Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Aufarbeitung geht los! Endlich!

Großes haben wir angestoßen – nun zeigt es ein erstes Ergebnis: Nach 20 Jahren totalem Schweigen und Tabuisierung kam soeben der erste Willige über den Suchbegriff “Vergangenheitsbewältigung Stalin” auf dieses Blog. Noch sind wir wenige. Doch wir werden viele sein. Jetzt hat die Linkspartei keine Chance mehr!

35 Antworten auf Die Aufarbeitung geht los! Endlich!

  1. Nörgler Februar 27, 2010 um 10:07 pm

    Die Deutungshoheit in der DDR hatte die SED – mit dieser überraschenden, wenn nicht provokanten These schlägt der renommierte Zeithistoriker und Kronstadt-Forscher Genova auf seinem Weblog ein neues Kapitel im Buche der DDR-Forschung auf.
    Eine bekannte Literatin hat bereits erklärt, sie werde ihren Vater bitten, es sofort abzuschreiben.

  2. che2001 Februar 27, 2010 um 11:14 pm

    Jetzt ist es Zeit, zu bekennen: Ich bekenne, kein Transferbaby gezeugt zu haben. Ich bekenne, bei meiner Marxlektüre nicht an Stalin, Berija, Ulbricht oder Honecker gedacht zu haben (was ich hätte tun müssen), sondern an Luxemburg, Feuerbach, Bauer, Poulantzas, Goldmann (nach der die “Emma” so heißt), Gramsci, Adorno und Dutschke (was aber nur im JUZI für Schulterklopfen sorgt und vollkommen irrelevant ist.) Ich bekenne, in religiösen Fragen mich nie mit der Kirchenlehre beschäftigt zu haben, sondern damit, ob der Geistigkeitsbegriff der Gnosis und Mystik der eigentliche Knackpunkt sei und das Christentum nur ein völlig falsch verstandenes Konglomerat aus griechischer Gnosis, Buddhismus und Judentum sei. Ich bekenne, dass ich trotz Stammtisch Intellektueller bin. Ich bekenne, dass ich trotz alledem kein Bildungsbürger bin. Ich bekenne, dass ich eigene Schüler habe und deshalb Buße tun muss.

    So, war das jezze, um den Zitterwolf zu zitieren, genug Aufarbeitung?

    P.S.: Ich habe “Jehova” gesagt.

  3. netbitch Februar 27, 2010 um 11:38 pm

    Hach, Freunde, hach! Endlich sind wir so weit, dass wahre Bekenntnisse möglich sind. Ich muss ja auch so Einiges beichten:

    Also, ich beichte, mit Che an Stammtischen gesessen zu haben. Ich beichte, Langusten essende Linkssozialistin mit Job als Vorgesetzte in gut aufgestellter Firma zu sein. Ich beichte, geschäftliche Beziehungen nach China und geschlechtliche Beziehungen zu Che gehabt und Letztere zu Workingclasshero noch immer zu haben. Ich beichte, Phrasendenken erbittert zu bekämpfen. Ich beichte, DCT-Sentinesse zu sein. Ich bekenne mich schuldig sadomasochistischer Praktiken, Sportwagenbesitzes und trotzdem antikapitalistischer Gesinnung. Ich bekenne mich schuldig, schuldig zu sein. Ich erkläre mich als verdächtig, verdächtig zu sein.

  4. momorulez Februar 28, 2010 um 12:18 am

    Ich habe gerade Hannes Wader gehört. Der war in der DKP, die war vom Osten finanziert. Ich liebe die “Hannes Wader singt Arbeiterlieder!”-Lieder-CD, wo er Hymenn auf solch brutale Schlächter wie die “Moorsoldaten” und Rosa Luxemburg singt. Ich war auf Demos zum Krefelder Appell, der nur und ausschließlich vom Osten initiiert war und mir hypnotisch jeden Willen, jedes eigene Urteil raubte. Ich habe mit den Puhdys mal Kaffee getrunken – aber keinen Sex gehabt! Wirklich nicht! Auch mit Maschine nicht! -, und von denen war einer IM. Der hat dann immer gezuckt, wenn ich “Stasi” sagte, und ich habe trotzdem weiter mit ihm geredet. Ich habe einst stundenlang mit Gregor Gysi telefoniert, ja, war sogar in seiner Berliner Kanzlei. Mein Bruder war in der SDAJ, vom Osten finanziert. Meine Schwester hat in der freien Republik Wendltland gezeltet. Ich habe mir damals aus der DDR Bücher mit bringen lassen, solche aus sozialistischen Verlagen. Anarchistische Bücher (“Ich bin verdammt zu warten in einem Bürgergarten” von Mühsam zum Beispiel – verwerflich, Mühsam! Ausgerechnet! Weiß ja jeder, wie dessen Ende war …).

    Ich habe versagt und mir zu viel versagt. Ich bin trotz der als alleinig relevanten Wahrheit proklamierten, totalisierten Soziopathologie der Wirtschaftswissenschaften nie Amok gelaufen, habe keinen sadistischen Serienmord begangen – trotz all der Anreize, die das ganz normale Wirtschaftleben da bietet. Ha, und was für welche! Wenn ich da genauer drüber nachdenke, also … doch ich blieb irrational, der Unvernunft verfallen.

    Ich habe gefehlt und bin doch nur Fehler geblieben. Ich habe nie denunziert, nie gefoltert, trotzdem ich mich immer als Linker fühlte. Ich bin gescheitert. Ich habe mich an der Marxschen Ersatzreligion versündigt, indem ich nie einen Schauprozess initiierte, kein einziges Lager konzipierte und auch nie wissentlich denunzierte. Ich bin der Lehre nicht würdig, allenfalls würdig, für immer würdelos zu bleiben … in Ewigkeit.

    In Demut mutlos,

    momorulez

  5. netbitch Februar 28, 2010 um 1:03 am

    Amen.
    Was ja auch “Amenhotep” bedeutet, also die Bekennung zum Ägyptertum, das antiwestlich ist.

  6. che2001 Februar 28, 2010 um 12:10 pm

    War es nicht Karl Marx, der sagte “Prioletarier aller Länder, tut Buße”?

  7. momorulez Februar 28, 2010 um 12:15 pm

    Ja, und der mit der Parole “Religion ist Opium fürs Volk” den Afghanistan-Krieg, den jetztigen freilich, vordachte, weil man das den Gläubigen ja nicht überlassen will. Irgendwie müssen ja illegale Operationen westlicher Geheimdienste finanziert werden, um den Weltstalinismus zu bekämpfen.

    “Es bleibt euch nichts zu lieben als eure Ketten”, war er das nicht auch?

  8. che2001 Februar 28, 2010 um 2:17 pm

    Ist nicht Marxismus jene sexuelle Praktik mit Ketten und Peitschen?

  9. Loellie Februar 28, 2010 um 3:26 pm

    Hier gehts ja schlimmer zu als wie bei die Anonymen Alkis.

    Ich bekenne mich zum Verzug anstehender weiterer Ausführungen zum Thema Klassenfeind … weil mich der zweifelhafte Genuss der kürzlich angesprochenen, zutiefst stallinistischen Hetzpropaganda “All Power to the People” von Lee Lew-Lee (die hattest du doch gemeint Momo?) so nachhaltig erschüttert hat, dass ich mich erstmal erholen muss.

    Und weil den Veranstaltern des Black History Month wie üblich nix besseres Einfällt als, wie jedes andere Wochenende auch, bekifft durchs Yaam zu torkeln, eine kleine Anregung meinerseits:

  10. Loellie Februar 28, 2010 um 3:29 pm

    Das sind zwei Videos … wir sollten eine Afrage beim Zentralkommittee starten um zu erörtern, warum Youtube hier mal eingebunden wird und warum nicht.

  11. che2001 Februar 28, 2010 um 4:02 pm

    Das sagst Du jetzt mit einem Revolutionspathos wie weiland Napoleon vor Philippi, als er die Worte sprach: “Das Runde muss ins Eckige!”.

  12. momorulez Februar 28, 2010 um 4:16 pm

    Das finde ich gerade ganz akut gar nicht witzig, das mit dem Runden, das ins Eckige muss :-(

    Arminia Bielefeld ist ja wirklich der ekligste Verein der Weltgeschichte. Die haben ja noch nicht mal das Negativ-Charisma der Fascho-Vereine. Widerlich. Belanglosigkeit ohne jeden Witz, und dann noch dumm rum treten.

    Verdient verloren haben wir freilich trotzdem (wobei ich die 4 hunderprozentigen Elfmeter für uns nicht beurteilen kann, das war zu weit weg), aber diese Vereine mit blau-weiß sind ja in jeder Hinsicht eine ästhetische und moralische Beleidigung, einfach, weil es sie gibt und sie so sind, wie sie sind. Von vereinzelt eventuell hier Mitlesenden (warum deren Verein nun unbedingt in Orange spielt, das erschließt sich mir nicht, wahrscheinlich, um Blau-Weiß zu entrinnen), die man ins Herz geschlossen hat, selbstverständlich abgesehen!!!

    Wäre ich jetzt wirklich Stalin, der Gulag wäre Arminia Bielefeld sicher.

    Warum WordPress mal die Videos einbindet, mal nicht, das verstehe ich auch nicht.

    Und ich meinte Lee Lew-Lee. Die Doku lässt mich nicht mehr los. Die sitzt tief und hat mich sehr beeindruckt.

  13. che2001 Februar 28, 2010 um 4:23 pm

    Napoleon hat auch gesagt “Wo ein Wlle ist, ist auch ein Weg”, oder war das Kolumbus?

    Ach nee, das war Wehner, und es hieß “wo ein Willy ist…”

  14. Nörgler Februar 28, 2010 um 5:44 pm

    Der FCK soll mit St. Pauli aufsteigen, und nicht mit irgendwem. Was ist denn da los? Jetzt reißt euch mal zusammen, Manno!

  15. Loellie Februar 28, 2010 um 6:14 pm

    “Die Doku lässt mich nicht mehr los. Die sitzt tief und hat mich sehr beeindruckt.”

    Ich bin geneigt zu sagen das ich mich schäme. Das gehört ja alles eben auch zu dem, was ich, Hautfarbe zum Trotze, meine sozio-kulturellen Wurzeln nenne und ich mich noch nichtmal mit einem “ich hatte ja keine Ahnung” aus der Affäre ziehen kann. Nee, natürlich bin ich kein Spezialist was die BPP angeht, aber schon etwas mehr als nur Eckdaten und selbstverständlich wusste ich von Hinrichtungen, aber dieses Ausmass … diese Schlächterei.

  16. che2001 Februar 28, 2010 um 6:55 pm

    An die Kampagnen zur Freilassung von Angela Davis erinnere ich mich noch gut. Die haben Black Power damals ja mit Methoden zerschlagen, die sich nicht von denen der Stasi unterschieden. Zum Beispiel wurde Jimmy Lee Jackson, nachdem er auf einer Demo von Bullen zusammengeschlagen worden war (u.a. mit stacheldrahtgespickten Peitschen) im Krankenhaus erneut verprügelt, und zwar so, dass es Knochenbrüche gab. Heroin wurde in Zusammenarbeit von Polizei und Mafia in die townships gepumpt, um den Widerstand zu brechen. Googelt mal COINTELPRO, was da zu lesen ist übertrifft die schönste Verschwörungstheorie.

  17. momorulez Februar 28, 2010 um 7:09 pm

    @Nörgler:

    Das wird nix mehr mit uns und Aufstieg, und so, wie sie zuletzt gespielt haben, ist das auch besser so … was da los ist? Keine Ahnung. Sie haben sich das “weißbraune Ballett” geglaubt, und jetzt, wo’s kriselt, findet keiner mehr die Mittel gegen Holzhackermannschaften, die einfach nur auf Defensive und Nadelstiche setzen. Oder so. Die sind zu nett, die unseren. Denen fehlt das Arschloch-Gen, mal ab von Naki vielleicht, der sich aber auch das Jahrhunderttalent geglaubt hat.

    @Loellie:

    Das Ausmaß war mir tatsächlich auch nicht bekannt. Diese so demonstrative Ignoranz jeglicher Rechtsstaatlichkeit usw. – da war ich tatsächlich zu naiv, mir das als wahr vorzustellen.

    @Che:

    Um “COINTELPRO” ging es ja in der Doku. Und in der Tat gibt es angesichts dessen wenig Gründe, wieso sich die USA im Vergleich mit der DDR als das coolere System feiern könnte.

  18. Katzenblogger Februar 28, 2010 um 9:21 pm

    Endlich. Manchmal bin ich allerdings etwas verwirrt (typisch für Linke, nehme ich an), und zwar deshalb, weil ich nicht so ganz begreife, in welche Richtung diese Aufarbeitung marschieren soll.

    Könnte da ein Rechtsliberaler mal kurz aushelfen? Ähm, mit einem Vorschlag. Hmm?

  19. che2001 Februar 28, 2010 um 11:13 pm

    Verwirrte Linke? Sind die denn nicht immer absolut zielgerichtet auf die Weltrevolution aus und folgen dem satanischen Plan, zumindest aber dem Fünf-Jahres-Plan? Nein, nicht?

    Marschieren? Die Reihen fest geschlossen? Ja, das können nur Unlinke erklären.

  20. Loellie März 1, 2010 um 3:01 pm

    Also wenn hier schon die Abteilung für Aufarbeitung ist …

    Ich bin ja entschiedener Gegner von Möbeln aus resopalverklebten Spanplatten, aber da wir aufgrund architektonischer Besonderheiten mittlerweile 6 vergebliche Monate nach etwas ansprechendem und passenden gesucht hatten, sah ich aus schierer Verzweiflung keinen anderen Ausweg mehr, mir dergestaltiges Teufelszeug in die Wohnung zu holen.
    Wenigstens kann ich mir dieses ästhetische Schwerstverbrechen mit dem Gebrauchtkauf schönreden … Gnade.

    So, wo zum Teufel versteckt sich dieser T. Albert wenn man ihn mal braucht?

    Aber nun zur Aufarbeitung, für die ich auf solidarische Unterstützung des Kollektivs hoffe.

    Konkret handelt es sich um einen klassischen Besenschrank mit einer Grundfläche von ca 40x40cm und einer Höhe von 2m.
    Das andere sind zwei sideboardartige Gebilde, 50cm tief, 80cm breit und 130cm hoch.
    Folgend die bisherigen Ergebnisse meiner Baumarkttheoretischen Untersuchung.

    1. Wer Decefix sagt, wird mit sofortiger Wirkung standrechtlich erschossen.

    2. Lackieren. Möglich, aber super ungern, weil die zu bearbeitende Fläche eine erhebliche ist und sich diese in Abhängigkeit zur Zahl der Arbeitsgänge multipliziert. Alleine die beiden Kommoden haben eine zu bearbeitende Fläche von 22qm, kein scheiss, und das, wenns gut geht mal 3, wenns nicht gut geht mal 4 … dann noch der Besenschrank und ich muss 100qm kalkulieren, was 7,5 Liter Lack erfordert. Das kann zwei Wochen arbeit werden. Den Platz hätte ich, die Zeit hätte ich, den erforderlichen Arbeitsschutz auch, aber … ehrlich, meine Fresse!

    2. Tapzieren
    2.a. Die Papiertapete wurde leider weitestgehen, wenn auch verständlicherweise, von der Vinyltapete verdrängt, und das bisschen was der Markt bereit hält, gefällt mir nicht.
    2.b. Comics, zB Batman, hätten einen gewissen Charme, aber ob eine derart zur Schau gestellte Infantilität die richtige Arbeitsumgebung ist?
    2.c. Zeitung. Nee, nicht wirklich, obschon die in den 80ern gerne vertapezierte “Prawda” thematisch zur Aufarbeitung passen würde. Wir Stalinissten sind ja gerne doppeldeutik.
    2.d. Lexikon. So ein gewöhnliches Haushaltslexikon aus den 50ern zB, hier ein gläserner Mensch, da ein paar Giftpilze und dazwischen Lektüre, gäbe dem Büro in Spee eine bildungsbürgerliche Note. Andererseits steht mir zum ausleben von Protz- und Distinktionsgehabe eine prächtige, in antikem Nussbaum gefertigte Bibliothek zur Verfügung.
    Natürlich würde das ganze dann versiegelt, wahrscheinlich mit 2 Lagen Bootslack.

    3. Furnier. Tja, da hülfe auch ein zünftiges “Geld spielt keine Rolle” weiter, auch wenn es i der Tat keine Rolle spielt, das Budget, aber das scheitert mal wieder am Markt. Freiheit und Wahlmöglichkeiten sei Dank, lässt sich Furnier nirgends nicht auftreiben.

    Aber mal ganz im Ernst, eine Woche kann ich noch über das Problem meditieren, am liebsten wohl mit was papiernem Bekleben, Lackieren ist einfach Sauerei, daher mein Hilferuf, ob jeman noch was einfällt.
    Ob Druckerzeugnisse aus Eigenproduktion eine Möglichkeit sind, werde ich expremintell ermitteln zu suchen, hege aber schon beim Kontakt mit Kleister Bedenken und erstrecht wenn Klarlack ins Spiel kommt.

  21. momorulez März 1, 2010 um 3:24 pm

    Kann man da nicht mit dem Lötkolben Muster rein brennen? ;-)

    Ansonsten gehet einfach nix über lackieren, sorry. Sieht einfach am schönsten aus.

    Was auch sexy ist, aber nun gerade keine Arbeit spart, ist, Stoffe, Textilien – Animal-Print oder wasauchimmer – aufzukleben und dann Klarlack drüber. Das kann sehr cool aussehen. Das ist dann so ähnlich wie die Bootslack-Variante und kann so bernsteinhaft mysteriös aussehen.

    Mosaikartige Kacheln oder Glaselemente können auch schick aussehen, wenn man sich von den Kacheltischen unserer Kindheit gedanklich entfernt und sich davon nicht irritieren läßt.. Habe mal Fotos von einem Haus gesehen, wo jemand sehr viel mit Kachelsplittern als Mosaik gearbeitet hat, und das hat schon was. Und das kann man großflächiger machen mit Buntglas.

  22. che2001 März 1, 2010 um 4:17 pm

    Vinyltapete, sowas gibt´s? *staun*

    Wie wäre es denn mit einem Stalinportrait auf der einen, einem Bakuninportrait auf der andereren, einem Hannah-Arendt-Portrait und einem Leila-Khaled-Portrait auf der vierten Wand? Wer das unverständlich findet, dem sei gesagt, dies sei Dialektik.

  23. Loellie März 1, 2010 um 5:04 pm

    Bei Kacheln seh ich ein Problem mit der Materialstärke. Diese Mosaikkacheln von früher, die es hier auch garnicht gibt, sind ja erheblich dünner als Badfliessen und die Stabilität der Schränke könnte auch ein Problem werden, obwohl ich die verschraube und dann noch eine Raumhohe Platte dahinter setze, dann wird das ein Raumteiler. Links von dem Konstrukt kommt eine Schiebetür hin und rechts davon, an der Fensterfront, mach ich eine Art Japanische Wand aus Vierkantholz und Plexiglass.
    Ich muss aus einem recht grossen Zimmer mit 4,5×5,5m zwei kleine Zimmer machen und hab keinen Bock eine Wand zu stellen, weil die Materiallieferung dann wieder ein Problem wird und ich eine Gipswand ja am Boden fixieren muss. Dann muss ich das sündteure Marmoleum durchlöchern, was ein nicht unerheblicher Wertverlust wäre. Mit dieser etwas merkwürdigen Frickelei ist das eben Non-evasiv und ich kanns über die Hypothek laufen lassen und im Zweifel trotzdem einfach mitnehmen.

    Anyways, mit Kacheln hab ich schon gearbeitet, das hatte ich echt verdrängt, aber da lohnt es sicher, trotz der genannten Punkte, drüber nach zu denken.

    Mit Stoff bin ich bisher auf Spiegel und Bilderrahmen losgegangen, der säuft zwar Lack weg wie blöd, aber der Bootslack ist ziemlich pastös. Das könnte was werden. Der lässt sich auch, wenn er schön durchgekleistert ist, etwas dehnen, was die Aufarbeitung vereinfacht.

    Das Problem mit dieser Schweiz ist einfach, dass es hier weder Second-Hand- noch DoItYourself-Kultur gibt … selbst bei Stoffen bleibt mir nur ebay und dann Import als Quelle. Sperrmüll gibt es schon garnicht, was mich Kreativ kastriert, ehrlich. Da fehlt mir einfach meine Herrmannstrasse, mit den ganzen Trödlern, türkischen Kitsch-Dealern und eine Reihe Fachhändler gabs zumindest damals auch noch.

    Die Verdrängung des Sperrmülls sollte man auch mal aus der Perspektive der Durchkapitalisierung der Gesellschafft aufarbeiten.

  24. che2001 März 1, 2010 um 5:08 pm

    Stimmt, in meinen Twenties habe ich mich noch durchweg aus dem Sperrmüll möbliert. Und diese Secondhandläden, wo man Kleidung nach Gewicht kaufte, das Kilo 10 Mark sind auch verschwunden. Wir hatten damals in den Nischen, in denen meinereiner so lebte eine regelrechte Gegenökonomie.

  25. Loellie März 1, 2010 um 5:17 pm

    Ja Che, und wie es Vinyltapete gibt. Hab ich im Schlafzimmer von meim Schatz eine Wand mit geklebt. Ich hab fast geweint vor Glück … was war diese Tapeziererei für ein Theater früher, aber mit diesem Zeuchs … “Heil Kap’talismus”, Kleister auf die Wand, Tapete drauf und verdisch und wenns nicht mehr gefällt einfach am Stück abziehn.
    Da gibt es endgeile Sachen mit pychedelisch und so, aber so zwanghaft individualistisch wie ich drauf bin ist das auch nicht einfach, vor allem aber treffsicher unbezahlbar.

  26. momorulez März 1, 2010 um 5:19 pm

    Hier gibt es ja noch viele Trödler, wobei die oft teurer sind, als wenn man neu kauft, weil die sich immer die ganz hippen und schicken Sachen raus sammeln. Und auch ein “Kaufhaus”, wo sie die Sahnestücke aufarbeiten, die Leute haben abholen lassen (habe auch mal ein Sofa abholen lassen, sauteuer nach Kubikmeter, und mir wurde demonstrativ von den Packern ein DVU-Feuerzeug da gelassen, ich trug St. Pauli-Shirt). Und riesige Second Hand-Läden für Leute ohne Kohle gibt es auch. Heißen die “Humana”? Klassische Second Hand-Läden gibt es auch noch einige hier im Umkreis.

    Aber insofern stimmt das schon mit der Durchkapitalisierung, was den Sperrmüll betrifft – das war ja richtig ein Event in den “Neue Heimat”-Siedlungen der graubraunen und rostroten und tannegrünen Waschbetonfassaden-Vorstadt, in der ich aufgewachsen bin. Das war immer lustig.

  27. che2001 März 1, 2010 um 5:20 pm

    Tja, und ich würde nicht auf die Idee kommen, etwas Anderes zu verwenden als Rauhfaser – außer einem Fall in meiner alten WG, wo wir Strukturtapete und feste Farbe verwendeten, weil der Lehmputz bröselig war.. An meinen Wänden habe ich allerdings strukturierte Textiltapeten und Blümchenmuster. Das hängt da seit den 60ern, und ich hätte gar nicht die Zeit, das neu zu machen.

  28. Loellie März 1, 2010 um 7:31 pm

    Na wenn du ausser Raufaser nix anderes kennst, kannst du ja auch nicht auf die Idee kommen, was anderes zu nehmen. Typisch Altstallinist! Ich muss nur an Raufaser denken um mir Ausschlag zu holen :D
    Das tapezierte Zimmer war jetzt 5 Jahre Rumpelkammer, weil wir aufgrund des fehlenden Kellers, ums verrecken 2-3 Kubikmeter zuwenig Stauraum hatten und ich, wegen einer unheiligen Allianz aus Pfusch am Bau und einem Erdbeben, den Gipser um Aufarbeitung bitten musste. Im krassen Gegensatz zu meiner sonstigen Analfixiertheit wenns um Wände geht, haben wir aus Geiz dem Flickwerk den Vorzug gegeben, weils schlappe 1000€ billiger war, als die kompletten Wände neu verputzen zu lassen. Oben neuer Putz und unten alte Farbe, da blieb zur Tapete garkeine Alternative.
    Wände sind mir auf jedenfall entschieden zu körperlich um sie mit Ignoranz zu strafen. Das ist bei Möbeln nicht anders, oder Klamotten, bei Bettwäsche schon garnicht. Ich muss mich im Prinzip an alles rankuscheln, oder, ja, durchaus sexualisiert, reiben oder dran lecken können. Das Theater das ich sonst mit Wänden betreibe hat ebenso eine esoterische Komponente im Sinne von Reinigen. Ob die Inbesitznahme, die ebenfalls mit reinspielt, nun kapitalistischer Natur ist, mag sogar sein.
    Mein bester Kumpel greift ein Bündel Räucherstäbchen um böse Geister zu vertreiben, ich erledige das mit Akopatz, so what. :D Wenns um meinen eigenen Glibber geht, bin ich dann wieder komplett anders, von wegen Putzteufel.
    Und das ist überhaupt kein Widerspruch zu meinem Vermissen von Sperrmüll und “Gegenökonomie”, weil selbst der Müll auf der Strasse mit mir spricht. “Nimm mich mit…” sagt der dann und dann weiss ich “er gehört zu mir …”. Oder auch nicht, wenn ich ein schräges Gefühl habe. Das sind doch keine Geschmacksfragen, die ich vordergründig an Aeusserlichkeiten festmache.
    Oder glaubt ihr wirklich, dass das Gift, an dem Arbeiter verrecken, die Zwangs und Kinderarbeit, die in den Computern steckt, vor denen wir hier den halben Tag sitzen, glaubt ihr wirklich, dass wir das nicht mit uns rumschleppen?

    Aber, ein bisschen Ventilieren, ein Minimum an Input und schon bin ich gerade dabei, mich mit mir selbst auf alte indische Saris für die Spanplatte zu einigen. Danke dafür!

  29. momorulez März 1, 2010 um 8:06 pm

    Ich Altstalinist habe hier auch nur Rauhfaser :-( … aber wenigstens 3 Wände in so einem Goldocker mit einer gelben Lasur drüber, die teils aufhellt, teils abdunkelt und so ein bißchen Leben auf die Fläche bringt. Und in der Küche Papaya :-D – aus’m Baumarkt. Ist ja auch schon wieder karrikaturhaft, ich geb’s zu.

    Aber so ein komplexes Konzept von Räumlichkeit, bis hin zu Erotisierung, dafür bin ich immer viel zu faul und bei Möbeln zu geizig :-( . Brauche hier meine Schutzzone zum Einkuscheln. Mehr nicht.

    Bewundere aber Leute, die das drauf haben, da so viel originelle und originäre Energie reinzustecken. Und wenn mit den Saris tatsächlich ein Ergebnis raus kam – super!

  30. Loellie März 3, 2010 um 11:25 am

    Aber, ich schreib doch garnichts anderes als “Schutzzone zum Einkuscheln” und ich erkenne an deiner Beschreibung auch nichts karikaturhaftes. Offensichtlich hast du doch auch Massnahmen ergriffen um den Wohlfühlfaktor deiner direkten Umgebung zu erhöhen.
    Faulheit ist natürlich ein Argument, Geiz dann wieder nicht, weil die Grundlage für mein, nennen wir es ruhig komplexes räumliches Konzept, ja durch selbst zugefügtes jugendliches Trauma einerseits und, der Pathos sei mir erlaubt, Armut geschaffen wurde.
    Und natürlich hat es mir schon immer eine diebische Freude bereitet, aus einer im Grundsatz konsumfeindlichen Haltung heraus, den Konsumgeilen mit einfachsten und billigsten Mitteln zu zeigen wo der Hammer hängt, einerseits, andererseits zu demonstrieren, dass man auch nach erfolgreicher Plünderung eines Rot-Kreuzsacks nicht herumlaufen muss, als wäre man gerade aus einem Mülleimer gekrochen.

    Blablablubb … Wollt ja eigentlich nur schreiben, dass Kuscheln doch immer Unterleibsmotiviert, sprich erotisch, sexualisiert ist. Ich begreife Wände zB Bsp nur als eine Art verlängerte, unmittelbarere Schmusedecke. Mal ganz davon ab, dass ich auch schon in heftig verdrecken Umgebungen richtig geil gefickt habe :D

    Im Gegenzug bin Ich dann wieder zu faul, um originelle und originäre Energie in ein Blog zu stecken … ;-)

  31. momorulez März 3, 2010 um 11:45 am

    Wo bei mir das Ficken mal scheiterte wegen zu viel Alkohol, das erspare ich dem Leser mal lieber ;-) … und das karrikaturhafte sind ja diese “Schöner Wohnen”-warmen Farben mit “mediteranen” Akzenten und weiß lackierten Möbeln und schwarzem Metall zu Holzfussboden. Eigentlich ist das ein Klischee.

    Bin da aber auch eher Fortsetzung meines Herkunftsmodells – wir waren ja alles andere als reich, aber arm nun auch wirklich nicht, und Muttern hatte braune Wände, viele Häkel und Klöppeldecken, Naturholzregale, gehoben, nicht IKEA, ganz viele Bücher, nicht ganz billige antike Bauernmöbel vom Flohmarkt, bienengewachster Style, viele Kerzen und Leuchter, schmiedeeisern – all das hat mein Gefühl von Behaglichkeit und Gemütlichkeit im Reihenhaus schon nachhaltig geprägt. Das war schon warm und kuschelig und ein Rückzugsort (vor allem vor der Mutter selbst). Da war Opposition in solchen Fragen zum Glück nicht nötig. Aber Rückzug jede Menge. Zur Not auch der vor verkuschelter Sexualisierung. Ist ja auch anstrengend, andere Menschen und deren Bedürfnisse …

    Verstehe Dein Bedürfnis da aber vollkommen! Mein Abgrenzungs- und Umodel-Bedarf zeigt sich auf anderen Feldern …

  32. che2001 März 3, 2010 um 12:54 pm

    Das sieht bei mir nicht so sehr viel anders aus als das, was Du beschreibst, wenn auch mit anderem Hintergrund. Viel dunkleres, stark gemasertes Holz, frei flottierend zwischen ganz unterschiedlichen Herstellern, auch original Jugendstil-Schränke, Kerzen und Leuchter gusseisern, Perser- und Berberteppiche. Die wenigstenSachen selbstgekauft, sondern mir teils familienintern zugewachsen und teils umzugsbedingt zugeflogen (meine Wohnung war teilmöbliert, als ich dort einzog). Eine bewusste Entscheidung für einen bestimmten Stil habe ich nie gefällt, das ergab sich alles so, Für mich aber sehr wohl drin. Ansonsten herrscht bei mir völlige Unordnung mit überquellenden Bücherregalen. Kreatives Chaos…

  33. momorulez März 3, 2010 um 1:02 pm

    Ich habe die braune Tapete mit weißen Herzchen und bis ca. 1,50 m Höhe Kieferpanele darunter in unserer kleinen Küche vergessen gehabt ;-) … damals, im Reihenhaus, nicht jetzt bei mir. Bis auf den wirklichen schönen Bauern-Geschirrschrank und das Salzfass an der Wand sah das ein wenig aus wie in einem dänischen Ferienhaus.

  34. che2001 März 3, 2010 um 1:13 pm

    Na, das war bei uns dann doch eher ein wenig altdeutsch. Früher mit einem schwarzen massiv eichenen Esszimmerschrank, später dann die Megaschrankwand. Gelsenkirchener Barock wurde umgangen, da folgten auf die rustikalen, völlig schmucklosen Vor-WW1-Arbeiterhaushaltsmöbel übergangslos die gehobenen Möbel der 70er Jahre, mit heftigen Stilbrüchen hinsichtlich der Küche (Presspan mit weißen Plastikfurnier), des Flurs (komplett bis zur Decke holzgetäfelt mit Türbogen) und meines Kinder- bzw. Jugendzimmers: Erst guns in vice, dann Kiefernimitat. Und extrem viele Kuschecken in der Wohnung, eine wagenburgartige Sofagarnitur, drei verschiedene Sofas in unterschiedliche Räumen, lederne markkanische Sitzkissen, Schaukelstuhl, haufenweise beschitzte Holztruhen. Das Ganze in einem mehrstöckigen Mietshaus mit großem Garten in einem in der Industrialisierung entstandenen ehemaligen Handwerkerviertel, das später hauptsächlich von Migrationsarbeiterfamilien, Rentnern und Studenten bewohnt wurde, wo die Hausbesitzer aber immer im eigen Haus wohnten.

  35. momorulez März 3, 2010 um 1:22 pm

    Das war eher der Stil bei uns vor der Scheidung, die riesgige Nussbaumfurnier-Schrankwand hat dann meine Oma bekommen; Muttern wollte sich danach öko-angehaucht bildungsbürgerlich genau davon abheben und hatte zwar keine Ahnung von Stil-Geschichte, aber dass das klassizistische Dreieck an dem Sekretär ein solches war, das wusste sie dann zu berichten.

    Das war zwischen skandinavisch (Teak-Esstisch und Sofa-Garnitur mit grünen Lederkissen von “Grigat”; wenn man das hier heute in den Style-Läden verkaufen würde, würde man richtig viel Schotter für kriegen, gibt hier einen Laden am Schlachthof für so was, die nehmen da Preise, hallelujah – meine Schwester bewohnt das heute noch, die Dinger sind wahnsinnig stabil) und “neu ausgebautes Bauernhaus” mit antiker Kiefer und Strohblumen, nur eben in einem 60er-Jahre-Reihenhaus.

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