Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Best of Steinmetz

Und da sage noch jemand, es gäbe keine Systemlogiken:

“Nein, aber die Politiker haben die Globalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte vorangetrieben. Mitarbeiter, Kunden und Gesellschaft standen nicht mehr gleichberechtigt neben den Interessen der Aktionäre.”

“Leider haben wir in unserer Wirtschaft eine Kultur, in der Querdenker und kritische Stimmen nicht goutiert werden, ja nicht mal gewollt sind.”

“Ja. Und das lag auch daran, dass bei den Stabsabteilungen für Finanzen, Recht oder Risikomanagement massiv gespart wurde. Denn sie verursachten nur Kosten, erwirtschafteten aber keine Erträge.”

Die Kombination aus Gewinnmaximierung und den Pathologien, ja, dann doch, die enstehen, wenn Menschen in großen Organisationen arbeiten – es lebe Stromberg! – bringt genau das hervor.  Nicht nur in Banken.  Genau solche Prozesse schafft, wer “wirtschaftliche Freiheit” fordert, ob er will oder nicht. Diese wirtschaftsliberale Propaganda hat noch nicht mal die Begrifflichkeiten, auch nur zu erahnen, wie so was funktioniert, weil sie vor lauter “Rational Choice” komplexe Strukturen systematisch ignoriert.

9 Antworten auf Best of Steinmetz

  1. Katzenblogger Januar 29, 2010 um 3:55 pm

    Mit anderen Worten, die Systemlogiken von solchen Systemen, die einseitig auf das Prinzip Gewinnmaximierung zur Systemsteuerung setzen, verändern nicht nur die Funktionen und Prozesse des Systems, sondern sie deformieren sowohl insgesamt den Rationalbegriff von Entscheidungslogiken, als auch eine vernunftgeleitete #human choice# der Akteure dahingehend, dass sich diese in eine #systematically deformed choice# mit teils inhumanen Zügen wandelt, auch deshalb, weil sich das Feld der Eintscheidungsalternativen im Systemprozess gewandelt hat und um Entscheidungsalternativen vermindert hat?

    Gemessen am Problem war das eine kurze Frage, finde ich.

  2. momorulez Januar 29, 2010 um 4:10 pm

    Nein, es geht gar nicht um ein Primat der der Entscheidung anhand von Präferenzen, sondern um einen eigendymanischen Prozess, bei dem die individuelle Entscheidung schnurz ist, weil der Prozess auch ohne sie weiter läuft. Und der führt dazu, dass die Organisiaionen, in denen die systemischen Imperative sich reproduzieren, gewissermaßen eigenmächtig werden. Das ist jetzt ein bißchen sehr flapsig Systemtheorie für mich als Anfänger, versuche aber gerade, diese hochabstrakte Theorie für mich greifbar zu machen – und das, was ich oben zitiere, das habe ich allzu oft hautnah erlebt.

  3. Katzenblogger Januar 29, 2010 um 5:20 pm

    Witzig finde ich übrigens, dass die Aussagen von Steinmetz fast deckungsgleich sind zur kapitalismuskritischen Davoser Rede von Sarkozy am 26.1.2010. Zusätzlich weist er auf einen ungesunden Riskoappetit hin, sowohl seitens von Bankern, als auch seitens von Kapitalanlegern.

    Man könnte das für eine Deformation einer Systemlogik halten, zudem für eine, die gewissermaßen eigenmächtig wurde, oder? Besonders interessant finde ich dabei, dass diejenigen, welche mit Vorliebe von #Anreizen# sprechen, kaum irgendwelche Probleme damit haben, dass die Verursacher dieser Entwicklungen zumeist keine persönlichen Konsequenzen zu tragen haben, geschweige denn einen Rückgriff auf ihr trotz Missleistung erwirtschaftetes Vermögen. Stattdessen regt man sich dort über Versuche auf, Bonizahlungen an Banker zu begrenzen oder höher zu besteuern.

    Das sei Sozialismus.

    Witzig finde ich auch folgende Passage von Steinmetz: #die Politiker haben die Globalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte vorangetrieben. Mitarbeiter, Kunden und Gesellschaft standen nicht mehr gleichberechtigt neben den Interessen der Aktionäre. Die Politik hat keinen Rahmen gesetzt und allein auf den freien Markt gebaut. Ich sage dagegen: Freiheit bedeutet, in Ketten zu tanzen.#

    Freiheit bedeutet, in Ketten zu tanzen.

    Schön finde ich auch: #Geld ist an die Spitze der Werteskala nicht nur in der Finanzindustrie getreten. Das muss sich ändern, sonst spaltet es unsere Gesellschaft. Dafür aber brauchen wir neue Vorbilder.#

    Eine einseitige Orientierung am Geld ist ein Spaltmittel, und kein Motor des Fortschritts.

  4. Robert Michel Januar 29, 2010 um 9:07 pm

    “Genau solche Prozesse schafft, wer “wirtschaftliche Freiheit” fordert”

    Das ist doch ein Ressentiment. Die Einschränkung der wirtschaftlichen Freiheit dient doch nicht dazu den Einzelnen vor großen Organisationen zu beschützen, sondern dazu die großen Organisationen die Kunkurenz durch kleinere Organisationen vom Leib zu halten.

  5. T. Albert Januar 29, 2010 um 10:15 pm

    Es sind die Grossen, die die wirtschaftliche Freiheit einschränken, die Individualrechte auch.
    “Wirtschaftliche Freiheit” als momentan erhobene Forderung soll genau solche Prozesse schaffen – 800.000 Leiharbeiter, aufgehobener Kündigungsschutz, “Elena”, und diese ständige Einhämmerung in unsere Köpfe, dass es keine anderen Möglichkeiten gäbe, dass das alles zum Nutzen des Einzelnen sei. Komisch, dass ich immer mehr Einzelne und Familien kenne, die trotz ihrer vielgelobten Hochbildung, Doktortiteln undwasweissich, trotz Arbeit kaum noch ein und aus wissen. Die haben bald keine wirtschaftliche Freiheit mehr.

    - “Leider haben wir in unserer Wirtschaft eine Kultur, in der Querdenker und kritische Stimmen nicht goutiert werden, ja nicht mal gewollt sind.”
    Ja, so erlebe ich es, sowohl in Privat- wie in Staatswirtschaft. Genau so. Die Angst, die Feigheit und der Vorstellungsmangel sind exorbitant. Kommunikation wird zusehends unangenehmer.

  6. momorulez Januar 30, 2010 um 11:06 am

    @Robert Michel:

    “Das ist doch ein Ressentiment.”

    Nein, das ist ein Satz, mit dem ich klar einen Wahrheitsanspruch erhebe und der in Erfahrung gründet. Mir ist die Realwirtschaft ja nun alles andere als fremd. Und die, die ich treffe, die in der Realwirtschaft tätig sind, politisch so gar nicht links und auf Chefetagen von Großbanken flanieren, z.B., stimmen mir da übrigens in der Regel zu, ganz im Gegensatz zu all den Studenten und Wiwi-Professoren, die im Netz so unterwegs sind.

    @T. Albert:

    “Die Angst, die Feigheit und der Vorstellungsmangel sind exorbitant.”

    Und es wird immer drastischer, je enger es wird Was auf den Etagen meiner Kunden so abgeht, das ist die reine Angstbeißerei und ein ständiges “Rette sich wer kann!” Da wird mittlerweile auch ein Ton gepflegt, das macht fassungslos.

  7. Katzenblogger Januar 30, 2010 um 11:26 am

    Robert Michel liegt aber auch nicht völlig fehl. Zwar verkennt er die Tücken der sogenannten wirtschaftlichen Freiheit, er hat aber Recht, wenn er darauf hinweist, dass Regulationen bzw. Einschränkungen wirtschaftlicher Freiheit nicht automatisch den kleineren und mittleren Marktteilnehmern zugute kommen.

    Anders gesagt, es kommt schon sehr darauf an, wie reguliert wird und auf welche Weise damit Systemlogiken verändert werden. Eine andere Frage wäre vielleicht, ob es über Regulationen hinaus wesentliche Einflüsse auf Gestalt und Inhalt kapitalistischer Systemlogiken gibt. Ich meine ja, beispielsweise halte ich Leitbilder und Diskursmuster für sehr einflussreich. Unter diesem Aspekt finde ich auch sehr spannend, was gerade in Davos stattfindet, ob dort eventuell Risse und Verschiebungen in den gängigen Diskursmustern finden.

    Sehr spannend finde ich übrigens auch, dass Robert Michel die wirtschaftliche Freiheit offenbar nur als zweidimensionales und linear verlaufendes Kontinuum betrachtet, zwischen den Polen Regulation/Sozialismus und Freiheit. Ich finde das ja reichlich absurd, zumal ich aus der wirtschaftlichen Praxis komme. Robert Michel kann nicht erkennen, beispielsweise, dass die wirtschaftliche Freiheit der Wirtschaftsmächtigen durchaus auch zu Lasten der Freiheit der Übrigen gehen kann.

    Und das inmitten einer großen Wirtschaftskrise, zu deren Ursachenkern unter anderen die Ungleichheit von Wirtschaftsmacht zu rechnen ist mitsamt den systemlogischen Praktiken, die damit einher gehen.

  8. momorulez Januar 30, 2010 um 11:35 am

    “er hat aber Recht, wenn er darauf hinweist, dass Regulationen bzw. Einschränkungen wirtschaftlicher Freiheit nicht automatisch den kleineren und mittleren Marktteilnehmern zugute kommen.”

    Ja, das stimmt. Deshalb misstraue ich ja Davos ganz außerordentlich, weil, um mit der älteren Systemtheorie zu sprechen, administrative Macht und Geld gleichermaßen kolonisieren, und es eigentlich schnurz ist, ob die Kohle nun in Versicherungen oder Behörden gepumpt wird.

  9. che2001 Januar 30, 2010 um 1:10 pm

    Reguliert wird ja immer nur zugunsten bestimmter Fraktionen des Großkapitals oder des Staatsapparats, und da sind CDU,SPD, FDP und Grüne jeweils mit unterschiedlichen Klientelen verbandelt: Großbanken, Versicherungen, Autoindustrie, öffentliche Verwaltung, militärisch-industrieller Komplex, Solarstrombranche. Es gibt zum niemand, der Politik im Interesse der mittelständische Bauwirtschaft oder der Nordseefischer macht, und das zeigt sich dann bei der Streichung de Eigenheimzulage oder der Umsetzung der EU-Fangverordnungen und Fischereirechte, die jeweils zwei komplette Branchenfast vernichteten. Das sind Bauernopfer, weil wahlstrategisch und klientelpolitisch bedeutungslos.

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