Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juli 2010

Da darf ich nächste Saison wieder sitzen!

Test-Spiel hat Optimismus berechtigt; Wenn wir 1:1gegen Bayer Leverkusen in der Liga spielen, bin ich froh. Asamoah hat gezeigt, dass er sich den Arsch aufreißen will, was eine Aura!, Fin Bartels niedlich und bis auf den letzten Pass prima – wenn Bruns, Asamoah und Ebbers sich zu verstehen beginnen, wird es eine coole Saison! Und die seltsam humorig- effektive Theatralik von “Volzi” wird noch einige Hymnen hier om Blog hervor bringen! Ja, mal ein ganz platter Spielbericht …

Was „queer“ meint

Nämlich nicht einfach “gay”, “schwul” oder dergleichen. Passend startet die Zufallsauswahl meines iPod gerade Prince mit “If I was your girlfriend” – auch so was meint “queer”. Was in einem sehr schönen Essays zur “National”mannschaft auch Alexander Osang heraus arbeitet in der so wundervollen, folgenden Pointe:

“Als ich ihn fragte, ob denn ein Spieler, der etwas überraschend nominiert worden war, seiner Meinung nach auch schwul sei, sagte Becker nur: “Der ist halbschwul”, und ich begriff, dass das alles ein Synonym war für etwas, was Becker nicht mehr verstand. Irgendetwas Leichtes, Unideologisches, Tänzerisches, Schönes, Freudvolles, in dem man sich verirren konnte, wenn man sich bislang an Hackordnungen und Hierarchien orientiert hatte.”

Eben. So sehr ich aus eben diesen Gründen gegen das verkrampft-lockere “Schland”-Geschreie gewettert habe – was Spiel der Mannschaft betrifft, so bringt Osang einiges auf den Punkt und gibt den Beckers dieser Welt lustvoll auf die Nase.

Historische Kontinuitäten

Nicht, dass die “Jungle World” mein Leib – und Magen-Blatt wäre – in einem grandiosen Rundumschlag seziert Rainer Trampert jedoch derart treffsicher in der Ausgabe vom 8. Juli die aktuelle bundesrepublikanische Wirklichkeit, dass es eine Freude wäre, schmerzte nicht so sehr, was er beschreibt (via Herr Guenni/Twitter). Ist das jener Rainer Trampert, wegen dem wir einst, damals, die Wahlerfolge der GRÜNEN feierten, als auch ein Ebermann dort noch aktiv war?

Und wieder scheint es mir wie bereits seit den frühen Neunzigern, als seien es bis heute wilhelminische Kontinuitäten, die die Struktur dieses Landes prägen, so erklärt sich die folgende Auswahl der Zitate:

Sozialdemokraten und Grüne, die gestern noch versichert hatten, lieber eine Minderheitsregierung bilden zu wollen, als auf Stimmen der Linken zurückzugreifen, beklagten sich über das Fehlen linker Stimmen und wiederholten wie Sprechautomaten, die Linke habe ihre »Stasi-Vergangenheit noch nicht bewältigt«. 50 Cent in den Schlitz: »… nicht bewältigt.« Noch ein 50-Cent-Stück, aber nur wenn Claudia spricht! »Gauck ist eine Brücke … nicht bewältigt«. Dann kam Wolfgang Thierse und erzählte – in einer besorgniserregenden hyperventilierenden Verfassung –, dass er in der Halle bei den Linken »diesen Hass auf Sozialdemokraten gespürt« habe, den man aus der Geschichte kenne. Vielleicht war ihm der ehemalige Sozialdemokrat Dieter Dehm über den Weg gelaufen. Trotzdem: Der Mann gehört wegen übler Nachrede vom Fleck weg verhaftet. Thierses Genossen haben zum vaterländischen Krieg aufgerufen, waren in die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verstrickt und gaben den Befehl, auf Kommunisten zu schießen. Aber die postmoderne Philosophie macht keinen Unterschied zwischen Realität und Imagination; also darf man lügen, wenn man die Lüge nur ehrlich empfunden hat.

Nationales Pathos mobilisieren, um der Linken das Wasser abzugraben, und sich dabei auch noch antotalitär geben und Geschichte klittern: Altbewährte Methoden. Über Gaucks Ausfälle war in den letzten Wochen viel zu lesen, der folgende war mir nicht bekannt:

Die Süddeutsche Zeitung fragte, warum SPD und Grüne ausgerechnet den »fundamentalen Anti sozialisten« vorgeschickt haben, der mit der »Standardthese« hausieren geht, dass der Kommunismus »mit ausdrücklichem Bezug auf die DDR als ebenso totalitär eingestuft werden muss wie der Nationalsozialismus«, der Kommunisten anlastet, das »Unrecht« der Vertreibung »zementiert« zu haben, »als sie die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten«, und dem bei Willy Brandts Entspannungspolitik »im Rückblick« der Verlust größer vorkommt als der Gewinn.”

Ja, ja, die “ostelbischen Junker”, jene, die im Kaiserreich so prägend waren für die Politik, sie fehlen der Nationalen Rechten heute. Frau Merkel gibt sich alle Mühe, das zu kompensieren und quatscht derweil annähernd daher wie Herr Claß vom Alldeutschen Verband, wenn er über die “Schwachen” unter den Nachbarvölkern quatschte :

“Auf dem Gipfel der 20 führenden Staaten betonte Merkel stur, nicht Deutschland habe sich abzustimmen, sondern »die Schwachen haben sich nach uns zu richten«. Helmut Schmidt sprach zu recht von »wilhelminischer Großspurigkeit«.”

Da stimmt man also sogar Helmut Schmidt mal zu, zusammen mit Rainer Trampert. Harsche Zeiten. Text unbedingt ganz lesen!

An Zimmerdecken und in Zimmerecken starren

“Ich kann niemanden mehr lieben, werd von keinem mehr geliebt. Habe mich genug zerrieben und nichts bleibt, was mich betrübt. Mir geht’s gut!” (Georgette Dee) An Zimmerdecken und in Zimmerecken starren, von draußen dringt der Schrei der Vuvuzela. Manchmal befällt mich die Ahnung, es könne sich insgeheim um Hilfeschreie handeln all der Verlorenen. Derer, die man sonst übersieht und überhört.

Na gut, vielleicht würden sie ja nur gerne ganz anders blasen. Wemauchimmer. Oder schlicht “Es gibt mich!” tröten. Ganz einfach ihre Existenz beweisen. Weil Struktur und Handlung, Teilnehmer- und Beobachterperspektive, Subjekt und Objekt eben doch nicht gleichzeitig gedacht werden können.

Vielleicht ist dieses nervige Blöken der Versuch, all das doch ineinander aufgehen zu lassen. Nicht, dass ich davon ausginge, die Akteure hätten sich zuvor tiefschürfende Gedanken über Handlungstheorie gemacht. Aber wer einkaufen geht, hat ja auch in seltenen Fällen nur den Homo Oeconomicus studiert.

Vielleicht sind diese Vuvuzela-Blowjobs aber deshalb so prima, weil man mal wirklich was verantwortet – den punktuellen Lärm halt. Ursache, Wirkung.

Das war schon bei den geistig Behinderten, den großartigen, die ich einst betreute, so: Auf Knöpfe drücken – prima! Da passierte unmittelbar was – das Licht ging an! Und in Fahrstühlen musste ich immer aufpassen, dass der recht kräftige Junge nicht Mitfahrer wegboxte, weil er doch auf die Knöpfe drücken wollte.

Da geht das ja mit der Verantwortung – beim Knöpfe drücken, Schiessen, Messerstechen. Auch die Rauchverbotsdebatten sind deshalb so prima, weil man einzelne Handlungen als Ursache ausmachen und Personen zuordnen kann. Da freut sich der Christ, dass er schuldig sprechen kann.

Sich jedoch in individuellen Handlungen nun die Gesamtlast des Kapitalismus aufzubürden und in jeder derer gegen ihn zu agieren zu wollen, das macht nur die Differenz zwischen dem Kommunistischen Manifest und dem Kapital deutlich. Und selbst im Manifest geht es nur zusammen mit Anderen, nicht im Sinne individualisierter Verantwortung.

So starre ich stattdessen an Zimmerdecken und in Zimmerecken und höre Musik. Mein Hund träumt laut, zuckt und quiekt dabei. Wir beide lassen sein – er den Traum, ich die Handlung.

Wahrscheinlich ist das sein lassen wirklich die einzige Lösung. Die Ohren öffnen sich, der Wille lahmt, und da ist die Musik meiner Zufallsauswahl. Prima, die Fleet Foxes!

Und im Lauschen der Musik geschieht das Wunder: Subjekt und Objekt fallen tatsächlich zusammen und lösen sich auf in der Raumzeitstruktur der Musik. Schön. Und zum Einstieg habe ich mal wirklich gelogen: Meinen Hund liebe ich sehr …

Ihr seid Kristina Schröder!

“Schröder Ja, klar! Das Schöne an der Weltmeisterschaft ist doch gerade, dass ein unverkrampfter Patriotismus möglich ist. Das hat man ja auch bei der WM 2006 in Deutschland gesehen. Es ist doch heute kein Problem mehr, wenn man sich die Deutschland-Farben auf die Wange malt oder ein Fähnchen ans Auto hängt. Das ist kein Nationalismus der abgrenzt, sondern ein positives, einladendes Gefühl. Es wäre schön, wenn dieses Gefühl auch über die WM hinaus anhält. Wir Jüngeren sind ja schon lange über die Schwere der Debatte vieler Linksintellektueller hinaus, ob man sich für Deutschland freuen darf. Wir gehen Patriotismus entspannter an – das ist typisch für unsere Generation.” (via Kritik und Kunst)

Dieses Mantra habe ich mittlerweile fast wortgleich so dermaßen oft gehört, dass ich mich frage, wieso so viele sich da freiwillig gleichschalten. Und natürlich wie üblich der Seitenhieb auf die “Linksintellektuellen”, auch das war schon im Kaiserreich so. In liberalen Blogs ärgert man sich ja mittlerweile sogar, 1989 die westliche Linke nicht gleich “mit vertrieben” zu haben.

“Bevölkerungspolitik” darf natürlich bei Frau Schröder, der Erfinderin der Deutschfeindlichkeit bei Migranten, nicht fehlen – wie wäre es mit einem schwarz-rot-goldenen, mit neckischem Fussball verzierten Orden und einer Vuvuzela gratis vom Staat für jedes derzeit gezeugte Kind? Bemerkenswert, dass sie sich nicht offensiv freut, dass während der WM mehr gepoppt wird, sondern gleich dran denkt, was bei manchen dabei, in jeder Hinsicht erfreulich!, entsteht – das wäre ja sogar für mich ein Grund, mich mitzufreuen.

Man stelle sich vor – Kristina Schröder verkündet: “Super! Schwule haben bei der WM mehr Sex, weil die Trikots so sexy eng und körperbetont geschnitten sind und das zum Beischlaf animiert!”  Ich habe schließlich neulich auch Orgien statt Elfmeterschießen per Twitter gefordert. Und, ergänzend sei erwähnt, dass das, was sie über Patchwork-Familien, Alleinerziehende und die daraus entstehenden Netzwerke über die “Keimzelle” hinaus für eine CDU-Politikerin sogar ganz vernünftige Gedanken sind, gerade angesichts der Hetze gegen die “Welfare Queens”.

Trotzdem: Make love, not war!

Volkstum und Public Viewing

Bloß nicht!

“Auf die Trikots darf nun bloß noch der Slogan “Ein Platz an der Sonne.” (via twitter/Der Übersteiger)

Dann können wir ja auch gleich als Vereinshymne “Heil Dir im Siegerkranz” einführen und ein Stück Togo kaufen.

PS: Zur Erklärung des Hintergrundes für die, die über den Link rein schwappen, das hier.

Tülin Duman: Wichtig und richtig!

Paraphrasiert zwar nur, was ich hier eh ständig schreibe; dennoch, es ist hervorragend pointiert und sollte Verbreitung finden:

“Butler hat angemerkt, dass queere Menschen “benutzt werden können von jenen, die Kriege führen wollen”  ob mit militärischen Mitteln wie in Afghanistan und im Irak oder in Form des antimuslimischen Rassismus, wie er seit einigen Jahren vielerorts in Europa um sich greift. Viele PolitikerInnen behaupten, schwul-lesbisch-queere Freiheit zu schützen, und wollen uns glauben machen, dass dazu Ressentiments bis hin zu Hass gegen MigrantInnen nötig ist.

Deshalb gilt es, Nein zu sagen, wenn uns statt der Wahrheit, so heterogen, erschreckend und widersprüchlich sie auch sei, einfache Lösungen angeboten werden. Nein zu sagen, wenn Sexismus und Homophobie pauschal bestimmten MigrantInnen-Communities zugeschrieben werden. Denn dadurch wird ein Trugbild erzeugt, das uns glauben lassen soll, diese Phänomene würden nach Deutschland “importiert” und es gelte, bereits errungene Freiheiten vor diesen Kuckuckseiern zu schützen.”

Was ja nicht sein soll, sein kann, sein darf. Bemerkenswert auch der Verweis auf den generellen Verweis auf den Verzicht auf nationale Symbole beim Transgenialen CSD in Kreuzberg. Gerade wegen dieser Pseudo-Multitude der Mehrfachbeflaggung, die alle total weltoffen finden, unbedingt erwähnenswert: Grundwiderspruch auch des liberalen, auf politische Partizipation gerichteten Nations-Modells ist eben die Exklusion, die durch es notwendig erzeugt wird. Und wenn Leute wie Wulff “Integration” beschwören, die mit Evangelikalen kungeln und die Bindungskraft der “monotheistischen Religionen” feiern, dann wird mir ganz schwindelig. Weil das nun gerade gerade “die Menschheit” zu einem Preis fordert, den alle Christianisierten bereits zu zahlen hatten auf Scheiterhaufen und als Opfer der Missionare.

Dabei gilt es doch mit Pelle Pershing zu betonen “Menschen! Menschen brauchen – Menschen!” Ganz pathetisch und untrivial …

Völkerschau im Zoo Eberswalde? Keine koloniale Kontinuität? Von wegen!

Rundumschlag: Der Heimatfilm des “ich-doch-nicht!”

Wie kommt es eigentlich, dass in einer strukturell rassistischen, homophoben und sexistischen Gesellschaft immer die auf die Nase bekommen, die darauf hinweisen, dass das so ist; ja, dass sie gar als die vermeindlich wahrhaft Herrschenden, die mit PC-Terror die Welt unterjochen wollen, nur die arme, unschuldige Masse quälen, sich Angriffen ausgesetzt sehen?

Gut, neulich ein erhellender Hinweis in der Kommentarsektion: “Frage mich schon immer, was habe ich nun wieder falsch gemacht, wenn Du was schreibst.” Okay. Das hat was mit Schuldgefühlen zu tun, vermute ich, und vor allem dem Willen, eben nicht so sein zu wollen wie das, was hier kritisiert wird.

Trotzdem. Heute des Mittags: Eine gute Freundin ruft erschöpft aus, man glaube ja gar nicht, was für ein Shitstorm los breche, wenn man sich antirassistisch engagiere. Ja, es ist tatsächlich erstaunlich.

Ist ja auch lange schon Thema hier im Blog, diese Wut und Verletzung allerorten, erläutert man homopobe Stereotype, sexistische Muster, rassistische Mechanismen, auch, verweist man auf Historie; zu einer identitären Frage hin wird alles aufgelöst, nein, so BIN ich nicht; und die vollends Aufgeklärten wollen es sich auch “nicht verbieten” lassen”, ordentlich mit Scheiße um sich zu werfen, weil sie all das natürlich überwunden haben. Der schwarze Blog analysiert treffend, ein Kommentator pointiert:

“Das Blut, das an unserer Vorfahren klebt, durch Versklavung, Verschleppung, Vergewaltigungen und Erniedrigungen wird nicht gesehen, wird in Satiren und Witzen einfach weggewischt.”

Ja. Wie eigentlich immer und überall. Und wehe dem, der trotzdem drüber spricht. Der ist natürlich der wahre Rassist, weil er ja ignoriere, dass doch alle Menschen gleich seien. Differente Erfahrungen? Fehlanzeige. Soziale Realitäten? Nö, es gibt nur das Normative selbst, das ganz wie bei Hegel im Hier und Jetzt zu sich selbst kam als gesellschaftliche Wirklichkeit.

Alles wird getan, um das männliche, weiße, heteronormative und sexistische Deutungsmonopol aufrecht zu erhalten, insbesondere auch bei der Geschichtsschreibung. “Ein Platz an der Sonne” mutiert so geschichtsvergessen zum karikativen Selbstbild des Deutschen an sich und seiner  ach so flurbereinigten Nachkriegsgeschichte, die nur aus Tsunami-Spendern, die immer schon christlich nächstenlieb “Brot für die Welt” befruchteten, besteht – und weil man so gut und fleißig ist, darf man auch wieder austeilen und zurechtweisen, vor allem die faulen Griechen und messerstechenden “Südländer”, weil diese all das Unheil in den blitzblanken, weißen Volkskörper hinein tragen.

Wer auf anderes verweist, gilt Miesmacher, Nestbeschmutzer, neuerdings sogar als Spitzel des Springer-Verlages, ausgesandt, z.B. um St. Pauli-Fans zu diskreditieren. Einen Lacher später fiel mir die Mutmaßung in Rostocker Fan-Foren ein, die Randale in Düsseldorf sei ja von St. Pauli-Fans inszeniert gewesen, um Hansa Rostock zu diskreditieren. Ach so.

Seltsamerweise gelten z.B. bei Feminismus-Kritik und 68er-Bashing ganz andere Regeln. Da ist im Selbstverständnis lediglich das “Immunsystem” am Wirken, das “Artfremdes” abstößt; komischerweise kommt da von nix und niemandem der Vorwurf des “Nestbeschmutzens”. Das sind DIE ANDEREN, beim Feminismus ist das schon kurios; noch kurioser, das die antimuslimische Hetze der EMMA genau die Struktur reproduziert, gegen die sie einst angetreten war.

Ganz ähnlich gestern, wiederum, ja, auch die Kurve schaffe ich, bei der Bundespräsidentenwahl. Gauck ist wohl auch deshalb so populär, weil er diese priesterliche “Wir sind so gut und voller Zuversicht!”-Rhetorik perfekt beherrscht und es zudem schafft, nationale Motive mit dem Sieg in der “Systemkonkurrenz” zu verbinden und sich dabei natürlich total weltoffen, fröhlich, überparteilich und tolerant wie der Deutsche an sich sich zu geben, während er Arbeitslose paternalisiert, die doch “wieder Bürger werden wollten” (sinngemäß zitiert).

Und dann sind natürlich DIE LINKE die Anderen – und vor allem die zugleich undeutschen. Ich meine jetzt nicht die reale Linke in manchen Kommunen und darüber hinaus, die “Fremdarbeiter” geißelnd am selben Töpfchen naschen will und mit nationalen Parolen wenig Probleme hat. Ich meine lediglich jene in den Augen der herrschen Klasse.

Denn seltsam, dass die DDR nie als typisch deutsch rezipiert wurde, obwohl sie dies zweifelsohne war. So fordert man ganz wilhelminisch in politischen Kreisen bruchlos dem Strafrecht der DDR folgende Maßnahmen gegen Arbeitslose und stattet Arbeitsagenturen mit stasiesken Befugnissen aus, okay, bei Folter und Knast sind wir noch nicht; gleichzeitig arbeitet man sich jedoch an jenen ab, die zum Teil nur für ganz Ähnliches in Steigerungsform verantwortlich waren.

Als “Nestbeschmutzung” wird diese Externalisierung einmal mehr nicht wahr genommen, wieso ist eigentlich kein Nestbeschmutzer, wer DIE LINKE kritisiert? Ist doch auch eine deutsche Partei. Marx, Lasalle, Bebel: Alles Deutsche.

Stattdessen schreitet auch noch eine Quasi-Ethnisierung des Politischen fort.  Seit Jahren erstaunt es mich, mit was für Charaktereigenschaften ausgestattet man z.B. durch das Universum der liberalen Blogosphäre spaziert als sich politisch links wähnender Blogger; ganz, wie die “Völkerundler” einst ihr Bild vermeindlich “exotischer Stämme” zeichneten, entsteht eine linke Charakterologie der Missmutigen, Griesgrämigen, Missgünstigen, Neidischen, der Spassbremsen – auf linker Seite äquivalent die Gierigen, Skrupellosen, Egoistischen, Maßlosen bei der jeweils definierten, gegnerischen Fremdgruppe, passiert mir ja auch oft.

Kurz: Das wird das Andere konstituiert und mit möglichst fiesen Eigenschaften versehen, die jeweils irgendetwas mit personaler Identität zu tun haben. Es gibt gar keine Sätze, Verhaltensweisen, Tätigkeiten, Handlungen, Aussagen, nö, nur Personen mit Eigenschaft, die als Selbstsein begriffen werden. Insofern kratzt jede Kritik auch gleich an einer Konzeption des Egos, das an Gruppenidentitäten gekoppelt die heile, gute Welt des deutschen Dorfes bewohnt.

Und wehe dem, der mit kritischen Fragen eindringt in diese Welt des Heimatfilms, in dem die Menschen ehrlich, aufrecht und bescheiden sind, so weltoffen, postrassistisch, total geschlechteremanzipiert und allen Lebensformen gegenüber aufgeschlossen. Der kommt in Abschiebehaft.

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