Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: März 2010

Souveränität, Disziplin, Sicherheit: Wie man Zwangsmaßnahmen internalisiert

“All dies zusammenfassend können wir sagen, daß, während die Souveränität ein Territorium kapitalisiert und das Hauptproblem des Regierungssitzes aufwirft, während die Disziplin einen Raum architektonisch gestaltet und sich das wesentliche Problem einer hierarchischen und funktionellen Aufteilung der Elemente stellt, wird die Sicherheit versuchen, ein Milieu im Zusammenhang mit Ereignissen oder Serien von Ereignissen oder möglichen Elementen zu gestalten, Serien, die in einem multivalenten und transformierbaren Rahmen reguliert werden müssen.”

Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, Frankfurt/M. 2006, S. 39-40

Vielleicht zunächst mal Glückwunsch an eine Adresse, bei der mir das in diesem Leben nicht wieder passieren wird: Dass die Rostocker Suptras es tatsächlich geschafft haben, mit einer hübschen Fotomontage einen derartigen Aufruhr bei der Besatzungsmacht auszulösen, das ist schon gelungen. Weiträumige Sicherheitszonen, 800 Polizisten, die auf dem Dom abgestellt fast flehend guckten, man möge ihnen wenigstens Zuckerwatte an die Uniform schmieren, damit sie ein wenig Wut darüber ablassen können, Sonntags St. Pauli-Fans wie Unterworfene anstieren zu müssen – das ist schon dolle. So macht man solche freilich mächtig – also die Suptras, nicht die Polizisten. An der Ostsee muss es Massenwixen gegeben haben, und es sei gegönnt.

Dass nun leicht stotternd auf N3 dieser schnieke Polizeisprecher den Sachverhalt, dass es friedlich blieb, auf eben diese völlig überblähten Gegenmaßnahmen zurück führte, das ist schon unverfroren. Wer Friedhofsruhe durchsetzt, der wird natürlich weniger Konflikte erleben. Würde man flächendeckend Geschlechtertrennung durchsetzen, dann gäbe es jenseits halbjährlich durchzuführender Deckrituale auch keine Gewalt in der Ehe mehr.

Herrlich am obigen Foucault-Zitat ist ja nicht nur die These der Durchsetzung der Disziplinen mittels funktionaler, hierarchischer, architektonischer Ordnung – darum geht es schließlich bei dem Wunsch, Stehplätze in Stadien am liebsten gleich abzuschaffen, und die Verlogung (von Loge) entspricht dem Bedürfnis, die Souveränität zu erzeugen, indem der Regierungssitz der ökonomisch Herrschenden deutlich wird ganz wie im Falle der Balkone der Monarchen -, nicht minder zutreffend ist auch die Produktionstheorie des Milieus zu Zwecken der Sicherheit. Diese völlig übersteigerte Produktion eines kriminellen Milieus im Falle von Pyros in Stadien (ja, auch ich finde die Verletzungen schrecklich, das war aber ein Unfall, keine intendierte Gewaltausübung) ist da geradezu ein Klassiker; bei Drogen wurde das schon immer so gehandhabt: Durch Rechtsetzung erzeuge man erst die delinquenten Milieus, die es sonst gar nicht gäbe. Klar gäbe es Drogen und deren Konsum, aber Delinquenz nicht, und schon gar nicht komplexe, kriminalisierte Subkulturen, die sich um das Verbot gruppieren.

Ganz gruselig wird es, wenn diese Machtmechanismen und Zwangsmaßnahmen internalisiert werden oder der Widerstand die Mittelwahl der Herrschenden kopiert. Haben wir heute beides gehabt: Jene, die die Zugänge zur Südkurve blockierten, reproduzierten die Mittel der Polizei und erzeugen sogar Milieus im Sinne der Sicherheit im obigen Zitat. “Eventlutscher”, die, die nicht die ganze Zeit einschläfernd singen und so das Motto “Leistung muss sich wieder lohnen!” konterkarrieren, weil eben die ja nun wirklich beeindruckenden Choreo-Leistungen zu Privilegien führen sollen. Das ist schon beeindruckend, wie in immer neuen Verlautbarungen das “Andere” der Ultras konstituiert wird. Medium und Form, System und Umwelt.

Nicht minder gruselig freilich die Antworten auf den “Wir bestimmen, wer wann das Stadion betritt”-Unfug: Wenn ich jetzt im Forum die ganze Palette möglicher, rechtlicher Antworten darauf von Anzeigen wegen Nötigung, Körperverletzung, Stadionverbot lese, dann ist es Leuten wie dem Polizeisprecher tatsächlich gelungen, dass die Zwangsmaßnahmen auch noch als richtig internalisiert werden. Identifikation mit dem Aggressor, sozusagen – auch das Kind hält es besser aus, wenn Stubenarrest und Arsch versohlen als korrekt rationalisiert werden. Oder das “Warum ich?” des Gewaltopfers  die Antwort nach sich zieht, es habe sich falsch verhalten, weil das die Möglichkeit von Freiheit suggeriert.

Insofern fand ich die “Ihr seid doof!”-Rufe und die Pfiffe gegen die Süd-Aktion u.a. bei uns auf der Nord tatsächlich erschütternd, wenn sie denn der Aktion als solcher galten und nicht der Blockade der Zugänge zur Süd, dann hätten sie ja recht gehabt. Wenn Disziplinierte ihre eigene Disziplinierung fordern, indem sie dem Aussperren der Rostocker zustimmen, weil sie dem Sicherheitsparadigma und der Verlautbarung polizeilich konstituierter Milieus folgen, mittels derer sie anschließend wutschnaubend in Selbstgerechtigkeit sich ihrer eigenen “Anständigkeit” und “Sittsamkeit” vergewissern,  dann ist tatsächlich ein kleiner Schritt in Richtung Totalitarismus unternommen.

Nee, wenn sich das nun auch beim FC St. Pauli durchsetzt, dann werden bald wieder Biedermänner Brandstifter – und dass nun ausgerechnet jene, die sich zu recht für Fanrechte gerade im Fall des Hassgegners stark machten, dazu durch ihr Blockieren noch beitrugen, macht hoffnungslos und traurig.

Insofern freuen wir uns doch einfach mal wieder über die Mannschaft; dieses ekligen “Alle auf einen”, den Ballführer, der Rostocker hat ja zunächst in Halbzeit 1 gut funktioniert. War aber klar, dass die das niemals 90 Minuten durchhalten. Und auch wenn J. neben mir Naki als “überheblichen Nichtsnutz” bezeichnete, was er später in einen “unerheblichen Taugenichts” umwandelte, auch wenn das nur wegen den Sprachwitzes erwähnenswert ist: Ich fand das schon recht klasse heute. Auch Naki.

Völlig unverständlich, warum das Spiel zum “Sicherheitsspiel” deklariert wurde, mit Bier hätte das noch viel mehr Spaß gemacht. Dass Typen wie dieser Retov offenkundig ihren Job verfehlt haben, Kopfstöße kann nur Zidane mit Würde und Klasse durchführen, sei ergänzend erwähnt, insofern war die Rote für Boll selbstverständlich eine Frechheit.

Was meine Freude über den Sieg trotz alledem nicht trüben kann – hoffen wir mal, dass das “Nie mehr Hansa Rostock!” tatsächlich in Erfüllung geht und wir die nächsten Jahre lieber in verschiedenen Spielklassen spielen. Und dass Augsburg die heute begonnene Serie fort setzt …

PS. Nach der Stellungnahme von USP ist das “faschistoid” raus redigiert; ich entschuldige mich hiermit dafür.

Legal versus legitim

Man, wat bin ich froh, dass wir beim FC St. Pauli den Fanclubsprecherrat und so viele vernünftige Leute im Forum haben. Von denen um mich herum im Stadion ganz zu schweigen, von Freunden und Bekannten zudem. Und sowieso.

Und natürlich muss ich sogar Jekylla und CuriOus aushalten können in einer pluralen Gesellschaft. Auch wenn es schwer fällt. Diese Schrebergartenmentalität, die wie ein kurioser Zerrspiegel der Halbstarken-Diskussion der 50er Jahre wirkt, gibt es halt auch. Die müssen mich ja auch ertragen. Weil es die Heterogenität ist, die mich seit Jahren ins Stadion zieht. Dass da auch die Leos aus Chile, die Seebären, die Latte-Machiato-Trinker und viele andere mehr sind und trotzdem sich alle unter der Fahne des Schwarzen Blocks versammeln, deren Symbolik noch nicht ganz und gar, wenn auch weitgehend, im Marketing aufgelöst wurde.

Auf Werbeagenturen in Logen könnte ich persönlich trotzdem verzichten. Ich finde, dass rechtsextreme Tendenzen in Fankurven weniger problematisch sind als bei den Herrenmenschen aus den oberen Etagen von Wirtschaftsunternehmen, das sollte man gerade jetzt mal wieder betonen. Wobei es mir auch da nicht um Personen, sondern um Mentalitäten geht. Es waren zwei St. Pauli-Spieler, die, so reines Hörensagengehörthaben, aber glaubwürdiges, neulich in der V.I.P-Area des HSV die rassistischen Sprüche nicht mehr hören konnten und massiv gegen reagierten. Möchte nicht wissen, was in den Logen bei uns so alles gequatscht wird über den “Sozialneid” derer, die auf den Stehplätzen so putzig und pittoresk singen.

An diesen rechtsradikalen V.I.P.s stört sich ansonsten kein Schwein, so  lange die V.I.P.s schön friedlich bleiben und Geld ausgeben und andere für sich prügeln lassen. Damit die in ihren Logen weiter das Ende des Sozialstaates, die Freiheit des Marktes fordern oder einfach nur die üblichen vulgären Sprüche wie in anderen Fankurven auch absondern, das hat ja in Deutschland noch nie interessiert, ganz unabhängig von dem, was manches Mal dabei raus kam. Ich finde auch viele der neuerdings allerorten publizierenden Kommentatoren, die auf Welfare-Queens und alles, was sonst noch sich nicht der Verwertungslogik fügt, auf undankbare Schwule und pauschal “den Islam” und wasweißich eindreschen, äußerst gefährlich.

Dass diese ganz im Sinne von Werbeagenturen Propaganda treiben, sollte klar sein: Das Wirtschaftssystem setzt auf Verdrängung der Schwachen zugunsten der ökonomisch Stärkeren. Ob das die, die da arbeiten, nun wollen oder teilen oder nicht und ob die auch so denken oder nicht, das weiß ich nicht. Klar ist, dass, wenn man ein Stadion mit Buisness-Seats und Logen finanziert, man sich strukturell, nicht personell, “deren” Gewaltverhältnisse mitten ins Stadion holt.

Die Verpolizeitstaatlichung, die wir allerorten erleben, ist korrelativ zu solchen Prozessen: Zugunsten weniger, Finanzstarker wird umstrukturiert, und die Restbevölkerung darf nach Jenfeld. Das ist weder neu, noch ist es originell, das zu schreiben, es gehört zum aktuellen Tagesgespräch rund um das Rostockspiel nur mit dazu. Die einzelnen, konkreten Individuen, die da sitzen auf den Buisness-Seats, die hingegen sind schnurz. Und es gibt nix Dämlicheres, als im Gegenzug Autos abzufackeln oder Farbbeutel gegen Politikerhäuser zu schmeißen, um Propagandapostillen wie DIE WELT sich über verstärkenden Linksextremismus freuen zu lassen.

Ich kann  die ganze Diskussion rund um die Kartenvergabe an Hansa Rostock gar nicht anders wahr nehmen als vor eben diesem Hintergrund. Corny Littmann, den ich maßlos bewundere für seine Lebensleistung, macht so was ja nicht mal eben so aus Rache für all den homophoben Dreck, der ihm von dort entgegen geschleudert wird. Der glaubt, mutmaße ich lediglich, kenne den ja nicht persönlich, dass er den Verein hochklassig nur am Leben halten kann, wenn er sich den Wünschen nach touristengerechtem, innenstädtischem St. Pauli fügt. Randale bitte allenfalls in Jenfeld, wenn bei Feuerwehreinsätzen wieder wer austickt, der dafür gute Gründe haben wird.

Nun wohne ich seit ’87 in Hamburg und bin immer wieder erstaunt: Die alte Flora steht immer noch. Es gibt immer noch Schanzenfeste. Das Filetstück des Hamburger Immobilenmarktes mit Hafenblick an der Balduintreppe ist erhalten worden, und daneben wurden Sozialwohnungen gebaut. Das ist kein Wunder gewesen, das dies bewirkte.

Möglich war es, weil es ein Konzept zivilen Ungehorsams gab und gibt, das bereits die US-Bürgerrechtsbewegung inspirierte, das die DDR-Bürgerrechtsbewegung antrieb und eben auch und zum Beispiel die Hausbesetzungen in den frühen 80ern und jüngst im Gängeviertel. Ich meine damit nicht Rabatz bambulisierter Riot-Kids und somit ausdrücklich auch keine Gewalt, sondern die Unterscheidung von legal und legitim, die nur unter Rückbezug auf individuelle Grundrechte begründungsfähig ist.

Von ihr lebt jede Demokratie, und sie kann den Widerstand gegen autoritäre Regime rechtfertigen. Ich habe diesen Gedanken in den frühen 80ern sozusagen mit der politischen Muttermilch aufgesogen; manchmal scheint es mir, als sei das bei Jüngeren in den Bereich der Sprachlosigkeit abgewandert und würde sich eher punktuell als Kick entzünden. Das ist aber ein Potenzial.

Diese individuellen Grundrechte können nicht von einer Mehrheit Minderheiten aberkannt werden. Ein Gedanke, der übrigens einfach mal in Rostocker Fankurven populär werden sollte. Und ein Gedanke ist dies, der in viel zu vielen Debatten rund um Demokratie zugunsten des Mehrheitsprinzips aus dem Blick gerät.

Diese individuellen Grundrechte sind nicht empirisch begründet, sie sind Voraussetzung von Interaktion überhaupt. Man muss sie sich wechselseitig zugestehen, will man nicht einfach nur Macht über den Anderen ausüben, und sie sind auch Grundlage des Gewaltverzichts, der nur in Notwehrsituationen aufgehoben sein kann. Das gilt auch für das Gewaltmonopol des Staates. Jedoch meiner Ansicht nach auch, wenn man sich gegen illegitime Polizeigewalt wehrt!

Präventivrecht und Gefahrenabwehr drohen aktuell an die Stelle dessen zu treten; und selbst da, wo das legal ist, MUSS man in Demokratien die Frage nach dem Legitimen stellen und kann dabei nicht auf Empirisches, nur auf Prinzipielles sich beziehen, das empirisch Anwendung finden kann – da ist dann Urteilskraft vonnöten. Sanktioniert werden dürfte rechtssystematisch NICHT, was passieren KÖNNTE, sondern was passiert IST, und zwar als INDIVIDUELLE Sanktion. Sonst müssten ja alle Männer in den Knast, weil sie potenzielle Vergewaltiger sind.

Mich persönlich erschüttert es, mit welcher Häme die für mich auch im Selbstverständnis als St. Paulianer konstitutiven Prinzipien weggehöhnt werden von sich dem selben Verein verbunden fühlenden Bloggern:

“Ich kann nachvollziehen, dass man (Die Polizei, die Vereine, der Staat, wer auch immer) etwas anderes versuchen will und muss, um Verbrechen zu verhindern. Dies geht leider nur mit Einschränkungen der Unschuldsvermutung.”

Dann gilt die auch nicht für CuriOus; ich plädiere für sofortiges Wegsperren, weil Gefahr besteht, dass weiter so ein Unsinn gebloggt wird. Was das Kuriosum da formuliert, war auch Grundlage der Notstandsgesetze in den späten 60ern, übrigens, wie auch des Patriot Act unter George W. Bush: Es ist der Carl Schmittsche Ausnahmezustand. Also eine Aushebelung der Grundlagen des Rechts druch Sonderrechtsbehauptungen, weil: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.

Hintergrund der Unschuldsvermutung ist ja, dass der Staat beweisen muss, dass er gerechtfertigt sanktioniert, und nicht etwa der Angeklagte seine Unschuld. De facto wird das in realexistierenden Gerichtsverfahren zwar oft ausgehebelt; man hat manches Mal bessere Chancen, geringer bestraft zu werden, wenn man gesteht, selbst dann, wenn man gar nichts getan hat. Weil das dem Gericht Arbeit spart; es braucht dann nicht mehr zu beweisen.

Trotzdem verweist dies schon auf das Aushebeln der Gewaltenteilung: Es entscheidet ja, so weit ich informiert bin, gar kein Richter mehr, wenn es um Fragen wie jene geht, wie viel Rostocker nun an das Millerntor dürfen. Im Falle der Vorratsdatenpeicherung ließ sinngemäß das Verfassungsgericht verlauten, dass man diese zwar legitimieren könne, wenn eine richterliche Anordnung vorläge, aber nicht pauschal und mit Mitteln des Generalverdachts. Eine pauschale Schuldvermutung – kein Begriff ohne Gegenbegriff – ist rechtlich grotesk, weil es kein Verfahren gibt, dass diese legitimieren könnte. Weil der erste schwarze Schwan …

Wenn ich das richtig verstehe, dann gilt jedoch im aktuellen Fall reines Polizeirecht, dass  ja nicht etwas infolge eines im Falle der Rostocker wohl begründeten Verdachtes ermittelt, um vor einem Gericht Schuld zu beweisen, sondern dieses sanktioniert, bevor irgendetwas vorgefallen ist. Dagegen kann man wohl Rechtsmittel einlegen, aber das ist trotzdem – wie gesagt unter dem Vorbehalt, dass ich hier als rechtsphilosophisch Examinierter, nicht als Jurist blogge – eine Verschiebung des Rechtsstaates hin zu den Mitteln des Polizeistaates.

CuriOus fordert das sogar bzw. äußert Verständnis. Für Polizeistaatlichkeit. Am Millerntor. Ich weine gerade. Ist auch schnurz, ob das nun Hand in Hand mit Vereinen oder der DFL geschieht – Wirtschaftsunternehmen sind die allesamt, und ich zumindest bin froh, dass der FC St. Pauli bisher noch mehr ist als ein Unternehmen, das mit Hilfe der Polizei je eigene Interessen durchsetzt.

Der Selbstwiderspruch des folgendes Passus dürfte offenkundig sein:

“Also prügeln wir erst mal munter weiter auf unser (sicher nicht fehlerloses) Präsidium ein, denn da spart man sich den reflektierten Blick nach innen. Spart sich das Nachdenken über die eigene Perspektive. Und wo wir grad am prügeln sind, schlagen wir auch noch munter auf diejenigen ein, die die eigene Meinung nicht teilen.”

Da kann jemand zwischen Argumentation und Einprügeln vor lauter Polizeiverknüppeltsein offenkundig gar nicht mehr unterscheiden. Genau um den Blick nach innen geht es ja nun gerade: Will ausgerechnet der FC St. Pauli Vorreiter bei der Beförderung der Polizeistaatlichkeit sein? Man kann den ja auch internalisieren, den Polizeiknüppel – als Dildo oder eben rein geistig. Für auschließlich letzteres (ersteres war wohl eher meine Fantasie) liefert Jekylla ein treffendes Beispiel:

“Aber was ist darüber hinaus mit den vielzitierten Fanrechten? Woraus bestehen sie im Einzelnen und auf der Grundlage welcher Gesetze sind sie durchsetzbar? Gegen welches Gesetz wird nun genau zum Beispiel bei der Kartenkontingentierung verstoßen?

Der Bundesgerichtshof hält zum Beispiel ein Stadionverbot nicht grundsätzlich für eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts (mit BGH-Urteil vom 30.10.2009), sondern für eine in Ausübung des Hausrechts mögliche Maßnahme, wenn sie ohne Verletzung des Grundrechts auskommt und nicht von Willkür geprägt (also nachvollziehbar) ist.”

Dieses BGH-Urteil wurde sogar von der Sueddeutschen als Skandal bezeichnet; St. Pauli-Blogger nun glauben, es sei Grundlage je eigenen Argumentierens. Skandal deshalb, weil, wenn ich mich recht entsinne, ein eingestelltes Ermittlungsverfahren TROTZDEM NOCH als Grundlage eines Stadionverbotes diente. Also als Verdachtsmoment, aber INDIVIDUELL, als Begründung heran gezogen wurde. Dass Gerichte irren, das kann allerdings nicht als Argument gegen die Gewaltenteilung als solche herhalten.

Ansonsten ist eine Position wie jene Jekyllas “legalistisch” oder “rechtsposivistisch”, d.h., die Frage nach dem Legitimen wird gar nicht mehr gestellt (im verlinkten Eintrag). Gab ja mal Zeiten, da war es in den USA nicht legal, wenn Schwarze das gleiche wie Weiße taten; und meine präferierten Sexualpraktiken waren 1965 auch nicht legal. Das soll jetzt keine Erpressung sein, das verdeutlicht einfach, worum es geht in der Differenz zwischen legitim und legal.

Die Frage wird drüben auch nicht dahingehend differenziert, ob eine Sanktion z.B. für widerlich entsorgte Puppen auf Rostocker Rängen vorliegt oder mit Gefahrenabwehr begründet wird. Deswegen hat das Heranziehen des BGH-Urteils im konkreten Fall auch keinerlei Erklärungskraft, weil eine Sanktion aufgrund eines Ermittlungsverfahrens verhängt wurde, nicht einfach so, weil was passieren könnte.

Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn nun die hiesige Polizei gesagt hätte: “Alle, die an der Produktion des Transparents “Nicht nur der Wind bläst scharf, auch Corny” beteiligt waren, müssen weg bleiben” oder “Alle, die gegen die “schwulen Hamburger” gesungen haben, müssen in Rostock bleiben, wir haben ja Videoaufzeichnungen”: Hätte ich vermutlich moralisch richtig, rechtlich fragwürdig gefunden, weil sich die Frage stellt, ob das offenkundig homophob genug und somit Volksverhetzung ist.

Viel bemerkenswerter finde ich aber, dass die hiesige Polizei, der Senat, werauchimmer, und schon gar nicht die Rostocker Vereinsgremien, dass sie IM TRAUM NICHT DARAUF KÄMEN, SICH ZU EINER SOLCHEN FRAGE ÜBERHAUPT ZU ÄUßERN ODER SIE ZU DISKUTIEREN. Weil so was in dieser Gesellschaft gar nicht als Gewalt empfunden wird, sondern lediglich das, was auf der großen, publizistischen Bühne konkreten Wirtschaftsinteressen entgegen steht. Es ist ja fast erstaunlich, dass die Missbrauchsfälle durch Katholiken überhaupt Thema sind. Wahrscheinlich, weil sich die Zeitungen besser verkaufen, ist so schön schmutzig. Maximale Fallhöhe: Moralische Instanz stürzt ab. Und trotz alledem käme wohl außer Jekylla und CuriOus niemand auf die Idee, nun zu verfügen, Katholiken hätten sich prinzipiell nicht dort aufzuhalten, wo Kinder sind.

Was zum interessanteren Punkt an Jekyllas Text überleitet: Nämlich die Relation Hausrecht/Grundrecht. Es ist ja schon Realsatire, nun nach dem Fanrechtegesetz zu googlen, weil diese sich nur abgeleitet von Grundrechten artikulieren lassen wie zu Beispiel von der Freizügigkeit, die in privaten Räumen eben eingeschränkt gilt.

Und ist das gut so? Um was für eine Art Raum handelt es sich beim Fussballstadion? Wieso gelten da so andere Regeln als beim Hafengeburtstag, wo ja auch nicht alle Wiesbadener nicht hin dürfen, weil die sich ständig prügeln?

Wieso gibt es in einem Fussballverein einen Fanclubsprecherrat, auch kein durch geltendes Recht gestütztes Organ, und wieso empört diesen das Verhalten des Präsidiums? Und was hat das generell mit Fragen der Strukturierung des öffentlichen Raumes zu tun?

Es ist doch immer das gleiche und wird auch das gleiche bleiben: Ist der FC St. Pauli nun ein Wirtschaftsunternehmen oder ein Verein, in dem Demokratie wirkt? Ich liebe diesen Verein auch dafür, dass das trotz alledem eine offene Frage ist. Bisher. Auf dass es so bleibe.

In einem Fall gilt durch die “Geschäftsführung” durchzusetzendes Hausrecht, im anderen Fall die im Dialog auszuhandelnde, gemeinsame Entscheidung.

Jekylla will das Wirtschaftsunternehmen, ich will Demokratie. Und die gibt es nur grundrechtsbasiert, was ich hier massivst gefährdet sehe.

Der Streit wird ewig währen – in dem einen Fall thematisiert man, was jemand aufgrund von – übertragenen – Quasi-Besitzrechten einfach so darf, im anderen, was legitim ist. Noch mal: Als in geregelten Verfahren formulierte Sanktion für Fehlverhalten wurde die Limitierung anders als in anderen Fällen NICHT gehandhabt.  Was nicht heißt, dass ich die Sanktionen gegen Köln oder Nürnberg für legitim halte.

So lange aber noch gerungen wird im St. Pauli-Kosmos, besteht Hoffnung – klar sollte sein, dass genau darin der gesellschaftliche Kern der Diskussion steckt: Wollen wir polizeistaatlich flankierte Besitz- und Hausrechte statt Demokratie?

PS: Das hat jetzt auch nur Forendiskussionen zusammen gefasst, musste ich aber für mich noch mal sortieren.

“Demokratie wagen! Kritische Banner hängen lassen – nicht uns!”

Zustimmung. Und Danke an jene, die solche Aktionen immer wieder auf die Beine stellen und an Gitter hängen!

Merkel verteilt wieder um – hin und her zwischen Bank und Kanzleramt …

Jens Jessen bedroht Homosexuelle – nur durch die rhetorische Form, aber schlimm genug

“Der Versuch Guido Westerwelles, die Kritik an seiner Auswahl weiterer Reisebegleiter abzuwehren, indem er den Kritikern andeutungsweise Homophobie unterstellte, ist nicht nur haltlos – denn niemand hat seiner Reisegesellschaft vorgeworfen, sie sei unter erotischen Gesichtspunkten zusammengestellt. Die Unterstellung ist vor allem höchst riskant. Sie ruft etwas wieder auf, was der größte Teil der Gesellschaft überwunden hat, aber womöglich, mit der Nase darauf gestoßen, wiederentdecken könnte. Dazu gehört das Klischee des larmoyanten Schwulen, der auf jede vermeintliche Ungerechtigkeit mit dem weinerlichen Verweis auf sein Außenseitertum reagiert.”

Mir fehlen hier gerade ein wenig die Worte – klar, als Klischee wird diese Frechheit vorsichtshalber gekennzeichnet. Im Kontext des Antisemitismus wäre der berechtigte Konter eines Broder, das Perfideste und Gefährlichste sei, den Juden selbst als Grund des Antisemitismus anzuführen. Zu recht regte die Nation sich auf, als Herr Möllemann verlauten ließ, dass ein Michel Friedmann und dessen so “typisch jüdische” Art doch Grund für Judenfeindschaft sei. Herr Jessen macht hier doch das gleiche? Er würde Juden vermutlich empfehlen, sich davor zu hüten, antisemitischen Klischees zu entsprechen.

Dass nun allerorten meiner Ansicht nach offen Homophobe wie Jens Jessen die Deutungshoheit über Homophobie erheben, das ist wirklich eine Unverfrorenheit selbst dann, wenn man den Praktizierenden eine Kenntnis des Praxis nicht absprechen kann. Am Ende des Textes macht er nämlich genau das für Homophobe typische, was er zu Beginn des Textes als ach so großen Fortschritt feiert, dass es nicht mehr stattfinden würde: Für ihn sind Pädophilie und Beziehungen unter Erwachsenen Ausprägungen ein und desselben Triebs, worin sich eben die Homophobie des Herrn Jessen zeigt:

“Heute kann Homosexualität keinen moralischen Verdacht mehr begründen. Indes taugt sie auch zur Entlastung nicht, wie die Missbrauchsdebatte zeigte, die keinen Gedanken auf sexuelle Zwänge der Erzieher verschwendete. Schwule werden nicht mehr als Opfer ihrer Triebstruktur, sondern als moralische Subjekte gesehen, die wie alle anderen Menschen frei darüber entscheiden können und müssen, wann und wo sie ihrem erotischen Begehren nachgeben dürfen.”

Ist das ein widerlicher, heteronormativer Dreck. Hetzer. Für ihn mag das ja so sein, dass er auf die Freundinnen seiner minderjährigen Tochter in selber Weise scharf ist wie auf seine Frau, wenn er denn beides hat, keine Ahnung, ob das so ist. Falls es so ist, ist es aber trotzdem nicht nett, das auf Andere zu projizieren.

Der drohende Unterton des ganzen Textes, in dem ein Heterosexueller Homosexuellen wie immer schon Verhaltensvorschriften macht, wohl, weil er das so gewohnt ist, lässt mich “Wir können auch anders, ihr Tunten” spüren, dieses “Passt auf, WIR tolerieren! Das können wir auch entziehen!”. Zudem meines Wissens der §175 1969 eingeschränkt und erst zu Beginn der 90er abgeschafft wurde, weiß jetzt nicht, wie Jessen auf 1973 kommt.

Und immer diese groteske Vorstellung, Homosexualität sei je ein Grund gewesen, wen auch immer zu “entlasten” – die Konstruktion dieses ach so wesenhaften und identitätsstiftenden Begehrens hat allenfalls dazu geführt, dass man Leute von ihren Eiern “entlastet” hat. ALLE historischen Fälle, die Jessen nennt, führten ja nun gerade nicht zu einer “Entlastung”, und mir ist von Wilde bis Westerwelle auch kein einziger Fall bekannt, bei dem das so gewesen wäre. Wie kommt der auf diesen Quatsch?

“Sie sollten nun aber nicht wie Guido Westerwelle darüber klagen, wenn sie genauso streng wie Heterosexuelle beurteilt werden.”

Wo werden denn Heterosexuelle ALS Heterosexuelle “streng beurteilt” und mit irgendwelche Klischees von “Weinerlichkeit” belegt? Und wann jemals galt irgendeine besonders nachlässige Sonderperspektive für Schwule? Nie. Nirgends. Diese krasse Verlogenheit spitzt sich noch zu im folgenden Passus:

“Bei der Mehrheit von Deutschen stoßen Gewalt gegen Schwule, auch schon Schimpfworte und hässliche Witze inzwischen auf sichere Ablehnung. Diskriminierung wird erkannt und geächtet.”

Woher weiß der das? Dass der Jessen-Text veröffentlicht wird, das ist doch an sich schon ein Beleg dafür, dass das nicht stimmt. Ganze Fankurven singen gegen “schwule Hamburger”, solche, in denen, so berichtete mir ein Grieche, übrigens kaum ein “Immigrant” sich aufhält, zumindest kaum einer, dem man das ansähe; bei offenkundigen Fehlern unseres FC St. Pauli-Präsidenten taucht unvermittelt das Wort “Schwuchtel”als Antwort in Foren auf. Herr Jessen kann ja mal das Wort “schwul” bei Youtube eingeben, das sind keine Liebesgeschichten oder Pornos, die dann aufploppen. Und kaum eine Wendung ist im Alltag häufiger zu hören als “das ist mir zu schwul”. Herr Jessen dirigiert das weg und delegiert das Ganze wie üblich an die “Reingeschmeckten” (Kewil):

“Wie solche Vorurteile damals Hass produzierten, kann man auch heute leider noch beobachten: nämlich an den gewalttätigen Übergriffen jugendlicher Immigranten, in deren Herkunftsländern Homosexualität weiterhin verachtet oder strafrechtlich verfolgt wird.”

War ja klar, dass der gute Arier mit seiner ach so überlegenen Kultur sich davon befreit hat, während sich noch bei Deutschtürken der 3. Generation das Herkunftsland tradiert – ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht von “Immigranten” angegangen worden, war aber mit welchen im Bett, sondern habe Homophobie am massivsten bei “deutschen” Mittelklasse-Bewohnern erfahren in allen Varianten, die eine Grenze ihrer “Toleranz” lautstark definierten. Und am wenigsten tolerieren sie, wenn man sie trotz ihrer ach so überlegenen Kultur auf Homophobie hinweist. Das ist bei Rassismus ja nicht anders.

Ganz wie Herr Jessen in diesem Text. Weil ich ja als larmoyanter Schwuler hier auch auf jede vermeintliche Ungerechtigkeit mit dem weinerlichen Verweis auf mein Außenseitertum reagiere.

Hätten Sie nicht wenigstens “Halt’s Maul, Tunte, was Du alltäglich erfährst, das bestimme ich?” schreiben können, Herr Jessen? Denn genau darin liegt die Drohung: Wer Ungerechtigkeit beklagt, verweist nur weinerlich auf Außenseitertum. Weil Ungerechtigkeit ja nur vermeindlich ist.

Wohl das gleiche Thema …

Unsere Philosophenkönige und deren Bedürfnislagen

“Von den sieben Millionen, die als mögliche Schadenssumme vom Rechnungshof genannt wurden, sind noch 150000 Euro übriggeblieben.”

Kann ja jeder selbst nachrechnen und überlegen, wie lange davon Hartz IV-Empfänger leben oder öffentliche Bibliotheken finanziert werden könnten. Oder Stipendien für wegweisende Romane, dass die Kids nicht immer Texte klauen müssen.

“In Washington sitzen Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die besten Denkfabriken der Welt. Nicht vor Ort zu sein und Raum für wissenschaftlichen Austausch zu schaffen, wäre im Zeitalter globaler Ökonomie ein Fehler.”

Vielleicht sollten die mal allesamt lieber nach Jenfeld, Neukölln, St. Denis, nach Liberia, in den Kongo oder das chinesische Hinterland umziehen, um die Folgen der je eigenen Doktrinen auch erleben zu können und mal was über Realwirtschaft zu lernen. Na ja, China wird  ja erwähnt. Aber so was wie teilnehmende Beobachtung wie einst in der Ethnologie ist wohl nichts für Modellierungskünstler, deren Gegenstand die Mathematik selbst ist.

“Die Art der Diskussion enttäuscht und deprimiert mich. Uns soll öffentlich der Stempel der Verschwendung aufgedrückt werden.”

Ach Gottchen. Dass nun jene, die die Leitideologie liefern, die Herrn Heinsohn zu seinen Eugenik-Vorstellungen treiben und die permanente Hatz nicht nur Hartz IV-ler, sondern ergänzend die gesamteuropäisch, arbeitende Bevölkerung, ach so enttäuscht und deprimiert sind, das könnte ja zu Lerneffekten führen. Die Griechen waren wohl auch gerade deprimiert, vermute ich – die, die im Mittelmeer absüppeln, sind das irgendwann nicht mehr.

Obwohl beim DIW auch Gewerkschafter mit im Kuratorium sitzen sollen. Trotzdem ist bei den Forschungsschwerpunkten außer “Soziökonomisches Panel” von Lebensbedingungen nicht die Rede, und als Partner werden Politik und Unternehmen genannt. Also weder Attac noch die Arbeiterwohlfahrt noch die Vereinigung der Strafvollzugsbeamten, weder Obdachlosenzeitungen noch Bürgerkriegsparteien. Von Wirtschaft können die nicht viel wissen.

Die Effekte deutschen Lohndumpings: Jens Berger erklärt es noch genauer

Unbedingt den ganzen Artikel lesen:

“Laut [extern] Eurostat sind die deutschen Löhne zwischen 1995 und 2006 um gerade einmal 9,5% gestiegen – dies ist weniger als die Inflation und entspricht einer Reallohnkürzung. Im Vergleichszeitraum [extern] stiegen die Löhne in Frankreich um 49%, in Spanien um 103% und in Großbritannien gar um 128%. Natürlich hat diese Niedriglohnpolitik auch die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähiger gemacht. Seit Einführung des Euro sind die Lohnstückkosten in Deutschland um 14% gesunken, während sie in Griechenland stabil blieben, in Portugal um 5% , in Spanien um 28% und in Italien gar um 46% gestiegen sind.

Mit den Löhnen steigt natürlich auch die Nachfrage nach Gütern – so konsumierten die Franzosen im Jahre 2006 29% mehr Güter und Dienstleistungen als zehn Jahre zuvor. Die Briten leisteten sich 43%, die Spanier sogar 61% mehr als vor einem Jahrzehnt. Während halb Europa sich mehr leisten kann, muss Deutschland knausern – die Niedriglohnpolitik hat dazu geführt, dass Deutschland in der letzten Dekade gerade einmal 9% mehr Waren und Dienstleistungen konsumierte. Deutschland produziert demnach von Jahr zu Jahr billiger, exportiert von Jahr zu Jahr mehr und konsumiert von Jahr zu Jahr weniger als seine Nachbarn. Funktionieren kann dieses eigenwillige “Erfolgsmodell” jedoch nur, weil die Europäer nicht allesamt “Deutsche” sind.

Zwei Drittel aller deutschen Exporte gehen nämlich in die EU, fast jeder zweite Euro, den Deutschland mit dem Export verdient, stammt aus den Ländern der Eurozone.”

(via fk bei Genova, heute spielen wir mal Ping Pong)

Evangikalisierung

„Ich will nichts verallgemeinern, aber schauen sie doch mal, was derzeit in anderen Lebensbereichen abläuft. So ein System ist dank des Mutes von Herrn Kempter bei uns aufgedeckt worden. In anderen Bereichen stellt man fest, dass sich die Menschen erst nach vierzig Jahren melden“, sagte der DFB-Präsident am Freitag.

Zwanzigers skandalöser Vergleich ist eine Zumutung. Die Vorwürfe von vier erwachsenen Schiedsrichtern gegenüber Amerell sind weiter ungeklärt. Der Staatsanwalt hat bisher keine Anklage erhoben. Amerell hat bisher als unschuldig zu gelten. Zwanziger aber erweckt nun sogar den Eindruck, das „System Amerell“ und der jahrelange systematische sexuelle Missbrauch von minderjährigen Schulkindern in katholischen und privaten Einrichtungen durch Lehrer stünden in einem direkten Zusammenhang. Das ist weder juristisch akzeptabel (erst recht nicht für einen ehemaligen Richter wie Zwanziger) – und schon gar nicht moralisch.”

Da hat die FAZ mal recht: Das ist exakt die Strategie von Evangikalen und Katholiken, Homosexualiät und Pädophilie miteinander zu identifizieren, die Herr Zwanziger da, ob nun gewollt oder nicht, betreibt. Es ist wirklich ein Hohn, dass er sich zunächst als glaubwürdiger Kämpfer gegen Homophobie inszenieren konnte, und nun so was  – und mich würde langsam mal interessieren, wer da im Hintergrund beim DFB die Fäden zieht. Das ist doch alles kein Unfall, vermute ich, der nur in der mutmaßlichen Selbstherrlichkeit eines Präsidenten begründet liegt.

(via Direkter Freistoß)

Nachschlag:

“Manfred Amerell hat beim Landgericht Augsburg eine Einstweilige Verfügung gegen DFB-Präsident Theo Zwanziger erstritten. Der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) darf demnach die Affäre um den ehemaligen Schiedsrichtersprecher Amerell und Bundesliga-Referee Michael Kempter nicht mehr mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche vergleichen.

Landgerichts-Sprecher Maximilian Hofmeister bestätigte der Deutschen Presse-Agentur dpa am Mittwoch einen entsprechenden Bericht der Online-Ausgabe der „Augsburger Allgemeinen“. Zwanziger drohe bei Zuwiderhandlung ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro. Die Summe sei vom Gericht, das den Fall am Dienstag beraten hatte, aber noch nicht festgesetzt worden, erklärte der Sprecher.”

Sehr gut.

Neues aus dem Kundencenter: Die Sponsorenwelt des Herrn Ahlhaus

Man denke das:

“Warum fällt mir jetzt der Begriff Faschismus ein? Natürlich ist es kein Faschismus, was Beise will, aber es ist eine Art, die Gesellschaft in einen Zustand zu versetzen, der jede menschliche Regung und das Subjekt ausschaltet, alles dem Kapital unterwirft bis zur Selbstzerstörung.”

und das:

“3. Glaubt irgendwer, einschließlich der Boulevardpresse, hier gehe es um “linke” und “rechte” Chaoten, um “gewaltbereite Ultras”, gar um “Wessis” gegen “Ossis” oder um eine Gewalt neuen Ausmaßes?”

und dann noch, dass Herr Ahlhaus ausgerechnet heute dem Abendblatt folgendes erzählt, zusammen:

“Stadionverbote sind ein Mosaikstein in einem Gesamtkonzept gegen Gewalt im Fußball. Oftmals finden Auseinandersetzungen aber vor den Stadien oder in der An- und Abfahrtsphase statt. Da haben die Vereine wenig Einfluss. Erfahrungen der Fußball-WM 2006 in Deutschland zeigen aber, dass zusätzlich präventiv einiges möglich ist. Beispielsweise könnte das Ticketing verbessert werden. Auch wenn die Vereine Schlägereien außerhalb ihrer Arenen und Sportplätze nicht verhindern können, sollten sie doch zumindest ein Interesse daran haben, diejenigen zu kennen, die sie sich ins Stadion holen. Hausverbote könnten so auch besser durchgesetzt werden. (…) Von Fußballspielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit halte ich nichts. Sportler brauchen die Zuschauer, um ihre Leistung zu bringen. Der Sport lebt von den Emotionen und der Leidenschaft – nicht nur auf dem Platz, sondern auch auf den Rängen. Und welcher Sponsor will schon in Geisterspiele investieren?”

Ja, ja, der Sponsor. Ich finde, man sollte den Steuerzahler mal von Herrn Ahlhaus entlasten, und ansonsten enthebt sich eine Politik, die ständig jene Gewalt erzeugt, die sie anschließend zu bekämpfen vorgibt durch immer neue Exklusionsmechanismen, um immer totalitärer in alle Lebensbereiche vorzudringen bei gleichzeitiger Eliminierung eines öffentlichen  Sektors, schlicht ihrer eigenen Legitimation. Man wende eine Mischung aus Prävention und Repression auf den Hamburger Senat an, so als Wähler und Steuerzahler, der dem Staat eben nicht äußerlich ist und auch nicht dessen “Kunde”. Ja, wir sind das Volk, Herr Ahlecker-Honhaus.

PS: Zur Vertiefung auch das hier.

PSS: Zu nochmaligen Vertiefung die Forderung nach Geisterspielen – im anderen Thread zu den Analysen von Herrn Berger bei Heise kann man ja lesen, wie man das dem US-Vorbild folgend durch eine Intensivierung des Strafvollzuges auflösen kann. Die Gesellschaft als Bootcamp, passt ja zum Nachmittagsprogramm.

“Ich erwarte aber, dass der DFB und die DFL ihre sozialpädagogischen Programme auf ihre Wirksamkeit hin überprüfen. Da gibt es viel Aktionismus ohne Sinn, wenn Geld für die Bastelstuben der Ultras ausgegeben wird.”

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