 um 3:29 nachmittags

    Ja, das ist mir auch schon aufgefallen – da folgt normalerweise das ganze Bombardement von Antisemitismus bis Kommunismus.

    Und für Sartre-Renaissancen muss ich mich sowieso mal wieder stärker machen, wo ich hier immer als führender Nachplapperer poststrukturalistischer Texttheorien gelesen werde. Gerade Foucault und Sartre lassen sich prima zusammen denken.

  6. Loellie Januar 7, 2011 um 3:31 nachmittags

    So grossartig das Interview, so schlimm mache Kommentare dazu. Soweit ich weiss, wird der Status des Schimpfwortes und dessen vernichtende Intention in den USA nicht mal mehr von den schlimmsten Rassisten in Frage gestellt.

    Angesichts der intellektuellen Greuel der vergangenen Tage weiss ich garnicht, ob ich mir die Mühe machen soll darauf hinzuweisen, warum der folgende Artikel relevant ist. Dem Chor wird es sich auch ohne Einleitung erschliessen.

    http://www.beyondhomophobia.com/blog/2008/11/25/anti-gay-ballot-campaigns-cause-psychological-harm/

    Eigentlich müsste man noch was zu Frau Foroutan sagen, oder besser, zu einer grotesken Verlinkung (und nicht nur dazu), aber mir fehlt da gerade wirklich sowas von die Motivation zu.

  7. momorulez Januar 7, 2011 um 3:38 nachmittags

    Nee, den Link musst Du nicht erklären. Das erschütternde ist ja, dass das N-Wort auch von einer “Initiativgruppe für Migranten” mit übelstem Kitsch Layout auf ihrer Seite inmitten Bayerns “von Fall zu Fall überprüft werden müsse”, also deren Ansicht nach, und schwule Perspektiven deren Ansicht nach linksradikal und irrelevant sind. Soso.

    Den Frau Foroutan-Link habe ich noch nicht entdeckt, die Kommentare muss ich auch erst mal lesen …

  8. Loellie Januar 7, 2011 um 3:41 nachmittags

    “Gerade Foucault und Sartre lassen sich prima zusammen denken.”

    So hatte ich das damals bei mir im Philosophenhinterhaus auch immer verstanden.
    BTW, in den frühen 90ern hatte ich eine leider nur sehr flüchtige Begegnung mit einem Teheraner Philosophieprofessor. Der konnte mit Mühe den Häschern des Schah entkommen um dann den Mullahs auf den Leim zu gehen. Da stand er nun, ein alter, gebrochener Mann, mit Gehbehinderung und hat die Spülmaschine bedient.

  9. momorulez Januar 7, 2011 um 3:54 nachmittags

    Puuuh …

    Habe jetzt auch noch mal DIE ZEIT-Kommentare gelesen, das ist ja fast 1 zu 1 die Diskussion bei G-Punkt. Grausam. Dieses linksliberale Pack ist echt nicht mehr auszuhalten.

    Im Nachbarbüro kotzt gerade jemand über die Seite der “Initiativgruppe” ab … zu recht.

  10. Loellie Januar 7, 2011 um 4:09 nachmittags

    Die Fall zu Fallprüfung sähe der Spassvogel auch gerne bei dem Begriff “Migrant”. Aber solange niemand auf die absurde Idee kommt, den Begriff “schwul” als Beleidung umzudeuten, ist die Welt ja in Ordnung. Angesichts des Umstandes, dass es sich bei dem Zentralorgan der Extremisten, die den Begriff “Schwarzafrikaner” als untauglich einstufen, um den Schweizer Presserat handelt, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Die sind ja auch für ihren übereifrigen Political Corectness-Terror bekannt, diese Eidgenossen. :D

    Die Kommentare auf Die Zeit sind Gott sei dank nicht alle schlimm, es ist dennoch erschreckend wieviele weisse, heterosexuelle Männer sich auch dort den Mund nicht von irgendwelchen dahergelaufenen verbieten wolle. Da könnt ja jeder kommen. Von daher kannst du dir das eigentlich sparen.

    Der Foroutan-Link ist bei dem aufgetaucht, der sie monatelang mit erstaunlicher Penetranz ignoriert hat. Besser gesagt die “Resonanz” auf ihre Auftritte und Artikel und sich nun, wen wunderts, in seinem Wahn bestätigt fühlt.
    http://www.heymat.hu-berlin.de/sarrazin2010

  11. Außenbetrachter Januar 7, 2011 um 4:20 nachmittags

    Ich bewundere den Mut und noch mehr die Muße, sich durch die vielen Zeitkommentare zu dem Interview durchzupflügen. Bisher ging ich davon aus, dass sich Leserkommentare in den großen Zeitschriften und Tageszeitungen nicht lohnen. Muß ich meine Meinung ändern?

  12. momorulez Januar 7, 2011 um 4:21 nachmittags

    @Loellie:

    Ach Gottchen, der, der Mitleid empfindet, wenn man darauf hinweist, dass die ökönomisch-administrativ-publizistische Macht fest in den Händen von weißen, heterosexuellen Männern ist, von Ausnahmen wie der Schäfer-Kordt mal abgesehen, und nicht begreifen will, dass es eine Rolle spielt, dass er auch zu denen gehört. Da lese ich nur noch, spätestens dieser Text zu “Postmoderne und Dekonstruktion” war so erbärmlich falsch, das macht keinen Sinn, da noch zu lesen.

    Dieses Heymat-Projekt finde ich ja an sich spannend, auf Frau Foroutan verweist T. Albert seit Wochen mit dem Argument, dass die doch eh keiner zur Kenntnis nehme und insofern auch Quatsch sei, nun mit Gegenzahlen zu operieren, weil es um die sich daraus ableitenden Erkenntnisse der Sarrazin-Kritiker eh niemals gehen würde. Ich halte die Kategorie “Migrant” weiterhin für beknackt, weil man so oder so dann über “Ausländerkriminalität” diskutiert und sich genau dieser Begriff fest setzt, so in meiner jakobinischen Verve … kein Wunder, das die “Initiativgruppe” den Begriff gleich im Namen trägt, damit klar wird, wer – die initiativen, aktiven Bayern – da für wen – die menschwerdenden Migranten – agiert. Dieser Trailer auf der Seite ist auch, aaaaaaargh,ich bin eben fast zusammen gebrochen.

    Sartre hingegen schrub schon ’56, es ginge darum, den Kolonialismus aus den Köpfen der Weißen zu treiben. Critical Whiteness.

  13. momorulez Januar 7, 2011 um 4:23 nachmittags

    @außenbetrachter:

    Ach, je nachdem, ob man sich nun mit der virtuellen Realität des Bildungsbürgertums auseinander setzen will oder auch nicht … Loellie hat aber recht, da sind auch vernünftige dabei.

  14. momorulez Januar 7, 2011 um 4:29 nachmittags

    Dann doch lieber der hier:

  15. che2001 Januar 7, 2011 um 6:30 nachmittags

    Als ich auf das Initiativgruppe-Blog klickte dachte ich zunächst, dass sei eine rassistische, ausländerfeindliche Website, was zur Performance ja Einiges aussagt.

    Wer in Bayern an dem Themenbereich interessiert ist ist hier besser aufgehoben, und die brauchen wirklich Unterstützung:

    http://www.fluechtlingsrat-bayern.de/start.html

  16. Loellie Januar 7, 2011 um 6:34 nachmittags

    Der Begriff Migrant ist ja icht zufällig zeitgleich mit der “Verwissenschaftlichung” des bundesdeutschen Rassismus aufgekommen. Sagt sich halt einfacher als “Kanacke” und ist flexibler als “Ausländer” oder “Halbjude”.
    Einen Trailer hab ich zum Glück nicht gefunden und der Rest ist so ressentimentgeladen, dass eine Kommentierung eher sinnlos erscheint.

    @Aussenbetrachter
    Kommt drauf an was man unter ‘lohnt’ versteht. Ich hab da nur ein paar Seiten überflogen, was recht schnell geht. Interessant ist das schon in dem Sinne, dass man in etwa sieht was Bildungsbürger so denkt, oder dass einem Dinge auffallen, zB dass die meisten Kommentatoren sehr positiv auf das Interview reagieren und einzelne Vielschreiber in der Lage sind, den Gegenteiligen Eindruck zu erwecken, zumindest wenn man der Diskussion unaufmerksam folgt. Erkenntnisgewinn bleibt einem an solchen Orten in der Regel leider verwehrt.

  17. che2001 Januar 7, 2011 um 6:49 nachmittags

    Puh, einige der Kommentare sind wirklich grottenfinster…

  18. che2001 Januar 7, 2011 um 7:23 nachmittags

    Eine zentrale Sache dürfte Folgende sein: In der Lichterkettenzeit, als Stiefelnazis Pogrome begingen konnten Bürgers sich toll dabei fühlen, symbolisch Solidarität zu demonstrieren und Flüchtlings als arme passive Opfer zu bemitleiden. But they are here to stay, und sie haben Interessen und Bedürfnisse, Meinungen und Ansprüche, und damit will man sich gleich gar nicht abgeben. Was den 68ern noch selbstverständlich war, dass unser Wohlstand ursächlich mit Armut anderswo zusammenhängt, das will man ebensowenig wissen wie Flüchtlings und Migrantens selber leben. Sobald die nicht mehr als Objekte zum Betütteln dastehen sondern als richtige Menschen ist Schluss mit symbolischer Soli, da hat der Mohr dann seine Schuldigkeit getan und kann gehen.

  19. che2001 Januar 7, 2011 um 7:37 nachmittags

    Dazu passt, dass wir eine gemeinsame afrodeutsche Bekannte haben, die wegen ihrer Hautfarbe zusammengeschlagen wurde und deren körperlich weißes, politisch rotgrünes Umfeld ihr das nicht glauben wollte.

  20. momorulez Januar 7, 2011 um 8:54 nachmittags

    Zusammengeschlagen nicht, also die gemeinsame Bekannte, aber kurz davor – sie wurde sehr heftig in einem Zug bedroht, ist heil davon gekommen wenn ich mich recht entsinne, und in der Tat war dann allerhand Schanzenvolk damit beschäftigt, ihr wortreich zu erläutern, dass es in Deutschland doch gar keinen Rassismus gäbe und fühlte von sich der Attacke durch diese Freundin, nicht etwa die Angreifer, persönlich beleidigt.

  21. momorulez Januar 7, 2011 um 9:48 nachmittags

    “Fanons Absicht in Schwarze Haut, weiße Masken ist, eine universelle emanzipatorisch-humanistische Vision zu entwerfen. In seiner grundsätzlichen Kritik an Rassismen und kolonialer Unterdrückung gilt er in seinen Ansätzen als ein sehr früher und vielseitiger Theoretiker, der seiner Zeit weit voraus war. So untersuchte er, welchen Einfluss Unterdrückung und Rassismus auf die Kolonialisierten haben und wie sich eine entfremdete Selbstwahrnehmung bei den Betroffenen entwickelt und auswirkt (soziologisch: „Subjektkonstruktion“). Hierbei geht er in Schwarze Haut, weiße Masken u. a. mit Hilfe von Lacans Spiegelungstheorem psychoanalytisch vor und bezieht sich auf Sartres Phänomenologie des Blickes. Er fragt danach, wie sich die von der Unterdrückung durch Rassismus und Kolonialismus Betroffenen (in der soziologischen Sprache „kolonialisierte Subjekte“ genannt) dagegen wehren können.
    „Der schwarze Mensch erscheint aus der Perspektive des Weißen als minderwertig, aber umgekehrt ist der Weiße mit seinen ‚Errungenschaften‘ Zivilisation, Kultur, kurz Intellekt, nachahmenswert.“
    Deshalb spricht Fanon davon, dass der schwarze Mensch in eine neurotische Situation geworfen wird, wenn er in einer weißen Gesellschaft lebt, die deren Überlegenheit gegenüber der schwarzen Bevölkerung proklamiert (Philipp Dorestal). Fanon kritisiert also, dass die „Schwarze Person“ eine „weiße Maske“ tragen muss, um in einer kolonialisierten Welt ernst genommen zu werden.”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Frantz_Fanon

  22. che2001 Januar 7, 2011 um 9:57 nachmittags

    Und genau da beginnt der Neue Antiimperialismus, der sukzessiv dekonstruktivistische Methoden einführte, um die Klassengeschichte um die Dimension der subjekltiven Erfahrung der Unterdrückten zu erweitern. Vgl., Spiel über Bande, meine Ausführungen bei netbitch.

  23. momorulez Januar 7, 2011 um 10:11 nachmittags

    Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Straßen, an allen Ecken der Welt. Ganze Jahrhunderte hat Europa nun schon den Fortschritt bei anderen Menschen aufgehalten und sie für seine Zwecke und seinen Ruhm unterjocht; ganze Jahrhunderte hat es im Namen seines angeblichen ‚geistigen Abenteuers‘ fast die ganze Menschheit erstickt…. Also, meine Kampfgefährten, zahlen wir Europa nicht Tribut, in dem wir Staaten, Institutionen und Gesellschaften gründen, die von ihm inspiriert sind.“

    Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, 1961

    Ich schäme mich hier mal ein wenig öffentlich, mich immer nur für Sartre und Foucault zu begeistern, von den im Wikipedia-Artikel erwähnten Autoren aber keinen zu kennen und Fanon auch nie gelesen zu haben. Interessant auch, wie da mitten hinein in den Wikipedia-Artiken der Satz mit dem “kruden Antiimperialismus” platzt, der auch so gerne von den weißen, heterosexuellen Herrschenden proklamiert wird. Noch bekloppter by the way, dass es nun ausgerechnet Evangelikalen und Katholiken als Speerspitze der Kolonisierung, propagandistisch gelingt, Leuten in afrikanischen Ländern einzureden, so called “Homosexualität” sei “unafrikanisch” und das sich nun ausgerechnet das mit den Gedanken Fanons mixt.

    Was da auch auffällt, ist, dass in einer zentralen Passage das N-Wort im Fanon-Text auftaucht, was dann wieder belegen können soll, dass das angeblich ein “wertfreier Sprachgebrauch” gewesen sei. Wie perfide, diesen klaren Ausdruck der Kolonisierung durch Sprache, dass man also die sprachlich Segregierten dazu bringt, diese Segregation auch noch als Selbstbezeichnung zu verwenden, als wertfrei zu behaupten. “Schwul” ist ja auch eine solche Sache, war ja auch mal ein Schimpfwort, das man dann umdeutete, was beim N-Wort gar nicht ginge.

    Und dann sagen sie, es sei ja “nur Sprache” – es ist das Medium des Selbstverständnisses, das kolonisiert wird.

    Ich verstehe die “Black Nationalists” in den USA immer besser.

  24. momorulez Januar 7, 2011 um 10:25 nachmittags

    @Che:

    Gott, immer diese triumphierenden Einwürfe … hast Du Fanon mal gelesen? Wir beziehen uns doch auch ständig auf weiße Männer und haben unseren Foucault, unseren Derrida, Adorno, Marx und Sartre parat, ansonsten noch James Brown und ihr seit kurzem erst Disco – habe in den letzten Tagen echt gegrübelt, aber außer dem I Ging, Sen und Stuart Hall ist das ja so dolle nicht auch bei mir nicht, was die Aneignung betrifft, mal ab von der Musikgeschichte, wo ich die schwarze Perspektive systematisch einbeziehe. Nun kamen Versklavte und Kolonisierte auch nicht unbedingt zum Bücher schreiben, trotzdem. Auf welche Frauen außer Rosa Luxemburg, die heute in einem FR-Kommentar so was von übel als Antidemokratin behauptet wurde, Hannah Arendt und Butler ist das ja so dolle nicht, was wir da parat haben. Der schwule Kanon ist auch recht dünne und verschwindet allmählich aus den Regalen, die Genet-Feierlichkeiten vor kurzem waren ja ein Witz, Fichte liest kein Schwein, und das ist Foucault übrigens wirklich zugute zu halten, dass er als Schwuler es schaffte, weltweit die Wissenschaft zu revolutionieren.

    Zum Glück sind das viele jüdische Denker in unserem Kanon.

    Irgendwer kommt jetzt um die Ecke und behauptet wahlweise, dass das doch alles gar keine Rolle spiele, identitärer Mist sei oder aber Positivdiskrimierung. Pfeiffen.

  25. che2001 Januar 7, 2011 um 11:22 nachmittags

    Klar habe ich Fanon gelesen. “Die Verdammten dieser Erde” war so eine Art Damaskus-Erlebnis. Und ich beschäftigte mich in Folge dann mit Eldridge Cleaver, Stokeley Carmichael und Jacqueline Kasun. War extrem wichtig für mich. Der ganze Negritude- und Black-Panther-Komplex war ja konstituierend für Antira-Positionen. Neben, übrigens, AutorInnen wie Said Soltanpur, Samad Berangi und Marziah Ahmadi Ozkoii, bei denen sich die linksradikalen Wurzeln der iranischen Revolution finden lassen und die ebenfalls Kernpositionen des Neuen Antiimperialismus formulierten. Marziah Ahmadi Ozkoii hatte ja auch eine feministische Ausrichtung gegen die Ayatollahs formuliert. Ging etwa so: “Ich bin eine Frau, für die es in ihrer perversen Sprache kein Wort gibt. Eine Frau, die ihre Sache selbst in die Hand genommen hat. Eine Frau, die gegen Schah, Patriarchat und Religion das Gewehr in die Hand genommen hat”. So ähnlich zumindest.

  26. che2001 Januar 7, 2011 um 11:36 nachmittags

    Nachtrag zu Kasun: Dass die später von einer linken Anti-Biotech-Kämpferin zu einer neokonservativen Lebensschützerin mutierte verstehe ich nicht.

  27. momorulez Januar 7, 2011 um 11:44 nachmittags

    Das ist an mir weitestgehend vorüber gegangen, gebe ich gerne zu. Das ist ja was, was die ganzen Bekloppten unter den vermeintlichen “Postrukturalismuskritikern” aus der PI-Fankurve, uneingestanden, immer in ablenkender Weise verhindern – sich damit überhaupt zu beschäftigen. Die kommen dann ja auch mit dem ganzen Quatsch, irgendwelche Schwarzen wollten sich zu Bessermenschen erklären; was in diesem Link zur Bundeszentrale für politische Aufklärung ja noch mal deutlich wird, ist die permanente Zurichtung der Kolonisierten durch die Herrschenden in psychischer Hinsicht, die im Zuge von eben denselben Herrschenden den Kolonisierten auch noch mal als Defizit angekreidet wird, doppelter Sadismus, der sein Echo ja bei unseren Kontrahenten der letzten Tage überdeutlich hörbar findet.

    Ich habe ja die ganze Zeit das Gefühl, dass den Georgi eine richtige Intuition leitet, während er krauses Zeug schreibt, und das ist eben die des Abreißens der “Sartrischen Tradition” mit wahlweise linksliberalen (Habermas ab dem “Philosophischen Diskurs der Moderne”) oder postrukturalistischen Mitteln, was aber eine völlig andere Fronstellung ist als jene zu all den Irren, mit denen man sich hier über die Jahre rumschlagen musste.

    Ich fand das ganz interessant, dass Bersarin drüben bei Netbitch die Rückkopplung des Poststrukturalismus an den Marxismus – der bei Althusser nie entkoppelt war – fordert, was übrigens zugleich auch eine zum Habermas der “ThdKH” ist, die sich ja noch als marxistisch versteht. Weil wir, also Leute, die wie Bersarin und ich philosophisch sozialisiert sind, bei allen Unterschieden ist da ja vieles ähnlich, natürlich die Postmodernen als Marx-Kritik gelesen haben, um uns vor der RAF, der DDR, den Altlinken etc. zu retten – jetzt lesen wir wieder rein und entdecken das Ergänzungsverhältnis.

    Bezieht man nun die z.B. von Dir genannten Autoren mit ein, wird ein Schuh draus. Ist wahrscheinlich der Zweck dieses Blogger-Klüngels, und irgendwie haste sogar recht, dass Monoma da wieder ins Spiel kommt, irgendwie.

    Ist noch ein bißchen wirr, was ich gerade schreibe, da formt sich aber gerade was.

  28. T. Albert Januar 7, 2011 um 11:52 nachmittags

    @Foroutan
    Der verehrte Blogger hat meinen letzten Hinweis mit Verlinkung (wie ja hier vor Monaten unter “Perfekt integriert” gemacht) auf Frau Foroutan in seinem kritischen Blog vor wenigen Tagen öffentlich weggespamt, weil ich so doof und moralisch verlogen bin. Weitere weit lustigere Erfahrungen bleiben unöffentlich.

    Naja, wenn Foroutans Statistiken dort diskutiert werden, als Antidot zum fortlaufenden Schwachsinn, ist es ja auch gut. Es erscheint ja immer wieder mal der Pudel, der stets das Böse will und stets das Gute schafft, im “innnerlinken Diskurs”, gegen Stalinoide und Positivdiskriminierer und moralisch verlogene Groupies.

  29. momorulez Januar 8, 2011 um 12:25 vormittags

    @T. Albert:

    Jetzt würde mich das unöffentliche natürlich besonders interessieren ;-)

    Ich glaub ja immer noch, dass auch die Zahlenwerke der hochrespektablen Dame Sarrazin nur auf den Leim gehen.

  30. bersarin Januar 8, 2011 um 9:57 vormittags

    „… jetzt lesen wir wieder rein und entdecken das Ergänzungsverhältnis.“

    Das eben macht das Bloggen und das Lesen in verschiedenen Blogs so interessant: Texte, Theorien, Positionen gegenzulesen, zusammenzukoppeln, ohne daß dabei etwas vereinnahmt wird. Wenn ich dann jedoch sehe, was che politisch gemacht hat und wenn ich auf meine Praxis schaue, die sich am Ende in einer Sammlung von Demophotos erschöpft, dann ist das natürlich dürftig. Der Verweis auf Adornos Sätze zum Verhältnis von Theorie und Praxis mag da allenfalls eine gewisse Motivation für Enthaltsamkeit abgeben, ist aber kaum als Entschuldigung zu gebrauchen, denn sicherlich gibt es auf der Mikroebene eine Menge Projekte, in denen eine oder einer tätig sein kann. Von der Ästhetik kommend, sehe ich immer mehr die Notwendigkeit, Politik zu denken und zugleich in irgend einer Form etwas zu machen. Dennoch bleibt am Ende immer diese Frage: „Was tun?“

  31. momorulez Januar 8, 2011 um 10:16 vormittags

    Ich empfinde Nörglers dezidierte Zurückweisung der
    praktischen Schlüsse aus theoretischer Arbeit schon auch als
    mögliche Position und glaube auch nicht, dass man sich von Che ein
    schlechtes Gewissen einreden lassen muss ;-) … mir imponiert das
    auch wirklich sehr, was er da geleistet hat und leistet, keine
    Frage!!! Dafür ist aber auch nicht jeder gebaut. Ich meinerseits
    glaube schon, in meiner Arbeit in Feldern der Mainstream- Medien im
    Rahmen der dort gesetzten Möglichkeiten das gemacht zu haben, was
    ich hier auch proklamiere: Den Marginalisierten eine Stimme
    verleihen, sie ausgiebig selbst zu Worte kommen zu lassen, ohne ihnen
    meine Wertung überzubügeln. Und das in Bereichen, wo man es nicht
    unbedingt vermuten würde. Da ist die Luft aber deutlich enger
    geworden, was auch meine Verve in manchen Diskussionen erklärt.
    Weil da natürlich weiße, heterosexuelle Männer ihr Regiment
    ausleben und sich Sexismus, Homophobie und Rassismus, Klassismus
    sowieso, viel unverblümter zeigt und kritisches Kriterium unter
    Rücksichtnahme auf Hartmut und Konsorten schlicht vom Tisch
    gewischt wird. Das Angenehme ist ja, dass Du das mit den “weißen,
    heterosexuellen Männern” eben NICHT persönlich nimmst, sondern
    genau weißt, was ich meine. Allein das zeigt doch schon Wirkung,
    sonst würde nicht allerorten so hysterisch reagiert bei denen, die
    Angst um ihre Privilegien haben. Ich glaub schon, dass auch unser
    Bloggen als Teil der Öffentlichkeit wirkt.

  32. bersarin Januar 8, 2011 um 10:56 vormittags

    Nein, das nehme ich nicht persönlich. Ich weiß ja, daß ich eine (teils schwierige) Hete bin.

    Was Du übrigens zum Blick des Mannes auf den Männerkörper (nicht nur als Konkurrenz- sondern als auch als erotisches Objekt) bei che geschrieben hast, war ganz interessant: Da ich ein wenig auch von der Photographie her komme, ist mir dieser Blick nicht fremd, zumal ich sowohl Männer- als auch Frauenaktphotos ausnehmend schätze. Insofern schaue ich schon gerne und wohlwollend auf Männer, wenn sie nicht gerade Konkurrenz sind. (Ach, waren das Zeiten, als die Jeansgröße der Levis noch 29 und nicht 32 war.)

    Dieses Prinzip, daß Marginalisierte bzw. die, welche durch Mechanismen dazu gemacht werden, eine Stimme haben (müssen) (und zwar die eigene!), halte ich für extrem wichtig. Es ist dies eines der Dinge, die ich früh im Studium durch die Texte Derridas und dann in der Praxis gelernt habe: daß jede(r) mit ihrer oder seiner Stimme sprechen muß, daß sich jede(r) in der entsprechenden Weise artikulieren soll und das Recht dazu haben muß. Bei aller Differenz, die es zuweilen auszuhalten gilt.

    Was die Theorie betrifft: Nörglers Position ist da sehr stringent und meiner wohl nicht unähnlich. Und es plagt mich dabei trotzdem zuweilen ein schlechtes Gewissen. Auf der Makroebene bleibt momentan sicherlich nur die Theorie und das Denken übrig, auf der Mikroebene gibt es jedoch diese auch von Dir genannten Optionen. Andererseits habe ich es mir seit Ewigkeiten zu eigen gemacht, objektive Verhältnisse nicht bloß ins Subjekt zu verlagern, sondern dies zurückzuspiegeln. Es geht auch darum, diese Aporien auszuhalten. (Eines de Bücher Derridas trägt das Wort im Titel: „Aporien“.)

  33. che2001 Januar 8, 2011 um 11:36 vormittags

    Ich wäre der Letzte, von dem sich jemand ein schlechtes Gewissen einreden lassen müsste. Ich finde das, was ich so getan habe und heute nur noch in einem sehr begrenzten Rahmen tue auch nicht bewundernswert, sondern würde mich für ein absolutes Arschloch halten, wenn ich es nicht getan hätte. Was machst Du denn, wenn Du kurdische Bürgerkriegsflüchtlinge in Deinem Bekanntenkreis hast und siehst, wie die psychosomatisch leiden, weil sie ihre Heimatstadt in Trümmern gesehen haben? Wenn Du eine Genossin hast, die gefoltert wurde, das volle Programm, an den Armen an einem Fleischerhaken aufgehängt? Wer sich da nicht solidarisiert hat kein Herz.

    Ich würde mich im Vergleich mit anderen GenossInnen auch als eher ängstlich und zurückhaltend bezeichnen. Ich habe mich nicht Knüppel gegen Knüppel mit Bullen und Nazis gehauen, GenossInnen von mir schon. Und während Momorulez Marginalisierten eine Stimme gegeben hat habe ich schnödes Marketing gemacht.

    @Jeansgröße: 32 ist meine Jeansgröße, und ich halte mich nicht für dick.

  34. bersarin Januar 8, 2011 um 11:56 vormittags

    @ che
    Wahrscheinlich hast Du recht. Ich habe diese Erfahrungen nicht gemacht, und ich habe auch im Freundes- und Bekanntenkreis, der mittlerweile ein kleiner Zirkel geworden ist, keine Bürgerkriegsflüchtlingen gehabt. Wäre mir das passiert, so hätte ich womöglich ähnlich gehandelt. Das Schlimme (oder das Gute?) bei mir ist, daß ich einen ungeheuren Zorn entwickele, wenn ich so etwas sehe.

    Jeansgröße 32: nein, nicht dick, nur mehr. Und bei Dir sind das Mehr Muskeln. Und da ich mit der Kamera leider nicht regelmäßig vor oder hinter ausfallenden Polizeiketten laufe, bin ich eher untrainiert.

    Ich habe vor langer Zeit bei einer Demo ein einziges Mal einem Bullen ein Fahrrad entgegengeschubst und einmal zu einem anderen Arschloch gesagt. Das Dumme war, daß der mir auf dem Rückweg als ich alleine stand, von hinten auf die Schulter tippte und fragte, was ich da vorhin zu ihm gesagt habe. Da ich ein unschuldiges und damals sehr junges Gesicht hatte, ging die Sache noch gut aus. Es war eine ziemlich große Demo. Ich habe bei allen Dingen das Pech, immer beim ersten Mal erwischt zu werden, ob das Schwarzfahren, Abschreiben oder Fraubetrügen ist. So bin ich aus rein pragmatischen Gründen ehrlich geworden.

  35. che2001 Januar 8, 2011 um 12:10 nachmittags

    Also, besonders ausgeprägte Muskeln habe ich um den Bauch herum nicht, ich würde da eher von einer kleinen Weinplautze sprechen. OK, mein Ärger mit der Staatsmacht hatte schon anderen Charakter, und für ein paar Wochen war ich auch auf dem Schirm der Terroristenfahndung. Und damit bin ich nicht souverän umgegangen, sondern voll schlotternder Panik.

  36. bersarin Januar 8, 2011 um 12:28 nachmittags

    Es ist lange her: ich gehörte seinerzeit zum Fußvolk. Im schwarzen Block ging ich eine Zeit lang mit, weil dort die Musik am besten und die Angelegenheit undogmatisch war.

    “Unter dem Eise, da liegt der Sand” … das ist sehr gut.

  37. Außenbetrachter Januar 8, 2011 um 2:26 nachmittags

    Wenn Fourutan Sarrazin inhaltlich auseinander nimmt, dann ist das ein Weg der Auseinandersetzung. Man würde dem Mann und seiner Verbreitung von Naziideologie nur einen Gefallen tun wenn die Fehler in seinem Buch nicht benennt. Ich halte diesen Weg für wichtig. Selbstverständlich gibt es auch andere Wege. Was mich selbst betrifft, würde ich diesem Typen gerne die Nase blutig schlagen oder zwei bis drei Rippen brechen. Vermutlich ist das, was Frau Fourutan macht, klüger. Ich bewundere ihre Sorgfalt und Ruhe.

  38. T. Albert Januar 8, 2011 um 11:37 nachmittags

    Die Fehler in Ss. Buch werden ja benannt, und Frau Foroutan ist nicht die einzige, die das tut. Das ist ja auch gut. Bloss interessiert das weder ihn noch seine Konsorten, noch sein Publikum, wie ich immer wieder feststelle. Es ist eben keine Diskussion um “wissenschaftliche Zahlenwerke” und es wäre ja eine schöne Neuigkeit, wenn sich ein anschwellender rassistischer Diskurs von den Benennungen seiner “Fehler” beeinflussen liesse. Dann hätten wir die europäischen Entwicklungen, die wir gerade haben, eben nicht.
    Es gab eine Will-Show mit Broder und Foroutan, wo Broder erst erzählt, dass er Sarrazin mit Zahlen zugearbeitet habe (alles Wissenschaft!) und dann sagt, dass die ganzen Zahlen im Grunde keine Rolle spielen. Na also.

  39. Loellie Januar 9, 2011 um 11:19 vormittags

    Herrn S und seinen Kameraden geht es doch nicht um Tatsachen. Die wissen doch dass sie lügen.

    “Es gab eine Will-Show mit Broder und Foroutan, wo Broder erst erzählt, dass er Sarrazin mit Zahlen zugearbeitet habe (alles Wissenschaft!) und dann sagt, dass die ganzen Zahlen im Grunde keine Rolle spielen. Na also.”
    Eben!!!

    Letztens bin ich auf Youtube über ein Video gestolpert, ich weiss garnicht mehr worum es ging, Rachel Maddows wars glaub ich … da hat sie sich einen dieser Teabagger zur Brust genommen und ihn mit Pauken und Trompeten versenkt. Dessen Fankurve erging sich in den Kommentaren “jetzt erst recht” in Triumpfgeheul, wie er es dieser “liberal Bitch” in ihrer Traumwelt gezeigt hätte.
    Frau Forutans bisherige Auftritte und Publikationen wurden von den Mainstreammedien und der breiten Oeffentlichkeit weitestgehend ignorierd, während die Rassisten sie eifrig mit Dreck bewerfen, wie eine schnelle Google-Suche belegt.
    Mit ihrer Arbeit begibt sich sich auf das vom Gegner vorgegebene Feld. S. pfeifft, Foroutan springt und es ist ein Fehler, sich in einer Ausseinandersetzung die Regeln vom Gegner vorgeben zu lassen. Ueberhaupt, dass sie zuerst den Gegenstand als gegeben annehmen muss, um ihn untersuchen und kritisieren zu können zeigt, das ihre Postion eine aussichtslose ist, weil es sich eben gerade nicht um eine wissenschaftliche Debatte handelt, sondern um eine mediale Inszenierung.
    Wir können nun das Papier untereinander zirkulieren und uns gegenseitig auf die Schulter kloppfen, was wir für tolle Checker sind und wie recht wir haben. Das wir recht haben, wusste ich aber schon vorher.
    Alleine, dass es etwas gäbe das “Migrantenkriminalität” heisst, dass es da was zu untersuchen gäbe, reicht denen zur Bestätigung. “Migrantenkriminalität” ist nun Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, er ist akzeptiert. Es gibt also spezifische Gruppen und Individuen, die man aus der Kriminalitätsstatistik isoliert und davon getrennt untersucht.
    Zu beachten dabei ist, dass “Migrant” ein Werkzeug darstellt, dessen einzig naheliegender und “vernünftiger” Nutzen darin besteht, die Grundlage zu schaffen, Staatsbürgern die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Zu diesem zweck wurde der Begriff überhaupt in die Debatte eingebracht.

    Wikipedia zu “truthiness”:

    ” … In der ersten Sendung wurde truthiness vorgestellt. Das Wort beschreibt den Umstand, etwas aus dem Bauch heraus zu wissen, ohne auf Beweise oder Vernunft abzustellen[5]. Gemeint ist eine „Wahrheit“, die dadurch entstehe, dass sie sich intuitiv wahr anfühle, nicht jedoch den wirklichen Gegebenheiten entsprechen müsse. Die New York Times zählte truthiness zu den neun Wörtern, die den Zeitgeist des Jahres 2005 am besten wiedergaben. Die American Dialect Society wählte truthiness zum Wort des Jahres 2005[6].

    Ein weiteres Beispiel ist wikiality [7]. Der Ausdruck soll beschreiben, dass sich in der Wikipedia einzig aufgrund der Mehrheitsverhältnisse entscheide, ob eine Information wahr oder falsch ist. Bezeichnet wird also eine „Realität“, die sich durch die allgemeine Akzeptanz von Artikeln auf der Wikipedia und damit den Konsens der Benutzer und Administratoren entwickle, die jedoch nicht notwendigerweise auf nachprüfbaren Fakten basieren müsse. … ”

    Der englische Artikel ist ausführlicher:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Truthiness

  40. momorulez Januar 9, 2011 um 1:07 nachmittags

    “Mit ihrer Arbeit begibt sich sich auf das vom Gegner vorgegebene Feld. S. pfeifft, Foroutan springt und es ist ein Fehler, sich in einer Ausseinandersetzung die Regeln vom Gegner vorgeben zu lassen. Ueberhaupt, dass sie zuerst den Gegenstand als gegeben annehmen muss, um ihn untersuchen und kritisieren zu können zeigt, das ihre Postion eine aussichtslose ist, weil es sich eben gerade nicht um eine wissenschaftliche Debatte handelt, sondern um eine mediale Inszenierung.”

    Exakt. Ganz genau so sehe ich das auch. Viel größeres Thema sind übrigens heterosexuelle Sexverbrecher. Gleich drei Fälle gestern in der Mopo ;-) ..

    Sorry, dass ich mich hier kurzfristig etwas rar machte, ich war gerade anderweitig engagiert.

  41. Nörgler Januar 9, 2011 um 3:49 nachmittags

    Die “dezidierte Zurückweisung der praktischen Schlüsse aus theoretischer Arbeit” hat zunächst den Grund der objektiven Unmöglichkeit solchen Schlüsseziehens. Wäre die Praxis aus der Theorie ‘ableitbar’, so hätte dies zur Voraussetzung, dass es ein methodologisch geregeltes Verfahren zur Herstellung von Freiheit gibt.

    30 Jahre nach heftigen Theorie-Praxis-Debatten stelle ich fest, dass ich recht hatte, als ich damals sagte: “Der Fehler Eurer ‘verändernden Praxis’ besteht darin, dass sie nichts verändert.”

    Das hat verschiedene Ursachen. Nicht die geringste besteht darin, dass die Mehrwertproduktion nur von den Mehrwertproduzenten angehalten werden könnte. Und das sind nun mal nicht die Intellektuellen.

  42. Loellie Januar 9, 2011 um 4:13 nachmittags

    “Viel größeres Thema sind übrigens heterosexuelle Sexverbrecher. Gleich drei Fälle gestern in der Mopo ;-) ..”

    Ja, schrecklich diese Verbrechen und die Gewalt die von dem heterosexuellen Millieu ausgeht. Das liegt bestimmt daran, dass diese heterosexuellen einem besonders archaischen Patriachat verhaftet sind. Deren ganze Kultur bassiert ja auf einem extrem gewalttätigen, 5000 Jahre alten Kult. Gut, vllt sind’s ja auch die Gene… :D

  43. Außenbetrachter Januar 9, 2011 um 5:24 nachmittags

    Truthiness und Wikiality mögen sehr gute Beispiele für die hässlichen Schwierigkeiten sein, wenn man Menschen überzeugen möchte, und zwar entgegen vorgefasster Vorurteile. Dort, wo das Rückenmark regiert, z.B. bei den faschistischen Kommentatoren in den Schmierspalten von pinews, wird man mit sorgfältiger und nachvollziehbaren Argumentationen wohl nur wenig ausrichten können. Die Wirksamkeit von PR-Handwerk und Marketingmethoden bei der gezielten Verbreitung von Falschinformation wäre ein anderes Beispiel. Nichts läge mir ferner, als mir den Kampf mit geistigen Waffen leicht vorzustellen.

    Es wäre aber ein genauso großer, meiner Meinung nach sogar schlimmerer Irrtum zu meinen, dass man mit geistigen Waffen (z.B. der Nachweis von Fehlern) ohnehin nichts ausrichten könne und dass Wahrhaftigheit und genaue Argumentation von vornherein sinnlos seien. Frau Foroutan bewegt schon etwas.

    Die verblüffend zahlreichen und auch empfindlichen Reaktionen der faschistischen Schreihälse (leicht zu ergoogeln) auf Foroutans Arbeit zeigen in meinen Augen, dass sie den xenophoben Drecksäuen ein großes Ärgernis ist, mit dem, was sie tut. Ein Leserbrief von Sarrazin auf einen eher dümmlichen FAZ-Artikel von Jürgen Kaube hin (bei dem nebenbei auch Sarrazin milde abgewatscht wird) zeigt zudem, dass auch Sarrazin selbst getroffen ist (stärker als mit jeder Backpfeife) und noch mehr, dass er sich damit zu den neuen, weiteren irrsinnigen Aussagen entblöden lässt, zum Beispiel, dass er ein besserer Sozialwissenschaftler als Foroutan sei.

    Der Kampf nützt. Die Bemühung ist nicht umsonst. Ich denke, es ist noch viel Arbeit zu tun, nicht nur von Foroutan und sicher auch auf anderen Schlachtfeldern. Aber es gehört zu den Eigentümlichkeiten des geistigen Kampfes, dass er in der Lage ist, das Schlachtfeld zu wandeln. Und sei es nur (das wäre mein Wunsch), dass Sarrazin am Ende als starrsinniger Trottel übrig bleibt – ganz ähnlich vielleicht wie jetzt seine nicht minder autoritär veranlagte Frau, von der sich die Schule seit Jahren zu trennen versucht, weil sie die ihr anvertrauten Kinder lieber niederbrüllt als ihnen etwas beizubringen.

    http://www.faz.net/s/Rub31A20177863E45B189A541403543256D/Doc~EF897E027BC584342B0613A4AF4D3D64C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Lustig finde ich, daß die FAZ die kompletten Leserkommentare inzwischen gelöscht hat inklusive der Stellungnahme von Sarrazin. Aus dokumentarischen Gründen und zur Bloßstellung von Thilo Sarrazin füge ich sie hier ein.

    Den Artikel “Malen nach Zahlen” im Feuilleton der F.A.Z. vom 7. Januar habe ich mit Interesse gelesen. Die dort zitierten “Gegenrechnungen” von Forschern der Humboldt-Universität kenne ich noch nicht. Ich werde mir die Studie besorgen und in Ruhe auswerten. Es ist ja immerhin ein Fortschritt, dass sich jemand mit den von mir zitierten Statistiken und meiner Interpretation derselben überhaupt inhaltlich auseinandersetzt. Die von Jürgen Kaube an den “Gegenrechnungen” geübte Kritik scheint schlüssig. Allerdings weise ich seine implizierte Behauptung zurück, auch ich verstünde wenig von Soziologie und folgte “einem unverstandenen Zahlengestöber”, mit anderen Worten, ich sei auch nicht besser als die “Gegenrechner”. Dafür bleibt er jeden Beleg schuldig. Mir ging es auch gar nicht darum, irgendetwas zu “beweisen”. Vielmehr suchte ich nach Erklärungen für die erheblichen Integrationsdefizite muslimischer Einwanderer, die sich aus der Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Transferstatistik eindeutig ergeben. Mir wäre es ja lieber, die Ergebnisse wären günstiger, dann müsste man nämlich weniger besorgt sein. Die “Gegenrechner” dagegen haben anscheinend, folgt man Kaube, das Ziel, die von mir diskutierten empirischen Befunde zu verharmlosen beziehungsweise zu relativieren. Damit relativieren sie auch die Notwendigkeit zu politischem Handeln.

    Hätte ich, wie mir Jürgen Kaube unterstellt, das Ziel gehabt, durch selektive Statistik eine “These” zu beweisen, statt schlicht die Wahrheit zu finden, dann wäre ich als erfahrener Statistiker ganz anders vorgegangen. Manipulation sieht wie folgt aus: Aus der Nachricht, dass 10 Prozent der Erwerbspersonen arbeitslos sind, wird bei einem erfahrenen Manipulator die Aussage “90 Prozent haben Arbeit”. Aus der Nachricht, dass vom Sommer auf den Winter die Arbeitslosigkeit von 1 Prozent auf 2 Prozent ansteigt, macht ein erfahrener Manipulator die Aussage “Arbeitslosigkeit gegenüber dem Sommer um 100 Prozent gestiegen”. Im ersten Falle wird aus der schlechten eine gute und im zweiten Falle aus der guten eine schlechte Nachricht. Das vermag manipulative Verwendung von Statistiken. Mir zu unterstellen, ich hätte solch Manipulationen getrieben oder sie wären mir im “unverstandenen Zahlengestöber” quasi unterlaufen, empfinde ich als kränkend. Dies entspricht nicht dem geistigen Niveau, das Kaubes Artikel sonst auszeichnet. Oder wurde diese Sottise als “captatio benevolentiae” gegenüber den gezausten Humboldt-Forschern und deren Freunden geäußert, mit denen man es sich für die Zukunft nicht ganz verderben will?

    Das mindeste, was man aus dieser holzig eitlen Antwort von Sarrazin ziehen kann, das ist, das sich Sarrazin für einen begabten Sozialforscher hält, ohne jegliche Kenntnis der Sache dem Autor zupflichtet, dort, wo dieser Foroutan kritisiert und den Umstand, daß Thilo Sarrazin offenbar ein Egosurfer ist, der schon auf den leisesten Anschein von Kritik “gekränkt” und mit “weise ich zurück” reagiert.

    Die Zacken aus seiner Krone fallen ziemlich schnell!

  44. momorulez Januar 9, 2011 um 5:55 nachmittags

    Das lustigte an der Erwiederung ist ja, dass er selbst
    schreibt, dass die zu belegende Wahrheit für ihn vorher schon fest
    stand – integrationsunwillige Muslime – und er dann noch nur
    Bestãgigungen suchte. Da scheint sich ein neuer Typus axiomatischer
    Wissenschaft heraus zu bilden :-D … Dein Wort in Gottes Ohr, mir
    basiert die Debatte auf zu viel falschen Prämissen und
    Grundannahmen. So lange nicht über Deutschenkriminalität geredet
    wird, erhellt sie nichts. Das Gewaltpotenzial des heterosexuellen
    Mileus gehen wir hier ja schon mal aktiv an ;-) … und, ganz
    unwitzig:
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,738537,00.html Das ist
    die Saat dessen, was wir hier seit 5 Jahren diskutieren.

  45. momorulez Januar 9, 2011 um 6:19 nachmittags

    @Nörgler:

    Na ja, das eine oder andere hat sich ja gelegentlich schon verändert – völlig wirkungslos waren weder Stonewall noch die Black Panther. Ganz, ganz grundsätzlich hinsichtlich der kapitalitischen Produktionsweise haste wohl recht, auch die sozialdemokratischen Errungenschaften, die wir hier immer verteidigen, sind auf Kosten der so called “Dritten Welt” errungen.

  46. che2001 Januar 9, 2011 um 6:38 nachmittags

    Ich bin auf die eigene Praxis ausgesprochen stolz. Unde wenn es z.B. darum geht, jemanden den Händen von Folterern zu entreißen stellt sich auch keine Sinnfrage.

  47. mark793 Januar 9, 2011 um 8:30 nachmittags

    Mal eine kleine Zwischenfrage, u.a. weil ich vorhin bei Michael Seemann und neulich bei Holger Klein auch schon drauf gestoßen bin: Ist die Schreibweise “Pfeiffen” (oder auch Flachpfeiffen) mit drei f ein spezifisches Blogger-Idiom oder einfach nur neue Rechtschreibung?

  48. momorulez Januar 9, 2011 um 8:55 nachmittags

    Keine Ahnung ;-) – ich dachte, das schrübe sich so …

  49. Außenbetrachter Januar 9, 2011 um 10:00 nachmittags

    Bloggeridiom.

  50. Loellie Januar 9, 2011 um 10:11 nachmittags

    Nenn mich noch einmal idiot, alder!

    Feuerzangenbowlensyndrom.

  51. Außenbetrachter Januar 9, 2011 um 10:16 nachmittags

    Jedenfalls ist schon lustig zu lesen, wie Sarrazin dem Kaube schreibt, dass er zum Zweck eines Beweises mühelos in der Lage sei, mit den Mitteln der Statistik zu lügen, und dass das sein bevorzugtes Mittel sei, für den Fall, dass er etwas beweisen möchte. Außerdem findet er es höchst bedenklich, dass die “Gegenrechner” seinen Standpunkt und seine “empirischen Befunde” zu verharmlosen. Genau wie Momorulez es sagte, stört er sich allein schon an der Möglichkeit, dass eine Überprüfung seines Zahlenmaterials und seiner Thesen zu abweichenden Ergebnissen bzw. zu Widerspruch zu ihm führen könne. Vermutlich ist es seine besondere Erkenntnismethode, die ihn in seinen Augen zu einem besseren Sozialforscher macht als die Sozialforscher im Humboldt-Verbund, denen er maximal zubilligt (nicht: dass sie irgendwo recht haben könnten), “gezaust” zu sein.

    Auf welche merkwürdige Windung seines ohnehin schwachen Reflektionsvermögens er auf “gezaust” kommt, zur Kennzeichnung eines ganzen Verbundes von Sozialforschern, würde mich dann allerdings doch interessieren. Interessant auch, woraus genau er ableitet, dass Kaubes unbegründete Pauschalkritik an der sozialforschenden Kompetenz von Frau Foroutan richtig sei, während er diesen Zweifel bei sich selbst, ohne jemals auch nur ansatzweise Sozialforschung betrieben zu haben, für “kränkend” erklärt.

    Man ahnt es: Der Mann kommt mit Widerspruch nicht klar, und zwar auf eine derart fundamentale wie lächerliche Art, dass dies einen wunderhübschen Angriffspunkt für die weiteren Auseinandersetzungen mit diesem sich sachlich inszenierenden Hetzer bildet. Man bedenke, über genau diesen Fallstrick fiel Eva Herrmann.

    Warum sollte es nicht für Sarrazin reichen?

  52. momorulez Januar 9, 2011 um 10:30 nachmittags

    Weil es ja nicht um die Wahrheit der Thesen Sarrazins geht,
    sondern eine rechte, politische Agenda, u.a., um von den Folgen der
    Finanzkrise abzulenken – und um die politischen Erfolge von
    Wilders, der Rechten in Dänemark, in Ungarn, in der Schweiz zu
    kopieren. Wenn Sarrazin strauchelt, kommt wer anders. Die Sujets
    sind auch viel zu konstant – im WDR-Archiv finden sich Reportagen
    aus den 60ern über die prinzipiell gewaltbereiten, italienischen
    Messerstecher. Das gehört in Deutschland dazu wie die Sauce zum
    Schweinebraten. Dabei haben wir doch ein Heterosexuellen-Problem,
    weil die Gewaltbereitschaft bei heterosexuellen Männern
    überproportional hoch ist. Aber das wird ja massenmedial
    verschwiegen und tabuisiert. Dabei gibt es da signifikante Zahlen,
    wenn man das mit anderen Gruppen vergleicht. (wenn ich das oft
    genug schreibe, habe ich irgendwann eine Bombe im
    Briefkasten)

  53. che2001 Januar 9, 2011 um 11:39 nachmittags

    Da Dein Briefkasten aber nicht bekannt ist, werden stattdessen halluzinierende Beiträge über die Queerfront oder Deinen Autoritarismus geschrieben. Bei Berichten über Gewaltakte habe ich übrigens oft: “Der Täter war Türke, Araber usw” gelesen, aber nie”Der Täter war Deutscher”.

    “Tot ist besser als wie ohne Geld.” Didi Degowski.

  54. mark793 Januar 10, 2011 um 9:46 vormittags

    Che, es ist nicht mein Standpunkt, aber mehrere Tagszeitungsleute, mit denen ich über dieses “Der Täter war…” gesprochen habe, erklärten das übereinstimmend mit “News is what’s different”. Mit anderen Worten, die Mehrzahl der Deiikte, über die berichtet werde, seien von Deutschen begangen, und weil das der Normalfall sei bedürfe das keiner besonderen Hervorhebung. Dass diese Form der Berichterstattung aber ein anderes Bild erzeugt und die Einheimischen-Delinquenz völlig aus dem Bewusstsein rückt, war den Leuten irgendwie nicht zu vermitteln.

  55. momorulez Januar 10, 2011 um 10:06 vormittags

    Weil sie alles dafür tun, ihre völkischen Normalitätsvorstellungen zu stabilisieren …

    Drastischter Fall war doch, als dieser Marco oder er hieß in der Türkei eine 12jährige befingerte. Die ganze Republik zeigte sich solidarisch. Nun stelle man sich vor, ein Türke hätte eine 12jährige befingert oder er hätte das mit einem 12jährigen Jungen gemacht.

    Und dann gibt es noch Initiativen für die Menschwerdung von “Kanacken”, die offenkundig zu nichts anderem da sind, als diese Perspektiven zu stützen.

  56. hf99 Januar 10, 2011 um 2:54 nachmittags

    hm, der Fall Marco W http://de.wikipedia.org/wiki/Marco_Weiss ist ein gutes Beispiel für das Dilemma, worüber wir vorhin sprachen.

    Klar, was damals abging – mit Kirchengebimmel in W.s Heimatort, Unterschriftenlisten, Demos – war übel. Eindeutig rassistisch.

    Andererseits geht es hier um ein Problem des Übergangs. Das Opfer (wenn es denn eines war) war 13 Jahre 8 Monate alt und sah älter aus. Wenn man, wir alle wissen es, in solch einer Übergangsphase auf einmal entdeckt, dass Hänschen Gretelchen (oder auch ein anderes Hänschen, oder Gretelchen ein anderes Gretelchen, völlig egal) irgendwie ganz gerne hat, und dass da auf einmal irgendwas mit dem Körper passiert…nun ja. Ich denke, dergleichen kann man nicht mit dem Strafrecht lösen. Marco W war kein 45jähriger Thai-Sex-Daddy, der das Gefälle Erwachsener/junge Heranwachsende ausgenutzt hat oder schlimmeres, und jetzt ne junge Thai bumsen wollte. Die waren auf ner Urlaubs-Disco, haben sich kennen gelernt, und haben verschüchert aufm Zimmer n büschn rumgeknutscht o.ä, vielleicht auch rumgefummelt. Nebenbei: Verletzung der Aufsichtspflicht durch die Eltern des Mädchen wäre auch in Betracht zu ziehen.

    Er ist sowohl in der Türkei als auch in D freigesprochen worden/resp das Verfahren ist gar nicht erst eröffnet worden.

    Was man auch sagen muss: Die Türkei hat juristisch korrekt gehandelt, eben gerade so, wie gefordert wg EU-beitritt. Aber das “Übergangs-Problem” muss m.E. außerjuristisch gelöst werden. Davon nicht berührt sind natürlich eindeutige Straftaten wie Vergewaltigung – aber eben darum ging es hier nicht.

    Was definitiv n i c h t in Ordnung ist: dass der Mist jetzt verfilmt wird, mit der unvermeidlichen Veronica Ferres als Marcos Mami. Ich hau mal n Schnellschuss raus: Unschuldiger deutscher Bengel als Opfer böser Südländer! Wollen wir wetten?

  57. hf99 Januar 10, 2011 um 2:55 nachmittags

    oh verzeihung, nein, er ist verurteilt worden.

  58. mark793 Januar 10, 2011 um 2:58 nachmittags

    Zum Fall Marco habe ich da und dort auch abweichende Standpunkte wahrgenommen. Aber das mag auch damit zusammenhängen, dass ich meine ziemlich reduzierte Mainstreammedien-Diät nicht zu knapp mit Input aus anderen Quellen ergänze.

    Diejenigen, die der Verschwörungstheorie anhängen, das Weglassen dieser Markierungen “Der Täter war … Herkunft” diene dem politisch korrekt gewollten Totschweigen von unbequemen Sachverhalten, die das Multikulti-Idyll stören könnten, erreicht man mit vernünftigen Argumenten eh nicht. Was nicht heißt, dass bei denjenigen, die sich für nicht ausländerfeindlich halten, alles wohlbestellt wäre (und da nehme ich mich selber gar nicht aus).

  59. momorulez Januar 10, 2011 um 3:22 nachmittags

    @hf99:

    Es ging mir weniger um die Bewertung von Marcos Verhalten selbst, das kann ich gar nicht. Es mir eher darum, dass eben dann, wenn er schwul gewesen wäre oder aber er ein Türke und das Mädel eine Deutsche, völlig andere Kriterien angelegt worden wären und mit Sicherheit keine BILD-Kampgane pro Marco statt gefunden hätte. Das sind ja die Punkte, um die es mir viel mehr geht als um das individuelle Verhalten von Personen. Ein einzelner Rassist auf weiter Flur wäre mir schlicht schnurz. Da, wo die Kommunikation und Machtverteilung in einer Gesellschaft sich rund um die schwarz(“Migrant”)/weiß-Differenz als strukturell wirksam gruppiert, glaube ich ja, das man da angreifen muss.

    @Mark:

    Ja, eben weil man die mit vernünftigen Argumenten nicht erreicht, gehe ich ja oft in den Kampf-Modus. Die wollen einfach bestätigt sehen, was sie voraus setzen, und gut ist.

  60. hf99 Januar 10, 2011 um 3:24 nachmittags

    “Es mir eher darum, dass eben dann, wenn er schwul gewesen wäre oder aber er ein Türke und das Mädel eine Deutsche, völlig andere Kriterien angelegt worden wären und mit Sicherheit keine BILD-Kampgane pro Marco statt gefunden hätte.”

    keine Frage. Und diese kampagnen – mit “Song für Marco”, mit Kirchgebimmel und Fürbittgottesdienst und allem Tüttellütt – waren furchtbar und hatten auch etwas unverholen rassistisches.

  61. che2001 Januar 10, 2011 um 3:43 nachmittags

    Bei der Kombination “Schwuler Türke befingert deutsches Mädchen” hätte die BILD eine Kampagne in genau entgegengesetzter Richtung gemacht.

  62. ziggev Januar 10, 2011 um 4:16 nachmittags

    Och-ch-nee

    @ “… „Song für Marco“, mit Kirchgebimmel und Fürbittgottesdienst und allem Tüttellütt” + Verfilmung, gar nicht mitbekommen, das ist ja fürchterlich!

    Aber noch was anderes

    @ Glotzuegucker: Gut geschlafen?

    gestern Abend im Halbschlaf – ok., jetzt kannste sagen, selber Schuld, warum macht du denn die Glotze an? – zapp ich nochmal bei Alexander Kluge vorbei, gute Sache, sich noch etwas mit Kluges Singsang im Hintergrund entspannen, doch da, ich war eindeutig zu müde, um mich jetzt noch über irgendetwas zu ärgern oder aufzuregen, sitzt doch tatsächlich dieser unselige Sarrazin im Gespräch mit dem hochverehrten A. Kluge. Wieso gibt der dem denn jetzt noch diese Möglichkeit. Mühsam versuche ich zu folgen; ich bin aber eher ein Gefühlsmensch, das ist jetzt anstrengend – werde ich hier gerade totalverarscht? Pedantischerweise schalte ich nicht aus, was soll mir aber das ? Ich komme zu keinem Ergebnis.

    Ok., geschafft, vorbei, dann – ich liebe das Nachtprogramm – bei ZDF Volker Panzer im Gespräch mit diesem Heinsohn, gerade zuende. Was ist das? Die beiden nur zu zweit? Wird der jetzt noch hoffiert? Will sonst keiner mit dem Reden? Vielleicht tue ich mir das ja noch an und zieh mir die Sendung nochmal rein. Ich bin ja für Meinungsfreiheit, tja, und warum soll dann nicht mal S. über die Zeit der Wiedervereinigung berichten. Geärgert hat mich das aber schon. Dieses Onkelhaft-Selbstzufriedene und z.T. Dünkelhafte, jetzt erzählt der gemütliche Papa mal wie die Welt so ist, – und diese Selbstgerechtigkeit, dieses Locker-von-oben-Herab, aus der Vogelperspektive auf das Elend Hinabblickende, das ist gruselig. “herrschen”, gibt es nicht bei Th. Mann im Zauberbeg diese Stelle, wo der Castorp sich wiederholt in Tagträumereien ergeht, die Welt quasi von oben betrachtend, wofür er sich in Gedanken den Ausdruck “herrschen” zurechtlegt? Erscheint mir wie eine Art preussisch-deutsche, menschen-degradierende Herrscherperspektive, was ich nun bestaunen soll. Ist halt Konservativismus, wird jemand vielleicht sagen. Aber dieses Selbstzufrieden-Dünkelhafte, kann ich mir vorstellen, ist auch eine echte Gefahr. Musste an diese Stelle bei Madame Bouvary denken, ich meine Sartes Analyse, die ich irgendwann mal gelesen habe, er nennt es »mauvaise foi«, hier nun, Deutschland, 2011, in neuer Verkörperung – soll das jetzt der Normalfall sein?

  63. momorulez Januar 10, 2011 um 4:34 nachmittags

    “Mauvais Foi” bei Sartre ist ja, dass man glaubt, man sei nicht frei. Ich kenne die Analyse der Mdme Bovary nicht, aber ist das die Pointe aktueller Fragen?

    Ansonsten: Ja, klar, wir erleben die Restabilisierung einer hocgradi normalsierenden Struktur, die immer das Andere braucht, die andere Seite der Unterscheidung, um sich stabil zu halten. Bersarin ist ja gerade nicht da, aber das ist interessant, ob es an dem Punkt eine Verbindung zwischen Derrida und Luhmann gibt, weil man das auch als sich schließendes System ohne Selbstbeobachtung beschreiben kann, das die Exkludierten als zu beherrschende Masse begreift. Dirk Baecker sieht da eine Verbindung zur différance bei Derrida.

    Drüben bei Genova treten ja die Iniativgruppe und er selbst in genau diesem Sinne auf, dass sie Systemgrenzen rüsten gegen Marginalisierte, gegen deren Herrschaftswillen opponierend sie sich behaupten. Und dazu gehört dann natürlich auch der väterliche Herr Sarrazin, der als Onkel Doof den dazu gehörigen Legitimationsnarrativ vor dem Fernseh-Kaminfeuer produziert. Schimm, dass der Kluge sich dafür hergibt, gut, dass das keiner guckt. Aber auch “Dresden” und diese Schmonzetten sind Beleg für diese komischen Restabilsierungen. Vielleicht liegt da dann die Verbidnung zum Mauvias Foi, dass – metaphorisch gesprochen – das Supersubjekt Mehrheitsgesellschaft sich einredet, etwas zu sein, was sich nur Idealisierungen verdankt.

  64. ziggev Januar 10, 2011 um 5:36 nachmittags

    zu Sartre: hab da einiges durcheinander gebracht. Zu meiner Schande kann ich mich nämlich nicht mehr an die Stelle bei Sartre erinnern.
    Ich dachte an diesen widerwärtigen Apotheker in Madame Bovary. (BTW, warum nicht Der Untertan?) Schreckliches Buch, das ich so schnell wie möglich zu vergessen suchte, an das ich mich aber wieder erinnerte, als ich Der Idiot der Familie las. Und stieß auf das:

    http://www.hispanistik.uni-bonn.de/lehrende/prof.-dr.-paul-geyer/schriften_dateien/Zur-20Dialektik-20von-20mauvaise-20foi.pdf

    wo der Autor das “Dictionnaire de la langue française von Bordas” anführt, als Ausnahme, weil es einen Zusatz aufnimmt, offensichtlich ist der sich auf Sartre beziehende gemeint.

    ‘Mauvaise foi, Mangel an Aufrichtigkeit, Gegenteil von bonne foi. – (speziell
    in der Philosophie) Bei bestimmten modernen Philosophen (v.a. Sartre),
    Haltung desjenigen, der sich in einer Art Verdoppelung des Bewußtseins
    selbst belügt.’

    nicht zu glauben, frei zu sein – dabei hab ich es mir schon soviel kosten lassen, mir diese Überzeugung einzureden, und jetzt glaub ich´s auch!

  65. ziggev Januar 10, 2011 um 6:24 nachmittags

    fühlte mich nur zum preußischem Untertan mutierend, den Untertanen hab ich aber nicht gelesen, und in M. Bovary wird Charles von diesem verlogenen Arzt, eine “Stütze der Gesellschaft”, eiskalt fertiggemacht, wie ich es erinnere. Ich frag mich ja immer nur: was denkt der Kerl eigentlich, was geht in sojemandes Kopf vor?

  66. Loellie Januar 11, 2011 um 1:05 nachmittags

    Krugman in der NYT:

    “So will the Arizona massacre make our discourse less toxic? It’s really up to G.O.P. leaders. Will they accept the reality of what’s happening to America, and take a stand against eliminationist rhetoric? Or will they try to dismiss the massacre as the mere act of a deranged individual, and go on as before?

    If Arizona promotes some real soul-searching, it could prove a turning point. If it doesn’t, Saturday’s atrocity will be just the beginning.”

    http://www.nytimes.com/2011/01/10/opinion/10krugman.html?_r=2&src=ISMR_HP_LO_MST_FB

    Natürlich war der Täter “Geisteskrank”. Natürlich war das eine “Tragödie”. Und natürlich mauern die Republikaner, noch, während die Teabagger anfangen ihre Rethorik, angesichts der infamen Schmierenkampagne der “Liberalen”, zu steigern.
    “one down, sixteen to go!” jubelt ein Palin-Anhänger
    “the first shot of the comming revolution was fired in Tucson” twittern andere und ein Talk-Radiohost wütet, die “Tragödie” sei Resultat der Zurückhaltung und plädiert für mehr Hass und Aggression den Feinden der USA (Liberale / Obama) gegenüber um das Land zu retten.

    Die BBC befragte in ihrer wichtigsten Nachrichtensendung anlässlich Elton Johns (das homophobe Arschloch) Vaterschaft keinen Experten für Adoptionsrecht, keinen Experten zum Thema Leihmutterschaft, sondern einen Schwulenhasser, der für Homosexuelle die Todesstrafe fordert, mit der Begründung dem Zuschauer eine ausgewogene Berichterstattung bieten zu wollen. Jedwede Kritik wurde zurückgewiesen, auch von der unabhängigen Programmaufsicht. Schliesslich herrscht Meinungsfreiheit.
    Nicht nur Elton John, dem man nun wirklich genug um die Ohren hauen kann, sondern jedes Queere Paar das wie auch immer zu Kindern gekommen ist, oder kommen will, wird um der Ausgewogenheit willen somit auf der Extremismusskala das politische Gegenstück, zu einem Sektierer der sich jenseits jedweder Definition einer FDGO bewegt.

    Genau wie Frau Foroutan zum Teil in den Artikeln, viel mehr aber in den Kommentarspalten, sofern noch vorhanden, als Gegenstück zu S. positioniert wird. Mit dem Unterschied, dass sie als “Linke” natürlich erheblich weiter von der “Mitte” sich entfernt hat, als S.. Lügen tut sie natürlich auch, schliesslich ist sie keine neutrale Instanz, sondern parteiisch.

    Der aufgrund des massiven Erfolgs evangelikaler Missionare in immer äergere Bedrängnis geratene Pabst erklärt Sexualkunde zu einem Angiff auf die Religionsfreiheit.

    Und andernorts werden Menschen, die ein Schimpfort ein Schimpfwort nennen, als Extremisten diffamiert, während man alten Menschen die Zurechnungsfähigkeit aberkennt und die eigene Verantwortung an die “Blöd”-Leser delegiert …

    Ich fürchte, dass es jetzt erst richtig los geht und frage mich ernsthaft, ob ein Bürgerkrieg in den USA nicht das beste wäre, was der Welt z Zt passieren kann.

  67. Loellie Januar 13, 2011 um 11:53 vormittags

    Ranten und abcholeriken kann ich ja selber, aber Cenk Uygur war so freundlich mir Recherche und Schreiberei zu ersparen. 15min sind recht lang, aber das ist wirklich aufschlussreich.

    http://www.youtube.com/watch?v=tyqmZs0VoPw

    Es ist ja eben nicht so, als wäre das Massaker von Samstag ein Einzelfall. Es ist lediglich der dramatischste aus einer erschreckend langen Liste seit Obamas Wahl. Cenks Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig und lässt die Fälle von Vandalismus zB, oder demokratische Kandidaten die während des Wahlkampfes aufgrund massiver Drohungen abtauchen mussten, aussen vor.
    Das bisweilen geradezu unterwürfige auftreten der Liberalen, den steten Hinweis darauf beide Seiten müsten deeskalieren, erkläre ich mir durch die Mitschuld der gemässigteren Sender und ihren Kommentatoren, die immer eifrig dabei waren wenn es darum ging, den Spinnern von der TeaParty eine Plattform zu bieten. Es gibt auf der Seite der Demokraten schlicht keine Entsprechung zu Glenn Beck, Alex Jones, Bill O’Reilly und wie sie alle heissen. Es wurden auch noch keine Republikaner oder Teabagger ermordet und es gab auch keinen demokratischen Senator oder sonstigen Spitzenpolitiker, der in Bezug auf den republikanischen/Teabagger Gegenkandidaten gefordert hätte “take XY out!”.
    Das Palin, deren letzte Videobotschaft eine wahre Orgie der Obszönität darstellt, im Mittelpunkt der Diskussion steht, hat sie sich hart erarbeitet und dennoch wird sie weder direkt verantwortlich, noch zum Sündenbock gemacht.
    Wahlkampfspots wie der von Pamela Gorman gehören mittlerweile zum Standardrepertoire der Rechten. Auch hierzu gibt es keine Entsprechung, kein adäquates linkes Gegenstück.

    http://www.youtube.com/watch?v=GqnjzONrPiA

    Wen wunderts, dass ein Autor einer schwulen Plattform den interssantesten Artikel schreibt

    http://www.365gay.com/opinion/bigotry-watch-why-cant-the-right-see-the-connection-between-hate-speech-and-shootings/

    Tim Wise hatte schon hellere Momente, bietet aber Links ohne Ende

    http://www.timwise.org/2011/01/paranoia-as-prelude-conspiracism-and-the-cost-of-political-rage/

    Deinen Täter-Opferverdrehern böte sich hier grundsätzlich und bei Palins Video im ganz besonderen, ein Füllhorn an Vorlagen. Merkwürdig dass die es vorziehen, sich an Minderheiten abzuarbeiten. Ok, so vermeiden sie wenigstens die drohende Selbsterkenntnis.

  68. momorulez Januar 13, 2011 um 3:42 nachmittags

    Ich glaub ja, dass unsere Täter-Opfer-Versteher all die Vorgänge tatsächlich gar nicht schnallen und zugleich so eine Panik vor allem um ihre männlich-heterosexuellen Deutungsprivilegien haben, dass das richtig gefährlich geworden ist.

  69. Loellie Januar 14, 2011 um 2:46 nachmittags

    Ja, das ist wirklich atemberaubend, was du dir da die letzten Tage gegeben hast.

    Zu Palin, bzw diesem ganzen Komplex kommt noch was, heute oder morgen. Ich mach wegen drohender Zensur mal wieder ein Crossposting. Vllt interessiert es den einen oder die andere ja auch, was bei den Schwuppen gerade läuft

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=13503

    @”Einen ähnlichen Streit um das Wort “*****” gibt es in den USA: Dort hat ein Verlag das Wort aus Mark Twains Klassiker “Huckleberry Finn” entfernt. Das Wort taucht dort insgesamt 219 Mal auf ”

    Abgesehen davon, dass es weissen schlicht nicht zusteht, mit diesem Wort um sich zu werfen, auch Queerautoren nicht, hat dieser angebliche “Streit” nicht das geringste mit dem vorliegenden Fall zu tun. Es geht eben gerade nicht darum, Mark Twain aus den Schulen zu verbannen, sondern sein Werk wieder in den Schulen zu lehren. Das passiert aufgrund der rassistischen Stereotypen in Huck Finn nämlich immer seltener. Es ist auch unlauter den Eindruck zu erwecken, dass es sich um eine generelle Ueberarbeitung handelt und das Original nicht mehr verfügbar sei, weil es sich bei Neuauflage um eine Schulfassung handelt.
    Bezeichnend, dass hier Rassisten zitiert werden, dazu reicht es dann doch noch, die Motivation hinter der Neuauflage aber verschwiegen wird.

    Und was Dire Straits angeht …
    Da haben wir sie ja wieder, die gerade neulich von mir angesprochenen echten weissen heterosexuellen Männer die mit echten Instrumenten echte Musik für echte weisse heterosexuelle Männer machen, in Abgrenzung zur kapitalistisch dekadenten Schwarzen-Musik mit ihrem monotonen YeahYeahYeah und dem ” … köperbezogenes Lustprinzip, das an explosiven Tanzrhythmen und synthetischen Klangstereotypen festgemacht war”
    Mit den gleichen Sprüchen sassen schon in den 50er Jahren amerikanische Rassisten vor Fernsehkameras und zertrümmerten die Platten von “Elvis the Pelvis”, dessen obszöner Unterleib (Pelvis) bei TV-Auftritten nicht gezeigt werden durfte.
    Knopfler hat keineswegs versagt, sondern dem kleinen, sich zur öffentlichen Verbrennung von Disco-Platten in Fussballstadien zusammenrottenden weissen Mann, dessen grösste Bedrohung die Verschwulung und Verschwarzung der Welt darstellte, ein adäquates Denkmal gesetzt.
    Gut, dass sich endlich jemand findet, der dieses Schandmal stürzt!
    In diesem Sinne Dank und Respekt an die Menschen in der CBSC.

  70. momorulez Januar 14, 2011 um 3:01 nachmittags

    Ich kann Dir nur wieder in allen Punkten recht geben.

  71. Nörgler Januar 14, 2011 um 8:54 nachmittags

    Was hat Knopfler denn schlimmes gemacht, außer Musik, die mir nicht gefällt?

  72. Nörgler Januar 14, 2011 um 8:59 nachmittags

    Ach so ja, jetzt habe ich’s gesehen.

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