Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 1, 2010

Rundumschlag: Der Heimatfilm des “ich-doch-nicht!”

Wie kommt es eigentlich, dass in einer strukturell rassistischen, homophoben und sexistischen Gesellschaft immer die auf die Nase bekommen, die darauf hinweisen, dass das so ist; ja, dass sie gar als die vermeindlich wahrhaft Herrschenden, die mit PC-Terror die Welt unterjochen wollen, nur die arme, unschuldige Masse quälen, sich Angriffen ausgesetzt sehen?

Gut, neulich ein erhellender Hinweis in der Kommentarsektion: “Frage mich schon immer, was habe ich nun wieder falsch gemacht, wenn Du was schreibst.” Okay. Das hat was mit Schuldgefühlen zu tun, vermute ich, und vor allem dem Willen, eben nicht so sein zu wollen wie das, was hier kritisiert wird.

Trotzdem. Heute des Mittags: Eine gute Freundin ruft erschöpft aus, man glaube ja gar nicht, was für ein Shitstorm los breche, wenn man sich antirassistisch engagiere. Ja, es ist tatsächlich erstaunlich.

Ist ja auch lange schon Thema hier im Blog, diese Wut und Verletzung allerorten, erläutert man homopobe Stereotype, sexistische Muster, rassistische Mechanismen, auch, verweist man auf Historie; zu einer identitären Frage hin wird alles aufgelöst, nein, so BIN ich nicht; und die vollends Aufgeklärten wollen es sich auch “nicht verbieten” lassen”, ordentlich mit Scheiße um sich zu werfen, weil sie all das natürlich überwunden haben. Der schwarze Blog analysiert treffend, ein Kommentator pointiert:

“Das Blut, das an unserer Vorfahren klebt, durch Versklavung, Verschleppung, Vergewaltigungen und Erniedrigungen wird nicht gesehen, wird in Satiren und Witzen einfach weggewischt.”

Ja. Wie eigentlich immer und überall. Und wehe dem, der trotzdem drüber spricht. Der ist natürlich der wahre Rassist, weil er ja ignoriere, dass doch alle Menschen gleich seien. Differente Erfahrungen? Fehlanzeige. Soziale Realitäten? Nö, es gibt nur das Normative selbst, das ganz wie bei Hegel im Hier und Jetzt zu sich selbst kam als gesellschaftliche Wirklichkeit.

Alles wird getan, um das männliche, weiße, heteronormative und sexistische Deutungsmonopol aufrecht zu erhalten, insbesondere auch bei der Geschichtsschreibung. “Ein Platz an der Sonne” mutiert so geschichtsvergessen zum karikativen Selbstbild des Deutschen an sich und seiner  ach so flurbereinigten Nachkriegsgeschichte, die nur aus Tsunami-Spendern, die immer schon christlich nächstenlieb “Brot für die Welt” befruchteten, besteht – und weil man so gut und fleißig ist, darf man auch wieder austeilen und zurechtweisen, vor allem die faulen Griechen und messerstechenden “Südländer”, weil diese all das Unheil in den blitzblanken, weißen Volkskörper hinein tragen.

Wer auf anderes verweist, gilt Miesmacher, Nestbeschmutzer, neuerdings sogar als Spitzel des Springer-Verlages, ausgesandt, z.B. um St. Pauli-Fans zu diskreditieren. Einen Lacher später fiel mir die Mutmaßung in Rostocker Fan-Foren ein, die Randale in Düsseldorf sei ja von St. Pauli-Fans inszeniert gewesen, um Hansa Rostock zu diskreditieren. Ach so.

Seltsamerweise gelten z.B. bei Feminismus-Kritik und 68er-Bashing ganz andere Regeln. Da ist im Selbstverständnis lediglich das “Immunsystem” am Wirken, das “Artfremdes” abstößt; komischerweise kommt da von nix und niemandem der Vorwurf des “Nestbeschmutzens”. Das sind DIE ANDEREN, beim Feminismus ist das schon kurios; noch kurioser, das die antimuslimische Hetze der EMMA genau die Struktur reproduziert, gegen die sie einst angetreten war.

Ganz ähnlich gestern, wiederum, ja, auch die Kurve schaffe ich, bei der Bundespräsidentenwahl. Gauck ist wohl auch deshalb so populär, weil er diese priesterliche “Wir sind so gut und voller Zuversicht!”-Rhetorik perfekt beherrscht und es zudem schafft, nationale Motive mit dem Sieg in der “Systemkonkurrenz” zu verbinden und sich dabei natürlich total weltoffen, fröhlich, überparteilich und tolerant wie der Deutsche an sich sich zu geben, während er Arbeitslose paternalisiert, die doch “wieder Bürger werden wollten” (sinngemäß zitiert).

Und dann sind natürlich DIE LINKE die Anderen – und vor allem die zugleich undeutschen. Ich meine jetzt nicht die reale Linke in manchen Kommunen und darüber hinaus, die “Fremdarbeiter” geißelnd am selben Töpfchen naschen will und mit nationalen Parolen wenig Probleme hat. Ich meine lediglich jene in den Augen der herrschen Klasse.

Denn seltsam, dass die DDR nie als typisch deutsch rezipiert wurde, obwohl sie dies zweifelsohne war. So fordert man ganz wilhelminisch in politischen Kreisen bruchlos dem Strafrecht der DDR folgende Maßnahmen gegen Arbeitslose und stattet Arbeitsagenturen mit stasiesken Befugnissen aus, okay, bei Folter und Knast sind wir noch nicht; gleichzeitig arbeitet man sich jedoch an jenen ab, die zum Teil nur für ganz Ähnliches in Steigerungsform verantwortlich waren.

Als “Nestbeschmutzung” wird diese Externalisierung einmal mehr nicht wahr genommen, wieso ist eigentlich kein Nestbeschmutzer, wer DIE LINKE kritisiert? Ist doch auch eine deutsche Partei. Marx, Lasalle, Bebel: Alles Deutsche.

Stattdessen schreitet auch noch eine Quasi-Ethnisierung des Politischen fort.  Seit Jahren erstaunt es mich, mit was für Charaktereigenschaften ausgestattet man z.B. durch das Universum der liberalen Blogosphäre spaziert als sich politisch links wähnender Blogger; ganz, wie die “Völkerundler” einst ihr Bild vermeindlich “exotischer Stämme” zeichneten, entsteht eine linke Charakterologie der Missmutigen, Griesgrämigen, Missgünstigen, Neidischen, der Spassbremsen – auf linker Seite äquivalent die Gierigen, Skrupellosen, Egoistischen, Maßlosen bei der jeweils definierten, gegnerischen Fremdgruppe, passiert mir ja auch oft.

Kurz: Das wird das Andere konstituiert und mit möglichst fiesen Eigenschaften versehen, die jeweils irgendetwas mit personaler Identität zu tun haben. Es gibt gar keine Sätze, Verhaltensweisen, Tätigkeiten, Handlungen, Aussagen, nö, nur Personen mit Eigenschaft, die als Selbstsein begriffen werden. Insofern kratzt jede Kritik auch gleich an einer Konzeption des Egos, das an Gruppenidentitäten gekoppelt die heile, gute Welt des deutschen Dorfes bewohnt.

Und wehe dem, der mit kritischen Fragen eindringt in diese Welt des Heimatfilms, in dem die Menschen ehrlich, aufrecht und bescheiden sind, so weltoffen, postrassistisch, total geschlechteremanzipiert und allen Lebensformen gegenüber aufgeschlossen. Der kommt in Abschiebehaft.

Kolonialismus und Fussball

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