Fast konnte ich sie hören – im Wind den Stimmen lauschen, wie sie flirteten und turtelten. Kurz zuvor hatte ich auf dem Wall, der bis heute Haihtabu umgibt, dieser Fantasie freien Lauf gelassen, die seit irgendeiner blöden “König Artus”-Verfilmung mich umgab wie eine Hoffnung: Dass die Nebel alltäglichen Stumpfsinns sich lichten könnten, um den Blick frei zu geben auf eine andere Welt – mein Avalon erschiene.
Ich könnte dort im Garten Rosen lauschen, wenn sie von ihrer Eitelkeit berichteten und davon, wie es ist, so schön zu sein, während die profane Wirklichkeit zeitgleich uns umgäbe und uns doch nicht wahrnehmen könnte. Während wir, ich und die Rosen, Witze rissen, dass es tatsächlich Fans von Vereinen wie Arminia Bielefeld gibt, denn wir, wir sie beobachten sie trotzdem in ihrer blau-schwarz-weißen Tristesse.
Als ich unweit der Mutter Domizil, unweit von Haithabu, wo ich einhütete, tief einsog, was die Landschaften nahe der Schlei im Wind so subtil nur erzählen, dass man es riechen muss, da befiel mich diese Fantasie wieder: Könnte es nicht sein, dass das Haitabu von einst fort existiert und man einfach nur den Schleier unserer Wirklichkeit lüften müsste, um die Welt der Wikinger zu betreten? Konnte mir pornographische Vorstellungen nicht verkneifen von schwulen Wikingern, die, in ihrer Stadt natürlich unterdrückt, heimlich auf der anderen Seite des Noors sich trafen und Liebe sprachen, machten, erhofften und fanden … in der Nacht darauf konnte ich nicht schlafen, nicht vor Erregung, sondern weil die Fantasie ins Gruseln gekippt war und ich eher an “The Fog – Nebel des Grauens” orientiert ständig darauf wartete, dass gut gehörnte Wikingerhelme an den Scheiben kratzten.
Nun habe ich gerade ein sehr ärgerliches und streckenweise doch ganz hübsches Buch durchquält: “Die Stimmen der Vergangenheit” von Elia Barcelo. Die Grundidee ist ähnlich: Bestimmte Gemälde sind Passagen in eine andere Welt, die man, zitiert man laut die richtigen literarischen Werke, durchschreiten kann. Wird nicht wirklich gut durch gespielt, diese Idee, obgleich die Vorstellung schon reizvoll ist, was wohl passieren würde, beträte man ein Bild von Caravaggio, von Boticelli, von Picasso (es muss ja nicht Guernica sein) oder Pollock.
Selbst Fernsehbilder können diesen Effekt haben: Dass die blöde, stumpfe Mattscheibe auf einmal eine Welt eröffnet, so dass man weint, wütet, verzweifelt oder genießt.
So kamen mir die Auswärtsspiele des FC St. Pauli in dieser Saison oft vor, von denen ich die meisten in der O-Feuer-Sportsbar sah: Man tauchte ein in eine Welt, die man so gar nicht kannte. zumindest auswärts nicht. Dieses Spiel in Aachen, es war ja irreal, wie eine Fantasie – man sitzt an der Bar, starrt auf eine Wand, auf der Bilder, gebeamt, vor sich hin zucken, und juchzt und jauchzt und jubelt und ist ganz woanders als da, wo man gerade sitzt, mit aller Leidenschaft dabei und in eine ganz wundervolle Parallelwelt verschwunden und doch noch da, dann, wenn die Jungs zaubern und so uns verzaubern.
An guten Tagen, in großen Momenten, ist auch das Millerntor-Feeling so: Man betritt eine andere Welt, ganz, als sei man mit der heiligen Barke nach Avalon, in unser Avalon, gerudert.
Aber seien wir ehrlich: Das war trotz der 46 Punkte zu Hause in dieser Saison nicht gar nicht so oft der Fall. Okay, das Last Minute-Tor im ersten Spiel, da war schon einer Momente, wo man sich über das profane Sein erheben konnte und plötzlich in dieser Anderswelt, der dionysischen, sich aufhielt, als habe man die Schleier der Wirklichkeit zerrissen. Auch das Düsseldorf-Spiel, klar, da siegte das Gute über das nicht ganz so, aber auch Gute, und alle feierten zusammen ein kleines bißchen Utopie, die Düsseldorfer ja auch.
Aber wie das so ist im Fantasy-Genre: Da gibt es immer böse Kobolde, Orks und Ungeheuer (wie ja offenkundig beim “Dauerkarten für die Süd-Anstehen” gestern auch), die mit destruktiver Macht ausgestattet den Zauber brechen, das Auenland bedrohen, die morden, brandschatzen und vergewaltigen wollen und Einhörner schlachten.
Und wie alles im Fantasy-Genre ist das Allegorie aufs wahre Leben zu lesen: Wenn ich im Job mal brilliere, dann kommt immer irgendwer und pöbelt “Das ist zu schlau, das versteht doch keiner, promovier doch drüber, ja, sophisticated, deshalb anders machen, da hast Du Dir wohl zu viele Gedanken gemacht, wa?, Gott, geht das nicht schneller, geh doch mal auf die Zwölf” – Feenschlächter und Jünglingsfolterer halt,Bilderstürmer, die ihre ganze Lust daraus ziehen, das, was sie heimlich neiden, weil es schön ist, zu zerstören.
Womit wir bei der Spielweise unserer Gegner angekommen wären. Destruktiv, grobschlächtig, nur defensiv eingestellt, bösartig und vor allem total unästhetisch gebärden die sich und machen so unseren Traum zunichte. Sie haben begriffen, dass da bestens funktioniert, und weil spätestens nach dem Kaiserslautern-Match unsere Spieler das auch begriffen haben, dass man gerade das, was sie ausmacht, gegen sie wendet und ausnutzt, auch ihre so liebenswerte, gelegentlich Dösbaddeligkeit, klappt jetzt erst mal gar nix mehr. Okay, in Halbzweit zwei ja schon das eine oder andere.
Dabei es gibt es doch auch andere Bilder, Boys in Brown. Ihr müsst einfach wieder den Moment genießen, dann kommt die heilige Barke wieder ganz von selbst. Hatten wir als Smalltalk während des Spiels heute: Zum Beispiels die Zeitlupe von Volltreffern beim Schwergewichtsboxkampf. Die sind äußerst faszinierend, nicht als zu imitierende Faktizität, sondern als Imagination, und so was kann man auch nur in Bildern sehen, gibt keine Slow Motion in der Wirklichkeit.
Stellt euch einfach vor, das sei der Gegner, dessen Wange gerade so formgewandelt durch die Gegend fliegt – als Analogie, wie gesagt, bitte nicht ständig zuschlagen!
Denkt nicht von Spiel zu Spiel und auch nicht an das nächste, sondern an den Moment, da ihr auf dem Platz steht. Stellt euch nicht vor, was pöbelnde Fans gerade denken oder wie ihr gerade rüber kommt, lieber Charles, sondern seid im Bilde, sozusagen.
Denn ob wir aufsteigen oder nicht, ganz ehrlich, das ist mir zumindest ziemlich schnurz. Ich will einfach mein Avalon inmitten dieser Stadt wieder haben (ist schwer genug, dass da im Exil, der totesten Ecke des Stadions, zu erkennen, wenn es sich wieder zeigt). Indem wir solch Orks wie die Arminen aus dem Stadion schießen – alle zusammen.
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