Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: September 26, 2010

Die Melancholie des zufriedenen Verlierers

So fremd der Weg. Keine Wasserwerfer, keine Reiterstaffeln, keine Böller, keine kleine süßen Jungs in schwarz-weiß-blau, die sich für Wirtschaftskarrieren fit machten, indem sie den dicken Mann markierten. Einfach so schwarzgelb und braun-weiß friedlich gemischt. Noch nicht mal das Polizeiorchester spielte auf.

Kurzer Aufruhr beim Drei-Klassen Einlaß vor der Haupttribüne – Rufe “Verpiss Dich! Hau ab! Lasst den nicht rein!” vom Pöbel in der rechten Schlange in Richtung der V.I.P. -Area-Eingangsbereiche, deren Insassen wir vorher noch rituell die Füße küssten, weil sie ja das Stadion bezahlen und wir nur Spaß haben wollen. Hoffte schon fast, daß wieder irgendein Ahlhaus sich dahin drängelte, wo er nichts zu suchen hatte, und daß er weg gebissen würde; die Sachlage klärte sich andersartig auf: Jemand mit Thor Steinar-Klamotten wollte gegen die Stadionordnung verstoßen und wurde aus der Menge gezogen. Vielleicht ein Mitglied des Polizeiorchesters?

Das hätte viel Spaß am Dortmunder Fanlied gehabt, ein Party-Mega-Mix von Kurvengesängen, rumtatata Euro-Trash mäßig arrangiert und prima zur grassierenden Eventeritis in Mittel- und Großstädten passend, also in etwa das, was Polizeiorchesterleiter Ahlhaus sich unter Kultur vorstellt. Kann man den nicht nach Dortmund schicken?

Die so wundervoll langen Beine von Florian Bruns begrüßten mich beim Eintritt ins Stadion, er wärmte sich auf; es war seltsam ruhig. Alle wirkten erschöpft nach der englischen Woche, auch die auf den Rängen.Asamoah wurde erst als in der Startelf spielend verkündet, lief dann doch nicht auf, als verletzt durchgesagt; raunte S. neben mir zu, daß das bestimmt nur ein alberner Psycho-Trick sei. Wirklich!

Die erste Halbzeit fand ich großartig, das 0:1 der Dortmunder Jungspundtruppe war so wunderschön anzusehen, wir konnten uns gar nicht ärgern, weil es Spaß machte, denen beim Spielen zuzugucken. Mir schien es trotzdem, daß unsere Boys in Brown außerordentlich gut mitspielen, auch sie rissen mich mit; das 1:1 fiel, Freude!, ein gutes Gefühl blieb, daß wir es sogar schaffen könnten.

Die zweite Halbzeit startete furios mit der Chance des hinreißend aufdrehenden Fin Bartels; den Bruns-Patzer sah ich erst im Aktuellen Sportstudio, hatte kurz nicht aufgepaßt. Und doch schien mir bei den Fernsehbildern, daß, so grausam der Fehlpass war, die Hühnerhaufenhaftigkeit unserer Spieler dann, wenn der Gegner schnell und flink und wendig spielt, der Grund für das Gegentor war und gar nicht nur der Patzer. Das war schon im Testspiel gegen Leverkusen so. Wünsche mir für die Zukunft aggressiveres Unterbinden statt dem Versuch, mit so einer aktuell wirklich tollen Fussball spielenden Truppe wie dem BVB nun unbedingt spielerisch mithalten zu wollen. Hat ja ein wenig was von Hybris.

Um so erschütternder trotzdem der Irre hinter mir auf der Tribüne, der wüst sein gesamtes Schimpfwortrepertoire gegen Florian Bruns geradezu hasserfüllt ausstieß; auch das Gepöbel einiger im Forum hat mich durchaus erschrocken. Das mag ja in Kurven bei Hansa, am Volkspark und so üblich sein, dieses Sich-Erheben über die Fehler anderer Leute, aber bei uns? Da schleicht sich einfach das gesellschaftlich völlig Falsche ins Hirn von denen, die ein solches Spiel mental nie durchstehen würden, sorry, ich freu mich darüber, daß da Menschen rum laufen, die zu uns passen und nicht irgendwelche Fussballmaschinen.

Nach dem 1:3 war der Drops gelutscht, auch Asamoah konnte nichts mehr retten, der, ha, habe ich’s doch gesagt, doch noch eingewechselt wurde. Das war der zweite beunruhigende Punkt: Mehrfach wäre es dem Team möglich gewesen, ihn anzuspielen und so Torgefahr aufzubauen, und sie ließen es bleiben. Ignorierten ihn. Wirkte ein wenig so, als würde es sie nerven, daß wir zum “FC Asamoah” mutieren, bei aller frisch entflammten Liebe zu unserem neuen Helden kann man das ja auch verstehen. Trotzdem psychologisch gar nicht gut. Da muß wohl noch was zusammen wachsen.

So toll der BVB auch spielte, der Weidenfeller ließ es sich nicht nehmen, noch seine Schulter elfmeterwürdig in des Ebbers Fresse zu rammen – war der es nicht, der Asamoah einst als “schwarze Sau” beschimpfte? Was skandalöserweise zur “schwulen Sau”, also nicht so schlimm, umgewidmet wurde?

Stani mag sich nach dem Spiel noch so sehr ereifern, ich fand, unsere Jungs haben eine Halbzeit hervorragend gespielt und dann schlicht und ergreifend gegen die Besseren verloren. War froh, daß offenkundig der Großteil der Stadionbewohner das auch so sah und unsere Jungs angemessen klatschend verabschiedete. Daß diese hochdynamischen Youngstertruppen aus Mainz und Dortmund gerade die Liga aufmischne und den behäbigen Tankern mit Tabellenspitzengewohnheitsrecht den Marsch blasen, das freut mich eh.

So schlenderten wir in wohliger Wehmut und angenehm melancholisch vor die Domschänke und freuten uns, daß es einigen St. Paulianern möglich war, zusammen mit BVB-Fans Wechselgesänge anzustimmen, sogar solche gegen den BVB, genossen es, in der schönsten Stadt der Welt einen Frühherbstabend mit Frischgezapften einzuläuten und vergaßen sogar für kurze Zeit das Polizeiorchester. Aber der @Sparschaeler hat ja per Twitter daran erinnert ;-) – den Nachmittagsverlauf hatte er jedoch falsch prophezeit:

“beim versagen krass versagt und danach auch noch die party verrissen.”

Die Party war okay. Weder versagt noch beim Versagen versagt, sondern einfach verdient verloren. Insofern: Nur der HSV! (Prust … kicher … wegschmeiß …)

Die Karawane zieht weiter und schmeißt mit ollen Kamellen …

Die wahren Freunde der “Unterschicht” schmeißen eine Party! 5 Euro! Sag Dankeschön!

Das Karnevaleske (John Fiske) als Eigenschaft der aktuellen Politik wird ja unterschätzt. Persifliert wird lustvoll das, was als “Freiheitlich-Demokratische Grundordnung” schon nur noch mit dem unverhülltem Hohn des Herrenwitzes proklamiert wird.

Feixend feilen sie an Pointen wie “Anreiz” und “Lohnabstandsgebot”, wohl wissend, daß diese Gags in Hinterzimmern wohl goutiert werden. Der menschenverachtende Witz eines Mario Barthes ist politische Leitwährung geworden, johlend flankieren die Pappnasen in den Großverlagen die Büttenreden der Juristen, Verwaltungskomödianten und, ja, von “Wirtschaftswurmfortsätzen im Parlament” wollte ich fast schon schreiben, den Lachsäcken auf edle Leinen kriechend.

Als wären Wirtschaft nicht auch die Hatz IVler, die Prekarisierten, die Tagelöhner und 1-Euro-Jobber, und es ist Teil des Frohsinns der Othmarscher “ein Kind eines Aufsichtsratsvorsitzenden kann doch nicht mit dem Sohn eines Hafenarbeiters spielen”-Scherzbolde, für “Wirtschaft” nur die Kasperköppe in den Großorganisationen zu halten, diese Fips Asmussens der politischen Theorie.

Wenn jetzt schon publizistische Pointenvergeiger wie Ulf Porschardt mit ihren lauen Witzen die kichernden Karrikaturen demokratischer Prinzipien flankieren müssen, weil die Anderen gerade damit beschäftigt sind, Alice Schwarzers Fantasie rein arischer Sittlichkeit -”Die Stirn muss frei sein!” – mitsamt brüllendem Gelächter zu belobhudeln oder Sarrazin recht zu geben, so richtig Spaß macht dem Deutschen ja nur der Judenwitz und die Karrikatur im Stürmer, so was prämiert Merkel grinsend, dann ist das nur Beleg dessen, daß die, die es hinein in die Gagschreiberfabriken geschafft haben, jene wirklich nicht mehr ernst nehmen, die sich an den Scheiben der Fernsehstudios der blühenden, politischen Comedy-Landschaften die Nasen platt drücken.

Es könnte nur, Achtung, Schluß mit lustig, immer flächendeckender wahr werden, was im Kommunistischen Manifest steht – daß immer mehr Prekarisierte nichts zu verlieren haben als ihre Ketten. Sie ersäufen bereits zu Tausenden an EU-Außengrenzen, ziehen nachts verstrahlt über den Kiez, die, denen längst alles egal ist, treten gestürzte Mitfans platt in den Kurven der Stadien und wissen, wie man jenseits von Legalität trotzdem Spaß haben kann. Kontern mit exzessivem Komasaufen den politischen Karneval und fordern “Malle für alle” – ob Uschi beim Kamellenwerfen diese johlenden Horden überstehen wird?

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