Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 8, 2010

Historische Kontinuitäten

Nicht, dass die “Jungle World” mein Leib – und Magen-Blatt wäre – in einem grandiosen Rundumschlag seziert Rainer Trampert jedoch derart treffsicher in der Ausgabe vom 8. Juli die aktuelle bundesrepublikanische Wirklichkeit, dass es eine Freude wäre, schmerzte nicht so sehr, was er beschreibt (via Herr Guenni/Twitter). Ist das jener Rainer Trampert, wegen dem wir einst, damals, die Wahlerfolge der GRÜNEN feierten, als auch ein Ebermann dort noch aktiv war?

Und wieder scheint es mir wie bereits seit den frühen Neunzigern, als seien es bis heute wilhelminische Kontinuitäten, die die Struktur dieses Landes prägen, so erklärt sich die folgende Auswahl der Zitate:

Sozialdemokraten und Grüne, die gestern noch versichert hatten, lieber eine Minderheitsregierung bilden zu wollen, als auf Stimmen der Linken zurückzugreifen, beklagten sich über das Fehlen linker Stimmen und wiederholten wie Sprechautomaten, die Linke habe ihre »Stasi-Vergangenheit noch nicht bewältigt«. 50 Cent in den Schlitz: »… nicht bewältigt.« Noch ein 50-Cent-Stück, aber nur wenn Claudia spricht! »Gauck ist eine Brücke … nicht bewältigt«. Dann kam Wolfgang Thierse und erzählte – in einer besorgniserregenden hyperventilierenden Verfassung –, dass er in der Halle bei den Linken »diesen Hass auf Sozialdemokraten gespürt« habe, den man aus der Geschichte kenne. Vielleicht war ihm der ehemalige Sozialdemokrat Dieter Dehm über den Weg gelaufen. Trotzdem: Der Mann gehört wegen übler Nachrede vom Fleck weg verhaftet. Thierses Genossen haben zum vaterländischen Krieg aufgerufen, waren in die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verstrickt und gaben den Befehl, auf Kommunisten zu schießen. Aber die postmoderne Philosophie macht keinen Unterschied zwischen Realität und Imagination; also darf man lügen, wenn man die Lüge nur ehrlich empfunden hat.

Nationales Pathos mobilisieren, um der Linken das Wasser abzugraben, und sich dabei auch noch antotalitär geben und Geschichte klittern: Altbewährte Methoden. Über Gaucks Ausfälle war in den letzten Wochen viel zu lesen, der folgende war mir nicht bekannt:

Die Süddeutsche Zeitung fragte, warum SPD und Grüne ausgerechnet den »fundamentalen Anti sozialisten« vorgeschickt haben, der mit der »Standardthese« hausieren geht, dass der Kommunismus »mit ausdrücklichem Bezug auf die DDR als ebenso totalitär eingestuft werden muss wie der Nationalsozialismus«, der Kommunisten anlastet, das »Unrecht« der Vertreibung »zementiert« zu haben, »als sie die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten«, und dem bei Willy Brandts Entspannungspolitik »im Rückblick« der Verlust größer vorkommt als der Gewinn.”

Ja, ja, die “ostelbischen Junker”, jene, die im Kaiserreich so prägend waren für die Politik, sie fehlen der Nationalen Rechten heute. Frau Merkel gibt sich alle Mühe, das zu kompensieren und quatscht derweil annähernd daher wie Herr Claß vom Alldeutschen Verband, wenn er über die “Schwachen” unter den Nachbarvölkern quatschte :

“Auf dem Gipfel der 20 führenden Staaten betonte Merkel stur, nicht Deutschland habe sich abzustimmen, sondern »die Schwachen haben sich nach uns zu richten«. Helmut Schmidt sprach zu recht von »wilhelminischer Großspurigkeit«.”

Da stimmt man also sogar Helmut Schmidt mal zu, zusammen mit Rainer Trampert. Harsche Zeiten. Text unbedingt ganz lesen!

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