Heute gleich zwei Mal die FR verlinken und zitieren; ich hoffe, ich darf das, ich hab die auch doppelt abonniert (einmal als Dauergeschenk für die Schwester – total irrational, was ist denn da der Anreiz? Die liebt mich auch ohne Abo … ). Trotz dieses Sport-Heinis, der gerade so eklig über den Fall Amarell berichtet.
In einem längeren Text widmet sich heute Robert Heusinger einem Papier des IWF-Chefvolkswirts Blanchard, der sich gegen die so lange in der volkswirtschaftlichen Theoriebildung dominierenden Grundannahmen der Neoklassik richtet. Auch als grobe Einführung lohnt die Lektüre, die Grundannahmen dieses Paradigmas bezüglich des gesellschaftlichen Basis-Systems “Wirtschaft” und die der Kritiker der Neoklassik fasst Heusinger zusammen:
“Handelt es sich um ein System, das ins Gleichgewicht strebt, dessen Märkte ganz allein für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage sorgen?
Oder ist der Kapitalismus ein System, in dem das Ungleichgewicht dominiert, das Instabilität und Krisen kennt? Für die Neoklassik ist es ein Gleichgewichtssystem, in dem der Staat mit seinen Eingriffen immer Wohlfahrtsverluste produziert. Deshalb lautete bis zuletzt die Losung: Deregulierung.
Für Blanchard und viele Kritiker der Neoklassik dagegen ist der Fall umgekehrt: Der Markt tendiert nicht zum Gleichgewicht, sondern neigt zur Instabilität. Deshalb muss der Staat eingreifen, um die Wohlfahrt zu steigern respektive Wohlfahrtsverluste zu minimieren. Hier heißt die Losung Re-Regulierung.“
Ich gebe ja zu, dass ich meine erste “Einführung in die Volkswirtschaft” zur Seite legte, als ich auf das Theorem des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts stieß, weil es mir zu primitiv, zu unspezifisch und zu platt erschien: Einfach so weit abstrahieren, bis man gegenstandsunabhängig irgendeinen Kram behaupten kann, das war mir zu blöd. Da war ich seit Kant und Foucault anderes gewöhnt. Spirituell ist das schön und treffend, wenn man im I Ging blättert und sich mit Ying und Yang beschäftigt, zum Beispiel. Aber bei einer Theorie, die gesellschaftliche Verhältnisse beschreibt? Nee.
Dass da schon ein rhethorischer Trick in den Annahmen der Gleichgewichtsbefürworter steckt, ist ja offenkundig – ganz wie im Heimatfilm oder beim FC St. Pauli (den Witz hat unten ja wieder keiner verstanden) kann alles, was schief läuft, ganz grundsätzlich und sowieso IMMER mit externen Eingriffen in eine an sich intakte, gute Welt erklärt werden. In diesem Falle staatlicher Reglementierung. Ich sag’s ja: Es ist der Plot, die narrative Struktur, die jede noch so abgehobene Wissenschaft erst konstituiert.
Und es macht faul, wenn die immer gleiche Plot-Struktur reproduziert erzählt wird, die Wissenschaftler halt, bis auch sie nur noch kalt duschen dürfen. Denn der laut Text äußerst einflussreiche Blanchard schlägt sich wohl massiv auf die Seite derer, die Re-Regulierung befürworten. Und Heusinger höhnt gegen die Kollegen, die das Gleichgewichtsheorem vertreten:
“Für Kritiker der Neoklassik ist es kein Wunder, dass die Neoklassik scheitern muss. Und zwar immer wieder. Das Sonderbare ist nur, dass sie sich nach der Pleite in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts berappeln konnte. Denn die Neoklassiker verstehen den Kapitalismus als Tauschwirtschaft, in der jeder Mensch freiwillig knappe Güter tauscht.
Die Güter, also Äpfelchen oder Birnchen, hat er von Beginn an. Wem das Tauschverhältnis nicht genehm ist, der tauscht nicht. Alles ist wunderbar freiwillig, alles ist sonderbar surreal.
Geld spielt in der Neoklassik keine eigenständige Rolle, Wachstum braucht es nicht, Unternehmensgewinne sind im Mittel auch keine vorhanden. All diese theoretischen Ergebnisse kontrastieren erheblich mit der täglichen Wahrnehmung unseres Wirtschaftssystems.”
Ist das so, dass Geld da keine eigenständige Rolle spielt? Meines Wissens ist es doch gerade die Geldmengenpolitik, jene des “billigen Geldes”, die laut neoliberaler Publikationsagitation der teuflische Schurke war, der in die heile Welt dörflicher Idylle mit Wochenmarkt voll praller Äpfel einbrach?
Von folgendem Passus fühle ich mich freilich hinsichtlich einer Diskussion weiter unten mit Rayson bestätigt:
“Warum ist die Neoklassik überhaupt so erfolgreich geworden? Weil sie für die Besitzenden eine angenehme Theorie ist? Diesen Verdacht hegt der unorthodoxe Ökonom Hans Christoph Binswanger.
Der St. Gallener Professor und Doktorvater von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermanns glaubt, dass die Neoklassik als radikale Abkehr von der Klassik konzipiert und unterstützt worden ist, um die Marxschen Analysen zu verdrängen, die ja weitgehend auf der Klassik fußten. Bei der Annahme des freiwilligen Tauschs kann es keine Ausbeutung geben. Jeder bekommt am Markt, was seinem Grenzertrag entspricht.”
Zurück zu Marx will – bedauerlicherweise – Herr Blanchard doch nicht; er hat vermutlich in Blogs gelesen und wurde von der jähen Erkenntnis geradezu überrumpelt, dass automatisch Stalin die Folge wäre. Also doch hin zu Keynes, mit einer Conclusio, die mich zugleich bestätigt und doch skeptisch macht:
“Unsicherheit ist die fundamentale Kategorie im Kapitalismus, und deshalb ist das System niemals stabil. Unsicherheit resultiert daraus, dass bei jeder Investitionsentscheidung jedem Unternehmer oder Finanzinvestor klar ist, dass niemand weiß, ob sie jemals die erwünschte Rendite bringen wird.
Deshalb ist Vertrauen so wichtig, denn die Menschen orientieren sich an sozialen Institutionen und unterliegen dem Herdentrieb. Entweder das System boomt, weil alle optimistisch sind, oder es zieht sich zusammen, je nach Gefühlsschwankungen der Menschen, den “animal spirits” wie Keynes sie nannte.
Die Antwort auf diese Gefühlsschwankungen gibt Blanchard. Der Staat muss dafür sorgen, dass der Optimismus wohltemperiert ist, nicht himmelhochjauchzend, aber auch nicht zu Tode betrübt. Und wie macht der Staat das?
Indem er antizyklisch in die Wirtschaft eingreift.”
Da stecken zwei Pointen drin, wenngleich die erste in der zweiten aufgehoben scheint: Ein Staat, der für die psychische Verfassung seiner wirtschaftenden Bürger verantwortlich sein soll, meine Güte, das ließe ja die ganzen von Agenturen erdachten Kampagnen ins Unermeßliche ausufern – eine blöde, antizyklische Investition. Was eine Vorstellung, dass die gesammelten Paternalisten von Westerwelle bis Rüttgers sich dies als Einsicht zu eigen machten als Rhetorik!
Insofern sei auf die Handlungsanweisung verwiesen: Sicherheit schaffen durch antizyklische, staatliche Investition. Höre ich seit meiner Schulzeit, kommt wieder auf den Tisch und wurde mit Abwrackprämie und “Konjukturpaket” auch schon praktiziert. Dumm nur, wenn so viel Kohle in die Banken flösse, dass für die richtige Wirtschaft nix mehr übrig bliebe …
Sag mal, Rayson schöner Beitrag über die Masonomen ist an dir vorbeigegangen?
Fest steht, dass der New Deal die USA aus der Weltwirtschaftskrise führte. Und die Maßnahmen waren unter Roosevelt: Arbeitszeitverkürzung, Beschäftigungsprogramme, staatliche Großaufträge und staatsinterventionistische Preis- und Lohnpolitik. Die makroökonomischen Paradigmen heute sind denen der Weltwirtschaftskrise von damals nicht so völlig fern.
Ach, alles nur eine Form von Faschismus – Roosevelt, dieser Mussolini-Bewunderer …
Der Mussolini so sehr bewunderte, dass er 1941 eine Rede hielt, in der es hieß: “Der Angriff der faschistischen Achsenmächte auf die Sowjetunion hat mich persönlich beleidigt. Ich habe daher die Boeing-Flugzeugwerke mit dem Bau von Langstreckenbombern beauftragt.”
Ja, eben – das Gefühl der Zurückweisung, verratene Liebe, erzeugte beim ihm den Eindruck, persönlich beleidigt zu werden … das mündete in Rachegefühle.
@che: Es stimmt nicht das der New Deal die USA aus der Wirtschaftskrise geführt hätte, in der USA gab es bis zum Kriegsausbruch keine Erholung. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die wenige Monate vor der Machtergreifung durchschritten wurde.
Che, siehste!
Roosevelt war einfach nicht faschistisch genug!!!
Und dieser ganze New Deal-Quatsch: Seit dem Nobelpreis für Friedman und dessen Analyse der großen Repression, äh, Depression wissen wir doch, dass Realhistorie schnurz ist, wenn die Deutungshoheit der ökonomisch Herrschenden in Gefahr ist … notfalls killt man ungefähr zeitgleich zum Friedmanschen Durchbruch und zur Befreiung der internierten Wechselkurse, die man zur Vietnamkriegsfinanzierung braucht, noch ein paar Neger und Indianer, die sich sozialistisch gebärden, deutet parallel retrospektiv den New Deal um mithilfe von Friedmans “Rassismus ist nur eine Geschmacksfrage”, und McCarthys und Hoovers Wirtschaftspolitik siege so.
Schon wegen dieser neuen Drogenmärkte, die man so prima gebrauchen kann … und dann anschließend sei Reagan! Im Namen des wirtschaftlichen Gleichgewichts!
Tragisch nur, dass diese verfickten Tunten parallel in Stonewall Rabatz machten, das war der Preis … aber das hat man mit AIDS aus dem Labor ja auch in den Griff bekommen. Und Afrika gleich mit. Auch ‘ne Methode, Armut abnehmen zu lassen.
Ich glaube seit kurzem nicht mehr an Verschwörungstheorien, sie könnten ja wahr sein …
@abnehmen, das tun die dann übrigens gewaltig, besonders in Afrika.
@MR
Darf ich Euer Erregtheit darauf hinweisen, dass Robert geschrieben hat: “*vor* der Machtergreifung”?
Und der New Deal hat unter Ökonomen tatsächlich einen sehr zweifelhaften Ruf.
Siehe z.B. hier: http://www.bissige-liberale.net/2009/04/16/oekonomie-zwischen-voodoo-und-realismus/ oder hier: http://thrrp.wordpress.com/2008/10/04/did-the-new-deal-end-the-great-depression/
Muss man als jemand, der die Deutungshoheit über Realhistorie für sich beansprucht, vielleicht nicht anerkennen, aber ob das gleich ein Anlass sein muss, sich wieder in absurden Fantasien zu ergehen, na ja… So ganz komme ich da eh nicht mehr mit, wenn da im Finsteren werkelnde “ökonomisch Herrschende” beschworen werden, aber gleichzeitig der Obervolkswirt des verlängerten Arms der weltweiten “Neoliberalen”-Bewegung sich als waschechter Keynesianer entpuppt, der das Gegenteil von dem erzählt, was die “ökonomisch Herrschenden” angeblich hören wollen. Ist wahrscheinlich wieder nur eine besondere Form der Perfidie.
Auf Heusinger eingehen lohnt nicht. Der schlägt die Schlachten von gestern. Die “Neoklassik”, die er da beschreibt, existierte schon zu meiner Zeit nur noch im Vorstudium. Und Binswanger muss man wohl dankbar sein, dass er endlich die passende Verschwörungstheorie liefert. Da hätten wir dann die beiden Teile der Goldenen Diskussionsregel zusammen: Der mit der anderen Sicht ist entweder dämlich (Heusinger) oder korrupt und handelt im Auftrag einer finsteren Macht (Binswanger). Wie bodenständig Ökonomen doch argumentieren können…
Übrigens: So verführerisch die Vorsilbe auch ist, die Gleichsetzung der Verkörperung des Leibhaftigen für Linke, des “Neoliberalismus”, mit der “Neoklassik” führt tatsächlich zu Unstimmigkeiten. Mit neoklassischen Modellen werden z.B. auch gerne Staatseingriffe gerechtfertigt.
Im Schlussteil kommen wir wieder zusammen: Ist es nicht verwunderlich, dass die eben noch so scharfen Kritiker von Märkten plötzlich zu naiven Gläubigen mutieren, wenn es um ihren allwissenden, allmächtigen und wohlmeinenden Gott geht, auch “Staat” genannt? Aber das war und ist ja das Problem: Nach der Weltwirtschaftskrise der 20er sahen alle nur noch die Probleme freier Märkte, und alle waren erpicht, diese durch staatliches Handeln zu heilen. Doch je mehr sich der Staat als Sorger erprobte, um so mehr sah man, dass man sich damit neue Probleme einhandelte. Als “Public Choice” dann auch noch thematisierte, dass auch die für den Staat Handelnden Individuen mit Eigeninteressen sind, rieb sich mancher verwundert die Augen.
Arnold Kling hat das ganz gut zusammengefasst (und Robert eingangs darauf verwiesen):
http://www.tcsdaily.com/article.aspx?id=101007A
Rayson, Du darfst immer und auf alles hinweisen
… und die Monate vor der Machtergreifung, na, wollen wir die diskutieren, was da so alles abging? Hitler fiel ja nicht vom Himmel, und vom Himmler auch nicht …
Die angehängten vermeindlichen absurden Fantasien waren ja gar keine direkte Replik auf Roubert, sondern weiterhin das komprimierte Echo auf eine Doku, die ich neulich sah, eine über die Black Panther, die mich nicht mehr los lässt und mir ganz tief in den Knochen sitzt.
Und dass die Analyse der großen Depression der Durchbruch von Friedman war, das ist doch so? Das war ja sogar das plasubelste Kapitel in “Kapitalismus und Freiheit”.
Neoklassik und Neoliberalismus hätte ich auch gar nicht verwechselt, aber zusammenhanglos und ist es nun auch nicht, weil eben beide dem Markt schon Erstaunliches zutrauen und den ihm innewohnenden Kräften schon auch. Und die Passagen z.B. über Arneitslosigkeit, die Heusinger anführt, da fällt zumindest in der politischen Diskussion beides zusammen.
Insofern kann ich das, was Herr Heusinger da referiert, auch nicht mal eben so als Schlacht von gestern lesen, als interessierter Laie sind mir verschiedene Varianten von Gleichgewichtstheorien, die nun von großen Ökonomen aufgegeben worden seien, in letzter Zeit häufig über den Lektüreweg gelaufen, ohne dass ich Dir jetzt Quellen nennen könnte.
Ich sehe das ja eh noch mal anders
– für mich ist Staat bzw. Recht konstitutiv für Märkte (auch , dass Recht unterlaufen wird), insofern scheinen mir diese Markt-Staat-Relations-Theorien, die dann immer glauben, das eine Bein müssten dem anderen eins stellen, eh a priori falsch gestellte Fragen. Da bin ich Marx dann doch näher, also einem bestimmten Aspekt bei Marx.
Deshalb sind wir uns final trotzdem tatsächlich, Zustimmung, im Moment oft näher, als man das glauben könnte, wenn man unseren Debatten über den Sozialstaat liest.
Habe mich ja immer geärgert, wenn man mir “Etatismus” zuschrieb, bin ja in einer ausgeprägten Staatsskepsis sozialisiert und wurde die auch nie los, zu recht, glaube ich. Und die Art der Selbstermächtigung einer bestimmten Form von Politik, die für mich mit Demokratie wenig zu tun hat, weil sie konkurrierende Zielsetzungen gar nicht mehr zur Diskussion stellen, sondern direkt bei Staat = Exekutive ansetzt, finde ich aktuell unerträglich.
Und ich würde jetzt nicht in diese “Staat = Gott”-Rhetorik einstimmen, sondern eher “Staat = Herrschaft”; und je mächtiger und unkontrollierter er agiert, desto schlechter ist er, da anfügen wollen. Was aber für alle mächtigen Einheiten gilt.
Da waren wir aber schon häufig nahe bei einander, immer dann, wenn das Dezentrale Gebot wird. Das macht mir, ohne ihn gelesen zu haben, den Hayek ja auch immer ganz sympathisch, weil ich immer da Gefühl habe, dass es ihm eigentlich darum ging.
Da docke ich dann auch weitgehend dran an, mit dem Unterschied eines radikaleren politischen Selbstverständnisses allerdings. Der Begriff “Neoklassik” ist im Übrigen ohnehin viel weiter gefasst, es gibt zum Beispiel auch eine Neoklassik in der Anthroplogie (die hats mit Rassentheorien oder wertfreier gesprochen mit Ethnizität als Forschungsgegenstand) und ist heute überholt) und in der Architektur. Neoklassik ist zunächst eine Methodenfrage und bedeutet in der Volkswirtschaftlehre den methodischen Rückgriff auf Konzepte wie das Prinzip der Unsichtbaren Hand, den Homo Oeconomicus und das Sayesche Theorem.
BtW. MR, kennst Du diesen Film? War seinerzeit Kult in meiner alten WG
http://www.moviepilot.de/movies/panther
Nee, den kenne ich nicht.
Und was heißt denn nun bitte “radikaleres, politisches Selbstverständnis”, wenn du hier neoklassische Architektur oder Anthropologie rein würzt?
“Neoklassik” ist doch in den Wirtschaftswissenschaften kein Epochenbegriff und hat auch nichts mit dem “klassischen Zeitalter” z.B. bei Foucault oder in der Kunstgeschichte zu tun, sondern mit den differenten Grundannahmen theoretischer Modelle?
Ganz im Gegenteil, Ricardo z.B. als Vertreter der “Klassik”, von dem Marx ja sehr viel übernommen hat, taucht in Foucaults “Die Ordnung der Dinge” als Vertreter der Moderne auf. Und auch die “unsichtbare Hand” ist meines Wissens Adam Smith, also Klassik. Neoklassik greift zwar zum Teil darauf zurück gegen Keynes, aber so was wie “Arbeitswertlehre” eines Ricardo käme der nun gerade nicht über die Lippen.
Hier Wikipedia:
Genau darum kabbel ich mich ja immer mit Rayson, weil für mich auch Produktion das Paradigma wäre, in dem man überhaupt sinnvoll diskutieren und auch politisch radikal argumentieren kann.
Und da die das wussten, sind sie auf den Tausch gegangen, weil sich politisch so besser herrschen lässt als zum Beispiel gegen starke Gewerkschaften, die in so einem Modell aus der Wirtschaft verbannt werden, sozusagen, und nur als extern vermachtender Faktor auftauchen können, die das Gleichgewicht stören.
Und die queere Perspektive auf geile Typen mit ölverschmierten Unterhemden sei natürlich auch nicht ausgespart
… noch in den frühen 90ern sah jedes zweite Boygroup-Video so aus. Das waren Zeiten. Take That, ich lieb euch! Keynes hilft ja politisch nur sehr indirekt was; das legitimiert einfach nur Eingriffe von Leuten wie Steinbrück.
Und die Black Panther sind ja nicht nur, weil irgendwelche Straßenkämpfer-WGs da so schön romantisieren konnten, interessant oder weil sie eben black waren, sondern auch, weil sie dezidiert sozialistisch orientiert waren. Deshalb hat man die mit Stasi-Methoden platt gemacht – doppelter Feind. Das zum sachlichen Gehalt meines gestrigen Ausflusses.
Und dass Schwarze oft ziemlich genervt sind, wenn weiße, linke Akademiker ständig stellvertretend ihre Felder okkupieren und am besten auch noch die Universitätsposten für postkoloniale Studien besetzen, das sei mal am Rande erwähnt, das ist gerade ständig Thema beim Mittagessen. Die kommen immer gar nicht zu Worte vor lauter Autonomen-WGs, Werkstatt 3-Ausstellungsmachern und Schwarzenbeauftragten an Universitäten.
In der Welt, aus der ich komme, wurde der Begriff “neoklassisch” als Operator für eine Arbeits- und Vorgehensweise bzw. für ein bestimmtes begriffliches Instrumentarium im Zusammenhang damit benutzt, das ist dann offensichtlich nochmal etwas ganz Anderes. Und postkoloniale Studien oder so etwas kam da auch nicht vor, wir haben schlicht Asylbewerbern in ihren Baracken und Wohncontainern – öffentlichkeitsarbeitsmäßig wie auch handfest – gegen Neonazis geholfen, mit ihnen Behördengänge und Einkaufstouren gemacht und hatten dabei den Anspruch, mit denen eine gemeinsame politische Perspektive zu entwickeln, und dabei kam man dann schnell auf die Black Panthers und auf die kurdische Komala. Da ging es nie um Stellvertretertum, sondern um Miteinander. Lediglich Kirchens und bestimmte Arten von SozialarbeiterInnen waren genervt, dass wir sie für ihre Haltung der “wohlwollenden Bevormundung” gegenüber Flüchtlings kritisierten.
“In der Welt, aus der ich komme” – vertrittst Du eine Mehrweltentheorie? Eigentlich ist der Welt-Begriff ja einer der wenigen unverzichtbaren … als Totalität, ausnahmsweise.
Und dass ihr eigentlich eine nicht wohlwollend-bevormundende und somit noch protestantischere Sektion evangelisch-christlicher Jugendhilfsarbeit mit Samariter-Attitude wart, das enttäuscht mich ja im Grunde genommen mittlerweile ein wenig. Ich dachte immer, ihr wäret cool, sexy und schlagkräftig gewesen, so in Bruce-Lee-Pose mit gestählter Brust den Streetfighter ganz in Leder gebend und vor Testosteron kaum laufend könnend mit wildem Blick und geilen Hüften …
Abgesehen davon lass Dich doch nicht ärgern
…
Aber was nun politisch radikaler an den Auffassungen der “Linksextremen” ist als an meinen, das frage ich mich seit den Hartmann-Debatten ja tatsächlich.
Und ich meinte ja nun gar nicht nur Deine WG, sondern durchaus auch mich mit dem Okkupieren. Das fiel mir nur gerade ein, weil wir das derzeit so oft diskutieren.
Von wegen Linksextrem. Da unterschätzen uns aber welche. Wir wollen keine andere Republik, wir wollen eine neue Welt!
Dem schließe ich mich doch völlig an, lieber Loellie. Was den Rest angeht: Ich kenne den Begriff “Neoklassik” aus der Methodendiskussion. Da war es in der Anthropologie neoklassisch, sich an Ethnizität und somatischen Erscheinungsbildern (Die Polynesier, die Europäer, die Hamiten usw.) abzuarbeiten, während genetische Modelle, Blutgruppen- und Eiweißmarker-Untersuchungen usw. einerseits und Kulturanthropologie andererseits nicht neoklassisch waren. Neoklassisch in der Volkswirtschaftslehre ist dann das Ansetzen an vormarxistischen und vorkeynesianischen Modellen wie Smith und Sayes. Und in der Architektur die Rückbesinnung auf Stile vor der Klassischen Moderne wie z.B. die SOGENANNTE Postmoderne, die verschiedene Stilelemente früherer Architekturen rekombiniert.
Die Bruce-Lee-Pose gab es in Antira-Kreisen zum Teil, andere fanden die eher eklig sexistisch. Schlagkräftig immer, aber eher nicht raushängen lassen, Schlabberfreaktum war da ebenso angesagt wie Lederlook und noch Vieles dazwischen, da ging es eher um Inhalt als Pose. Was denn nun – Thema Inhalt – an Positionen unseres Lagers radikaler wäre als an Deinen wäre Thema eines längeren Kommentars, der von mir auch kommt – wahrscheinlich morgen, zu dem ich jetzt aber zu müde bin. Flotte Grüße!
Ich finde nicht, dass Deine Auffassungen weniger radikal sind als z.B. die Meinigen, oder die von Netbitch, Entdinglichung oder Workingsclasshero. Als radikaler würde ich nur bei “uns” die Handlungsebene sehen: Abgeleitet aus dem politischen Selbstverständnis oder daran anknüpfend eine politische Praxis zu finden, die jedenfalls nicht immer dem entspricht, was ohne Probleme mit der Staatsgewalt möglich ist. Während ich außer Dir auch andere Leute kenne, die so eine Verbindung aus Kritischer Theorie und Foucault vertreten, die würden sich selbst aber sogar als Staatsfeinde bezeichnen und nicht als Linksliberale. Wieso Du einerseits einen sehr radikalen (im Sinne von Radix, an die Wurzel gehend) Ansatz vertrittst und dann am anderen Ende Willy Brandt herauskommt verstehe ich nicht.
@Hartmann: Deine Wahrnehmung von Hartmann ist mir nicht nachvollziehbar. Mal sei das, was er hinsichtlich “Sich selbst neu erfinden” schrieb homophob, mal sei es das nicht, sondern die Formulierung zu übernehmen hätte Dir in Deiner damaligen beruflichen Situation nicht erlaubt, Dich weiter zu behaupten, dann sei das wieder homophob – Deine Wahrnehmung des Ganzen scheint mit der Zeit zu schwanken und nur die Aversion als Solche konstant zu sein. Für mich ist das ein völlig überflüssiger Streit um Wort und Formulierungen, wobei ich es eh so halte, dass Formulierungen oftmals austauschbar sind. Worum es Hartmann und den Materialien insgesamt geht ist eine Analyse von Herrschaftsstrategien, im Allgemeinen in der Entwicklungs- und hier insbesondere der Agrarpolitik (gar nicht fern von dem, was Balou so schreibt), manchmal auch in der Arbeitswelt und Arbeitslosenverwaltung hierzulande und die Entwicklung konkreter Widerstandsperspektiven in enger Zusammenarbeit mit Betroffenen.
“Deine Wahrnehmung des Ganzen scheint mit der Zeit zu schwanken”
Klar, das isses
– man, wat bin ich wieder versenkt worden.
Der Streit liegt woanders, und das mit dem zu tun, was Du oben weiter geschrieben hast: Ich glaube nicht, dass man Menschen zu ihrem besseren Leben zwingen kann, sondern dass man sie fragen sollte, was sie wollen.
Deshalb passten mir auch Hartmanns Formulierungen damals nicht – diese globalen Ferndiagnosen über die mentalen Zustände fremder Leute, die ein Manipuliertsein und dessen Möglichkeit überhaupt hinsichtlich dieser mentalen Zustände und nicht etwa hinsichtlich einer Desinformation bezüglich der gesellschaftlichen Wirklichkeit behaupten, die passen mir immer gar nicht, schon gar nicht, wenn die bevorzugte Quelle die Broschüren von Unternehmensberatern sind. Und das dann noch mit so einem reaktionären Einschlag.
Mein Verhältnis zur Staatsmacht stellt sich anders dar, als Du das glaubst – diese konkreten Hilfsangebote von euch finde ich ja super, ansonsten war ich mir bei autonomen Szenen manchmal nicht sicher, wo da die symbolische Aktion aufhört und wo die politische Praxis anfängt, was jetzt nicht Deine konkreten Praxen betrifft, sondern das, was ich hier in dieser Stadt so mit bekam. Aber sie haben sie nazifrei gehalten, und das ist cool.
Willy Brandt empfand ich trotz des Radikalenerlasses, den er als größten Fehler seines politisches Lebens beziechnet hat, als glaubwürdig, als er “Mehr Demokratie wagen” proklamierte. Und den Kniefall habe ich im Gegensatz zu Herrn Knopp nicht als mediale Inszenierung erlebt.
Aber der ist ja nicht, was “hinten raus kommt”. Da tendiere ich zunehmend zu Nörglers Position, dass eine politische Praxis gar nicht möglich ist, sondern allenfalls punktuelle Intervention in Informations- und Deutungsfragen.
Hartmann hat seine Informationen nicht etwa nur aus den Hochglanzbroschüren von McKinsey bezogen, sondern aus den konkreten Wirklichkeitserfahrungen von ehemaligen Langzeitarbeitslosen, die in MC-Kinsey-Schulungsseminaren mitzumachen gezwungen wurden und nach der Erfahrung schlimmster manipulativer Übergriffe schließlich zum Mittel des wilden Streiks griffen. Der hat ja in einer dieser Streikinitiativen selber mitgemacht. Dass seine Sprache problematisch ist sehe ich aber auch selbst so. Da schrieb der einen wirklich analytisch brillianten Text darüber, dass entwicklungspolitische Maßnahmen der USA auf Entwicklungspläne von NS-Ökonomen für den Balkan aus den 30er Jahren zurückgingen. Als historische Quellenarbeit großartig; ich hätte das vielleicht mit “Zur Frage nach NS-Kontinuitäten in der U-amerikanischen Entwicklungspolitik” betitelt. Was schreibt er? “Völkermord gegen soziale Revolution. Das Us-imperialistische System von Brtton Woods als Vollender der nationalsozialistischen Neuen Ordnung.” Traram Trara!
Ich sehe darin einen Störfaktor bei einem ansonsten interessanten Autor.
Mich stört das auch, wenn er von völlig zu recht Streikenden auf die Bewusstseinszustände der Gesamtbevölkerung schließt.
Brandts Kniefall und “Mehr Demokratie wagen fand ich auch glaubwürdig, seine Rolle in der Sozialistischen Internationalen hingegen fatal – da hat er den großen Entsolidarisierer gespielt, von der portugiesischen Nelkenrevolution bis hin zu Nicaragua und El Salvador hat er Unterstützung der SI für linke emanzipatorische Prozesse, wenn sie den außenpolitischen Interessen der USA querliefen erfolgreich bekämpft.
Von daher kann ich den Mann nur als sehr sehr zwiespältig betrachten. Das Problem habe ich z.B. mit Koschnick oder Dohnanyi nicht.
@MR
Nur nochmal von mir ein Danke für die sehr sachliche und instruktive Kurzdarstellung von Gegensätzen und Schnittstellen in deiner Antwort auf mich. Hat mir gefallen.
Aber eins muss der Ausscheider getrockneter Weintrauben in mir noch anmerken:
Nö, allerdings muss das, was Monate vor der Machtergreifung zu wirken begann, vor noch längerer Zeit angestoßen worden sein… Vermutlich wäre Hitler, hätten die alten Herren sich nicht seiner bedienen wollen, um die demokratische Konkurrenz loszuwerden, spätestens ab der nächsten Wahl auf keinen grünen Zweig mehr gekommen, weil die wirtschaftliche Lage sich auch so zu bessern begann (was aber wohl leider nicht automatisch auf eine demokratische Zukunft hinausgelaufen wäre angesichts des Zustands der Republik). Die berühmt-berüchtigten Autobahnen waren ja auch noch nicht mal eine Idee der Nazis, obwohl es so wunderschön ins Bild passte und man damit heute noch so sicher wirkende Aufreger produzieren kann.
Die Geldpolitik Schachts allerdings kommt einem heute merkwürdig modern vor…
@Che:
Da müsste man nun aber ziemlich tief in allerlei Globalgeschichte einsteigen, um zu schauen, was er da jeweils nicht stützte, der Willy Brandt. Ist ja nun nicht so, dass automatisch alles, was den USA zuwider lief, auch gut war. Und bei der “Nelkenrevolution” habe ich das auch, über meinen Vater vermittelt, anders in Erinnerung, lasse mich da aber gerne eines Besseren belehren.
Das wirkt für mich aber ein wenig holzschnittartig, was Du schreibst. Die Ostpolitik war ja nun auch nicht nix, und das hat dort auch emanzipatorische Potenziale befeuert, allen retrospektiven Unkenrufen zum Trotz. Ich glaube auch, dass er danach schlicht verbraucht war.
Zu Beginn der 60er galt er auch als SPD-Rechter, auch und gerade, weil er die Westbindung nicht in Frage stellte. Aber war die nun wirklich falsch, so aus seiner Perspektive? Der kann als SPD-Kanzlerkandidat und Berliner-Bürgermeister ja schlecht die Perspektive Göttinger Autonomer einnehmen … und Uni-Reformen, Scheidungsrecht etc., das war ja nun auch ‘ne Menge emanzipatorisches Potenzial.
@Rayson:
Das ist ja auch wieder niemandem aufgefallen, dass ich neulich dezidiert darauf hinwies, dass die freiwilligen Arbeitsdienste unter Brüning eingeführt wurden
– und ich meinte eher die Entwicklung, dass, wenn ich mich recht entsinne, Che, korrigier mich, ab ca. 1931 nicht nur die durch Abstiegsängste befeuerten, zunehmend das Großbürgertum – Banken, Großunternehmer, also solche, die auch nicht einflusslos auf wirtschaftliche Entwicklungen waren – sich auf die Seite der Nazis geschlagen hat, auch, um den Sozialdemokraten und Kommunisten das Wasser abzugraben. Und wie hieß noch die Hugenberg-Partei, DNVP? Oder meintest Du das mit den alten Herren?
@MR
Mit den “alten Herren” meinte ich die ganzen Kräfte, die ihre Machtposition verteidigen wollten, die sie unter der Monarchie hatten. Da werden also natürlich auch damals bedeutende Banken und Großunternehmer darunter gewesen sein.
Wobei ich ein wenig unterscheiden würde zwischen der Angst vor den Commies und der Angst, dass die Sozis an die Macht kommen – denn genau das war ja damals die Wahl zwischen Stalin und etwas anderem. Die Sozis waren ja schon mal an der Macht und haben sich da nicht gerade als reine Ideologen gezeigt. Aber wahrscheinlich haben sich die betreffenden Personen solche Differenzierungen erspart.
Übrigens habe ich heute was zu Hayek gefunden, das ich interessant finde: Peter Boettke, einer der wenigen, die “Austrian Economics” nicht mit einer Bibel verwechseln, sondern als Wissenschaft zu betreiben versuchen, sieht Hayek mehr als intellektuellen Türöffner denn als Verkünder ewiger Wahrheiten, er unterscheidet da “Hayek” von “Hayekianismus”, u.a. indem er darauf hinweist, dass Hayek selbst seine Ansichten im Lauf der Zeit verändert hat. Und da muss ich immer an den Text eines italienischen Linken denken, den Che mal verlinkt hat, und der genau so an Hayek herangegangen ist. Sowas trifft dann zwar nicht Hayeks Meinung, aber es respektiert seine Gedankengänge und führt sie fort.
Link: http://www.coordinationproblem.org/2010/03/reading-hayek-coping-with-our-ignorance-and-defending-liberty.html
@Rayson:
Dann sind wir uns da ja einig
– und klar, die Thälmann-Kommunisten waren Stalinisten. Und die Sozialdemokraten, die wir USPDler –
– natürlich schon wegen Noske und so in Weimar eh nicht mochten, wären alleine tatsächlich kein Grund gewesen, Hitler zu stützen und ansonsten zu wenig ernst zu nehmen.
Hatte allerdings in meiner Jugend ein Plakat an meinem Bücherregal, das das Zusammengehen von KPD und SPD forderte, von eher “bürgerlichen Linken” wie Erich Kästner unterzeichnet, kann jetzt aber nicht beurteilen, wie realistisch so eine Option angesichts der verfeindeten SPD/KPD-Lager gewesen wäre. Und eine allgemeine “Demokratiemüdigkeit” bis hin zur offenen Feinschaft – ach Gott, aber das wissen wir ja alle.
Den Link lese ich noch; wir hatten das ja auch schon mal, dass man den – so weit ich informiert bin – gar postmodern lesen können könnte. Auch der Poppersche Skeptizismus und Pluralismus ist ja so zu lesbar, trotz aller Methodenlehren.
Insofern müsste ich auch bei Che noch mal gucken, ich meine mich da erinnern. Den habe ich auch weiter mir vorgenommen, den Hayek; und ich habe ja neulich sogar seine “Wege zur Knechtschaft” als Beispiel klassischer Stalinismus und “vom Marxismus zum Totalitarismus”-Kritiken in einem anderen Blog empfohlen
– obwohl ich es selbst noch nicht gelesen habe. Habe ich aber zugegeben!
Und ich hatte unlängst Hayek vs. Keynes im Seminar behandelt, Fluchtpunkt – kann man deren pragmatische Lösungsansätze ideologiefrei nicht sogar in Kombination oder Abfolge anwenden? Und ich hatte mal ein Interview mit dem Literaturwissenschaftler Hans Meier, einem Adorno-Freund gesehen, der gemeint hatte, 1933 hätten Reichsbanner, eiserne Front und Rotfront Seite an Seite den Bürgerkrieg mit den Nazis wagen müssen. Das war ja das Unglaubliche: Nicht nur die Nazis hatten ihre SA, sondern SPD, KPD und Gewerkschaften, sogar die linken Kleinparteien SAP und KABD ihre eigenen paramilitärische Formationen, die deshalb nicht zu den Waffen griffen, weil niemand den Befehl dazu gab.
@MR
Ich finde, so sollte man alle “Altvorderen” lesen: als Anregung, nicht als Bibel. Aber da sind wir uns wohl auch einig.
@Che:
Das ist eines dieser frühen Lektürerelebnisse, das sich mir eingebrannt hat – dass in so vielen Büchern aus der Zeit nebenher, als Kulisse fast, sich immer SA-Luete mit paramilitärisch organisierten Kommunisten prügeln.
Und ich glaube, Hayek lehnt jegliche Lenkung ab, deshalb glaube ich nicht, dass er mit Keynes kombinierbar ist – eher mit Anarcho-Visionen, auch deshalb ja die Libertären und Anarchokapitalisten unter den jüngeren Bloggern. Aber da kann Rayson ja mehr zu sagen.
@Rayson:
Ja, in der Tat. Oder sich zumindest Grundkenntnisse verschaffen. Und dann gehören da Platon, Aristoteles, Kant, Hegel, Nietzsche, Marx und Max Weber auch mit zu …
@MR, ja das ist mir schon klar – trotzdem stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoll sein könnte, für einen bestimmten Zeitraum keynesianische Konjunkturmaßnahmen zu fahren und wenn diese dann Erfolg zeitigen, die Staatsverschuldung aber gestiegen ist, anschließend wieder zu deregulieren. Ich würde auch von der sozialen Markwirtschaft behaupten, dass sie sich von der Grundkonzeption her zwischen beiden Polen bewegt. Wobei ich nicht sagen würde, dass ich nun ein Freund solcher Modelle wäre, ich kann unter anderen, nämlich antikapitalistischen Voraussetzungen mit dem Modell einer spontanen Ordnung sehr viel anfangen, habe ja anarchosyndikalistische Wurzeln, finde die Überlegung aber trotzdem interessant. Und herrlich dialektisch;-)
Das war der Füntausendste Kommentar! Bei 331 Einträgen …
Machen wa ne Party?
Beim Zehntausendsten Kommentar vielleicht
…
5000? Da hätte ich echt mit mehr gerechnet.
LOL und der Kommentator bekommt ‘nen Blumenstrauss und Konfetti
Und ‘nen Gutschein für einen Besuch in einer schwule Sauna!
Ich denke, die Neoklassik und auch die Gleichgewichtstheorien haben immer noch ihre Berechtigung. Sie liefern nämlich Erklärungsbeiträge für das sozioökonomische Geschehen und die dort ablaufenden Prozesse, allerdings nur einen Teil der notwendigen Erklärungsbeiträge. Auch Ungleichgewichtstheorien, so sehr sie zur Neoklassik im Gegensatz stehen, haben ihre Mängel, große sogar, und vielleicht ist es so, dass sich in einem komplexen wirtschaftlichen Geschehen oft eine Wechselwirkung aus Tendenzen zum Gleichgewicht und zum Ungleichgewicht finden lassen. Die Neoklassik liefert dann einen Sichtwinkel auf die ablaufenden Prozesse. Immerhin.
Oh, da fällt mir ein: Ich habe die Hayekschen Wege zur Knechtschaft gelesen. Ich finde, das ist ein übles Buch ohne wirklichen argumentativen Tiefgang. Er schreibt, kaum mehr, viele Wege führen nach Moskau. Man versteht solche Machwerke besser, wenn man sich den Blockgegensatz und die antikommunistische Hysterie im damaligen Amerika als Begleitmusik zur Lektüre vorstellt.
Es ist und bleibt aber ein schwaches Werk. Mit Wissenschaft hat es jedenfalls wenig zu tun.
Was Che betrifft, ich denke auch, dass sich einige Ansätze von Hayek und Keynes kombinieren ließen. Wobei der Antietatismus von Hayek und der – von Keynes-Nachfolgern so verstandene – Keynes-Etatismus durchaus sehr gegensätzlicher Natur sind, und auch die Vorstellungen beider Autoren, worin die Aufgaben eines Staates liegen.
Was aber auch heißen kann, dass genau darum eine Synthese beider Vorstellungswelten interessante und sogar gute Ergebnisse versprechen könnte. Es hängt aber, wie überall, sehr davon ab, WAS man sich da zusammensynthetisiert, und ob das menschliche Zusammenleben und Wirtschaften damit erträglicher (und produktiver!) wird. Etwas erträglicher wäre aber auch schon schön.
Ja, faszinierend, wie die “Gleichgewichtstheorien” Erklärungsbeiträge für das sozioökonomische Geschehen der Blasen und der dort ablaufenden Prozesse liefern. Mehr noch: Auch der Beitrag der Gleichgewichtstheorien zur Erklärung der Arbeitslosigkeit überzeugt, denn laut Gleichgewichtstheorie kann es Arbeitslosigkeit gar nicht geben. Daher erklärt jene Theorie die Arbeitslosigkeit auch mit dem ruchlosen Treiben skrupelloser Marktstörer (Gewerkschaften, Staat), was uns wieder zum gänzlich dereguliert freien Finanzmarkt führt, der global ein 60-Billionen-Euro-Ungleichgewicht erzeugte, und das, obwohl doch von Störern gänzlich befreit.
Alles recht merkwürdig, nicht wahr?
Die nette Bitch hat ein paar interessante Fragen gestellt, die in diesem Zusammenhang vielleicht interessant sind.
@Katzenblogger:
Dann muss ich die “Wege zur Knechtschaft” wohl doch noch selbst lesen
– und mein Problem mit diesen Gleichgewichtstheorien ist ja deren empirische Unerheblichkeit. Das ist so wie die Frage nach dem Guten und dem Bösen oder ein reines Nullsummenspiel – man teile das Ganze und weise ihm Eigenschaften zu, kann man ja am Reißbrett machen, aber Wirklichkeit kann das gar nicht adäquat beschreiben können. Das wird ja noch nicht mal Poppers Wissenschaftstheorie gerecht und ist als Spiritualität vielleicht verständlich, aber sonst doch nicht. Das tut vom Theorietypus her so, als wolle es Gravitationstheorie und Quantenphysik (oder so was oder was auch immer das meint) vermitteln, obwohl es einen ganz anderen Gegenstandsbereich hat, den es geflissentlich ignoriert.
@Nörgler:
In der Tat merkwürdig, und wie sehr das als Prämisse durchschlägt, das ist mir bis vor ein paar Tagen auch noch gar nicht aufgefallen. Schande über mich. Das ist eine Hygienefantasie, die Neoklassik, da braucht man sich Freunde des DIW ja nur mal angucken. Deshalb auch all die faschistoiden Implikationen dieser Theorien, weil sie gar nicht von Realitäten ausgeht, sondern Reinheit hervor bringen möchten.
@Che:
Das mit den Betonkübeln an den Füßen finde ich die beste Frage
– zudem das Wetten ja wirklich so geht: Man werfe Nichtschwimmer ins Becken, stehe feixend am Rande und wette darauf, wer zuerst unter geht …
@MR
Ich glaube nicht, dass du aus dem “Weg zur Knechtschaft” viel ziehen könntest… In diesem Buch wendet sich Hayek gegen etwas sehr Konkretes, nämlich die nach dem Zweiten Weltkrieg sehr verbreitete Auffassung von der Vorteilhaftigkeit einer Zentralverwaltungswirtschaft. Im Wesentlichen zeigt er dort, dass der Versuch, menschliches Verhalten wirksam zu kontrollieren, immer weitere Kontrollen hervorruft – etwas, das historisch und aktuell gleichermaßen erkennbar war bzw. ist. Aber ich schätze, damit würde er bei dir eh nur offene Türen einrennen.
Kollege Che z.B. hat völlig recht, wenn er dieses Buch als sehr auf seine Zeit bezogen einstuft (genau so, nämlich als Beitrag zu einer aktuellen Debatte war es auch gedacht), aber unrecht damit, es mit “Hayek” gleichzusetzen. Da ist schon eher das Gegenteil richtig… Hayeks Beiträge zur Ökonomie stammen aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise, und die eher philosophisch angehauchten sind Spätwerke aus den 70er Jahren.
Kleine Vorwarnung: Bryan Caplan von “EconLog” findet, der späte Hayek sei überschätzt. Er hätte besser seine späteren Bücher in wenigen Aufsätzen zusammenfassen müssen, und sein Schreibstil sei sehr ermüdend, eben sehr “deutsch”. Mindestens ein Körnchen Wahrheit ist da dran…
Rayson, ich habe dieses Buch eigentlich nicht direkt mit Hayek gleichgesetzt, sondern Leuten, die dies scheinbar tun, mit dem Hinweis auf seine Zeitbedingtheit geantwortet. Beim A-Team und bei S&W, mitunter auch bei Euch wurde häufiger formelhaft der Weg zur Knechtschaft als gewissermaßen zeitloser Beleg für die Falschheit jeglichen Staatsinterventionismus gebraucht – wohlgemerkt nicht von de Hausherren, sondern aus der Kommentarrunde. Ich kann mich erinnern, das der Hayek, den wir in der Uni gelesen haben, sich mit Spieltheorie und Wissensgesellschaft beschäftigte und nicht mit Volkswirtschaftslehre, gebe Dir von daher also Recht.
@Rayson:
Ja, damit tatsächlich. So was in die Richtung habe ich ja eher von Foucault. Und Zentralverwaltungswirtschaften waren und sind mir sowieso völlig suspekt. Ich träume ja eher von modularem Fair Trade und maximaler Selbstverwaltung kleinerer Einheiten, wenn ich utopisch werde.
Da schließe ich mich dann mal, plus direkte Demokratie mit einer Rätekomponente als zweiter Instanz. Aber das haben ja Kommentatoren wie dirk und Admins wie jo@chim ja bereits als verkappten Stalinismus abgetan ;-(