Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 24, 2010

Ja, ja, das Internet ist schuld …

Vielleicht hilft auch ganz schlicht ein Blick in die Klassiker der europäischen Literatur:

“Törleß und seine zwei Mitschüler Reiting und Beineberg ertappen den jüngeren Mitschüler Basini beim Stehlen, halten dies aber geheim, um ihn bestrafen und quälen zu können. Während Beineberg und Reiting Basini hauptsächlich physisch und sexuell misshandeln und foltern, versucht Törleß auf psychischer Ebene von Basini zu lernen. Obwohl auch er Basini zu einem erotischen Lust- und Versuchsobjekt degradiert und, zumindest verbal, wie einen Sklaven behandelt, widert ihn der plumpere erpresserische Sadismus seiner Mitstreiter Reiting und Beineberg zunehmend an. Trotzdem übt die Demütigung Basinis einen gewissen Reiz auf ihn aus.”

Wahrscheinlich wurde aktuell nicht traditionell genug gequält. Seltsam, dass keiner die aktuellen Geschehnisse auf Ferieninseln auf jene bei der Bundeswehr vor gar nicht allzu langer Zeit bezieht. Auch da ist Wikipedia – und Robert Musil sowieso – schlauer:

“Mit Hilfe der psychologischen Darstellung der Pubertät von vier Schülern spiegelt der Roman modellhaft autoritäre Gesellschaftsstrukturen wider, indem er einen Zusammenhang zwischen psychischer Disposition und totalitärer Institution herstellt.”

Nun mag eine Sportvereinsferienfreizeit nicht im Rahmen “totalitärer Institutionen” angeordnet sein. Vielleicht ist kollektive Menschenverachtung bereits in sich totalitär genug, dass Institutionen sich erübrigen – und da, wo sie sich auf dieser Grundlage bilden, mutieren sie zu Abu Ghraib?

“Als ich Kind war, stieg niemand ungerührt über Obdachlose hinweg, die auf dem Bordstein lagen. Aber als ich 1984 begann, mit Obdachlosen zu arbeiten, war das etwa die Zeit, als Obdachlosigkeit zum Massenphänomen wurde. Wegen Ronald Reagans Wirtschaftspolitik mit starker Umverteilung von unten nach oben, mit Kürzungen von Sozialhilfe und Deregulierung der Wirtschaft. Die Wirtschaft kam in Schwung, aber gleichzeitig waren da über Nacht Massen von Obdachlosen auf den Straßen. Das hätten wir als Nation noch zehn Jahre vorher nicht akzeptiert. Damals setzte die Wende ein: Wir akzeptierten das Inakzeptable.

Im Buch ziehen Sie deshalb eine Parallele zwischen der Behandlung von Obdachlosen in den USA und der Folter in Guantánamo und Abu Ghraib.

In den 80ern stieg ich plötzlich jeden Morgen auf dem Heimweg über Körper hinweg, und manchmal sah ich, wie Kinder über dieselben Körper stiegen. Ich hörte sie ihre Mütter fragen, “Warum schläft der Mann auf dem Gehweg?” Zwanzig Jahre später waren einige dieser Kinder unter den Freiwilligen, die in den Irak gingen. Vielleicht ist es nicht so schwer, Leute, die mit der Vorstellung aufgewachsen sind, dass gewisse Menschen bloß Müll sind, dazu zu bringen, jemand anderen zu misshandeln.”

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