Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Februar 2010

Die heilige Barke ist in Reparatur – wegen der Bilderstürmer …

Fast konnte ich sie hören – im Wind den Stimmen lauschen, wie sie flirteten und turtelten. Kurz zuvor hatte ich auf dem Wall, der bis heute Haihtabu umgibt, dieser Fantasie freien Lauf gelassen, die seit irgendeiner blöden “König Artus”-Verfilmung mich umgab wie eine Hoffnung: Dass die Nebel alltäglichen Stumpfsinns sich lichten könnten, um den Blick frei zu geben auf eine andere Welt –  mein Avalon erschiene.

Ich könnte dort im Garten Rosen lauschen, wenn sie von ihrer Eitelkeit berichteten und davon, wie es ist, so schön zu sein, während die profane Wirklichkeit zeitgleich uns umgäbe und uns doch nicht wahrnehmen könnte. Während wir, ich und die Rosen, Witze rissen, dass es tatsächlich Fans von Vereinen wie Arminia Bielefeld gibt, denn wir, wir sie beobachten sie trotzdem in ihrer blau-schwarz-weißen Tristesse.

Als ich unweit der Mutter Domizil, unweit von Haithabu, wo ich einhütete, tief einsog, was die Landschaften nahe der Schlei im Wind so subtil nur erzählen, dass man es riechen muss, da befiel mich diese Fantasie wieder: Könnte es nicht sein, dass das Haitabu von einst fort existiert und man einfach nur den Schleier unserer Wirklichkeit lüften müsste, um die Welt der Wikinger zu betreten? Konnte mir pornographische Vorstellungen nicht verkneifen von schwulen Wikingern, die, in ihrer Stadt natürlich unterdrückt, heimlich auf der anderen Seite des Noors sich trafen und Liebe sprachen, machten, erhofften und fanden … in der Nacht darauf konnte ich nicht schlafen, nicht vor Erregung, sondern weil die Fantasie ins Gruseln gekippt war und ich eher an “The Fog – Nebel des Grauens” orientiert ständig darauf wartete, dass gut gehörnte Wikingerhelme an den Scheiben kratzten.

Nun habe ich gerade ein sehr ärgerliches und streckenweise doch ganz hübsches Buch durchquält: “Die Stimmen der Vergangenheit” von Elia Barcelo. Die Grundidee ist ähnlich: Bestimmte Gemälde sind Passagen in eine andere Welt, die man, zitiert man laut die richtigen literarischen Werke, durchschreiten kann. Wird nicht wirklich gut durch gespielt, diese Idee, obgleich die Vorstellung schon reizvoll ist, was wohl passieren würde, beträte man ein Bild von Caravaggio, von Boticelli, von Picasso (es muss ja nicht Guernica sein) oder Pollock.

Selbst Fernsehbilder können diesen Effekt haben: Dass die blöde, stumpfe Mattscheibe auf einmal eine Welt eröffnet, so dass man weint, wütet, verzweifelt oder genießt.

So kamen mir die Auswärtsspiele des FC St. Pauli in dieser Saison oft vor, von denen ich die meisten in der O-Feuer-Sportsbar sah: Man tauchte ein in eine Welt, die man so gar nicht kannte. zumindest auswärts nicht. Dieses Spiel in Aachen, es war ja irreal, wie eine Fantasie – man sitzt an der Bar, starrt auf eine Wand, auf der Bilder, gebeamt, vor sich hin zucken, und juchzt und jauchzt und jubelt und ist ganz woanders als da, wo man gerade sitzt, mit aller Leidenschaft dabei und in eine ganz wundervolle Parallelwelt verschwunden und doch noch da, dann, wenn die Jungs zaubern und so uns verzaubern.

An guten Tagen, in großen Momenten, ist auch das Millerntor-Feeling so: Man betritt eine andere Welt, ganz, als sei man mit der heiligen Barke nach Avalon, in unser Avalon, gerudert.

Aber seien wir ehrlich: Das war trotz der 46 Punkte zu Hause in dieser Saison nicht gar nicht so oft der Fall. Okay, das Last Minute-Tor im ersten Spiel, da war schon einer Momente, wo man sich über das profane Sein erheben konnte und plötzlich in dieser Anderswelt, der dionysischen, sich aufhielt, als habe man die Schleier der Wirklichkeit zerrissen. Auch das Düsseldorf-Spiel, klar, da siegte das Gute über das nicht ganz so, aber auch Gute, und alle feierten zusammen ein kleines bißchen Utopie, die Düsseldorfer ja auch.

Aber wie das so ist im Fantasy-Genre: Da gibt es immer böse Kobolde, Orks und Ungeheuer (wie ja offenkundig beim “Dauerkarten für die Süd-Anstehen” gestern auch), die mit destruktiver Macht ausgestattet den Zauber brechen, das Auenland bedrohen, die morden, brandschatzen und vergewaltigen wollen und Einhörner schlachten.

Und wie alles im Fantasy-Genre ist das Allegorie aufs wahre Leben zu lesen: Wenn ich im Job mal brilliere, dann kommt immer irgendwer und pöbelt “Das ist zu schlau, das versteht doch keiner, promovier doch drüber, ja, sophisticated, deshalb anders machen, da hast Du Dir wohl zu viele Gedanken gemacht, wa?, Gott, geht das nicht schneller, geh doch mal auf die Zwölf” – Feenschlächter und Jünglingsfolterer halt,Bilderstürmer,  die ihre ganze Lust daraus ziehen, das, was sie heimlich neiden, weil es schön ist, zu zerstören.

Womit wir bei der Spielweise unserer Gegner angekommen wären. Destruktiv, grobschlächtig, nur defensiv eingestellt, bösartig und vor allem total unästhetisch gebärden die sich und machen so unseren Traum zunichte. Sie haben begriffen, dass da bestens funktioniert, und weil spätestens nach dem Kaiserslautern-Match unsere Spieler das auch begriffen haben, dass man gerade das, was sie ausmacht, gegen sie wendet und ausnutzt, auch ihre so liebenswerte, gelegentlich Dösbaddeligkeit, klappt jetzt erst mal gar nix mehr. Okay, in Halbzweit zwei ja schon das eine oder andere.

Dabei es gibt es doch auch andere Bilder, Boys in Brown. Ihr müsst einfach wieder den Moment genießen, dann kommt die heilige Barke wieder ganz von selbst. Hatten wir als Smalltalk während des Spiels heute: Zum Beispiels die Zeitlupe von Volltreffern beim Schwergewichtsboxkampf. Die sind äußerst faszinierend, nicht als zu imitierende Faktizität, sondern als Imagination, und so was kann man auch nur in Bildern sehen, gibt keine Slow Motion in der Wirklichkeit.

Stellt euch einfach vor, das sei der Gegner, dessen Wange gerade so formgewandelt durch die Gegend fliegt – als Analogie, wie gesagt, bitte nicht ständig zuschlagen!

Denkt nicht von Spiel zu Spiel und auch nicht an das nächste, sondern an den Moment, da ihr auf dem Platz steht. Stellt euch nicht vor, was pöbelnde Fans gerade denken oder wie ihr gerade rüber kommt, lieber Charles, sondern seid im Bilde, sozusagen.

Denn ob wir aufsteigen oder nicht, ganz ehrlich, das ist mir zumindest ziemlich schnurz. Ich will einfach mein Avalon inmitten dieser Stadt wieder haben (ist schwer genug, dass da im Exil, der totesten Ecke des Stadions, zu erkennen, wenn es sich wieder zeigt). Indem wir solch Orks wie die Arminen aus dem Stadion schießen – alle zusammen.

Kalte Wut, cooler Wille und die resignativ-lustvolle Melancholie der Wiederholung: “Gib mir das Passwort”.

Also, ich muss dringlichst los werden, dass ich das neue Album von Die Sterne “24/7″ für einen tatsächlich ganz großen Wurf halte. Nach dem ja etwas enttäuschenden, weil viel zu netten und konsensfähigen, letzten Werk von Tocotronic wieder was mit Witz statt Kalauer, mit Idee statt Bedeutungschwangerschaft. Vor allem jedoch was mit Mut zum Sound statt getarnter Unfertigkeit, die als solche nicht heraus gearbeitet, sondern mit einem überproduzierten Fastbombastkitt verklebt wird. Okay, das Kirchenlied haben Tocotronic in “Die Folter endet nie” trotzdem großartig parodiert und zugleich neu erfunden.

Diese ganzen Dance-, House- Disco-, Funk- und NDW-Beats auf dem Sterne-Album hingegen: Sensationell. Gar mit einer Prise des Euro Trash der 90er (der das nächste Revival sein wird) ist es gewürzt, eine Soundraumzeit, in die sich der stimmlos-parolenhafte Gesang Spilkers viel besser einfügt als in manche der bisherigen Songs. Das ist cool, das ist frisch. Die verknappende Rhythmik der Texte mit der Tendenz zum Flachreim wird durch Wiederholung immer weiter über sich hinaus getrieben, bis es egal ist, ob der Slogan stimmt – also, ich finde das prima und mutig. “Für ihr Album “24/7″ haben Die Sterne sich mit dem Münchner Disco-DJ und Produzenten Mathias Modica zusammengetan” weiß der SpOn zu berichten. Hat sich gelohnt, weil Musik machen, ohne “Love to Love you Baby” und Giorgio Moroder uneingeschränkt zu bewundern jene Kastration ist, die Adorno dem Jazz bescheinigte.

Letztlich passt das Werk hervorragend zu einer Kritik Thomas E. Schmidts (hätte beinahe Alfred E. Neumann geschrieben) in der aktuellen DIE ZEIT, in der Moritz Rinkes “Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel” kommentiert wird.

“Vor allem ist Berlin die neue Heimat der Knilche geworden, die das Leben mit einem Bildungsroman verwechseln, in Wirklichkeit und in den Büchern. Die Projektionen haben die Stadt ausgehöhlt. Der deutsche Gegenwartsroman ist ein dezidierter Non-Berlin-Roman.”

Thomas E. Schmidt, Es riecht nach Torf, in: DIE ZEIT 25. Februar 2010, S. 51

Wie im Fussball, so im wahren Leben, liebe Hertha: Es war eben falsch von Tocotronic, nun eine “Berlin-Trilogie” retrospektiv erfinden zu wollen, Bowie, ach wie witzig, aber ohne die Mauer wäre der auch nicht so mythisch geworden.

So eine Hamburg-Berlin-Achse sucht hingegen nach dem, was nötig ist: Eine Aufarbeitung der BRD-Geschichte.

So lange die Falschen glauben, sie hätten immer schon recht gehabt, muss man halt die Historie erstmal hörbar machen und auffrischen, die zwischen Moroder und D.A.F., zwischen “Macht der Nacht” und den Neubauten gespannt einen Soundtrack hervor brachte, der als Suchbewegung die große Geschichte, den Bildungsroman gar nicht mehr haben wollte. Die stattdessen in endlosen Wiederholungen des Details, des Spruchs, des Elements mittels Künstlichkeit Mythen in Tüten verbannte, um zu leben zu können in der Zusammenhangslosigkeit, die nur noch vom Beat, der weiter läuft, zusammen gehalten wird. Diese positiv verschwurbelte Zerissenheit der Zitate-, nicht Plagiatelust jenseits aller Knilchigkeit verdichtet das “Sterne”-Album wirklich unvirtuos, entdeckt sie neu, und das ist toll.

Man MUSS plakativ sein, um Pop zu machen, deshalb sind Wahrheiten wie “Aus dem Weg, ich möchte investieren” und “Es liegen 1000 Leichen in der Stadt der Reichen” schon völlig in Ordnung.  Beim Track “Gib mir die Kraft, o Baby” röhrt Spilker zu Beginn nicht zufällig wie Ted Herold, ja, wirklich, um sehnsüchtig modellierend in die Worte “Würde und Ruhe” überzugehen und später im Punk-Shouter-Stil (so weit ihm das möglich ist, ist es nur ein wenig, aber gemeint ist es wohl) “Gib mir die Kraft” ins Expressive, Appellative münden zu lassen. Bis nach der ewigen Wiederholung von “und wir spielen keinen Rolle, und wir spielen keine Rolle, und wir spielen keine Rolle” ein Ideal-“Du machst mich noch ganz irre”-Kiekser in der Phrase “und verlieren die Kontrolle” die Pointe setzt. Ein schreckliches Gitarrensolo beendet den Song. Ganz das Leben.

Man spürt, man hört, man versteht so, dass man an den Punkt zurück gehen muss, da Sven Regeners Herr Lehmann debil in der gesichtslosen Kreuzberger Kneipe im Fernsehen den Mauerfall sieht und es nicht fassen kann, dass das WAHR ist, um Musik machen zu können in Deutschland. Und das Passwort zu finden. So kann es wieder nennenswerte Gegner, auch nicht verbeamtete, geben in der “Stadt der Reichen” … denn: “Richtig sicher ist man nie”. Und “Fickt das System” gilt mehr denn je.

Die Aufarbeitung geht los! Endlich!

Großes haben wir angestoßen – nun zeigt es ein erstes Ergebnis: Nach 20 Jahren totalem Schweigen und Tabuisierung kam soeben der erste Willige über den Suchbegriff “Vergangenheitsbewältigung Stalin” auf dieses Blog. Noch sind wir wenige. Doch wir werden viele sein. Jetzt hat die Linkspartei keine Chance mehr!

Liberale Phrasologie

Was sagt der Herr Lindner da eigentlich? Wolkiger geht ja gar nicht. Bildungschancen für alle! Super! Aber wie? Wie kann er das, was er schreibt, z.B. mit Studiengebühren vereinbaren? Mindeststandards im Internet! Für was denn? Der ist ja eine Tragödie, dieser Text. Und wenn er proklamiert:

“Der Liberalismus kreiste nie um gesichtslose Kollektive. Sein archimedischer Punkt ist der einzelne Mensch der Gegenwart und der Zukunft”

dann fühle ich mich persönlich bedroht. Problem der DDR war ja weniger der Kollektivismus, es war die individualisierende Stasi-Akte.

Weiter geht der Satz:

“Freiheit ist die Summe von Optionen für den eigenen Lebensentwurf.”

Die Summe? Er meint wohl eine Vielfalt, ein breites Spektrum an Möglichkeiten für jeden Einzelnen. Aber die Summe? Je mehr Möglichkeiten, desto freier, will er wohl sagen. Wie vorm Supermarktregal: Je mehr Joghurtsorten, desto freier. Aber wieso von Optionen für den eigenen Lebensentwurf? Meint er die Möglichkeit, zwischen möglichst vielen Lebensentwürfen wählen zu können? Oder gaaaaanz viele Optionen für einen, eigenen Entwurf?

Das ist in diesem Fall nicht trivial, dass der Herr Lindner begrifflich so dubios vor sich hin philosophiert, das zeigt einfach nur die Unschärfe des Denkens selbst und folgt einer Technik wie im deutschen Schlager – ein Begriff wie “Liebe” weckt ja freundliche Assoziationen, aber wenn man genau hin hört, sagt ein Schlagertext über Liebe nicht viel aus. Von “Ich bin verliebt in die Liebe” und “Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben” mal abgesehen.

Fatal an solchen Texten ist, dass zwischen der Begründung einer Regel und deren Anwendung gar nicht unterschieden wird. Da wird so getan, als stecke im Prinzip schon dessen Anwendung. Dabei fangen da die politischen Probleme erst an. Dass Freiheit supi ist, dafür brauche ich keine Partei, die mir das zu erzählt. Und auf schlagerhaften Prinzipien reiten, juchhu!, das kann auch jeder. Wenn mir aber von attraktiven blonden Männer ein fröhliches “Sowohl als auch und Try & Error!” entgegen geschmettert wird, dann kann ich auch gleich Sprichwortsammlungen aufsuchen oder logische Verknüpfungsregeln als solche auswendig lernen.

“Der Liberalismus weiß um die Fehlbarkeit des Menschen. Er bindet die Freiheit deshalb an Verantwortung für die Ergebnisse und an Regeln des Zusammenlebens.”

Wieso sich nun gerade aus der Fehlbarkeit die Verantwortlichkeit ergibt und nicht aus der Freiheit die Fehlbarkeit  – “deshalb” -, das verstehe ich nicht. Das ist doch eine Sanktionsdrohung. “Wenn Du fehlst, dann bläuen wir Dir schon ein, was wir für die Regeln des Zusammenlebens halten!” Weil: Welche Regeln meint er? Das würde mich ja schon mal interessieren. Da hat doch jemand was zu verbergen.

“Sein Individualismus ist nicht allein eine moralische Kategorie,”

In welcher Hinsicht denn? Wieso moralisch?

“sondern zugleich ein Organisationsprinzip: In den komplexen, modernen Gesellschaften ist Wissen schließlich nicht zentral an einer Stelle versammelt, sondern unter den Menschen verstreut und nur gleichermaßen unvollständig wie widersprüchlich vorhanden. Sie können folglich nicht mit Aussicht auf Erfolg vom technokratischen Reißbrett aus durchorganisiert werden.”

Das ist doch wieder Schlager. Das gilt für alle Formen der Arbeitsteilung in der Moderne und zuvor sowieso so, der eine kann das, der andere weiß das, also: Lass uns kooperieren! Insofern sind Individualität und Interaktion sowieso immer schon aufeinander bezogen, aber wieso taucht dieses so wichtige Motiv im Text sonst gar nicht auf?

Das ist ja die Quelle einer Solidarität, die auf von Bush und Konsorten entwendete Slogans wie “mitfühlendem Liberalismus” auch gut verzichten kann, der im Text im Zusammenhang mit den Institutionen des Staates auftaucht: “Für die Öffnung von »Lebenschancen« (Ralf Dahrendorf) braucht es Institutionen der Gesellschaft oder des Staates – einen mitfühlenden Liberalismus.” Ich brauche keine Emphatie des  Staates, auch keinen der FDP, da brauche ich ein Konzept der RECHTE, die ggf. einklagbar sind. Emphatie erwarte ich von Menschen, die mich persönlich kennen, aber Justitia muss blind sein und ist doch kein Übervater. Das hat doch auch mit klassischem Liberalismus gar nix mehr zu tun, nun den Staat in Mitleidsethik zu verorten. Das ist ein Plädoyer für Willkür und Entrechtung.

Der Schluss im oben hervor gehobenen Zitat ist auch unsinnig. Die Nicht-Planbarkeit am Reißbrett, folgt die aus der dezentralen Wissensverteilung? Das ließe sich ja einsammeln, um den großen Plan zu verwirklichen, z.B. jenen des Liberalismus. Das ist doch Rumgeeier und wieder das Problem, das sich durch den ganzen Text zieht: Begründungs- und Anwendungsfragen werden kurzgeschlossen. Da haben die Vordenker mit ihren Theoremen von der “Anmaßung des Wissens” und den “nicht-intendierten Handlungsfolgen” etwas intelligenter vor gedacht. Weil beides ja auch von Kant stammt, gar nicht von Hayek.

“Liberale wollen die Freiheitsbilanz der Gesellschaft optimieren.”

Ja, aber wie denn? Diese Ausführungen über das Austarieren haben NULL Aussagekraft. Das einzig Konkrete im ganzen Text ist die Forderung nach der persönlichen Haftung von Finanzkrisenverursachern. Das ist doch auch das Problem an den ganzen Tiraden Westerwelles: Vor lauter Grundsätzlichkeit geht jegliche Praxis und konkrete Forderung flöten. Vom Schneeschippen mal abgesehen.

Das sind doch Politiker, keine philosophischen Erstsemester. Warum gebährden die sich trotzdem so?

So lange man die Frage nach Freiheit ausschließlich in der Relation Staat-Individuum stellt, kann man die auch gar nicht sinnvoll beantworten und sollte auch nicht so tun, als könne man das, auch dann nicht, wenn man in der Exkutive des Staates mit drin hängt. Das macht den Text auch noch anmaßend und zeigt eher den impliziten Etatismus des Liberalismus, der ja eine reine Staatsphilsophie ist und Ökonomie immer schon ignoriert hat.

Einzig positiv an dem Text ist die Feststellung, dass es staatliche Institutionen geben kann, die als Möglichkeitsbedingung von Freiheit fungieren können:

“Staatstätigkeit schränkt die Freiheit schließlich in ihrer quantitativen Dimension ein, verbessert aber möglicherweise ihre qualitative Dimension.”

Schon wieder die Unschärfe der Formulierung – was ist denn eine Dimension von Freiheit? Vielfalt von Möglichkeiten und Qualität der Möglichkeiten meint er wohl, aber die entscheidende Pointe, nämlich die Differenz zwischen Möglichkeitsbedingung und der Realisierung von Freiheit, die wird so doch wieder nur verunklart durch “Dimensionen”.

Mich macht solch Geschwätz ja ganz kirre, aber ich gehe jetzt eh lieber wieder denunzieren und foltern, weil ich das so gerne tue

Super!

Die “Achse des Guten” schießt gegen meinen geliebten FC St. Pauli! Na, solange solche wie die gegen uns rumpöbeln, ist meine Welt ja in Ordnung. Zudem ihr eigentliches Anliegen ja noch nicht mal völlig von der Hand zu weisen ist. Aber wer so formuliert:

“Und das alles, um einem drittklassigen Zweitligaverein mit erstklassigem Tuntenballett den Arsch zu retten!”

demonstriert nur einmal mehr, wessen Geistes Kinder da inmitten der Neuen Rechten gezeugt werden.  (via “Fabulous Sankt Pauli“).

“Deutschland hat die anderen zu Bettlern gemacht und zeigt noch mit spitzen Fingern hämisch auf sie …”

Angesichts des Generalstreiks in Griechenland sei das Interview in der Jungen Welt mit Heiner Flassbeck noch einmal eigens hoch geholt, da ist ein eigener Eintrag notwendig:

“So ist es, Deutschland hat die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft ohne Rücksicht auf Verluste ausgebaut. In einer Währungsunion wie der Euro-Zone gibt es dann genau zwei Möglichkeiten: Die eine wäre, daß die anderen Länder es genau so machen. Das aber würde zur Deflation führen, weil sich alle gegenseitig herunterkonkurrieren.

Die andere Möglichkeit ist, daß durch eine solche Politik andere Länder an die Wand gefahren werden. Und genau das ist geschehen: Deutschland hat die anderen zu Bettlern gemacht. Und zeigt noch mit spitzem Finger auf sie und sagt hämisch: Guckt euch mal diese Dummen an!”

Reallöhne runter, Produktivität hoch, und die Masse von 80 Millionen macht’s: Diese ganze Standortrhetorik, der man mindestens zwei Jahrzehnte ausgesetzt sich sah, zeigt nun Wirkung. Im Inland beim Schneeschippen und in Europas Süden. Im Namen “wirtschaftlicher Freiheit”, die wohl ohne Opfer nicht möglich und eben doch Krieg mit anderen Mitteln ist.

Nachschlag:

Passt ja wie Faust aufs Auge:

;-)

Glückwunsch, Nörgler! Glückwunsch, FCK!

Schade, dass Nörgler schreibt, dass er sich gar nicht freuen kann. Ich würde es ihm von ganzem Herzen gönnen. Weil der Sieg ja hoch verdient war für den FCK. Mensch, freu Dich, Nörgler! Das war super, was Dein Team da heute gespielt hat!

Mir hat das trotzdem gerade sehr weh getan.

Aber, ganz im Ernst: Dieses so wundervolle, so unvergleichliche Team des FC St. Pauli, das uns in dieser Saison schon so unglaublich viel Überraschungen und Freude geschenkt hat, nee, das liebe ich jetzt nur um so mehr. Ungebrochene Helden sind eh nix für uns. Wir brauchen auch mal den Blues. Die blaue Stunde.  Das Leben halt. Das Gefühl, dass auf der Spitze eben die anderen stehen. Erfolg gibt es vielleicht manchmal, diese Saison sehr oft, on top, aber das Leben hier, das zählt, und das verbringen wir doch zusammen in unserem so einzigartigen Mikrokosmos, wo man mit griechischen Wirten und der Belegschaft des Portugiesen nebenan am Tresen sitzt und alle gemeinsam die Köpfe schütteln, um beim nächsten Mal wieder mit zu fiebern. In allen Ligen. Knutsch.

Wie hat Corny neulich noch so schön gesagt? Der FC St. Pauli ist der einzige Verein, der um seiner selbst willen geliebt wird. Andere feiern noch heute Europapokalsiege in den frühen 80ern oder Spiele gegen Barcelona anno dazumal, wieder andere gröhlen “Deutscher Meister ’33”, aber wir sind eben wir, und ihr seid wir, liebe Mannschaft. Kopf hoch.

Oczipka oder wie der sich schreibt ist einfach trotz alledem ein Hauptgewinn, Florian Bruns, heute ja schwer neben der Spur, ist so was von St. Paulianer, dass er von mir aus eben auch 3 Eigentore hätte schießen können, und ihm wäre trotzdem zu huldigen. Charles hat wieder gekämpft, und wie Morena diesem Lauterer den Ball noch vom Fuss gekickt hat, das war ganz groß, und überhaupt usw.: Mannschaft, ich liebe euch!

Ihr hättet einfach beim Mittag nicht am Nebentisch Backgammon spielen, sondern meinem Kompagnon lauschen sollen,dass man den Sam einfach immer wieder umtreten muss, dann hat der keine Lust mehr, Fussball zu spielen.

Aber nee, Gentlemenlike den auch noch Tore schießen zu lassen, so simpel, so leicht – ach, sei’s drum. Wir sind halt St. Pauli und die anderen nicht. Lass doch Lauterer die Taschentüchern auskramen wie all die unzähligen Menschen auf unseren Landungsbrücken in all den jahrhunderten …

So, und jetzt betrinke ich mich, nicht mit Pfälzer Wein, sondern mit Astra. Angeschlagen, verletzt, gedemütigt, so ist das Leben im Kapitalismus, kann man nix machen – aber eben dabei St. Paulianer sein: Was will man mehr?

PS: Ich würde jetzt gerne jemanden verprügeln, der sich nicht wehren kann. Aber dazu müsste ich ja in die FDP eintreten. Und nee, dann lieber auf dem Betzenberg verlieren …

PSS: Das ist der erste Blog-Eintrag, den ich nach 2 Litern Bier geschrieben habe …

PSSS: Der Schiri war super. Kann man ja auch mal schreiben.

1st Rock And Roll Song ‘Going To Move To Alabama’ CHARLEY PATTON (1929)

Schnee schippen im Namen des gesunden Volksempfindens!

“Rasseideologen – wie beispielsweise Robert Ritter, Hans F. K. Günther und Sophie Ehrhardt – postulierten einen so genannten „volkshygienischen“ Standpunkt, mit dem zahlreiche Menschen als „unerwünscht“ und „asozialer Abschaum“ gebrandmarkt wurden. Dazu zählten vor allem soziale Minderheiten wie Obdachlose, Wanderarbeiter, „selbstverschuldete Fürsorgeempfänger“, Bettler, Landstreicher, kinderreiche Familien aus den sozialen Unterschichten, Familien aus Quartieren an den Stadträndern, „nach Zigeunerart herumziehende Landfahrer“, angeblich „Arbeitsscheue“, Alkoholiker, „getarnt Schwachsinnige“, Prostituierte sowie Zuhälter. Die Kategorien überschnitten sich. Mittels massiver NS-Propaganda verbreitete sich so die Vorstellung, dass die faktische Diskriminierung einem „gesunden Volksempfinden“ entsprechen würde.”

Gut, von Rasseideologen wird dergleichen derzeiten nicht allzu lautstark postuliert. Wobei u.a. Herr DiLorenzo den Textbaustein von der “massenhaften Einwanderung in die Sozialsysteme” jüngst, wenn ich mich nicht verlesen habe, übernommen hat, aber “rein funktional” deutete, ist klar, ist also was völlig anderes. Auch die “Volkshygiene” wird so nicht genannt aktuell. Und die “Welfare Queens“, danke, Nörgler, gab es noch nicht, dafür aber die kinderreichen Unterschichtsfamilien.

Der Reichsarbeitsdienst jedoch, wenn Wikipedia das richtig darstellt, aber hier lesen ja promovierte Historiker mit, die korrigieren können, war flächendeckend Pflicht für jeden, nicht nur für die “Asozialen” – das hatte ich falsch in Erinnerung. ‘tschuldigung, Herr Westerwelle. Die Idee stammte aus Bulgarien, und ein “freiwilliger Arbeitsdienst” wurde bereits unter Brüning eingeführt.

Das Begründungsparadigma war auch nicht “Leistung und Gegenleistung”. Dass man sich Grundrechte noch mal verdienen sollen müsse, wie manche glauben, das zeigt einfach, dass Horkheimer und Adorno mit der “Kritik der instrumentellen Vernunft” äußerst richtig lagen … ach, und für die andere große Gruppe der selbst verschuldet neuen Armen, die Jungen, die einfach zu früh zu Hause ausziehen, gibt es ja auch Lösungen im Rahmen anderer deutscher Traditionen: Die Jugendwerkhöfe! Weil, was da funktioniert hat, ja hier und heute nicht Unrecht sein kann, wenn man schon funktional begründet, gibt es auch keinen Grund dagegen, wenn so was klappt.

Über die Analogien zwischen DDR-Strafrecht und Westerwelles Visionen einer Welt frei von Müßiggang und Findigkeit habe ich ja zuvor hier schon mal geschrieben … ergänzend und weitere Kontinuitäten aufzeigend sei noch auf diesen Text verwiesen. Da via spare ich mir mal in diesem Fall, weiß ja jeder, warum.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 999 Followern an