Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 20, 2010

“Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben”

Habe mich noch nicht darüber beruhigt, mit was für einer Aggression, einem tumben Klassismus und einem kaum noch verhohlenen Rassismus die Elbvorortler, Alsteranwohner und Walddörfler ihrem Macht- und Herrschaftsanspruch im Falle des Volksentscheids über die Schulreform Geltung verschafften.

Der Klassenkampf von oben ist ja nun alles andere als neu, die Segregation wurde städtebaulich auch und gerade von SPD-Politikern wie Henning Voscherau vorbereitet, und doch erstaunt nicht, dass angesichts des Extremismus und der Gewaltbereitschaft mit staatlichen Mitteln im Sinne der Immobilienbesitzer (Auftreten der Polizei in der Schanze wie eine Besatzungsmacht, zum Selbstmord animierende Abschiebehaft usw.) das Gespenst des “Linksextremismus” beschworen wird – während die “Elite” Rechtsextremismus und FDP-Denke fusioniert.

Dass Herr von Beust, um seine CDU noch zu retten, nun einen Polizeistaatsverfechter wie Christoph Ahlhaus nach schiebt, passt nur zur allgemeinen Logik einer Politik, die per Schulsystem Krimininalität züchtet, um sich dann als Retter vor den Geistern, die sie rief, im Sinne “innerer Sicherheit” aufzuspielen.

Erst nehmen die Elbvorortler mittels HSH-Nordbank – gerettet wurden da ja deren Vermögen! -, Elbphilharmonie und all dem anderen Mist die halbe Stadt aus und nötigen ihr piefiges Kulturprogramm der Stadt auf – als wäre nicht der einzige, der (pop-)kulturell Überragendes gerissen hat, jemand, mit dem sie ihre Kinder nicht zur Schule gehen lassen wollen, nämlich Fatih Akin.

Das bißchen Gängeviertel kann dann auch nix retten, weil Jenfeld, Billstedt und all die anderen Viertel längst aufgegeben wurden, und es erstaunt wirklich, dass ausgerechnet eine Ottenserin (ist sie doch?) wie Christa Goetsch sich derer annehmen wollte und sogar einen Ole von Beust davon zu überzeugen wusste.

Das ist nämlich die einzige und letzte Hoffnung für diese Stadt, dass die satten, bildungsbürgerlich gutsituierten Linksspießer, die mittlerweile schon mit den Augen rollen, wenn man sie mit der Herkunft des Slogans “Ein Platz an der Sonne” konfrontiert, also der Quelle dessen, was den Wohlstand der Elbvorortler und Walddörfler ermöglichte (hier benennt man sogar Musikhallen nach Leuten, die in südamerikanischen Salpeterminen ihre Opfer bluten ließen), sich mal wieder klar machen, dass sie ihre schicken Immobilien auch nur dann genießen können, wenn drumherum das Leben mit all seinen ganz alltäglichen Kontrasten, Widersprüchen und seiner Vielfalt tobt.

Und, man höre und staune, genau das scheint mir passiert zu sein – der Schock angesichts der Militanz der “Gucci-Rebellen” saß gestern allen in den Knochen, mit denen ich sprach. Und fast alle hatten Sonntag überlegt, diese Stadt vielleicht doch lieber zu verlassen, dieses “Blankenese von Berlin”, wie die Mopo einst titelte – aber wohin? Auf einmal diskutiert man Umzüge nach Leipzig, weil dieses aufgeblasene Berlin kein Hanseat wirklich aushält – und dann macht es Klick, und man begreift sie, die Chance. Weil die Dreistigkeit dessen, was Tanjung Priok so treffend beschreibt:

“Als hätte George Grosz, dessen überzeichnete Skizzierungen der Berliner Parvenüs der 20iger Jahre unvergessen sind, als hätte jener George Grosz noch einmal die ewigen Jagdgründe verlassen, um die Nachfahren der hanseatischen Pfeffersäcke zu karikieren. Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben, denn die Kontaminierung „unserer“ Gymnasien sei verhindert worden. Da war dann selbst dem skeptischen Beobachter klar, warum sich ein Ole von Beust, der für die Reform geworben hatte, vor Scham und Ekel in das Private entflohen war.”

eben niemand entgangen sein dürfte. Und Widerstände erzeugt. Zieht euch warm an, ihr Nienstedtener, Klassenkampf können wir auch.

Die haben sich so großflächig enttarnt und blamiert, die Scheuerls dieser Welt, dass man fast einen Hauch von Sozialismus in den Köpfen derer spürte, die angewidert angesichts der Jubelnden sich dachten “Nö, so nicht!”. Wahrscheinlich ist den “Wir wollen lernen (und ihr dürft nicht)” noch gar nicht klar, dass sie einen Pyrrhussieg errungen haben.

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