Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 27, 2010

Deutschenkriminalität

“26 Kinder wurden 2010 beim Drogenhandel erwischt. 20 davon haben die deutsche Staatsbürgerschaft und leben bei ihren Eltern.”

Die Neue Rechte hat eine neue Märtyrerin – die wohl hochrespektable Richterin Kirsten Heisig, deren Vermächtnis nach ihrem Freitod ein Buch über ihre Arbeit als Jugendrichterin ist. Die Rezeption des Werkes erstaunt nicht und erschreckt doch: DIE WELT verkündet bereits wie üblich unappetitlich, boulevardesk und großmäulig, das “Verschweigen von “Ausländerkriminalität” (!) schade Migranten“, die dpa referiert plakativ Thesen, die als “pauschalisierend” diagnostiziert werden – und hofft doch auf den Anstoß zu einer Diskussion, die im selben Sinne über “Deutschenkriminalität” nie geführt würde.

Gerade der A-Team-”Text” ist symptomatisch für eine völlig krude Rezeption, die, ganz, als habe man Norbert Elias als Gebrauchsanweisung gelesen, die “Generalisierung von Negativstereotypen bei Fremdgruppen” betreibt, eben das, was ausnahmsweise zu recht als “struktureller Antisemitismus” verstanden werden kann.

Das Bemerkenswerte ist, dass die Wahrnehmung von jemandem, der nur “Delinquenten” im Arbeitsalltag zu sehen und zu sprechen bekommt, also solche, die wahlweise einer Straftat verdächtigt wurden oder eine solche begangen haben, auf einmal zum Kronzeugen allgemeiner Kulturdiagnostiken heran gezogen wird. Das ist in etwa so, als würde ein Onkologe den Krebs als Eigentlichkeit und Wesen der Deutschen behaupten, und alle plappern nach – und das Beispiel sei nicht angeführt, um die miese Metapher des “Krebsgeschwürs Kriminalität” zu beschwören.  Es dient dazu, einmal mehr zu rekonstruieren, wie über die diskursive Produktion der verallgemeinerten Abweichung zugleich Normalität konstituiert wird, während die Abweichung in diesem Fall plötzlich zum herkunftsbedingten “Charakter” mutiert – auch, um ein positives Selbstbild zu erzeugen. Eine übliche Praxis der Mehrheitsgesellschaft, die Selbstvergewisserung durch Instrumentalisierung der Anderen betreibt.

Dass eine Richterin ihre Berufsrolle, so scheint es, gar nicht mehr reflektiert, sondern die richterliche Perspektive als Blick des Soziologen behauptet, darf passieren – nicht jedoch diese Unart von Journalisten, so zu tun, als würden sie Recht sprechen.

Um so angenehmer der differenzierte Blick der Frankfurter Rundschau. Sie belegt, wie eine Kombination von literarischen Mitteln und dem Willen zur Informationsbeschaffung die Leitartikel-Generalisierung unterläuft und so eine Annäherung an Wirklichkeiten das stammtischafte Draufgehaue zu sabottieren vermag:

“Wenn es um Araber geht, wird Heisig hart. Der Staat habe kapituliert, schreibt sie, er komme an die Familienclans nicht heran , die Jugendämter seien hoffnungslos überfordert. Die Furcht vor den kriminellen Großfamilien würde alle anderen Aspekte bei weitem überwiegen. Zehn bis zwölf solcher Familien hat sie gezählt. Thomas Weylandt ärgert sich, wenn er diese Thesen hört.

Nur bei einer Familie, die Weyland kennt, treffe die Beschreibung von Heisig zu, dass der Staat nur zuschaue. Die Familie lebe abgeschottet in ihrer eigenen Welt mit archaischen Werten. Fast alle Mitglieder seien kriminell. „Da passieren am laufenden Band extreme Gewalt- und Rohheitsdelikte“, sagt Weylandt.”

In Weylandts Alltag spielen arabische Clans eine untergeordnete Rolle. Für ihn ist auch nicht erkennbar, welcher Jugendliche aus einem solchen Clan kommt. Zwei arabische Großfamilien kennt er. Bei einer lege der Vater großen Wert darauf , dass sich seine Kinder an das Gesetz halten. Als der älteste Sohn sich nicht an ein Hausverbot für ein Schwimmbad hielt, war der Vater bei der Gerichtsverhandlung. Er habe in den Saal gerufen, sein Sohn solle eine Strafe bekommen, zudem wünschte er sich, dass der Filius endlich arbeiten geht.

Weylandt, 56, ist Leiter der Jugendgerichtshilfe Neukölln. Sein Büro liegt in einem Gebäude am Ende einer Einkaufspassage, die „Kindl-Boulevard“ heißt. Er gibt pädagogische Gutachten für jugendliche Angeklagte ab. In den vergangenen zwei Jahren hat Weylandt oft in den Gerichtsverhandlungen von Heisig gesessen. In ihrem Buch lobt Heisig die „stets sorgsam erarbeiteten Berichte und fundierten Vorschläge“ der Jugendgerichtshilfe. Weylandt sagt, durch das Buch entstehe der Eindruck, dass es in dem Bezirk drunter und drüber gehe. Das sei nicht der Fall. Auch er spricht „von einem deutlichen Rückgang“ der Jugendkriminalität in seinem Bezirk. „Kirsten Heisig skandalisiert sehr problematische Einzelfälle und zeichnet dadurch ein falsches Bild von jugendlicher Gewalt in Neukölln.“

Wie Verbroderung die Wahrnehmung verdreht oder: Zum Glück gibt es darauf Antworten wie in der Frankfurter Rundschau.

Jürgen Habermas über die Menschenwürde und Menschenrechte

Der Meister spricht, und ich empfehle die Lektüre: Wie unglaublich elegant und souverän Jürgen Habermas im verlinkten Text Fragen und Kontroversen einer Diskussion rund um Recht und Moral, Menschenrecht und Menschenwürde einer Diskussion, die ich meinerseits seit mehr als 20 Jahren verfolge, komprimiert integriert, beantwortet und so fast ein Manifest formuliert – also, ich bewundere das zutiefst und uneingeschränkt. Fast versteckt finden sich Rückanbindungen an die trotz weltweiter Diskussion allseits unterschätzte Soziologie der “Theorie des Kommunikativen Handelns”, die Habermas zu Zeiten von “Faktizität und Geltung” fast schon aufgegeben zu haben schien – sie seien zitiert:

“Grundrechte können das moralische Versprechen, die Menschenwürde eines jeden zu achten, nur dann politisch einlösen, wenn sie in allen ihren Kategorien gleichmäßig zusammenwirken. Die liberalen Freiheitsrechte, die sich um die Unversehrtheit und Freizügigkeit der Person, um den freien Marktverkehr und die ungehinderte Religionsausübung kristallisieren und der Abwehr staatlicher Eingriffe in die Privatsphäre dienen, bilden zusammen mit den demokratischen Teilnahmerechten das Paket der sogenannten klassischen Grundrechte. Tatsächlich können aber die Bürger von diesen Rechten erst dann einen chancengleichen Gebrauch machen, wenn gleichzeitig gesichert ist, dass sie in ihrer privaten und wirtschaftlichen Existenz hinreichend unabhängig sind und ihre persönliche Identität in der jeweils gewünschten kulturellen Umgebung stabilisieren können. Die Erfahrungen von Exklusion, Elend und Diskriminierung lehren, dass die klassischen Grundrechte erst dann „den gleichen Wert“ (John Rawls) für alle Bürger erhalten, wenn soziale und kulturelle Rechte hinzutreten. Die Ansprüche auf eine angemessene Teilhabe an Wohlstand und Kultur ziehen der Abwälzung systemisch erzeugter Kosten und Risiken auf Einzelschicksale enge Grenzen. Eine Politik, wie sie in den letzten Jahrzehnten in der ganzen Welt vorgeherrscht hat, eine Politik also, die vorgibt, den Bürgern ein selbstbestimmtes Leben primär über die Gewährleistung von Wirtschaftsfreiheiten garantieren zu können, zerstört das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Kategorien von Grundrechten wie die Unterdrückung der Redefreiheit, des Wahlrechts oder des Zugangs zu unabhängigen Gerichten. Die gleiche Menschenwürde eines jeden begründet die Unteilbarkeit aller Menschenrechte.”

(via PBB Marx/Twitter)

Der Hintergrund vieler meiner Positionen insbesondere in der Auseinandersetzung mit den “Liberalen” findet sich hier prägnant formuliert; und da habe ich ihn ja auch her, wie oft schon erwähnt.

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