Was sagt der Herr Lindner da eigentlich? Wolkiger geht ja gar nicht. Bildungschancen für alle! Super! Aber wie? Wie kann er das, was er schreibt, z.B. mit Studiengebühren vereinbaren? Mindeststandards im Internet! Für was denn? Der ist ja eine Tragödie, dieser Text. Und wenn er proklamiert:
“Der Liberalismus kreiste nie um gesichtslose Kollektive. Sein archimedischer Punkt ist der einzelne Mensch der Gegenwart und der Zukunft”
dann fühle ich mich persönlich bedroht. Problem der DDR war ja weniger der Kollektivismus, es war die individualisierende Stasi-Akte.
Weiter geht der Satz:
“Freiheit ist die Summe von Optionen für den eigenen Lebensentwurf.”
Die Summe? Er meint wohl eine Vielfalt, ein breites Spektrum an Möglichkeiten für jeden Einzelnen. Aber die Summe? Je mehr Möglichkeiten, desto freier, will er wohl sagen. Wie vorm Supermarktregal: Je mehr Joghurtsorten, desto freier. Aber wieso von Optionen für den eigenen Lebensentwurf? Meint er die Möglichkeit, zwischen möglichst vielen Lebensentwürfen wählen zu können? Oder gaaaaanz viele Optionen für einen, eigenen Entwurf?
Das ist in diesem Fall nicht trivial, dass der Herr Lindner begrifflich so dubios vor sich hin philosophiert, das zeigt einfach nur die Unschärfe des Denkens selbst und folgt einer Technik wie im deutschen Schlager – ein Begriff wie “Liebe” weckt ja freundliche Assoziationen, aber wenn man genau hin hört, sagt ein Schlagertext über Liebe nicht viel aus. Von “Ich bin verliebt in die Liebe” und “Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben” mal abgesehen.
Fatal an solchen Texten ist, dass zwischen der Begründung einer Regel und deren Anwendung gar nicht unterschieden wird. Da wird so getan, als stecke im Prinzip schon dessen Anwendung. Dabei fangen da die politischen Probleme erst an. Dass Freiheit supi ist, dafür brauche ich keine Partei, die mir das zu erzählt. Und auf schlagerhaften Prinzipien reiten, juchhu!, das kann auch jeder. Wenn mir aber von attraktiven blonden Männer ein fröhliches “Sowohl als auch und Try & Error!” entgegen geschmettert wird, dann kann ich auch gleich Sprichwortsammlungen aufsuchen oder logische Verknüpfungsregeln als solche auswendig lernen.
“Der Liberalismus weiß um die Fehlbarkeit des Menschen. Er bindet die Freiheit deshalb an Verantwortung für die Ergebnisse und an Regeln des Zusammenlebens.”
Wieso sich nun gerade aus der Fehlbarkeit die Verantwortlichkeit ergibt und nicht aus der Freiheit die Fehlbarkeit - “deshalb” -, das verstehe ich nicht. Das ist doch eine Sanktionsdrohung. “Wenn Du fehlst, dann bläuen wir Dir schon ein, was wir für die Regeln des Zusammenlebens halten!” Weil: Welche Regeln meint er? Das würde mich ja schon mal interessieren. Da hat doch jemand was zu verbergen.
“Sein Individualismus ist nicht allein eine moralische Kategorie,”
In welcher Hinsicht denn? Wieso moralisch?
“sondern zugleich ein Organisationsprinzip: In den komplexen, modernen Gesellschaften ist Wissen schließlich nicht zentral an einer Stelle versammelt, sondern unter den Menschen verstreut und nur gleichermaßen unvollständig wie widersprüchlich vorhanden. Sie können folglich nicht mit Aussicht auf Erfolg vom technokratischen Reißbrett aus durchorganisiert werden.”
Das ist doch wieder Schlager. Das gilt für alle Formen der Arbeitsteilung in der Moderne und zuvor sowieso so, der eine kann das, der andere weiß das, also: Lass uns kooperieren! Insofern sind Individualität und Interaktion sowieso immer schon aufeinander bezogen, aber wieso taucht dieses so wichtige Motiv im Text sonst gar nicht auf?
Das ist ja die Quelle einer Solidarität, die auf von Bush und Konsorten entwendete Slogans wie “mitfühlendem Liberalismus” auch gut verzichten kann, der im Text im Zusammenhang mit den Institutionen des Staates auftaucht: “Für die Öffnung von »Lebenschancen« (Ralf Dahrendorf) braucht es Institutionen der Gesellschaft oder des Staates – einen mitfühlenden Liberalismus.” Ich brauche keine Emphatie des Staates, auch keinen der FDP, da brauche ich ein Konzept der RECHTE, die ggf. einklagbar sind. Emphatie erwarte ich von Menschen, die mich persönlich kennen, aber Justitia muss blind sein und ist doch kein Übervater. Das hat doch auch mit klassischem Liberalismus gar nix mehr zu tun, nun den Staat in Mitleidsethik zu verorten. Das ist ein Plädoyer für Willkür und Entrechtung.
Der Schluss im oben hervor gehobenen Zitat ist auch unsinnig. Die Nicht-Planbarkeit am Reißbrett, folgt die aus der dezentralen Wissensverteilung? Das ließe sich ja einsammeln, um den großen Plan zu verwirklichen, z.B. jenen des Liberalismus. Das ist doch Rumgeeier und wieder das Problem, das sich durch den ganzen Text zieht: Begründungs- und Anwendungsfragen werden kurzgeschlossen. Da haben die Vordenker mit ihren Theoremen von der “Anmaßung des Wissens” und den “nicht-intendierten Handlungsfolgen” etwas intelligenter vor gedacht. Weil beides ja auch von Kant stammt, gar nicht von Hayek.
“Liberale wollen die Freiheitsbilanz der Gesellschaft optimieren.”
Ja, aber wie denn? Diese Ausführungen über das Austarieren haben NULL Aussagekraft. Das einzig Konkrete im ganzen Text ist die Forderung nach der persönlichen Haftung von Finanzkrisenverursachern. Das ist doch auch das Problem an den ganzen Tiraden Westerwelles: Vor lauter Grundsätzlichkeit geht jegliche Praxis und konkrete Forderung flöten. Vom Schneeschippen mal abgesehen.
Das sind doch Politiker, keine philosophischen Erstsemester. Warum gebährden die sich trotzdem so?
So lange man die Frage nach Freiheit ausschließlich in der Relation Staat-Individuum stellt, kann man die auch gar nicht sinnvoll beantworten und sollte auch nicht so tun, als könne man das, auch dann nicht, wenn man in der Exkutive des Staates mit drin hängt. Das macht den Text auch noch anmaßend und zeigt eher den impliziten Etatismus des Liberalismus, der ja eine reine Staatsphilsophie ist und Ökonomie immer schon ignoriert hat.
Einzig positiv an dem Text ist die Feststellung, dass es staatliche Institutionen geben kann, die als Möglichkeitsbedingung von Freiheit fungieren können:
“Staatstätigkeit schränkt die Freiheit schließlich in ihrer quantitativen Dimension ein, verbessert aber möglicherweise ihre qualitative Dimension.”
Schon wieder die Unschärfe der Formulierung – was ist denn eine Dimension von Freiheit? Vielfalt von Möglichkeiten und Qualität der Möglichkeiten meint er wohl, aber die entscheidende Pointe, nämlich die Differenz zwischen Möglichkeitsbedingung und der Realisierung von Freiheit, die wird so doch wieder nur verunklart durch “Dimensionen”.
Mich macht solch Geschwätz ja ganz kirre, aber ich gehe jetzt eh lieber wieder denunzieren und foltern, weil ich das so gerne tue …
Aber Leistung muss sich doch wieder lohnen, denn schließlich macht Arbeit frei.
Manueller Trackback
http://netbitch1.twoday.net/stories/6210493
Dankeschön!
Und “Freiheit durch Sicherungsverwahrung” gefällt mir auch sehr
…
Ach, der Lindner ist ja nicht so uninteressant, und zwar deshalb, weil er den typischen Aufguss rechtsliberalen Denkens präsentiert, und den so einpackt, als ginge es diesem Parteisoldaten einer Klientelistenpartei um “den” Liberalismus schlechthin.
Das Interessante besteht für mich nicht nur in der geradezu “klassisch rechtsliberal” zu nennenden Unschärfe der Denkkategorien und der nicht minder klassischen Weigerung, die schön klingenden Ansätze zuende zu denken.
Aber es stimmt schon: Jeder praktizierte Liberalismus muss sich daran messen lassen, wieviel Wahloptionen er seinen Bürgern bietet, nicht zuletzt in Bezug auf die eigenen Lebenschancen und Lebensentwürfe.
Bloß passt das nicht so ganz zu dem, was die FDP treibt, und auch nicht, und zwar gar nicht zum Wirtschaftsliberalismus, den sie vertritt. Die geplanten Zwangsregelungen und Verschärfungen für HartzIV-Bezieher passen wohl zum Wirtschaftsliberalismus, aber überhaupt nicht zu einem Liberalismus, der sich gerade für die Schwächeren in der Gesellschaft fragt, wie man deren Wahlmöglichkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten verbessern könne.
Irgendwie werde ich bei dem Lindner den Eindruck nicht los, dass der seine Textbücher auswendig lernt, dabei alles, was gut klingt zusammenträgt, aber *nicht selber denkt*, jedenfalls nicht wirklich.
Dann nämlich müsste er merken, wie wenige die hübscheren Formulierungen in seinen Reden zur FDP passen.
Lassen sich solche Leute ihre Texte nicht eh von PR-Agenturen schreiben?
Es gibt da zum Bleistift ein “Forum Freiheit”, angeleitet von Carlos A. Gebauer, Dirk Niebel und Dietmar Doering.
http://www.titanic-magazin.de/typo3temp/pics/8385440148.jpg
Geil!