Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 6, 2010

An Zimmerdecken und in Zimmerecken starren

“Ich kann niemanden mehr lieben, werd von keinem mehr geliebt. Habe mich genug zerrieben und nichts bleibt, was mich betrübt. Mir geht’s gut!” (Georgette Dee) An Zimmerdecken und in Zimmerecken starren, von draußen dringt der Schrei der Vuvuzela. Manchmal befällt mich die Ahnung, es könne sich insgeheim um Hilfeschreie handeln all der Verlorenen. Derer, die man sonst übersieht und überhört.

Na gut, vielleicht würden sie ja nur gerne ganz anders blasen. Wemauchimmer. Oder schlicht “Es gibt mich!” tröten. Ganz einfach ihre Existenz beweisen. Weil Struktur und Handlung, Teilnehmer- und Beobachterperspektive, Subjekt und Objekt eben doch nicht gleichzeitig gedacht werden können.

Vielleicht ist dieses nervige Blöken der Versuch, all das doch ineinander aufgehen zu lassen. Nicht, dass ich davon ausginge, die Akteure hätten sich zuvor tiefschürfende Gedanken über Handlungstheorie gemacht. Aber wer einkaufen geht, hat ja auch in seltenen Fällen nur den Homo Oeconomicus studiert.

Vielleicht sind diese Vuvuzela-Blowjobs aber deshalb so prima, weil man mal wirklich was verantwortet – den punktuellen Lärm halt. Ursache, Wirkung.

Das war schon bei den geistig Behinderten, den großartigen, die ich einst betreute, so: Auf Knöpfe drücken – prima! Da passierte unmittelbar was – das Licht ging an! Und in Fahrstühlen musste ich immer aufpassen, dass der recht kräftige Junge nicht Mitfahrer wegboxte, weil er doch auf die Knöpfe drücken wollte.

Da geht das ja mit der Verantwortung – beim Knöpfe drücken, Schiessen, Messerstechen. Auch die Rauchverbotsdebatten sind deshalb so prima, weil man einzelne Handlungen als Ursache ausmachen und Personen zuordnen kann. Da freut sich der Christ, dass er schuldig sprechen kann.

Sich jedoch in individuellen Handlungen nun die Gesamtlast des Kapitalismus aufzubürden und in jeder derer gegen ihn zu agieren zu wollen, das macht nur die Differenz zwischen dem Kommunistischen Manifest und dem Kapital deutlich. Und selbst im Manifest geht es nur zusammen mit Anderen, nicht im Sinne individualisierter Verantwortung.

So starre ich stattdessen an Zimmerdecken und in Zimmerecken und höre Musik. Mein Hund träumt laut, zuckt und quiekt dabei. Wir beide lassen sein – er den Traum, ich die Handlung.

Wahrscheinlich ist das sein lassen wirklich die einzige Lösung. Die Ohren öffnen sich, der Wille lahmt, und da ist die Musik meiner Zufallsauswahl. Prima, die Fleet Foxes!

Und im Lauschen der Musik geschieht das Wunder: Subjekt und Objekt fallen tatsächlich zusammen und lösen sich auf in der Raumzeitstruktur der Musik. Schön. Und zum Einstieg habe ich mal wirklich gelogen: Meinen Hund liebe ich sehr …

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