“Der Versuch Guido Westerwelles, die Kritik an seiner Auswahl weiterer Reisebegleiter abzuwehren, indem er den Kritikern andeutungsweise Homophobie unterstellte, ist nicht nur haltlos – denn niemand hat seiner Reisegesellschaft vorgeworfen, sie sei unter erotischen Gesichtspunkten zusammengestellt. Die Unterstellung ist vor allem höchst riskant. Sie ruft etwas wieder auf, was der größte Teil der Gesellschaft überwunden hat, aber womöglich, mit der Nase darauf gestoßen, wiederentdecken könnte. Dazu gehört das Klischee des larmoyanten Schwulen, der auf jede vermeintliche Ungerechtigkeit mit dem weinerlichen Verweis auf sein Außenseitertum reagiert.”
Mir fehlen hier gerade ein wenig die Worte – klar, als Klischee wird diese Frechheit vorsichtshalber gekennzeichnet. Im Kontext des Antisemitismus wäre der berechtigte Konter eines Broder, das Perfideste und Gefährlichste sei, den Juden selbst als Grund des Antisemitismus anzuführen. Zu recht regte die Nation sich auf, als Herr Möllemann verlauten ließ, dass ein Michel Friedmann und dessen so “typisch jüdische” Art doch Grund für Judenfeindschaft sei. Herr Jessen macht hier doch das gleiche? Er würde Juden vermutlich empfehlen, sich davor zu hüten, antisemitischen Klischees zu entsprechen.
Dass nun allerorten meiner Ansicht nach offen Homophobe wie Jens Jessen die Deutungshoheit über Homophobie erheben, das ist wirklich eine Unverfrorenheit selbst dann, wenn man den Praktizierenden eine Kenntnis des Praxis nicht absprechen kann. Am Ende des Textes macht er nämlich genau das für Homophobe typische, was er zu Beginn des Textes als ach so großen Fortschritt feiert, dass es nicht mehr stattfinden würde: Für ihn sind Pädophilie und Beziehungen unter Erwachsenen Ausprägungen ein und desselben Triebs, worin sich eben die Homophobie des Herrn Jessen zeigt:
“Heute kann Homosexualität keinen moralischen Verdacht mehr begründen. Indes taugt sie auch zur Entlastung nicht, wie die Missbrauchsdebatte zeigte, die keinen Gedanken auf sexuelle Zwänge der Erzieher verschwendete. Schwule werden nicht mehr als Opfer ihrer Triebstruktur, sondern als moralische Subjekte gesehen, die wie alle anderen Menschen frei darüber entscheiden können und müssen, wann und wo sie ihrem erotischen Begehren nachgeben dürfen.”
Ist das ein widerlicher, heteronormativer Dreck. Hetzer. Für ihn mag das ja so sein, dass er auf die Freundinnen seiner minderjährigen Tochter in selber Weise scharf ist wie auf seine Frau, wenn er denn beides hat, keine Ahnung, ob das so ist. Falls es so ist, ist es aber trotzdem nicht nett, das auf Andere zu projizieren.
Der drohende Unterton des ganzen Textes, in dem ein Heterosexueller Homosexuellen wie immer schon Verhaltensvorschriften macht, wohl, weil er das so gewohnt ist, lässt mich “Wir können auch anders, ihr Tunten” spüren, dieses “Passt auf, WIR tolerieren! Das können wir auch entziehen!”. Zudem meines Wissens der §175 1969 eingeschränkt und erst zu Beginn der 90er abgeschafft wurde, weiß jetzt nicht, wie Jessen auf 1973 kommt.
Und immer diese groteske Vorstellung, Homosexualität sei je ein Grund gewesen, wen auch immer zu “entlasten” – die Konstruktion dieses ach so wesenhaften und identitätsstiftenden Begehrens hat allenfalls dazu geführt, dass man Leute von ihren Eiern “entlastet” hat. ALLE historischen Fälle, die Jessen nennt, führten ja nun gerade nicht zu einer “Entlastung”, und mir ist von Wilde bis Westerwelle auch kein einziger Fall bekannt, bei dem das so gewesen wäre. Wie kommt der auf diesen Quatsch?
“Sie sollten nun aber nicht wie Guido Westerwelle darüber klagen, wenn sie genauso streng wie Heterosexuelle beurteilt werden.”
Wo werden denn Heterosexuelle ALS Heterosexuelle “streng beurteilt” und mit irgendwelche Klischees von “Weinerlichkeit” belegt? Und wann jemals galt irgendeine besonders nachlässige Sonderperspektive für Schwule? Nie. Nirgends. Diese krasse Verlogenheit spitzt sich noch zu im folgenden Passus:
“Bei der Mehrheit von Deutschen stoßen Gewalt gegen Schwule, auch schon Schimpfworte und hässliche Witze inzwischen auf sichere Ablehnung. Diskriminierung wird erkannt und geächtet.”
Woher weiß der das? Dass der Jessen-Text veröffentlicht wird, das ist doch an sich schon ein Beleg dafür, dass das nicht stimmt. Ganze Fankurven singen gegen “schwule Hamburger”, solche, in denen, so berichtete mir ein Grieche, übrigens kaum ein “Immigrant” sich aufhält, zumindest kaum einer, dem man das ansähe; bei offenkundigen Fehlern unseres FC St. Pauli-Präsidenten taucht unvermittelt das Wort “Schwuchtel”als Antwort in Foren auf. Herr Jessen kann ja mal das Wort “schwul” bei Youtube eingeben, das sind keine Liebesgeschichten oder Pornos, die dann aufploppen. Und kaum eine Wendung ist im Alltag häufiger zu hören als “das ist mir zu schwul”. Herr Jessen dirigiert das weg und delegiert das Ganze wie üblich an die “Reingeschmeckten” (Kewil):
“Wie solche Vorurteile damals Hass produzierten, kann man auch heute leider noch beobachten: nämlich an den gewalttätigen Übergriffen jugendlicher Immigranten, in deren Herkunftsländern Homosexualität weiterhin verachtet oder strafrechtlich verfolgt wird.”
War ja klar, dass der gute Arier mit seiner ach so überlegenen Kultur sich davon befreit hat, während sich noch bei Deutschtürken der 3. Generation das Herkunftsland tradiert – ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht von “Immigranten” angegangen worden, war aber mit welchen im Bett, sondern habe Homophobie am massivsten bei “deutschen” Mittelklasse-Bewohnern erfahren in allen Varianten, die eine Grenze ihrer “Toleranz” lautstark definierten. Und am wenigsten tolerieren sie, wenn man sie trotz ihrer ach so überlegenen Kultur auf Homophobie hinweist. Das ist bei Rassismus ja nicht anders.
Ganz wie Herr Jessen in diesem Text. Weil ich ja als larmoyanter Schwuler hier auch auf jede vermeintliche Ungerechtigkeit mit dem weinerlichen Verweis auf mein Außenseitertum reagiere.
Hätten Sie nicht wenigstens “Halt’s Maul, Tunte, was Du alltäglich erfährst, das bestimme ich?” schreiben können, Herr Jessen? Denn genau darin liegt die Drohung: Wer Ungerechtigkeit beklagt, verweist nur weinerlich auf Außenseitertum. Weil Ungerechtigkeit ja nur vermeindlich ist.
Wenn ich etwas “überwunden” habe, kann ich es nicht “wiederentdecken”. Wenn ich es “wiederentdecke”, das heißt: in alte Muster zurückfalle, hatte ich es nie wirklich überwunden.
Das semantisch Kontaminierte an Jessens Text ist, daß er den ständig beteuerten Schwulen-Nichtbezug selber ständig konterkariert, indem er zB in der Überwunden/Wiederentdecken-Passage den als inexistent behaupteten Bezug selber aktiv herstellt.
Selbstverständlich ist man tolerant und schreibt niemandem vor, mit wem er ins Bett geht, so, wie man den Wilden tolerierte, wenn er als der edle Wilde Winnetou auftritt und sterbend sich zum Christentum bekennt.
Möglicherweise könnten die Hetisten ihre Homophobie dem Schwulen verzeihen, wenn sie sicher sein könnten, daß der spätestens auf dem Totenbett konvertiert und eine Frau zu ficken begehrt.
Danke
– ja, das trifft’s. Auch, was Du sonst schreibst. Ich muss DIE ZEIT jetzt endlich ab-abonnieren, das geht ja gar nicht mehr.
Ich muss eingestehen, dass mir die beim näheren Hinsehen offenkundige Homophobie in Jessens Aufsatz gar nicht so sehr ins Auge stach, sondern ich eher ständig den Kopf schüttelte und mich fragte, auf welchem Planeten der Gute wohl lebt – die Erde kann es jedenfalls nicht sein.
Vielleicht wirkt da bei mir, ohne dass er mir normalerweise bewusst würde, die Illusion, Homophobie ginge mich persönlich als “Nichtschwulen” nichts an – obwohl ich “eigentlich” genau weiß, dass mein reales sexuelles Leben und Empfinden auch nicht der Matrix der Heteronormalität entspricht. Nur – so detailliert, dass das auffiele, spricht “man” normalerweise nicht über Sex – vor allem dann nicht, wenn in heiter-angetrunkener Runde die Zoten erzählt werden. Oder es wird mir schlicht nicht geglaubt – nach den Motto: wenn es um Sex geht, lügt eh jeder. Oder – und das, was du, Momorulez da schrobst, legt das nahe: Es gibt da ein radikal vereinfachtes Weltbild, in dem es nur zwei Gruppen gibt: die mit der “richtigen” sexuellen Präferenz – und alle anderen, die, ungeachtet ihre tatsächlichen Vorlieben und Praktiken, zur Gruppe der “Perversen” gerechnet werden. Im Bild gesprochen: es liegt im Normalen (im Sinne von: der gesellschaftlichen Norm entsprechenenden) Denken ein ganzer Ozean zwischen den “Heteronormalen” und denen “vom anderen Ufer” – wobei Schwule, Lesben, Bisexuelle, Päderasten, Pädophile usw. usw. alle auf diesen “anderen Ufer” eng beeinander zu leben scheinen – so eng, dass das aus über tausend Seemeilen Entfernung so aussieht, als ob das “sowieso alles das Gleiche” ist. Ein extremes “Wir – Ihr” – Schema der Ausgrenzung, wie es ja auch im Rassismus und im Nationalimus üblich ist – das aber, da die gesellschaftlicher Norm es ja auch gebietet, wenigstens Toleranz zu heucheln, nicht offen zuzugeben.
Zurück zu Jessen: für seine offenkundige Wirklichkeitsfremdheit gibt es meiner Ansicht nach zwei mögliche Erklärungen: er lügt den Leser an – oder er belügt sich selbst. Die dritte Möglichkeit, dass er ehrlich ist, sich aber irrt oder es nicht besser wüsste, würde in der Tat voraussetzen, dass er bisher ein extrem weltabgeschiedene Leben gelebt haben müsste.
Ich kann mir leider gut vorstellen, dass ihm gar nicht bewusst ist ist, dass er Pädophilie und gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Erwachsenen für Ausprägungen ein und desselben (“perversen”) Triebs hält. (Das verbuche ich aber unter “sich selbst belügen” und nicht unter “es nicht besser wissen”.) Ich vermute, dass es ziemlich schwierig wäre, Jessen klar zu machen, dass die meisten sexuellen Übergriffe gegen Kinder von “ganz normalen” Heterosexuellen und nicht von “Pädos” ausgehen. (Die ebenso schlimmen nicht-sexualisierten Kindesmisshandlungen gar nicht eingerechnet – laut Kriminalstatik werden jedes Jahr in Deutschland mehr als 150 Kinder von ihren Eltern zu Tode gefoltert – was vier bis maximal sieben Sexualmorden an Kindern pro Jahr gegenübersteht – diejenigen, die von nahen Angehörigen verübt werden, schon eingerechnet.)
Noch eine Beobachtung zur Homophobie: Bekanntlich rät Sarrazin ALG II-Empängern:
“Kalt duschen ist doch eh viel gesünder. Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben.”
Dazu meint Felix Riedel auf seinem Blog “Nichtidentisches” http://nichtidentisches.wordpress.com/
“Die offene Homophobie in diesem – gesinnungsgleichen – Angriff auf den homosexuellen Außenminister bleibt in den Kritiken unbesprochen.”
Nun wäre ich im Alltag nicht darauf gekommen, dass der Ausdruck “Warmduscher” eine offen homophobe Konnotation hätte. “Warmduscher” liegt in meinem Sprachempfinden irgendwo zwischen “Schattenparker” und “Weichei”. Oder: Das Wasser ist warm, nicht der, der sich duscht. So, wie Sarrazin das Wort verwendet, steckt dahinter eine üble Ideologie des “gelobt sei, was hart macht” und “das Recht, es sich gut gehen zu lassen, muss man sich erst einmal (im Wortsinne) verdienen”. Was ich, selbst wenn “Warmduscher” eine homophobe Bedeutung hätte, für weitaus schlimmer halte, als wenn Sarrazin einen versteckten Seitenhieb auf den schwulen Westerwelle abgelassen hätte.
Ja, in der Tat, und das ist ja schon der erste Schritt der Homophobie, weil sich eine klare Perspektivik als das Allgemeine tarnt – Judith Butler hat das so treffend als “abgeleitet” bezeichnet: Der Schwarze ist eine Schwundstufe des Weißen, die Frau des Mannes, der Homo ist auch “abgeleitetes” Begehren vom guten, aktiven, männlichen, heterosexuellen Genitalsex.
In den Kontext gehört ja auch Sarrazins “Warmduscher” und dieser irre US-Militär, der nun proklamierte, die Schwulen hätten Sebrenica oder wie das heißt nicht verhindert, weil sie nicht aggressiv genug gewesen seien. Dass sich daraus ergibt, dass sie – seiner Ansicht nach – auch kein Massaker begangen hätten, das ist ihm gar nicht aufgefallen.
Und diese Forderung nach Aggressivität bei Jungs, während gleichzeitig ja alle möglichen anderen Tugenden auch proklamiert werden, kein Wunder, dass da manch Heranwachsender Amok läuft, das kriegen die doch im Kopf gar nicht zusammen. Und genau in das Horn stößt nun wiederum Jessen mit seinem Klischee von den “weinerlichen Schwulen”, trotzdem er ja hinterher zu dem Thema noch rum referiert.
Ich persönlich fand so Zurechtweiser wie Jessen auch immer problematischer als kreuz.net und andere offen Rechtsradikale – zudem ja, selbst wenn er einfach nur blöd ist, da dieses Foucaultsche “Die Macht kommt von unten” und die “Mikrophysik der Macht” bei ihm so deutlich wird. Da werden Bedrohungsszenarien beschworen und als nicht mehr up to date beschrieben, also zugleich aktiviert als auch als inexistent behauptet, das meint Nörgler ja, das hat was von “Double-Bind”.
Was sein eines, homosexuelles Begehren betrifft, das sich dann gleichermaßen auf Kinder und Erwachsene richten könne: Er übernimmt da die Position des Papstes, der halt den Schluss daraus zieht, dass man wegen dieser Freiheit des moralischen Subjekts solche, also homosexuelle Praktiken, generell lieber bleiben lassen solle. Die Katholische Kirche begreift ja nicht mehr das Begehren als solches als Sünde, sondern “lediglich” die Praxis. Und das läuft bei Jessen zu allem Überfluss auch noch mit.
Zu dem Pädo-Thema: Klar muss man da noch mal differenzieren, wer es nun wirklich ist und wer nicht. Da war ja ein Interview in Die Welt mit einer Psychologin, die sich im Gegensatz zu Jessen offenkundig mit dem Thema auseinander gesetzt hat, die meinte, dass “richtige” Pädophile auch bei den Missbrauchsfällen eher selten seien und es sich in den meisten Fällen einfach um eine Form des Machtmissbrauchs handeln würde. Und da muss man bekanntlich noch nicht mal schwul sein, um Jungs oder Männer zu quälen, das machen heterosexuelle Polizisten, so gar nicht weinerlich, auch gerne mal, und diese ganzen Mobbing- und Hazing-Geschichten an Schulen, wo Jungen Jungen quälen, sind zwar sexuell, aber nicht homosexuell konnotiert, behaupte ich jetzt mal einfach.
Die Missbrauchsälle, die in der FR ausführlicher berichtet wurden, die hatten eher was von Lehrern, die sich an 17jährige Schülerinnen ran machen, was ja schlimm ist , aber ganz und gäbe, da fallen mir ja selbst prompt 2 Fälle aus meinem persönlichen Umfeld ein, wo Heten Schülerinnen befingerten, was in einem Fall auch in einen Selbstmordversuch mündete.
Was offenkundig bei den Internatsfällen noch mal verschärft dadurch zum Problem für die Betroffenen wurde, weil sie in eine “sexuelle Identitätskrise” geraten sind, “bin ich schwul”? Und alleine schon die Möglichkeit einer solchen “Identitätskrise” ist ja zentraler Mechanismus des Heteronormativen. Fragt sich ja keiner “O Schreck, bin ich etwa hetero?” Für die Betroffenen ist ein solcher Macht- und Vertrauensmissbrauch freilich trotzdem entsetzlich.
Die Frau in Die Welt hatte als Abgrenzungskriterium den symetrischen Beziehungswunsch von Pädophilen den Kids gegenüber, der halt illusionär ist, dessen Möglichkeit die sich aber einreden.
Diese heterosexuellen Machtpraktiken hingegen leben ja seit Jahrtausenden von der Assymetrie bis in die Ehe hinein, bis heute oft ökonomisch abgefedert. Und ich habe ja die ganze Zeit den Eindruck, dass die Hatz auf “Sozialhilfemütter” der Versuch ist, diese Machtkonstellation von einst wieder herzustellen. Und dieses Familienidyllengequassel als “Gutes Leben” par excellence, das hat ja immer schon schon die Machtverhältnisse in den geschlchterverhältnissen getarnt. In der Hinsicht habe ich übrigens schwule und lesbische Beziehungen immer als Chance gesehen, die sind a priori symetrischer.
Übrigens reißen selbst Protokollchefs bei offiziellen Berliner Veranstaltungen aus dem Regierungsumfeld homophobe Witze über Westerwelle, wie ich zwar nur vom Hörensagen, aber aus vertrauenswürdiger Quelle weiß. Es KANN gar nicht sein, dass Herr Jessen so was nicht mit bekommen hat.
Beim Warmduscher bin ich mir gerade nicht sicher, ob man da die naheliegende Assoziation zum warmen Bruder überbewertet. Den seh ich in der gleichen Begriffskategorie wie Weichei oder Schlappschwanz als Alpamännchengehabe und deshalb definitiv patriachal, was den Kohl nu auch nicht wirklich fett macht. Situationsbedingt ist der Warmduscher sicher homophob.
Leider wird uns der offensichtliche Zusammenhang zwischen Sarazins Aeusserung und Westerwelle von diesem für Geheimdienstoperationen Bannerwerbung schaltenden Blogger vorenthalten. Kann ja durchaus sein, dass er da einen Zusammenhang sieht und nur nicht in der Lage ist, diesen zu kommunizieren. Das meine ich jetzt trotz des spöttischen Einwurfs ernst.
“Übrigens reißen selbst Protokollchefs bei offiziellen Berliner Veranstaltungen aus dem Regierungsumfeld homophobe Witze über Westerwelle, wie ich zwar nur vom Hörensagen, aber aus vertrauenswürdiger Quelle weiß. Es KANN gar nicht sein, dass Herr Jessen so was nicht mit bekommen hat.”
Es kann auch nicht sein, dass Herr Jessen den inflationären Gebrauch von Begriffen wie ‘kreischende Diva’, ‘Schwesterwelle’ oder da musste ich wirklich laut lachen ‘pubertäre Rotzgöre’, nicht mitbekommen haben will. Und dafür muss man nichtmal die Kommentarspalten bemühen. Nicht dass die Rotzgöre besonders lustig gewesen wäre, aber, wo auch immer ich da beim querlesen drübergestolper bin, hat es der Autor geschafft, direkt im Anschluss zu beschwören, dies alles habe nichts mit Homophobie zu tun.
“Heute kann Homosexualität keinen moralischen Verdacht mehr begründen. Indes taugt sie auch zur Entlastung nicht, wie die Missbrauchsdebatte zeigte, die keinen Gedanken auf sexuelle Zwänge der Erzieher verschwendete. Schwule werden nicht mehr als Opfer ihrer Triebstruktur, sondern als moralische Subjekte gesehen, die wie alle anderen Menschen frei darüber entscheiden können und müssen, wann und wo sie ihrem erotischen Begehren nachgeben dürfen.”
Mir ist völlig unklar wie solche Aussagen entstehen, zumal es ja empirisch falsch ist. Der Zusammenhang zwischen den Missbrauchsfällen war doch allgegenwärtig.
Ich glaub auch nicht dass das Absicht war und einfache Projektion erklärt das auch nicht. Projektion … ich mein das zB jemand zum Zwecke der virtuellen Kommunistenjagd sich Mechanismen bedient, die für den damaligen Massenmord verantwortlich waren. Da hatten wir die letzten Wochen ja ein besonders hübsches bsp, aber machen tut das doch jeder, wenn auch nicht so offensichtlich.
Und auch im weiteren Text konstruiert er am CSD gute und schlechte Schwule. Der gute Guido geht da natürlich nicht hin.
Nu bin ich auf den CSD ja auch nicht gerade gut zu sprechen. Ich empfinde es tatsächlich als einen Affront, eine derart und vollumfänglich entpolitisierte und rein konsumorientierte Veranstaltung im Gedenken an Stonewall zu feiern, andererseits geschieht hier genau das, was ich vor einer halben Ewigkeit an anderer Stelle mit Heintje zum Ausdruck gebracht habe. Typen wie Jessen sorgen dafür, das der Anblick blanker Arschbacken zum Politikum wird.
LOL … nu hab ich vor lauter Geschwurbel die schöne Pointe auf die ich hinauswollte glatt verdrängt, deshalb zum Abschluss hierauf
“Und alleine schon die Möglichkeit einer solchen “Identitätskrise” ist ja zentraler Mechanismus des Heteronormativen.”
ein zünftiges Haleluja!
@”dass “richtige” Pädophile auch bei den Missbrauchsfällen eher selten seien und es sich in den meisten Fällen einfach um eine Form des Machtmissbrauchs handeln würde.” —– Ist das nicht ein ganz grundsätzlicher Mechanismus, der auch für die allermeisten Vergewaltigungen an Erwachsenen gilt? Dass es da um Machtausübung und Erniedrigung und weniger um Sex geht? Unter der Folter würde schließlich auch ein Masochist zerbrechen. Die neunschwänzige Katze in der Hand eines muskelbepackten Seemanns, der gewohnt ist,mit dem Säbel Arme abzuschlagen ist etwas Anderes als der Flogger im Darkroom. Da werden, nicht nur jetzt bei Jessen, mit schöner Regelmäßigkeit Dinge zusammengebracht, die überhaupt nix miteinander zu tun haben. Und solange von “Toleranz” die Rede ist wird die eigentliche Problematik schon wieder ausgegrenzt bzw. eingezäunt. Tolerieren heißt, etwas hinnehmen, das man eigentlich lästig oder falsch findet. Mit akzeptieren, achten und sich selbst bestimmen lassen hat das aber nix zu tun.
@Loellie:
Den Bezug zum CSD finde ich gar nicht … zudem z.B. der in Köln trotz alberner Pamphlete im Vorfeld, über die Somlu ja so treffend schrub, wirklich ziemlich machtvoll ist und allein schon anhand seiner Größe auch Macht demonstriert, was super ist. Hier in Hamburg ist es tatsächlich völlig entpolitisiert, ein blödes Tänzchen.
Und vielleicht ist “externalisieren” auch richtiger als projizieren – diese Leute, die behaupten, in Deutschland gäbe es ja weder Rassismus noch Homophobie, die arbeiten das ja immer an Immigranten, dem Islam usw. ab, was hier unter “Deutschen” und Heten auch weiterhin gepflegt wird.
@Che:
Ich glaube ja, dass das so ist.
Und Jessen operiert ja auch so oder so mit “dem Trieb in mir”, der dann eben nicht mehr regiert, weil ich mich willentlich verhalten kann, und das ist eh schon eine ziemlich im Wortsinne asoziale Konstruktion und hat mit so was Vielschichtigem wie Sexualität wenig zu tun.
Leute wie der Gunther Schmidt gehen z.B. von der Trinität “Beziehungsgeschichte, Bedürfnisgeschichte und Geschichte der individuellen Geschlechtsidentität” aus, die in sexueller Praxis aufgehoben sei, was ja viel komplexer ist, was ich mit eigenen Erfahrungen auch viel besser zusammen bringen kann als diese Trieb-Geschichte – und bei den Missbrauchsfällen durch Geistliche eine Individualhistorie voraus setzt, die in allen 3 Bereichen zumindest deutlich anders gestrickt als bei den meisten anderen.
Und der Maso inszeniert ja mit Partner eine Ohnmachtserfahrung, die mit realer Folter gar nix zu tun hat. Das kann man nicht vermengen. Machst Du ja auch nicht. Jessen würde vielleicht sogar.
“Den Bezug zum CSD finde ich gar nicht …”
Uuups … da muss ich ihm wohl einen der Kommentare unten drunter angedichtet haben…
Ja hmm, ich schreib da über den CSD natürlich vor dem Hintergrund Mitte der 90er, als in unserer Gesellschaft noch sexuelle Freizügigkeit herrschte. Präsenz zeigen ist natürlich nie verkehrt!
Ich dachte eigentlich, das zB der Umstand, dass sich in erster Linie Väter/Lebenspartner an Kindern vergreifen um damit Macht auf die Kindsmutter auszuüben, aus wissenschaftlicher Sicht kalter Kaffee sei. Stand 80er Jahre oder so.
Ja, der Trieb, der dunkle, dräuende Trieb…. Das ist ja sogar ein Rückfall in Vor-Freud-Zeiten, man könnte auch gleich Sünde und Versuchung schreiben. Da wird locker mal ein Jahrhundert Sexualwissenschaft, Geschlechtsrollendiskussion, Soziologie, Körpergeschichte usw. entsorgt bzw. als inexistent behandelt. Volle Fahrt ins Biedermeyer!
@Che + Loellie:
Deshalb kann ich mich ja so aufregen über so Typen wie den Jessen – so groß die rhetorische Geste, so gering das Wissen. Reine Kommentarlaberköppe jenseits relevanter Bildung operierend. Recherchiert wird da nicht mehr. Nachdem ich den Matussek, auch so einer, neulich im Foyer des SPIEGEL posieren sah, und einen kurzen Anflug ernster Gewaltbereitschaft hatte, kann ich diese Nasen noch weniger ertragen. Was sehne ich mich nach Raddatz und solchen!
Ja, ist alles kalter Kaffee und ja, ignoriert ein Jahrhundert Wissenschaft. Grausam.
Deswegen lese ich von der Zeit normalerweise nur den Stellenteil und die Seite “Zeitläufte”. Meine Zeitungslektüre beschränkt sich auf Le Monde Diplomatique, bisweile taz oder FR, International Herald Tribune, konkret und halt so Spezialblätter wie arranca oder Magazine. Den Rest tue ich mir nicht mehr an.
Ha, jetzt habe ich auch den CSD-Kommentar gefunden:
Das ist wirklich identisch mit der Friedmann/Möllemann-Geschichte. Ansonsten bin ich ja bei den Kommentaren eher beruhigt, wie viele das so lesen, wie ich es auch gelesen habe.
Ergänzend ist freilich zu erwähnen, dass diese Perspektive des Kommentators auch der jetzige Ministerpräsident von Baden-Würtemberg eingenommen hat. Hat Herr Jessen aber nicht mitbekommen.
@Che:
Verglichen mit vielen anderen Wixblättern findet sich halt in Die Zeit gelegentlich auch was ganz Erfrischendes, z.B. die Attacke Honneths gegen Sloterdijk damals. Da ist noch ein Restpluralismus vorhanden. Aber immer, wenn man diesen diLorenzo-Habitus durchspürt, und bei Jessen spürt man den ja, dann wird es richtig peinlich.
Manchmal erzeugen Heten und Heteros selbst die negativen Bilder. Der alkoholselige Junggesellenabschied, bei dem es nur darum geht, eigene Alkoholexzesse zumeist in Kombination mit sexistischen Sprüchen der Öffentlichkeit preiszugeben, wirft ein negatives Bild auf diese Szene. Ebenso ist die Tatsache geschmacklos, dass der gesamten Anverwandtschaft bis hin zu Kollegen und selbst weitläufigenBekannten mitgeteilt wird, dass in der Hochzeitsnacht gefickt wird. Sexualität ist Privatsache.Homos kämen nicht auf die Idee, sich so zu präsentieren.
“Homos kämen nicht auf die Idee, sich so zu präsentieren.”
Na da haste mir abber noch nicht erlebt, wenn ich nach erfolgtem Einsatz mit der Kampftrinkereinheit mich auf dem Rückzug befand.
Aber gut, dass seit jeher, ob Love- oder Streetparade, strengster Burkazwang herrschte. Ich hätt jetzt fast noch Rio geschrieben, aber das sind ja eh die Wilden.
Und danke fürs kommentarnachreichen, ich hatte vorhin grad keine Zeit. Selbst wenns den richtigen trifft, mach ichs nicht so gern aus valschen Gründen.
Und gut auch, dass wir in der Sache nicht komplett alleine dastehn. Das war mir in den Kommentaren dort auch nicht entgangen.
Wenn ich so strack bin, wie Loellie es beschreibt, benutze ich immer meinen Panzer – ist einfach sicherer.
Unser Panzerfahrzeug wurde seinerzeit vor dem E-Werk entwended. Zumindest glauben wir, dass es entwendet wurde, weil wir uns nicht mehr erinnern konnten, wo es parkierte. Zu übersehen war das Teil nämlich nicht.
Ich stelle mir gerade paradierende Panzer am Christopher-Street-Day vor mit swingenden Leuten drauf
Haben nicht die 4. Berittenen Kampftrinker seinerzeit die SS-Division Wiking so benebelt, dass sie die Ukraine für einen Teil Österreichs hielten und deshalb ihre Massaker einstellte? Herold weiß die Antwort, da bin ich sicher!
Die Army-Fetisch-Fraktion – äußerst kreativ übrigens, so was kriegen Heten ja gar nicht zustande, von vereinzelten Umerziehungslagern mal abgesehen – fände das mit dem Panzer auf dem CSD bestimmt auch super
– nur dass langsam mal Schluss ist mit Swingen. Es gehört mal wieder mehr Aggro in die Szene. Stonewall wurde ja auch nicht zum Mythos, weil da so hübsch Party gefeiert wurde, sondern gegen Polizeiwillkür ein Aufstand tobte. Und dass Polizeiwillkür historisch ausnahmsweise mal nicht gegen Schwule geht, sondern gegen fast alle gleichermaßen, das macht die Sache ja nicht besser. Militanz statt Militär fände ich langsam auch mal wieder eine gute Parole.
Jaja … typisch Stalinist, das swingen verbieten aber den Mili tanzen wollen.
Hat nicht Stalin von einem Balkon des Kreml regelmäßig der Loveparade zugewunken?
Swing-Hörer wollen doch eh nur marschieren … und die Loveparade, also da brauchte doch gar kein Stalin winken …
In musikalischer Hinsicht ist der sehr verkannt worden. Er war der einflussreichste Organist seiner Zeit.
Vor den Toren von Stargard spielte die Stalinorgel ihr Lied. Meine Oma, 1 Meter 50 groß, außerordentlich schmächtig, bedrängte Wehrmachtsoffiziere: Sie wolle eine Panzerfaust, um ihre Töchter zu verteidigen. Nach Jahren der Angst – ihr Gatte hörte stets den englischen Sender, riskierte so die Todesstrafe. Grüßte auch weiter die alten Bekannten auf der Straße, die neuerdings einen gelben Stern trugen, wenn er sie traf. Nun war er zwischen Riga und Stargard auf polnischen Feldern unterwegs, schlug sich durch und sang Operettenmelodien, machte sich so Mut. Versteckte sich auf verlassenen Höfen; einmal, da wurde er erwischt. Eine Patrouille hatte den Wehrmachtsausweis in seiner Jacke entdeckt. Sie fuhren ihn auf einen Acker, formierten das Erschießungskommando – und ließen doch wieder ab von ihm.
Der Name meiner Tante: Wilfriede. 1933 wurde sie geboren, der Name, eine Kombination aus den Vornamen ihrer Eltern, sollte Zeichen setzen. Eine “2-Monats-Schwangerschaft”, wie meine Mutter, die Oma beschämend, später, in den 50ern, einer Kaffeerunde berichtete – nur 60 Tage lagen zwischen Hochzeit der Eltern und der Geburt Wilfriedes.
Auf dem Friedhof von Stargard waren Schützengräben ausgehoben. Meine Tante sah den Jungs zu, die mit Totenschädeln Fussball spielten. Und vor den Toren der Stadt spielte die Stalinorgel ihr Lied und kündete von der Befreiuung …
Und mein Vater war zu der Zeit Wehrwolf mit Soldbuch der SS-Division Wiking und hatte einem jüdischen US-Offizier Leben und Freiheit zu verdanken. Durch puren Zufall entkam er einer der letzten großen Schlachten, die in seiner unmittelbaren Nähe tobte. Er erfuhr aber erst nach 2000, dass die überhaupt stattgefunden hatte. Meine Mutter hingegen leistete ihr Pflichtjahr auf einem Bauernhof, auf dem die polnischen und ukrainischen Zwangsarbeiter auf dem Heuboden englische und sowjetische Sender hörten. Der Bauer ließ sie und behandelte sie auch sonst wie deutsche Landarbeiter. Dafür wurde auch sein Hof nach der Befreiung nicht geplündert, andere schon. Hier ging man mit Handschlag auseinander. Eigentlich müsste man das alles mal verfilmen. Authentischeres als bei Filmen wie “Flucht” käme allemal raus.
Ansonsten, guckstu hier
http://che2001.blogger.de/stories/570083/
Mein Vater hat noch als 17jähriger im “Volkssturm” mit ein paar hundert anderen eine Stadt in Westfalen verteidigen wollen und dort ein Bein verloren, allerdings stückweise, wegen des Wundbrandes – nicht durch die Stalinorgel, sondern durch einen englischen Panzergranatensplitter. Kurz zuvor als Flakhelfer hatte er noch Bergen-Belsen gesehen, von außen, was für mich auch immer ein Beleg war, dass wissen konnte, wer die Augen aufhielt.
Und “Die Flucht” und solche Schmonzetten regen mich schon immer deshalb auf, weil das ja auch Teil meiner “Ursprünge” ist, die da verschmonzettet werden und dabei verdreht. War mit meiner Oma ’89, ein halbes Jahr vor dem Mauerfall, in Stargard, weil sie es noch mal sehen wollte. Da wurden dann auch die Stories erzählt mit dem Friedhof und so, Tante war auch dabei. Und meine Oma, nie Nazi, entschuldigte sich bei einem Polen, der uns ansprach, weil sie weinen musste, was ja klar und verständlich ist, dass sie das musste, und Angst hatte, er könne glauben, sie sei revanchistisch. Dabei sprach der uns an, weil er eine attraktive, blonde deutsche Frau kennen lernen wollte, um in den Westen zu kommen, meine Mutter halt. Die Situation war so absurd und tragisch und verquer …
Vielleicht schreibt Jens Jessen auch nur so krudes Zeug, weil er fuchtig ist, dass ihm nicht so tolle investigative Enthüllungen gelungen sind wie Jens C. Jensen.
Die sind ja eh unerreicht und unerreichbar
– das würde ein Jessen aber gar nicht wollen. Recherche stört nur beim Meinungsbekunden, das immer dem Verhalten der Anderen gilt und dieses formen will, weil man sich auch weiter in Sicherheit wähnen möchte und wie der “So lange Du Deine Füße unter meinen weißen, heterosexuellen, christlichen Männerstammtisch stellst”-Papi von annodazumal herrschen.
“Sie merken nicht, sie merken nicht, dass sie selber stinken, vor lauter Selbstzufriedenheit, sie wägen sich in Sicherheit …” (Östro 430)
Der schwarze, homosexuelle, islamische Frauenteekreis würde ja auch eher in Le Monde Diplomatique, der mulattische, bisexuelle, nichtreligiöse HaschischraucherInnenzirkel in Subversion oder der multiethnische, sexuell nicht festgelegte, tendenziell frei flottierend weltreligiöse Kat-EsserInnenkreis in Ästhetik&Kommunikation publizieren und die tibetanischen Buddhisten per Telepathie. So gesehen: Keine Berührungspunkte untereinander.