Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kalte Wut, cooler Wille und die resignativ-lustvolle Melancholie der Wiederholung: “Gib mir das Passwort”.

Also, ich muss dringlichst los werden, dass ich das neue Album von Die Sterne “24/7″ für einen tatsächlich ganz großen Wurf halte. Nach dem ja etwas enttäuschenden, weil viel zu netten und konsensfähigen, letzten Werk von Tocotronic wieder was mit Witz statt Kalauer, mit Idee statt Bedeutungschwangerschaft. Vor allem jedoch was mit Mut zum Sound statt getarnter Unfertigkeit, die als solche nicht heraus gearbeitet, sondern mit einem überproduzierten Fastbombastkitt verklebt wird. Okay, das Kirchenlied haben Tocotronic in “Die Folter endet nie” trotzdem großartig parodiert und zugleich neu erfunden.

Diese ganzen Dance-, House- Disco-, Funk- und NDW-Beats auf dem Sterne-Album hingegen: Sensationell. Gar mit einer Prise des Euro Trash der 90er (der das nächste Revival sein wird) ist es gewürzt, eine Soundraumzeit, in die sich der stimmlos-parolenhafte Gesang Spilkers viel besser einfügt als in manche der bisherigen Songs. Das ist cool, das ist frisch. Die verknappende Rhythmik der Texte mit der Tendenz zum Flachreim wird durch Wiederholung immer weiter über sich hinaus getrieben, bis es egal ist, ob der Slogan stimmt – also, ich finde das prima und mutig. “Für ihr Album “24/7″ haben Die Sterne sich mit dem Münchner Disco-DJ und Produzenten Mathias Modica zusammengetan” weiß der SpOn zu berichten. Hat sich gelohnt, weil Musik machen, ohne “Love to Love you Baby” und Giorgio Moroder uneingeschränkt zu bewundern jene Kastration ist, die Adorno dem Jazz bescheinigte.

Letztlich passt das Werk hervorragend zu einer Kritik Thomas E. Schmidts (hätte beinahe Alfred E. Neumann geschrieben) in der aktuellen DIE ZEIT, in der Moritz Rinkes “Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel” kommentiert wird.

“Vor allem ist Berlin die neue Heimat der Knilche geworden, die das Leben mit einem Bildungsroman verwechseln, in Wirklichkeit und in den Büchern. Die Projektionen haben die Stadt ausgehöhlt. Der deutsche Gegenwartsroman ist ein dezidierter Non-Berlin-Roman.”

Thomas E. Schmidt, Es riecht nach Torf, in: DIE ZEIT 25. Februar 2010, S. 51

Wie im Fussball, so im wahren Leben, liebe Hertha: Es war eben falsch von Tocotronic, nun eine “Berlin-Trilogie” retrospektiv erfinden zu wollen, Bowie, ach wie witzig, aber ohne die Mauer wäre der auch nicht so mythisch geworden.

So eine Hamburg-Berlin-Achse sucht hingegen nach dem, was nötig ist: Eine Aufarbeitung der BRD-Geschichte.

So lange die Falschen glauben, sie hätten immer schon recht gehabt, muss man halt die Historie erstmal hörbar machen und auffrischen, die zwischen Moroder und D.A.F., zwischen “Macht der Nacht” und den Neubauten gespannt einen Soundtrack hervor brachte, der als Suchbewegung die große Geschichte, den Bildungsroman gar nicht mehr haben wollte. Die stattdessen in endlosen Wiederholungen des Details, des Spruchs, des Elements mittels Künstlichkeit Mythen in Tüten verbannte, um zu leben zu können in der Zusammenhangslosigkeit, die nur noch vom Beat, der weiter läuft, zusammen gehalten wird. Diese positiv verschwurbelte Zerissenheit der Zitate-, nicht Plagiatelust jenseits aller Knilchigkeit verdichtet das “Sterne”-Album wirklich unvirtuos, entdeckt sie neu, und das ist toll.

Man MUSS plakativ sein, um Pop zu machen, deshalb sind Wahrheiten wie “Aus dem Weg, ich möchte investieren” und “Es liegen 1000 Leichen in der Stadt der Reichen” schon völlig in Ordnung.  Beim Track “Gib mir die Kraft, o Baby” röhrt Spilker zu Beginn nicht zufällig wie Ted Herold, ja, wirklich, um sehnsüchtig modellierend in die Worte “Würde und Ruhe” überzugehen und später im Punk-Shouter-Stil (so weit ihm das möglich ist, ist es nur ein wenig, aber gemeint ist es wohl) “Gib mir die Kraft” ins Expressive, Appellative münden zu lassen. Bis nach der ewigen Wiederholung von “und wir spielen keinen Rolle, und wir spielen keine Rolle, und wir spielen keine Rolle” ein Ideal-”Du machst mich noch ganz irre”-Kiekser in der Phrase “und verlieren die Kontrolle” die Pointe setzt. Ein schreckliches Gitarrensolo beendet den Song. Ganz das Leben.

Man spürt, man hört, man versteht so, dass man an den Punkt zurück gehen muss, da Sven Regeners Herr Lehmann debil in der gesichtslosen Kreuzberger Kneipe im Fernsehen den Mauerfall sieht und es nicht fassen kann, dass das WAHR ist, um Musik machen zu können in Deutschland. Und das Passwort zu finden. So kann es wieder nennenswerte Gegner, auch nicht verbeamtete, geben in der “Stadt der Reichen” … denn: “Richtig sicher ist man nie”. Und “Fickt das System” gilt mehr denn je.

2 Antworten auf Kalte Wut, cooler Wille und die resignativ-lustvolle Melancholie der Wiederholung: “Gib mir das Passwort”.

  1. ring2 März 1, 2010 um 9:20 am

    Wenn es nur eine Möglichkeit gibt, wird dann drängeln zur Pflicht? Oder Solidarität?
    Frauen und Kinder zuerst!

  2. momorulez März 1, 2010 um 9:48 am

    Zerr da aber nicht das wundervolle “Wir sind Zecken, asoziale Zecken” mit rein! Das hat damit nix zu tun!

    Und “Frauen zuerst” finde ich jetzt ja auch zu heteronormativ :-D

    Eure Wut verstehe ich aber voll und ganz.

    Enttäuschung ist aber nie was Gutes, wer will schon immer Wahrheit? Zukunft ist doch nicht klein Abbild. Das hält doch kein Schwein aus!

    Und gerade die, die sich “Realität” am größten auf die Fahnen schreiben, haben am häufigsten Unrecht. Sich immer nur bestätigen lassen, dass die Welt böse, fies und gemein ist, um daraus die Legitimation für’s Schweinsein zu ziehen, also, wäre das der Weg, dann hätte es keine Weltliteratur gegeben, keine Musik, kein Tanzen – wer Liebe als Tauschverhältnis begreift, kann sich doch gleich in die Grube legen. Was auch für all die Drängler am Samstag gilt. Lebende Tote halt.

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