Da haben wir das N-Wort mal in anderem Kontext:
“Ein Freund von mir hat mal gesagt: Der Ziegler ist ein weißer N… . Das stimmt: Ich bin ein weißer N…!”
Wäre nun interessant, ob der Freund schwarz war oder nicht. Klar aber, dass die Redakteure von DIE ZEIT das nun ausgerechnet genüßlich in die Überschrift nehmen und vermutlich gar nicht merken, wie sie sich dergestalt vorsichtshalber auf Distanz zu dem Interviewten bringen.
Da das Interview insgesamt grandios ist, soll es mir auch schnurz sein – Ziegler pflügt pointiert, mit Bravour, Klarheit und Emphatie, durch die aktuelle Weltlage, Danke, Außenbetrachter, dass die Lektüre gleichermaßen lohnt und erschüttert. Unbedingt lesen. Angesichts der, na, Diskussion kann man das ja nicht nennen, angesichts also wutschnaubender, beleidigter, rachsüchtiger, weißer, heterosexueller Männer, denen nun auch noch Schwule zu Seite springen, wie sagte Loellie neulich treffend “Die Bürgerlichen sind langsam echt ein Problem”, und ihrer Versuche, maoistische Tribunale in Light-Version abzuhalten an unverlinkbaren Orten, sei folgende Passage hervor gehoben:
“ZEIT: In Ihrem aktuellen Buch Der Hass auf den Westen schildern Sie ein bezeichnendes Aufeinandertreffen von Abdelasis Bouteflika, dem Präsidenten von Algerien, und Nicolas Sarkozy.
Ziegler: Die beiden trafen sich im Dezember 2007 in Algier, um Lieferverträge für Erdgas zu unterzeichnen. Alles lag fertig auf dem Tisch, als sich Bouteflika plötzlich erhebt und sagt: »Ich will eine Entschuldigung für Setif.« In der Stadt Setif waren 1945 zigtausend Algerier abgeschlachtet worden, weil sie aufbegehrten gegen die französischen Kolonialherren. Daraufhin sagt Sarkozy den unglaublichen Satz: »Ich bin nicht der Nostalgie wegen gekommen.« So steht es im Protokoll. Doch Bouteflika insistierte: »La mémoire avant les affaires.« Das Gedächtnis vor den Geschäften. Die Verträge wurden nicht unterschrieben, bis heute nicht.”
Na ja, Algerier abschlachten gilt ja heute insgeheim im Sinne der Zivilisierungsmission der Menschheit durch weiße, heterosexuelle Männer wahrscheinlich wieder als probates Mittel, wenn sich die Gelegenheit nur mal wieder böte … ach, war das schön, Bagdad zu zerbomben!
Wichtig an dem Interview ist auch die Rolle Jean-Paul Sartres. Häufig ist mir in letzter bei Leuten, die z.B. mit Derridas Ethnozentrismuskritik wenig anfangen können, eine Wiederentdeckung Sartres begegnet, dessen herausragende Rollen in antikolonialen Kämpfen gar nicht oft genug gewürdigt werden kann.
Ähnlich wie später Foucault vollzog er vor allem die Praxis, nun nicht als Intiativgruppe pro Migranten Schwarzen vorschreiben zu wollen, was sie zu empfinden haben, wenn jemand das N-Wort sagt – er hat Vorworte geschrieben und sich als Herausgeber betätigt, um Marginalisierten selbst zu Öffentlichkeit zu verhelfen, ohne ihnen nun die Perspektive aufzubügeln, die sie einzunehmen hätten. Ausnahme der “Saint Genet”, von dem Jean Genet sich nie erholte. Michel Foucault verfolgte später die gleiche Praxis, eh erstaunlich, wie schnell sich die theoretischen Kontrahenten politisch-praktisch einigen konnten, weil sie diesen Ethos teilten: Sich zurück zu nehmen, wenn es darum geht, jenen zur Sprache zu verhelfen, die ansonsten mit allen Mitteln als Subjekte von Bildschirmen und aus Headlines verschwinden und als Objekte der Zurichtung Statistiken verfassender weißer, heterosexueller Bildungsbürger-Männer dort wieder auftauchen. In der klassistischen Umerziehungsvariante findet das dann täglich im Nachmittagsprogramm von RTL statt.
So erklärt sich auch das Aufsuchen “dubioser Quellen” durch Foucault – gerade die fiesen, kleinen Provinzstaatsanwälte, die wegen des 175 denunzierenden Nachbarn einst sind Realgeschichte, nicht primär die Verfassungsgerichtssprechung. Beide Denker haben je unterschiedlich durchgespielt, wie durch die Objektivierung und durch den “Blick” das Anderen Subjektivitäten erzeugt werden. Im Grunde genommen schreibt Foucault, entkleidet man das ganze von philsophiehoistorischem Ballast, mit der Analyse des Panoptismus implizit das Werk Sartres fort, indem er diese Form der Macht als die Gesellschaft durchwirkende mittels eines internalisierten, anonymisierten, diskursiv und dialogisch erzeugten und in Praktiken wie auch Architekturen sich manifestierenden Mechanismus’ analysiert.
In diesem Sinne ist auch Ziegler zu verstehen – helft den Objektivierten und dergestalt Unterworfenen, Subjekte zu werden, und dazu nötig sind vor allem anderen die klassischen ökonomischen Grundlagen; imposant, welch breites Panaroma er zu erzeugen vermag und mit welcher Hartnäckigkeit ausgestattet dieser Mann kämpft. Ein Vorbild in dieser Hinsicht.
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