Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: September 2010

“ziviler Ungehorsam hat in einer Demokratie nix verloren”

Sagt einer von der CDU und wäre sich da mit führenden Vertretern der Deutschen DEMOKRATISCHEN Republik wohl einig gewesen. Ein anderer von dieser christlichen Regierungs-Partei im ach so aufgeklärten und laizistischen Deutschland läßt sinngemäß verlauten, daß “Altkommunisten” und “Altlinke” ruhig auch mal auf offener Straße mit Reizgas in Wasserwerfern gequält werden dürfen.

Nun ist auch mir ein Rätsel, wieso ausgerechnet dieser blöde Bahnhof in Stuttgart ein derartiges Protestpotenzial zu entfalten vermag, während ein rassistisches Abschieberecht, aktuell massenhaft abzuschiebende Roma in den Kosovo, die Erniedrigung und Drangsalierung fast eines Zehntels der Gesamtbevölkerung mittels Hartz IV oder eine Politik, die fröhlich weiter beim Mittelstand abschöpft, was sie dann Pharma- und Energieriesen in die übervollen Taschen stopft, zwar Raunen und Alltagsempörung hervor ruft, nicht jedoch Aufstände wie beispielweise in Spanien. Wobei ja vorsichtshalber Generalstreik und politische Streiks höchst undemokratisch hierzulande verboten sind.

Liest man nun ganztägig bei Twitter herum, dann weisen wenige ganz zu Recht darauf hin, daß, kaum daß schwäbische Bildungsbürger mobil machen, auf einmal alle jammern, als würde nicht z.B. Fussballfans, Migranten, linken Demos und anderen Gruppen entfesselte Polizeigewalt als Alltag fast begegnen.

Zudem scheint das Strukturelle wenig Widerstand zu erzeugen; es braucht wohl symbolische “Leuchttürme” und Ereignishaftigkeit, um Gegenwehr zu entfesseln. Dabei ist doch all das Aufgezählte Resultat ein und derselben Haltung ein und derselben Exekutive, eine Haltung, die man mit Habermas als strategische Einstellung bezeichnen kann und die sich am Vorbild eines “instrumentellen Einwirkens auf Objekte” orientiert.

Ganz gleich, ob nieder geschriebene und von Patrick Lindner per Talkshow diffamierte Hartz Vler oder nieder geknüppelte Schüler auf Stuttgarter Demonstrationen: Demokratie, die sich als Legitimation einer Exekutive begreift, die Personen als Objekte der funktional begründeten Einwirkung begreift, ist keine. Die tritt in Widerspruch zu sich selbst, weil sie die Legitimation durch den Wähler, jedes Einzelnen, durch Einwirkung auf diesen in instrumentalisierender Weise boykottiert. Und dies ist der Punkt, an dem “ziviler Ungehorsam” notwendig wird – ganz im Sinne der grundrechtsbasierten Verfassung.

Verfassungsfeinde sind jene, die Sprüche wie die oben zitierten absondern.

Ohne Worte

Verstand, Vernunft, Dialektik

“Der Verstand bestimmt und hält die Bestimmungen fest; die Vernunft ist negativ und dialektisch, weil sie die Bestimmungen des Verstands in Nichts auflöst; sie ist positiv, weil sie das Allgemeine erzeugt, und das Besondere darin begreift. Wie der Verstand als etwas Getrenntes von der Vernunft überhaupt, so pflegt auch die dialektische Vernunft als etwas Getrenntes von der positiven Vernunft genommen zu werden. Aber in ihrer Wahrheit ist die Vernunft Geist, der höher als Beides, verständige Vernunft, oder vernünftiger Verstand ist. Er ist das Negative, dasjenige, welches die Qualität sowohl, der dialektischen Vernunft, als des Verstandes ausmacht;—er negirt das Einfache, so setzt er den bestimmten Unterschied des Verstandes, er löst ihn eben so sehr auf, so ist er dialektisch. Er hält sich aber nicht im Nichts dieses Resultates, sondern ist darin ebenso positiv, und hat so das erste Einfache damit hergestellt, aber als Allgemeines, das in sich konkret ist; unter dieses wird nicht ein gegebenes Besonderes subsumirt, sondern in jenem Bestimmen und in der Auflösung desselben hat sich das Besondere schon mit bestimmt. Diese geistige Bewegung, die sich in ihrer Einfachheit ihre Bestimmtheit, und in dieser ihre Gleichheit mit sich selbst giebt, die somit die immanente Entwickelung des Begriffes ist, ist die absolute Methode des Erkennens, und zugleich die immanente Seele des Inhalts selbst. —Auf diesem sich selbst konstruirenden Wege allein, behaupte ich, ist die Philosophie fähig, objektive, demonstrirte Wissenschaft zu seyn.”

Hegel, Wissenschaft der Logik, Band 1, S. 22 – 24

So ein iPad ist schon prima – da schleppt man ständig die “Wissenschaft der Logik” mit sich herum, hat es schon fast vergessen, liest bei Hartmut (im iPad-App verlinken, dazu bin ich zu doof, sorry), denkt sich: Irgendwas stimmt da nicht, liest beim ollen Hegel nach und staunt.

Weil die, wenn ich das richtig verstehe, Frage der Prädikation – “x ist rot” – gekoppelt bleibt an die Bewegung zwischen Verstand und Vernunft als zweier zu vermittelnder Ebenen des Geistes, wobei Vernunft das Allgemeine fasst, Verstand die Konkretion, ganz wie bei Kant, wo Verstand die Sinnesdaten “sortiert” nach vorgebenen Regeln, Vernunft jedoch, der Sinnlichkeit enthoben, daraus die Schlüsse zieht. Nur so kann Freiheit sein.

Indem jedoch Vernunft als das Allgemeine das verstandesgemäß begrifflich Bestimmte, das Einzelding, das rot ist, als Einzelding aufhebt in dem Begriff allgemeiner Röte, negiert sie das Besondere ALS Besonderes, um dennoch freilich über es etwas auszusagen.

Pointe wäre dann freilich nicht, daß ein Aspekt hervor gehoben würde, ein Anderer ignoriert, sondern daß die Relation singulärer Termini – “das Heidelberger Schloß” – und Genereller Termini – “rot” als ein zweistufiges, das die Relation Allgemeines und Besonderes dynamisiert, verstanden wird. Wie “singulär” und “generell” ja schon besagen. Nur daß die singulären Termini Verstandesbegriffe, die generellen Vernunftbegriffe wären, mal bauernschlau sortiert.

Im Forschreiten dieser Bewegung in der Relation besonders/allgemein, Verstand/ Vernunft, auch historisch dynamisiert, von all dem Besonderen, es aufhebend im Allgemeinen, vollzieht sich dann der Weg zum immer Allgemeineren, das, das Besondere umfassend und enthaltend, somit eine Annäherung an das Absolute bedeutet als Bewegung des Geistes selbst. Da zudem von Anbeginn an das Ganze, die Totalität, voraus gesetzt und alles Besondere nur als ein Ausschnitt daraus gedacht wird.

Ein Adorno dann, dem das Ganze das Unwahre war, der dennoch die Brutalität des Subsummierens unter das Allgemeine philosophisch so intensiv spürte wie kein Anderer und an der Sehnsucht nach dem ganz individuellen Namen für jedes Einzelding fest hielt, dynamisierte dahingehend, daß das falsche Allgemeine nie das Besondere in sich aufheben konnte. Begriffe sind notwendig allgemein und umfassen, wie Mengenlehre demonstriert, die Einzeldinge; im Denken Adornos vermögen diese unbenannt und negativ, also unbestimmt und sich der Bestimmung widersetzend zu widerstehen und gehen im Allgemeinen nicht auf. Indem die Philosophie bei der Kritik, dem Negativen, verbleibt, tut sie den Dingen die Gewalt des Bestimmtseins, des Subsummiertseins unter ein Allgemeines, nicht an.

So, Hegelanianer und Adorniten, nun zerfetzt mich und helft bei der Klärung.

NACHTRAG: Hier und hier die Texte Harmuts, auf die ich indirekt Bezug nehme.

Ohne Worte

Die Melancholie des zufriedenen Verlierers

So fremd der Weg. Keine Wasserwerfer, keine Reiterstaffeln, keine Böller, keine kleine süßen Jungs in schwarz-weiß-blau, die sich für Wirtschaftskarrieren fit machten, indem sie den dicken Mann markierten. Einfach so schwarzgelb und braun-weiß friedlich gemischt. Noch nicht mal das Polizeiorchester spielte auf.

Kurzer Aufruhr beim Drei-Klassen Einlaß vor der Haupttribüne – Rufe “Verpiss Dich! Hau ab! Lasst den nicht rein!” vom Pöbel in der rechten Schlange in Richtung der V.I.P. -Area-Eingangsbereiche, deren Insassen wir vorher noch rituell die Füße küssten, weil sie ja das Stadion bezahlen und wir nur Spaß haben wollen. Hoffte schon fast, daß wieder irgendein Ahlhaus sich dahin drängelte, wo er nichts zu suchen hatte, und daß er weg gebissen würde; die Sachlage klärte sich andersartig auf: Jemand mit Thor Steinar-Klamotten wollte gegen die Stadionordnung verstoßen und wurde aus der Menge gezogen. Vielleicht ein Mitglied des Polizeiorchesters?

Das hätte viel Spaß am Dortmunder Fanlied gehabt, ein Party-Mega-Mix von Kurvengesängen, rumtatata Euro-Trash mäßig arrangiert und prima zur grassierenden Eventeritis in Mittel- und Großstädten passend, also in etwa das, was Polizeiorchesterleiter Ahlhaus sich unter Kultur vorstellt. Kann man den nicht nach Dortmund schicken?

Die so wundervoll langen Beine von Florian Bruns begrüßten mich beim Eintritt ins Stadion, er wärmte sich auf; es war seltsam ruhig. Alle wirkten erschöpft nach der englischen Woche, auch die auf den Rängen.Asamoah wurde erst als in der Startelf spielend verkündet, lief dann doch nicht auf, als verletzt durchgesagt; raunte S. neben mir zu, daß das bestimmt nur ein alberner Psycho-Trick sei. Wirklich!

Die erste Halbzeit fand ich großartig, das 0:1 der Dortmunder Jungspundtruppe war so wunderschön anzusehen, wir konnten uns gar nicht ärgern, weil es Spaß machte, denen beim Spielen zuzugucken. Mir schien es trotzdem, daß unsere Boys in Brown außerordentlich gut mitspielen, auch sie rissen mich mit; das 1:1 fiel, Freude!, ein gutes Gefühl blieb, daß wir es sogar schaffen könnten.

Die zweite Halbzeit startete furios mit der Chance des hinreißend aufdrehenden Fin Bartels; den Bruns-Patzer sah ich erst im Aktuellen Sportstudio, hatte kurz nicht aufgepaßt. Und doch schien mir bei den Fernsehbildern, daß, so grausam der Fehlpass war, die Hühnerhaufenhaftigkeit unserer Spieler dann, wenn der Gegner schnell und flink und wendig spielt, der Grund für das Gegentor war und gar nicht nur der Patzer. Das war schon im Testspiel gegen Leverkusen so. Wünsche mir für die Zukunft aggressiveres Unterbinden statt dem Versuch, mit so einer aktuell wirklich tollen Fussball spielenden Truppe wie dem BVB nun unbedingt spielerisch mithalten zu wollen. Hat ja ein wenig was von Hybris.

Um so erschütternder trotzdem der Irre hinter mir auf der Tribüne, der wüst sein gesamtes Schimpfwortrepertoire gegen Florian Bruns geradezu hasserfüllt ausstieß; auch das Gepöbel einiger im Forum hat mich durchaus erschrocken. Das mag ja in Kurven bei Hansa, am Volkspark und so üblich sein, dieses Sich-Erheben über die Fehler anderer Leute, aber bei uns? Da schleicht sich einfach das gesellschaftlich völlig Falsche ins Hirn von denen, die ein solches Spiel mental nie durchstehen würden, sorry, ich freu mich darüber, daß da Menschen rum laufen, die zu uns passen und nicht irgendwelche Fussballmaschinen.

Nach dem 1:3 war der Drops gelutscht, auch Asamoah konnte nichts mehr retten, der, ha, habe ich’s doch gesagt, doch noch eingewechselt wurde. Das war der zweite beunruhigende Punkt: Mehrfach wäre es dem Team möglich gewesen, ihn anzuspielen und so Torgefahr aufzubauen, und sie ließen es bleiben. Ignorierten ihn. Wirkte ein wenig so, als würde es sie nerven, daß wir zum “FC Asamoah” mutieren, bei aller frisch entflammten Liebe zu unserem neuen Helden kann man das ja auch verstehen. Trotzdem psychologisch gar nicht gut. Da muß wohl noch was zusammen wachsen.

So toll der BVB auch spielte, der Weidenfeller ließ es sich nicht nehmen, noch seine Schulter elfmeterwürdig in des Ebbers Fresse zu rammen – war der es nicht, der Asamoah einst als “schwarze Sau” beschimpfte? Was skandalöserweise zur “schwulen Sau”, also nicht so schlimm, umgewidmet wurde?

Stani mag sich nach dem Spiel noch so sehr ereifern, ich fand, unsere Jungs haben eine Halbzeit hervorragend gespielt und dann schlicht und ergreifend gegen die Besseren verloren. War froh, daß offenkundig der Großteil der Stadionbewohner das auch so sah und unsere Jungs angemessen klatschend verabschiedete. Daß diese hochdynamischen Youngstertruppen aus Mainz und Dortmund gerade die Liga aufmischne und den behäbigen Tankern mit Tabellenspitzengewohnheitsrecht den Marsch blasen, das freut mich eh.

So schlenderten wir in wohliger Wehmut und angenehm melancholisch vor die Domschänke und freuten uns, daß es einigen St. Paulianern möglich war, zusammen mit BVB-Fans Wechselgesänge anzustimmen, sogar solche gegen den BVB, genossen es, in der schönsten Stadt der Welt einen Frühherbstabend mit Frischgezapften einzuläuten und vergaßen sogar für kurze Zeit das Polizeiorchester. Aber der @Sparschaeler hat ja per Twitter daran erinnert ;-) – den Nachmittagsverlauf hatte er jedoch falsch prophezeit:

“beim versagen krass versagt und danach auch noch die party verrissen.”

Die Party war okay. Weder versagt noch beim Versagen versagt, sondern einfach verdient verloren. Insofern: Nur der HSV! (Prust … kicher … wegschmeiß …)

Die Karawane zieht weiter und schmeißt mit ollen Kamellen …

Die wahren Freunde der “Unterschicht” schmeißen eine Party! 5 Euro! Sag Dankeschön!

Das Karnevaleske (John Fiske) als Eigenschaft der aktuellen Politik wird ja unterschätzt. Persifliert wird lustvoll das, was als “Freiheitlich-Demokratische Grundordnung” schon nur noch mit dem unverhülltem Hohn des Herrenwitzes proklamiert wird.

Feixend feilen sie an Pointen wie “Anreiz” und “Lohnabstandsgebot”, wohl wissend, daß diese Gags in Hinterzimmern wohl goutiert werden. Der menschenverachtende Witz eines Mario Barthes ist politische Leitwährung geworden, johlend flankieren die Pappnasen in den Großverlagen die Büttenreden der Juristen, Verwaltungskomödianten und, ja, von “Wirtschaftswurmfortsätzen im Parlament” wollte ich fast schon schreiben, den Lachsäcken auf edle Leinen kriechend.

Als wären Wirtschaft nicht auch die Hatz IVler, die Prekarisierten, die Tagelöhner und 1-Euro-Jobber, und es ist Teil des Frohsinns der Othmarscher “ein Kind eines Aufsichtsratsvorsitzenden kann doch nicht mit dem Sohn eines Hafenarbeiters spielen”-Scherzbolde, für “Wirtschaft” nur die Kasperköppe in den Großorganisationen zu halten, diese Fips Asmussens der politischen Theorie.

Wenn jetzt schon publizistische Pointenvergeiger wie Ulf Porschardt mit ihren lauen Witzen die kichernden Karrikaturen demokratischer Prinzipien flankieren müssen, weil die Anderen gerade damit beschäftigt sind, Alice Schwarzers Fantasie rein arischer Sittlichkeit -“Die Stirn muss frei sein!” – mitsamt brüllendem Gelächter zu belobhudeln oder Sarrazin recht zu geben, so richtig Spaß macht dem Deutschen ja nur der Judenwitz und die Karrikatur im Stürmer, so was prämiert Merkel grinsend, dann ist das nur Beleg dessen, daß die, die es hinein in die Gagschreiberfabriken geschafft haben, jene wirklich nicht mehr ernst nehmen, die sich an den Scheiben der Fernsehstudios der blühenden, politischen Comedy-Landschaften die Nasen platt drücken.

Es könnte nur, Achtung, Schluß mit lustig, immer flächendeckender wahr werden, was im Kommunistischen Manifest steht – daß immer mehr Prekarisierte nichts zu verlieren haben als ihre Ketten. Sie ersäufen bereits zu Tausenden an EU-Außengrenzen, ziehen nachts verstrahlt über den Kiez, die, denen längst alles egal ist, treten gestürzte Mitfans platt in den Kurven der Stadien und wissen, wie man jenseits von Legalität trotzdem Spaß haben kann. Kontern mit exzessivem Komasaufen den politischen Karneval und fordern “Malle für alle” – ob Uschi beim Kamellenwerfen diese johlenden Horden überstehen wird?

Schopenhauer-Missbrauch und -Gebrauch

Auch wenn ich auf solch meiner Ansicht nach rechtsradikale Schwulenhasser normalerweise nicht verlinken würde, dieser Text ist schon für philosophisch Halbgebildete so lustig in seinem Verfahren, dogmatisierte Grundbegriffe in ihm fremd bleibendes Denken hinein zu lesen und Namen wie Hegel und Marx nur als Chiffre von allerlei Projiziertem wahrzunehmen, daß es schon deshalb lohnt, sich über ihn zu amüsieren. Klarer Fall von Diskursvermengung und dem Umschlagen von Aufklärung in pseudoliberale Mythologie.

Als Gegenbeispiele seien viel zu spät verlinkt die Würdigungen Schopenhauers durch Bersarin und Hartmut. Für die, die sie nicht eh schon gelesen haben.

Man muß dahin gehen, wo es weh tut – in die Geschenkpapierfabrik!

Ohne Worte

Gerald Asamoah – o o oho HO!

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