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Vor etwa 10 Jahren gab es bei mir Phasen, wo ich wirklich wenig Geld hatte. Wenn ich dann morgens auf dem Weg zu meinem Minijob mit knurrendem Magen am Feldstraßenbahnhof Obdachlose im Schnee daliegen sah und zuallermeist ohne etwas zu tun einfach v o r b e i g i n g (soweit ich mich erinnere, sind ja in Hamburg tatsächlich Leute erfroren), fing ich zunehmend an zu denken: “Ha, selber Hunger … das hier kratzt ja keinen, und mich auch nicht!” – Kurz, ich begann diese Halbtoten beinahe zu hassen, dafür, dass die Maxime meines eigenen Handelns offenbar lauten musste: “Lass sie doch krepieren!”, dafür, dass ich die Selbstverachtung, die ich verspüren hätte müssen, zwar denken, aber nicht empfinden konnte. Und wer will schon hören: Skandal! Ich werde zum zynischen Arschloch, weil in meiner Stadt die Leute auf der Straße erfrieren?
Aber wo sind sie jetzt hin, all die psychisch Kranken, die ich durch Hamburg wanken sah – mit der Zeit bekommt man für sowas einen Blick -, wo der Typ, der plattgetretene Dönerreste auf dem Kiez vom Boden kratzte, die verschmutzte Gestalt, die jene orangenen Beeren von dem Gestrüpp, das an irgendwelchen Straßen wächst, sich in den Mund stopfte …?
Etwa irgendwo gesundgepflegt, psychsozial betreut, medizinisch stabilisiert, damit sie ersteinmal “therapiefähig” werden für eine sich anschließende Psychotherapie, die Monate, Jahre dauern kann?
Ich weiß von einigen, die, nicht nur ziemlich verwahrlost sondern auch psychisch krank, als letztem Ausweg in Ochsenzoll um Aufnahme gebettelt haben, und dann irgendwie binnen Kurzem irgendwo krepiert sind bzw. Selbstmord begangen haben.
Ich wohne ja recht nah am Pik As, und hier ziehen sie auch in immergleichen Rhythmen durch die Straßen, völlig aus jeder Form gefallen … Das wurden so Mitte der 90er immer mehr, die dann an Straßenecken standen und Imaginiertem Vorträge hielten.
Die Erfahrung, selber zu hungern, musste ich zum Glück nie machen, verstehe Deine Reaktion aber sehr gut.
Ich vermute, dass irgendwo da, wo die “strukturelle” Gewalt internalisiert, wo die Grausamkeit quasi privatisiert wird, wo sich Institutionen aus der Verantwortung stehlen, wo die vollbrachte Gewalt nur zu größerer Grausamkeit führt, Prozesse beginnen, durch die die Grausamkeit beispielsweise in Institutionen, die dafür geschaffen sind, sich verselbstständigen und sadistische Exzesse in Gang setzen. Ähnlich wie jenes Phänomen, das ich in meiner Privatterminologie Ressentiment nenne: Man hasst diejenigen, die man hasst, dafür, d a s s man sie hasst, wofür sie bestraft werden müssen, was, einmal vollbracht, sie nur noch hassenswerter macht, und so weiter und so fort … Aber der Sadismus, den du oben anführst, scheint sich für mich eben durch die Gefühlskälte auszuzeichnen – also auch durch die Abwesenheit von Hass. Das sind noch unfertige Gedanken bei mir …
Also, ich kann mich daran erinnern, dass wir, wenn wir nachts in Kairo unterwegs waren, über Familien hinwegstiegen bzw. an ihnen entlangkamen, die nachts auf dem Straßenpflaster schliefen – und uns peinlichst bemühten, sie nicht zu wecken. Unsere ägyptische Gastfamilie wohnte in einer Villa in Heliopolis. Im Park dieser Villa lebte eine Obdachlosenfamilie in einer selbstgegrabenen Erdhöhle. Denen brachte die Mutter unseres Gastgebers morgens Kaffee. Wir erlebten auch, dass ein Mann ohne Beine, auf einer Sperrholzpalette mit angeschraubten Rädern als provisorischem Rollstuhl, von einem Bus mitgenommen wurde, wofür erstmal die Hälfte der Fahrgäste aussteigen musste, um ihn hineinzutragen. Der Busfahrer brachte ihn dann bis zu der Adresse, wo er hinwollte und verließ dafür seine reguläre Route, um sie später wieder aufzunehmen. Das ist in Ägypten so selbstverständlich, dass ich mich nach der Rückkehr erstmal wunderte, wieso deutsche Busfahrer das nicht machen. Soweit ich weiß, sieht der Umgang mit der offensichtlichen Armut in den meisten arabischen Gesellschaften so aus: In erster Linie Gesten der Humanität im Alltag, bei aller furchtbaren Bitterkeit des Schicksals der Armen.
Soll heißen: Es gibt keine gesellschaftliche Zwangsläufigkeit im Zusammenhang mit Gewöhnung an den Anblick offensichtlichen Elends und Abstumpfung.
Stehe noch etwas unter dem Eindruck der Bilder aus Duisburg. Horror. Totaler Horror. In einem Tunnel von Herandrängenden tot gequetscht und getrampelt werden.
Na, trotzdem:
@Ziggev:
Da ist, glaube ich, viel dran – bei denen, die überhaupt noch Menschen als Menschen empfinden. Flächendeckende Entmenschlichungsmechanismen all der Hetzer die Hartz IVler, der Frauenverächter usw. sind ja über solche Wahrnehmungen gewissermaßen hinais.
Ansonsten geht es ja immer um die Kopplung von Status und funktionaler Hierarchie. Was da in diesem Ferienlager geschehen ist, ist ja in den USA als “Hazing” oder “Bullying” an vielen gerade Militär- und Eliteschulen seit Jahrzehnten institutionalisiert, da muss man halt durch. Auch und gerade Columbine war eine Schule, wo die “Jocks”, die guten Sportler, die Lizenz zum Quälen hatten, u.a. Juden wurden öffentlich gedemütigt. Insofern kann man schon guten Gewissens behaupten, dass kapitalistische Verwertungszusammenhänge und soziale Hierarchien sich da koppeln im strikten Sinne der Funktionalität.
Was ja ein finsterer, psychologischer Effekt ist, ist, dass all das in schwulen Pornos wieder auftaucht, das gibt es “Hazing”-Reihen. Insofern ist das einigermaßen krude, nun die Kenntnisnahme und Imitation der im wechselseitigen Einvernehmen für manche ja offenkundig lustvolle Praktik des “Fistens” durch die Kids im Netz auf einmal im Mittelpunkt steht – während umgekehrt die Gedemütigten auf die “Hazing”-Praktiken einen runter holen, was ja plausibel ist. An den Horror des “schwul mich bloß nicht an” in Umkleidekabinen erinner ich mich bestens, auch diese ganzen nassen Handtücher auf blanken Ärschen, das ist ja alles immer doppelt konnotiert. Und dieses Verständnis von Sexualität, das sich hinter dieser “Infektion durchs Internet” verbirgt, ist völlig verdreht.
Kennt ihr Bücher von dem Goldschmidt, dem Handke-Übersetzer? Der spielt solche Themen literarisch am Beispiel eines gequälten, jüdischen Kindes durch.
@Che:
Wahrscheinlich setzt Solidarität tatsächlich da ein, wo Armut immer massiver wird, korrelativ zu Brutalität im Überlebenskampf.
Und in Hamburg, der Großstadt, geht’s halt etwas härter zu als in Mittelstandsidyllen wie Göttingen, ist doch klar. Wobei ich immer wieder diese Wende so um ’94, ’95 herum betonen würde – Ende der 80er schien es mir noch nicht so heftig zu sein.
@”Wahrscheinlich setzt Solidarität tatsächlich da ein, wo Armut immer massiver wird, korrelativ zu Brutalität im Überlebenskampf.” — Eines meiner Schlüsselerlebnisse in Ägypten war, dass der Fahrer eines Wassertankwagens das Wasser in den Boden auslaufen ließ und mich herwinkte, damit ich mich waschen und Zähne putzen konnte. Der Gouverneur des Südsinai war gerade zu Besuch, und für ihn und seine Gefolgschaft hatte man den Bade- und Toilettenbereich unseres Camps gesperrt. Er sabotierte das durch sein Wasserversickern und meinte “Ist er ein Gott? Der Wasserbereich ist für Euch Touristen und für das Personal da, nicht für hohe Herren aus Suez. Die Zeiten von Ramses sind endgültig vorbei!”. Solche Akte der alltäglichen Sabotage habe ich da ständig erlebt. Ich würde sogar sagen, dass sie dort Bestandteil der allgemeinen Mentalität sind, auch bei Soldaten und Polizisten. Und Akte wie der Irak-Krieg zielen m.E. darauf ab, diese Mentalität aufzubrechen und kleinzukriegen. Sowas wie den Spruch meines Namenspatrons “Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker” habe ich in “Drittweltländern” real erfahren, und ich glaube, dass es darauf einen ganz massiven Angriff der Metropolenmächte gibt.
@Hamburg: Ich lebe ja auch nicht mehr in Göttingen und habe erlebt, wie sich das in Bremen, Oberbayern, Schwaben und Hessen abspielt und würde sagen, dass die Verhältnisse da höchst unterschiedlich aussehen – mit einer Diskrepanz wie zwischen Deutschland und Marokko. Ganz im Ernst.