Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

“Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben”

Habe mich noch nicht darüber beruhigt, mit was für einer Aggression, einem tumben Klassismus und einem kaum noch verhohlenen Rassismus die Elbvorortler, Alsteranwohner und Walddörfler ihrem Macht- und Herrschaftsanspruch im Falle des Volksentscheids über die Schulreform Geltung verschafften.

Der Klassenkampf von oben ist ja nun alles andere als neu, die Segregation wurde städtebaulich auch und gerade von SPD-Politikern wie Henning Voscherau vorbereitet, und doch erstaunt nicht, dass angesichts des Extremismus und der Gewaltbereitschaft mit staatlichen Mitteln im Sinne der Immobilienbesitzer (Auftreten der Polizei in der Schanze wie eine Besatzungsmacht, zum Selbstmord animierende Abschiebehaft usw.) das Gespenst des “Linksextremismus” beschworen wird – während die “Elite” Rechtsextremismus und FDP-Denke fusioniert.

Dass Herr von Beust, um seine CDU noch zu retten, nun einen Polizeistaatsverfechter wie Christoph Ahlhaus nach schiebt, passt nur zur allgemeinen Logik einer Politik, die per Schulsystem Krimininalität züchtet, um sich dann als Retter vor den Geistern, die sie rief, im Sinne “innerer Sicherheit” aufzuspielen.

Erst nehmen die Elbvorortler mittels HSH-Nordbank – gerettet wurden da ja deren Vermögen! -, Elbphilharmonie und all dem anderen Mist die halbe Stadt aus und nötigen ihr piefiges Kulturprogramm der Stadt auf – als wäre nicht der einzige, der (pop-)kulturell Überragendes gerissen hat, jemand, mit dem sie ihre Kinder nicht zur Schule gehen lassen wollen, nämlich Fatih Akin.

Das bißchen Gängeviertel kann dann auch nix retten, weil Jenfeld, Billstedt und all die anderen Viertel längst aufgegeben wurden, und es erstaunt wirklich, dass ausgerechnet eine Ottenserin (ist sie doch?) wie Christa Goetsch sich derer annehmen wollte und sogar einen Ole von Beust davon zu überzeugen wusste.

Das ist nämlich die einzige und letzte Hoffnung für diese Stadt, dass die satten, bildungsbürgerlich gutsituierten Linksspießer, die mittlerweile schon mit den Augen rollen, wenn man sie mit der Herkunft des Slogans “Ein Platz an der Sonne” konfrontiert, also der Quelle dessen, was den Wohlstand der Elbvorortler und Walddörfler ermöglichte (hier benennt man sogar Musikhallen nach Leuten, die in südamerikanischen Salpeterminen ihre Opfer bluten ließen), sich mal wieder klar machen, dass sie ihre schicken Immobilien auch nur dann genießen können, wenn drumherum das Leben mit all seinen ganz alltäglichen Kontrasten, Widersprüchen und seiner Vielfalt tobt.

Und, man höre und staune, genau das scheint mir passiert zu sein – der Schock angesichts der Militanz der “Gucci-Rebellen” saß gestern allen in den Knochen, mit denen ich sprach. Und fast alle hatten Sonntag überlegt, diese Stadt vielleicht doch lieber zu verlassen, dieses “Blankenese von Berlin”, wie die Mopo einst titelte – aber wohin? Auf einmal diskutiert man Umzüge nach Leipzig, weil dieses aufgeblasene Berlin kein Hanseat wirklich aushält – und dann macht es Klick, und man begreift sie, die Chance. Weil die Dreistigkeit dessen, was Tanjung Priok so treffend beschreibt:

“Als hätte George Grosz, dessen überzeichnete Skizzierungen der Berliner Parvenüs der 20iger Jahre unvergessen sind, als hätte jener George Grosz noch einmal die ewigen Jagdgründe verlassen, um die Nachfahren der hanseatischen Pfeffersäcke zu karikieren. Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben, denn die Kontaminierung „unserer“ Gymnasien sei verhindert worden. Da war dann selbst dem skeptischen Beobachter klar, warum sich ein Ole von Beust, der für die Reform geworben hatte, vor Scham und Ekel in das Private entflohen war.”

eben niemand entgangen sein dürfte. Und Widerstände erzeugt. Zieht euch warm an, ihr Nienstedtener, Klassenkampf können wir auch.

Die haben sich so großflächig enttarnt und blamiert, die Scheuerls dieser Welt, dass man fast einen Hauch von Sozialismus in den Köpfen derer spürte, die angewidert angesichts der Jubelnden sich dachten “Nö, so nicht!”. Wahrscheinlich ist den “Wir wollen lernen (und ihr dürft nicht)” noch gar nicht klar, dass sie einen Pyrrhussieg errungen haben.

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20 Antworten zu ““Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben”

  1. Pingback: Tweets that mention „Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben“ « Metalust & Subdiskurse Reloaded -- Topsy.com

  2. che2001 Juli 20, 2010 um 12:28 nachmittags

    Nachdem die CDU sich mehr und mehr vom ideologisch festgelegten Konservatismus zur pragmatischen Durchregierpartei gewandelt hat und gerade ihr Führungspersonal abkackt, organisiert sich der Rest des traditionellen Bürgertums außerhalb der CDU. Das hat was von Tea Party.

  3. momorulez Juli 20, 2010 um 1:29 nachmittags

    Ja, tatsächlich. Die schaffen es sogar, im Zuge direkter Demokratie, für die ich auch weiterhin bin, insofern muss man das Ergebnis halt akzeptieren und trotzdem gegen die Front machen, die es verbockt haben, antidemokratisch zu agitieren: “Wir haben das Parlament besiegt!”

    Und antiparlamentarische “Eliten”, da liegen George Grosz-Bilder wirklich nicht fern, sind gemeingefährlich.

  4. che2001 Juli 20, 2010 um 2:16 nachmittags

    Aber auch das ist eine Parallele zu den USA. Ein Großteil der dortigen Neuen Rechten gibt sich ja radikal basisdemokratisch (grass roots movement), das ist ja das Erschreckende.

  5. momorulez Juli 20, 2010 um 3:03 nachmittags

    Ja, die der “Gesellschaft” vorgängige “Gemeinschaft”, das gesunde Volksempfinden – die ganze “Theorie des Kommunikativen Handelns” kann man als Antwort auf dieses Problem lesen – wie kann man theoretisch das Material, das in demokratischen, wissenschaftlichen etc. Prozessen zirkuliert, also die Inhalte, fassen und Bürokratie- und Ökonomiekritik betreiben und Solidarität begründen, ohne bei dieser organischen Volksgemeinschaft zu landen. Das ist ganz schön tricky.

    Leute wie dieser Scheuerl sehen sich ja auch als Elternvertreter, die den unzulässigen Eingriffen des Staates heroisch widerstanden hätten, ein an sich ja zunächst sympathisch anmutendes Unterfangen – das dabei dann aber so eine Grütze raus kommt, das ist wirklich eine finstere Angelegenheit, die nach Weimar riecht.

  6. Nörgler Juli 20, 2010 um 3:36 nachmittags

    Der Staat begrenzt die Konkurrenz, um sie zu erhalten. Das paßt den Begrenzten nicht, und jetzt sagten einige Bürger: ‘Wir lassen uns nicht begrenzen – jetzt wird durchkonkurriert!’
    Dass die Excludierten aus der Konkurrenz herausfallen zugunsten der Durchkonkurrierer, ist nicht Frevel wider die “freie Konkurrenz”, sondern deren Vollendung.

  7. ziggev Juli 20, 2010 um 6:27 nachmittags

    Vielen Dank für die deutlichen Worte! Tat echt gut, das zu lesen.

    In der DLF-Presseschau http://www.dradio.de/presseschau/ höre ich die “Ansicht” der “Welt”: “Bildungspolitik muss endlich aufhören, Sozialpolitik zu sein.” Die Propaganda läuft weiter. Wie kommst du aber auf die Sache mit dem Pyrrhussieg? Und wie kann man da so theoretisch bleiben, wo jetzt erst recht klar ist, dass es ein Kampf ist von Oben g e g e n Unten, gegen – ganz buchstäblich verstanden – die Lebenschancen da unten, da in diesen abefuckten Stadtteilen? – Mich macht das schon wütend – auch wenn ich es mir hier in den Walddörfern abgesehen von meiner tatsächlichen finanziellen Situation recht gemütlich gemacht habe.

  8. momorulez Juli 20, 2010 um 8:36 nachmittags

    Konnte da nicht anders als deutlich, weil ich unglaublich wütend war.

    Und die Scheinjournalisten von der Welt haben mehrfach nachgelegt und gingen so weit, Schill in die Thälmann- und die Gucci-Rebellen in die Hafenstraßen-Tradition zu stellen. Absurd.

    Phyrrussieg, weil die CDU jetzt am Boden liegt und die Volldreistigkeit derer in den besseren Vierteln so drastisch offenkundig war, dass ich zumindest in meinem Umfeld fast so etwas wie eine verstärkte Mobilisierung gegen die wahr nahm und sie mehr Widerstand erfahren werden. Da hat sich eine Klasse komplett selbst demontiert.

  9. momorulez Juli 20, 2010 um 8:37 nachmittags

    PS: Die Walddörfer sind ja auch superschön!

  10. che2001 Juli 20, 2010 um 10:12 nachmittags

    Den Begriff “Gucci-Rebellen” kenne ich ja bislang eher als Bezeichnung für Leute wie Bin Laden und auch Karzai in ihren Jugendjahren :-) Ehrlich gesagt erfuhr ich nur dadurch von der Existenz der Marke Gucci – als Klamotten von Guerrillakämpfern aus öligen Dynastiefamilien.

  11. momorulez Juli 20, 2010 um 10:18 nachmittags

    Na, ölige Dynastien sind das ja hier metaphorisch gesprochen auch ;-) … weiß auch gar nicht, wer das für diese fürchterlichen hier in der Stadt geprägt hat. Ich glaube, die taz war das.

  12. che2001 Juli 20, 2010 um 10:28 nachmittags

    Aber doch eher so Fischöl. Und am Nebentisch sitzen dunkelhaarige Leute mit Geld, die Unverständliches reden, und auch da denkt man “viel Öl an einem Tisch”, und in Wirklichkeit heißen die nur Livio Mazola und sprechen Sardisch und Neapolitanisch mit Hasenscharte ;-)

    Aber gerade mit deren Kindern wollen die Guccis ja nicht, dass ihre Kinder lernen. Dabei heißt diese Stadt “Tor zur Welt” und war den Nazis bis weit in den Krieg hinein ein heißes Pflaster. Peinlich.

  13. che2001 Juli 20, 2010 um 11:25 nachmittags

    Sollte man vielleicht eine Mauer errichten, die Othmarschen von Altona, Dulsberg von Wandsbek und Wilhelmsburg von Neuland trennt?

  14. che2001 Juli 20, 2010 um 11:30 nachmittags

    “Wir wollen lernen”. “Na prächtig, dann lernt erstmal Eure Muttersprache Dänisch. Wenn traditionsbewusst, dann konsequent!”

  15. momorulez Juli 20, 2010 um 11:33 nachmittags

    Das hatte ich bei Twitter schon sinngemäß gefordert in Form des Einreiseverbots für Elbvorortler und Walddörfler in innenstädtische Bereiche. Ergänzend noch Hausarrest für Uhlenhorster, Harvestehuder und Rothenbaumler. Letztere wohnen eh zum Teil in enteignetem, jüdischen Immobilienbesitz – auf die Art haben die ja das Geld gemacht, mit dem sie heute protzen.

  16. che2001 Juli 20, 2010 um 11:37 nachmittags

    Hausarrest? Deportieren in die Westbanks!

  17. Katzenblogger Juli 21, 2010 um 8:06 vormittags

    Gewonnen hat die Initiative gegen Bildungsgerechtigkeit vor allem in Harburg, Wilhelmsburg, Billstedt, Jenfeld, Rahlstedt, Rahlstedt, Poppenbüttel, Farmsen, Mümmelmannsberg, Wandsbek und Bergedorf. Dort hat sie ihre größten Stimmenvorsprünge erarbeitet. In Uhlenhorst, Winterhude, Barmbek-Nord, Osdorf, Stellingen, Hoheluft und ganz besonders in St.Pauli, Ottensen, Eimsbüttel und Altona stimmten die Bürger jedoch überwiegend oder sogar weit überwiegend solidarisch ab. Ein hoher FDP-Anteil unter den Stimmbürgern korrellierte sehr stark mit hohen Abstimmungszahlen für die Idioteninitiative, während ein hoher Grünen-Anteil (bei den jeweiligen Stimmbezirken) sehr stark mit einem solidarischen Abstimmungsverhalten korrellierte. Und ich behaupte, dass fast die Hälfte derjenigen, welche der “Initiative” ihre Stimme gaben, ziemlich entsetzt sein dürften, wenn man sie darüber aufklärt, wofür sie eigentlich abgestimmt haben, nämlich für die Zementierung von Bildungsungerechtigkeit (z.B. eine Abiturientenquote von 14 Prozent in Billstedt, während in Blankenese weit über 50 Prozent der Schüler ins Gymnasium gelangen).

    Was tun? Ich befürworte eine nicht-optionale Rizinusgarantie für Kampagne finanzierende gutverdienende Elbvorörtler. ;-)

  18. momorulez Juli 21, 2010 um 8:28 vormittags

    “Und ich behaupte, dass fast die Hälfte derjenigen, welche der „Initiative“ ihre Stimme gaben, ziemlich entsetzt sein dürften,”

    Das kann sogar gut sein. Und vergessen darf man halt auch nicht, dass die Migranten eben NICHT durften, obwohl sie je nach Quelle zwischen 30% und 50% der Hamburger Schülerschaft stellen. Die Frage ist ja zudem, wie es die Scheuerl-Leute eigentlich geschafft haben, so zu mobilisieren, was den Primarschulverlängerungsbefürwortern nicht gelang – und das impliziert auch jene Frage, wieso so viele Leute durch demokratische Prozesse gar nicht mehr zu erreichen sind. Was wohl als Antwort u.a. die Möglichkeit ergibt, dieses Rexrodtsche “Wirtschaft wird in der Wirtschaft” gemacht”, also “Bringt doch eh nix, wenn ich wählen gehe” da immer wieder neu zu diskutieren.

    PS: Dass die HSH-Nordbank als Eigner, wenn ich das richtig verstehe bei Twitter, gerade das Tacheles räumen lässt, zeigt, wie weit die Krakenarme “unserer” Hamburger “Eliten” reichen – deren Rettung nun auch von meinen nicht unerheblichen Steuern und Zinszahlungen an städtisch-bankliche Institutionen vollbracht wurde, und wir bürgen ja allesamt höchstpersönlich für die, siehe Island.

    Und das ist ja das allerwiderlichste, dass die auch noch erwarten, die Elbvorortler, dass die zu besteuernden Gehälter aller ihren verfickten Gören die Gymnasien bezahlen, während sie ihre Kohle wahlweise in der Schweiz parken, prima Steuersparmodelle nutzen und in einem Filz wie dem Hamburger, wo alles über die Granden aus der Immobilenwirtschaft läuft, zudem beste Zugänge zu öffentlichen Aufträgen haben. Die sitzen wie die Maden im Speck und treten allen anderen dafür in die Eier.

  19. Andreas August 5, 2010 um 1:21 vormittags

    Ich bin jetzt erst auf deinen Blogbeitrag gestoßen. Wahrscheinlich kennst du schon meinen Artikel, den ich relativ emotionslos verfasst habe. http://dishwasher.blogsport.de/2010/07/18/hamburger-volksentscheid-wahlbeteiligung-spiegelt-armutsverteilung/
    Ich finde es richtig, hier von Klassenkampf zu sprechen, obwohl sich das beißt mit dem Klassenbegriff, der zwischen Kapitalbesitzern und denen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, unterscheidet. Reiche Unternehmer schicken ihre Kinder eh auf Privatschulen. Wär hier Klassenkampf geführt hat, das waren die gutverdienenden privilegierten Rechtsanwälte, Chefärzte, etc. Dem Kapital wäre wahrscheinlich eine Modernisierung des Bildungssystems lieber gewesen, also mehr Ingenieure und weniger “Risikoschüler”.

  20. momorulez August 5, 2010 um 8:53 vormittags

    Na ja, selbst die Nicht-Privatschulsichleistenkönner mit ihrer Abgrenzung “nach unten” reproduzieren halt auch die Klassenstruktur …

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