Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Das ist ja toll!

Die iPad-Schreibmaschine! Die plingt sogar am Zeilenende und macht tolle Geräusche, fast wie eine richtige. Man formuliert prompt wieder anders, linearer, vorbehaltloser, aber nicht besser – wie damals, als Schülerlyrik bedeutungsschwanger in die Tasten gehämmert wurde, bis die Finger weh taten. Ein elektrisches Modell gab es ja bei uns nicht. Wir hatten noch Ende der 80er einen Schwarz-Weiss-Fernseher und waren da stolz drauf, bei diesem modischen Technik-Schnick-Schnack nicht mit zu mischen.

Noch im ersten WG-Zimmer am Neuen Pferdemarkt dachte ich, auf dem Sperrmüllsofa im Hochparterre sitzend mit Blick auf den Platz und tiefgründig tippend, ich wuerde meinem großen Vorbild Sartre nacheifern, den Crossover zwischen Philosophie und Literatur voran treiben – der Jahrhundertroman “Inder im Paris der 70er” verreckte jedoch nach ca. 15 Seiten. Dafür habe ich ein Mixtape so genannt, eins mit The Cure, der New Model Army, Les Rita Mitsouko und T-Rex. Die literarischen 3 Miniaturen vom Hypnosestudenten jedoch betrachte ich noch immer als gelungen. Sehr postmodern zitatgesättigt.

Die erste Hausarbeit, das erste Referat über das Sprachviereck im Zeitalter der Klassik in Foucaults “Ordnung der Dinge”, verstanden habe ich wenig bis nix, fand seine Form in diesen herrzerreißenden, filigran gehämmerten Dellen in weissem Papier. Vielleicht war es auch grau, Umweltschutzpapier, es begab sich schliesslich alles zu der Zeit, als man mit “Frosch”-Reiniger die Dielen zu putzen begann. Die Arbeit über Baudelaires “Hymne an die Schönheit” schrieb bereits eine Freundin, ja, schlimm, natürlich FreundIN, am Computer für mich, die konnte das 10-Finger-System, und wir kopierten ein äusserst anregendes Bild meines damaligen Liebhabers, lediglich in Unterhose und mit tollkühner Bürzel-Frisur, alle Haare ab bis auf ein blondiertes Hörnchen mittig vorne, auf das Deckblatt: Der Anbruch eines neuen Zeitalters und eine Hausarbeit, die ich nie korrigiert zurück erhielt. Die hatte den offenkundig dem Alkohol zugeneigten Professor wohl nicht als ernst gemeint erreicht. Dabei war sie das. Sehr lustvoll war sie.

Was egal war, das mit dem Romanistik-Studium ließ ich eh bleiben, nachdem ich zwar die Grundannahmen der Theorie der Generativen Grammatik perfekt referieren konnte, nie jedoch in der Lage war, das X-Bar-Schema praktisch anzuwenden.

Und nun schenkt mir das iPad, ja, böse, böse, Apple, und überhaupt, ein simuliertes Echo längst vergangener Welten … dann kann ich ja endlich “Inder im Paris der 70er” weiter schreiben.

5 Antworten auf Das ist ja toll!

  1. Mrsnextmatch November 29, 2010 um 11:20 pm

    Hör auf, hör auf, sonst will ich noch ein ipad *Augen und Ohren zuhalt… sträub… um handliche Schreibmaschinennostalgie beneid*

  2. momorulez November 29, 2010 um 11:38 pm

    Das macht einen derartigen Spass, das Getippe :-D – ich fühle mich ernsthaft verjüngt. Man schreibt wirklich je nach Hard- und Software völlig anders, das macht den Kopf frei! Heute hat das halbe Büro auf einmal auf dieser Schreibmaschinensimulation rumgetippt und sich weg gefreut über die Geräusche, die die macht :-)

  3. che2001 November 30, 2010 um 11:05 am

    Das ist aber eine wunderschöne Geschichte, die Du unbedingt weiterschreiben solltest!

    BtW, ich erinnere mich noch daran, wie wir Bezahl-Parties veranstalteten, um einer Genossin (die Du aus alten Zeiten gut kennst) zum Schreiben ihrer Magisterarbeit eine elektronische Typenradschreibmaschine zu finanzieren. Das war 1988.

  4. momorulez November 30, 2010 um 11:17 am

    Ja, da hatten die einen schon ihren Computer, die anderen waren wild auf die elektrische Schreibmaschine mit dem Kugelkopf :-D

    Das war nur so dahin getippt zum Ausprobieren …

  5. che2001 November 30, 2010 um 1:21 pm

    Elektronische Kugelkopfschreibmaschinen (Typenrad war nochmal was Anderes) mit aufsteckbarem Monitor und Diskettenlaufwerk zur Speicherung hießen Composer und standen in Redaktionen. Später bekamen die CPUs von normalen Computern, hießen Textsysteme und waren im Grunde Computer ohne Festplatte, aber mit ins Gehäuse integriertem Drucker. Die hielten sich noch bis 1995.

    Aus Ägypten kenne ich noch Computer mit Kassettenlaufwerken, also nicht die Datasetten aus Amiga-Zeiten, sondern richtige PCs mit Doppel-Tapedeck statt Disketten- und CD-Laufwerk.

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