Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juli 2010

Trauer und Antisemitismus

Seltsam an einem Tag, da Merkel, Wulff und die Staatskirchen Trauer annektierten und kolonisierten, wo doch ein Trauer-Rave die richtigere Antwort gewesen wäre, die folgenden Zeilen zu lesen:

“Während der Aids-Krise (die übrigens andauert, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent) habe ich über den Skandal geschrieben, dass Homosexuelle ums Leben kommen, ohne dass explizit und öffentlich um sie getrauert wird.”

Halte das verlinkte Interview für durchaus bedeutsam. Insbesondere hinsichtlich des Rassismus in der schwulen Szene hatte ich bereits mehrfach hier allerlei Lesenswertes und Diskussionswürdiges verlinkt rund um die Ablehnung des “CSD-Preises” durch Judith Butler.

Kontroverser fast auch unter der Leserschaft dieses Blogs dürften Butlers Äußerungen zu Israel sein. Ähnlich, wie die Erledigung des Denkens von Michel Foucault häufig mit seiner vermeindlichen Parteinahme für Khomeni (völliger Humbug das, hat er nie) vollzogen wird, werden Judith Butler seit geraumer Zeit Äußerungen zur Hamas unter die Nase gerieben, als sei damit jegliche Auseinandersetzung mit ihrem Denken erledigt. Ein Teil ihrer zutiefst verletzten Antwort sei zitiert:

“Ich habe mich auch gefragt, ob die Verwendung meiner gekürzten Bemerkungen über Hamas und Hizbollah nicht selbst eine Art antisemitischer Angriff war. Ich spüre in der Tat wieder meine Verletzbarkeit als Jüdin in Deutschland, wenn ich auf diese Art und Weise in den Medien diskreditiert werde. Es wäre mindestens paradox, wenn ich als queere Jüdin mich für Hizbollah und Hamas aussprechen würde, wie das in der Taz nahegelegt worden ist. Ihre Taktik, in der meine Aussagen verzerrt worden sind, hat mein Jüdin-Sein negiert und mich als eine selbsthassende Jüdin dargestellt, und in diesem Sinne wurde mir Gewalt angetan. Es ist ein großer Schritt von der Aussage »Judith Butler verteidigt die Rechte migrantischer Queers und ihrer Kämpfe, einschließlich der arabischen Communities in Deutschland« zu der Überschrift »Im Bett mit der Hizbollah«. Meine tatsächliche Position, die sich in Übereinstimmung befindet mit der jüdischen Ethik, besteht darin, Gleichheit für alle Minderheiten zu fordern. Das macht mich nicht zu jemandem, der gewalttätige Politik gutheißt. Das tue ich nicht. Aber Sie haben recht, es gibt keine Möglichkeit zu verhindern, dass die eigenen Worte von Leuten aufgenommen werden, die sie für antisemitische Zwecke benutzen. Deswegen muss jede Kritik der israelischen Politik eindeutig und unmissverständlich gegen Antisemitismus sein.”

Ja. Halte das Interview für wichtig und empfehle jedem die Lektüre (via Antje Schrupp/Twitter).

Deutschenkriminalität

“26 Kinder wurden 2010 beim Drogenhandel erwischt. 20 davon haben die deutsche Staatsbürgerschaft und leben bei ihren Eltern.”

Die Neue Rechte hat eine neue Märtyrerin – die wohl hochrespektable Richterin Kirsten Heisig, deren Vermächtnis nach ihrem Freitod ein Buch über ihre Arbeit als Jugendrichterin ist. Die Rezeption des Werkes erstaunt nicht und erschreckt doch: DIE WELT verkündet bereits wie üblich unappetitlich, boulevardesk und großmäulig, das “Verschweigen von “Ausländerkriminalität” (!) schade Migranten“, die dpa referiert plakativ Thesen, die als “pauschalisierend” diagnostiziert werden – und hofft doch auf den Anstoß zu einer Diskussion, die im selben Sinne über “Deutschenkriminalität” nie geführt würde.

Gerade der A-Team-“Text” ist symptomatisch für eine völlig krude Rezeption, die, ganz, als habe man Norbert Elias als Gebrauchsanweisung gelesen, die “Generalisierung von Negativstereotypen bei Fremdgruppen” betreibt, eben das, was ausnahmsweise zu recht als “struktureller Antisemitismus” verstanden werden kann.

Das Bemerkenswerte ist, dass die Wahrnehmung von jemandem, der nur “Delinquenten” im Arbeitsalltag zu sehen und zu sprechen bekommt, also solche, die wahlweise einer Straftat verdächtigt wurden oder eine solche begangen haben, auf einmal zum Kronzeugen allgemeiner Kulturdiagnostiken heran gezogen wird. Das ist in etwa so, als würde ein Onkologe den Krebs als Eigentlichkeit und Wesen der Deutschen behaupten, und alle plappern nach – und das Beispiel sei nicht angeführt, um die miese Metapher des “Krebsgeschwürs Kriminalität” zu beschwören.  Es dient dazu, einmal mehr zu rekonstruieren, wie über die diskursive Produktion der verallgemeinerten Abweichung zugleich Normalität konstituiert wird, während die Abweichung in diesem Fall plötzlich zum herkunftsbedingten “Charakter” mutiert – auch, um ein positives Selbstbild zu erzeugen. Eine übliche Praxis der Mehrheitsgesellschaft, die Selbstvergewisserung durch Instrumentalisierung der Anderen betreibt.

Dass eine Richterin ihre Berufsrolle, so scheint es, gar nicht mehr reflektiert, sondern die richterliche Perspektive als Blick des Soziologen behauptet, darf passieren – nicht jedoch diese Unart von Journalisten, so zu tun, als würden sie Recht sprechen.

Um so angenehmer der differenzierte Blick der Frankfurter Rundschau. Sie belegt, wie eine Kombination von literarischen Mitteln und dem Willen zur Informationsbeschaffung die Leitartikel-Generalisierung unterläuft und so eine Annäherung an Wirklichkeiten das stammtischafte Draufgehaue zu sabottieren vermag:

“Wenn es um Araber geht, wird Heisig hart. Der Staat habe kapituliert, schreibt sie, er komme an die Familienclans nicht heran , die Jugendämter seien hoffnungslos überfordert. Die Furcht vor den kriminellen Großfamilien würde alle anderen Aspekte bei weitem überwiegen. Zehn bis zwölf solcher Familien hat sie gezählt. Thomas Weylandt ärgert sich, wenn er diese Thesen hört.

Nur bei einer Familie, die Weyland kennt, treffe die Beschreibung von Heisig zu, dass der Staat nur zuschaue. Die Familie lebe abgeschottet in ihrer eigenen Welt mit archaischen Werten. Fast alle Mitglieder seien kriminell. „Da passieren am laufenden Band extreme Gewalt- und Rohheitsdelikte“, sagt Weylandt.”

In Weylandts Alltag spielen arabische Clans eine untergeordnete Rolle. Für ihn ist auch nicht erkennbar, welcher Jugendliche aus einem solchen Clan kommt. Zwei arabische Großfamilien kennt er. Bei einer lege der Vater großen Wert darauf , dass sich seine Kinder an das Gesetz halten. Als der älteste Sohn sich nicht an ein Hausverbot für ein Schwimmbad hielt, war der Vater bei der Gerichtsverhandlung. Er habe in den Saal gerufen, sein Sohn solle eine Strafe bekommen, zudem wünschte er sich, dass der Filius endlich arbeiten geht.

Weylandt, 56, ist Leiter der Jugendgerichtshilfe Neukölln. Sein Büro liegt in einem Gebäude am Ende einer Einkaufspassage, die „Kindl-Boulevard“ heißt. Er gibt pädagogische Gutachten für jugendliche Angeklagte ab. In den vergangenen zwei Jahren hat Weylandt oft in den Gerichtsverhandlungen von Heisig gesessen. In ihrem Buch lobt Heisig die „stets sorgsam erarbeiteten Berichte und fundierten Vorschläge“ der Jugendgerichtshilfe. Weylandt sagt, durch das Buch entstehe der Eindruck, dass es in dem Bezirk drunter und drüber gehe. Das sei nicht der Fall. Auch er spricht „von einem deutlichen Rückgang“ der Jugendkriminalität in seinem Bezirk. „Kirsten Heisig skandalisiert sehr problematische Einzelfälle und zeichnet dadurch ein falsches Bild von jugendlicher Gewalt in Neukölln.“

Wie Verbroderung die Wahrnehmung verdreht oder: Zum Glück gibt es darauf Antworten wie in der Frankfurter Rundschau.

Jürgen Habermas über die Menschenwürde und Menschenrechte

Der Meister spricht, und ich empfehle die Lektüre: Wie unglaublich elegant und souverän Jürgen Habermas im verlinkten Text Fragen und Kontroversen einer Diskussion rund um Recht und Moral, Menschenrecht und Menschenwürde einer Diskussion, die ich meinerseits seit mehr als 20 Jahren verfolge, komprimiert integriert, beantwortet und so fast ein Manifest formuliert – also, ich bewundere das zutiefst und uneingeschränkt. Fast versteckt finden sich Rückanbindungen an die trotz weltweiter Diskussion allseits unterschätzte Soziologie der “Theorie des Kommunikativen Handelns”, die Habermas zu Zeiten von “Faktizität und Geltung” fast schon aufgegeben zu haben schien – sie seien zitiert:

“Grundrechte können das moralische Versprechen, die Menschenwürde eines jeden zu achten, nur dann politisch einlösen, wenn sie in allen ihren Kategorien gleichmäßig zusammenwirken. Die liberalen Freiheitsrechte, die sich um die Unversehrtheit und Freizügigkeit der Person, um den freien Marktverkehr und die ungehinderte Religionsausübung kristallisieren und der Abwehr staatlicher Eingriffe in die Privatsphäre dienen, bilden zusammen mit den demokratischen Teilnahmerechten das Paket der sogenannten klassischen Grundrechte. Tatsächlich können aber die Bürger von diesen Rechten erst dann einen chancengleichen Gebrauch machen, wenn gleichzeitig gesichert ist, dass sie in ihrer privaten und wirtschaftlichen Existenz hinreichend unabhängig sind und ihre persönliche Identität in der jeweils gewünschten kulturellen Umgebung stabilisieren können. Die Erfahrungen von Exklusion, Elend und Diskriminierung lehren, dass die klassischen Grundrechte erst dann „den gleichen Wert“ (John Rawls) für alle Bürger erhalten, wenn soziale und kulturelle Rechte hinzutreten. Die Ansprüche auf eine angemessene Teilhabe an Wohlstand und Kultur ziehen der Abwälzung systemisch erzeugter Kosten und Risiken auf Einzelschicksale enge Grenzen. Eine Politik, wie sie in den letzten Jahrzehnten in der ganzen Welt vorgeherrscht hat, eine Politik also, die vorgibt, den Bürgern ein selbstbestimmtes Leben primär über die Gewährleistung von Wirtschaftsfreiheiten garantieren zu können, zerstört das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Kategorien von Grundrechten wie die Unterdrückung der Redefreiheit, des Wahlrechts oder des Zugangs zu unabhängigen Gerichten. Die gleiche Menschenwürde eines jeden begründet die Unteilbarkeit aller Menschenrechte.”

(via PBB Marx/Twitter)

Der Hintergrund vieler meiner Positionen insbesondere in der Auseinandersetzung mit den “Liberalen” findet sich hier prägnant formuliert; und da habe ich ihn ja auch her, wie oft schon erwähnt.

Ja, ja, das Internet ist schuld …

Vielleicht hilft auch ganz schlicht ein Blick in die Klassiker der europäischen Literatur:

“Törleß und seine zwei Mitschüler Reiting und Beineberg ertappen den jüngeren Mitschüler Basini beim Stehlen, halten dies aber geheim, um ihn bestrafen und quälen zu können. Während Beineberg und Reiting Basini hauptsächlich physisch und sexuell misshandeln und foltern, versucht Törleß auf psychischer Ebene von Basini zu lernen. Obwohl auch er Basini zu einem erotischen Lust- und Versuchsobjekt degradiert und, zumindest verbal, wie einen Sklaven behandelt, widert ihn der plumpere erpresserische Sadismus seiner Mitstreiter Reiting und Beineberg zunehmend an. Trotzdem übt die Demütigung Basinis einen gewissen Reiz auf ihn aus.”

Wahrscheinlich wurde aktuell nicht traditionell genug gequält. Seltsam, dass keiner die aktuellen Geschehnisse auf Ferieninseln auf jene bei der Bundeswehr vor gar nicht allzu langer Zeit bezieht. Auch da ist Wikipedia – und Robert Musil sowieso – schlauer:

“Mit Hilfe der psychologischen Darstellung der Pubertät von vier Schülern spiegelt der Roman modellhaft autoritäre Gesellschaftsstrukturen wider, indem er einen Zusammenhang zwischen psychischer Disposition und totalitärer Institution herstellt.”

Nun mag eine Sportvereinsferienfreizeit nicht im Rahmen “totalitärer Institutionen” angeordnet sein. Vielleicht ist kollektive Menschenverachtung bereits in sich totalitär genug, dass Institutionen sich erübrigen – und da, wo sie sich auf dieser Grundlage bilden, mutieren sie zu Abu Ghraib?

“Als ich Kind war, stieg niemand ungerührt über Obdachlose hinweg, die auf dem Bordstein lagen. Aber als ich 1984 begann, mit Obdachlosen zu arbeiten, war das etwa die Zeit, als Obdachlosigkeit zum Massenphänomen wurde. Wegen Ronald Reagans Wirtschaftspolitik mit starker Umverteilung von unten nach oben, mit Kürzungen von Sozialhilfe und Deregulierung der Wirtschaft. Die Wirtschaft kam in Schwung, aber gleichzeitig waren da über Nacht Massen von Obdachlosen auf den Straßen. Das hätten wir als Nation noch zehn Jahre vorher nicht akzeptiert. Damals setzte die Wende ein: Wir akzeptierten das Inakzeptable.

Im Buch ziehen Sie deshalb eine Parallele zwischen der Behandlung von Obdachlosen in den USA und der Folter in Guantánamo und Abu Ghraib.

In den 80ern stieg ich plötzlich jeden Morgen auf dem Heimweg über Körper hinweg, und manchmal sah ich, wie Kinder über dieselben Körper stiegen. Ich hörte sie ihre Mütter fragen, “Warum schläft der Mann auf dem Gehweg?” Zwanzig Jahre später waren einige dieser Kinder unter den Freiwilligen, die in den Irak gingen. Vielleicht ist es nicht so schwer, Leute, die mit der Vorstellung aufgewachsen sind, dass gewisse Menschen bloß Müll sind, dazu zu bringen, jemand anderen zu misshandeln.”

Sensationell! Dank an Kouadio Atobé!

CDU-Mitglied Kai Hähner verleitet Jugendliche

Es ist an der Zeit, Hansjörg Müller zu kolonisieren!

Solchen Autoren muss man wohl erst mal die Barbarei austreiben und ihnen universelle Moral anerziehen. Also erst mal die Achse des Guten entmündigen und ihnen Demokratie lehren. Die brauchen wohl wie die Inder einst so was wie die britische Besatzung.

Später mehr, wenn ich meine Fassung wieder gewonnen habe.

Es gab keine “Stunde 0″, liebe ARD-Fernsehlotterie!

Musste noch nachgereicht werden …

Wer gegen Nazis ist, ist ein Nazi – strukturell.

(Dabei ließe sich dieser Slogan doch viel besser verwenden: Wer gegen Schwule ist, ist selbst einer. Wer gegen Liberale ist, hat den Liberalismus einfach besser verstanden und nimmt ihn ernster. Aber da hört es dann schon auf, und die Vorgänge im verlinkten Text sind ein Paradebeispiel, um den gefährlichen Unsinn eines total gewordenen Formalismus – gehört auch “struktureller Antisemitismus” mit rein – klar zu machen. Erkenntnis, die den Inhalt will, will die Utopie.)

“Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben”

Habe mich noch nicht darüber beruhigt, mit was für einer Aggression, einem tumben Klassismus und einem kaum noch verhohlenen Rassismus die Elbvorortler, Alsteranwohner und Walddörfler ihrem Macht- und Herrschaftsanspruch im Falle des Volksentscheids über die Schulreform Geltung verschafften.

Der Klassenkampf von oben ist ja nun alles andere als neu, die Segregation wurde städtebaulich auch und gerade von SPD-Politikern wie Henning Voscherau vorbereitet, und doch erstaunt nicht, dass angesichts des Extremismus und der Gewaltbereitschaft mit staatlichen Mitteln im Sinne der Immobilienbesitzer (Auftreten der Polizei in der Schanze wie eine Besatzungsmacht, zum Selbstmord animierende Abschiebehaft usw.) das Gespenst des “Linksextremismus” beschworen wird – während die “Elite” Rechtsextremismus und FDP-Denke fusioniert.

Dass Herr von Beust, um seine CDU noch zu retten, nun einen Polizeistaatsverfechter wie Christoph Ahlhaus nach schiebt, passt nur zur allgemeinen Logik einer Politik, die per Schulsystem Krimininalität züchtet, um sich dann als Retter vor den Geistern, die sie rief, im Sinne “innerer Sicherheit” aufzuspielen.

Erst nehmen die Elbvorortler mittels HSH-Nordbank – gerettet wurden da ja deren Vermögen! -, Elbphilharmonie und all dem anderen Mist die halbe Stadt aus und nötigen ihr piefiges Kulturprogramm der Stadt auf – als wäre nicht der einzige, der (pop-)kulturell Überragendes gerissen hat, jemand, mit dem sie ihre Kinder nicht zur Schule gehen lassen wollen, nämlich Fatih Akin.

Das bißchen Gängeviertel kann dann auch nix retten, weil Jenfeld, Billstedt und all die anderen Viertel längst aufgegeben wurden, und es erstaunt wirklich, dass ausgerechnet eine Ottenserin (ist sie doch?) wie Christa Goetsch sich derer annehmen wollte und sogar einen Ole von Beust davon zu überzeugen wusste.

Das ist nämlich die einzige und letzte Hoffnung für diese Stadt, dass die satten, bildungsbürgerlich gutsituierten Linksspießer, die mittlerweile schon mit den Augen rollen, wenn man sie mit der Herkunft des Slogans “Ein Platz an der Sonne” konfrontiert, also der Quelle dessen, was den Wohlstand der Elbvorortler und Walddörfler ermöglichte (hier benennt man sogar Musikhallen nach Leuten, die in südamerikanischen Salpeterminen ihre Opfer bluten ließen), sich mal wieder klar machen, dass sie ihre schicken Immobilien auch nur dann genießen können, wenn drumherum das Leben mit all seinen ganz alltäglichen Kontrasten, Widersprüchen und seiner Vielfalt tobt.

Und, man höre und staune, genau das scheint mir passiert zu sein – der Schock angesichts der Militanz der “Gucci-Rebellen” saß gestern allen in den Knochen, mit denen ich sprach. Und fast alle hatten Sonntag überlegt, diese Stadt vielleicht doch lieber zu verlassen, dieses “Blankenese von Berlin”, wie die Mopo einst titelte – aber wohin? Auf einmal diskutiert man Umzüge nach Leipzig, weil dieses aufgeblasene Berlin kein Hanseat wirklich aushält – und dann macht es Klick, und man begreift sie, die Chance. Weil die Dreistigkeit dessen, was Tanjung Priok so treffend beschreibt:

“Als hätte George Grosz, dessen überzeichnete Skizzierungen der Berliner Parvenüs der 20iger Jahre unvergessen sind, als hätte jener George Grosz noch einmal die ewigen Jagdgründe verlassen, um die Nachfahren der hanseatischen Pfeffersäcke zu karikieren. Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben, denn die Kontaminierung „unserer“ Gymnasien sei verhindert worden. Da war dann selbst dem skeptischen Beobachter klar, warum sich ein Ole von Beust, der für die Reform geworben hatte, vor Scham und Ekel in das Private entflohen war.”

eben niemand entgangen sein dürfte. Und Widerstände erzeugt. Zieht euch warm an, ihr Nienstedtener, Klassenkampf können wir auch.

Die haben sich so großflächig enttarnt und blamiert, die Scheuerls dieser Welt, dass man fast einen Hauch von Sozialismus in den Köpfen derer spürte, die angewidert angesichts der Jubelnden sich dachten “Nö, so nicht!”. Wahrscheinlich ist den “Wir wollen lernen (und ihr dürft nicht)” noch gar nicht klar, dass sie einen Pyrrhussieg errungen haben.

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