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Perverse Anreizstruktur – find ich gut.
Ich dachte nach so vielem Lesen dieser ganzen Liberalen, Rückenmarksliberalen und Libertären und aller möglicher anderer rechter Ökonomen, als welche sie immer so metamässig auftreten, sie würden nicht moralisch argumentieren. Das wäre doof und unwissenschaftlich. Aber Alleinerziehende finden die auch doof. Ich komme bei diesen Sexualneidhammeln nicht mehr mit. Es wird echt eng am Hals langsam mit all den
Faschisten, Liberalwirtschaftlern, Islamisten, Stalinisten, gewendeten Stalinisten, Pius-Brüdern, die mittlerweile so rumlaufen.
Deswegen bin ich nämlich so bürgerlich und gegen manchen Feminismus; die Frau Schwarzer als Mittelstandsideologin, die schon weiss, wo ihre umzuverteilende Kohle liegt, auf die sie ein Anrecht zu haben meint, hat ja kürzlich Gutscheine für arbeitslose Familien und Alleinerziehende gutgeheissen, weil: damit hat man bei Migranten-Familien schon gute Erfahrungen gemacht, dass da ja kein Geld versoffen würde.
Das kommt bei diesen ganzen Idioten nämlich raus, die wirtschaftliche Totalverwertung auch so vieler Frauen wie möglich, auch dann, wenn es die Arbeitsplätze gar nicht gibt.
Macht aber nix, dann kann man die Löhne auch für Männer weiter senken, bis man sie durch billigste Frauen ersetzt, dann kommen die Kinder dran. So ist das im Rest der Welt schliesslich auch,
Ich habe es immer für einen bürgerlichen Fortschritt gehalten, wenn qua Produktionssteigerung sich Menschen, wenn auch klassenabhängig, dem Arbeitszwang entziehen konnten, weil wenigstens der Mann genügend Geld für den Einsatz seiner Selbst erhielt. Das soll jetzt alles nicht mehr gelten, sondern zurechtgerückt und mit feministischen Argumenten zurückgedreht anstatt erweitert werden,
Eben genau das ist es, was ich, hier Habermas und Hartmann verknüpfend, mit “Refeudalisierung” meine, und weswegen der Neoliberalismus nur die Einleitung zu etwas ganz Anderem war.
Na ja, der Herr Schrader vom “Institut für Weltwirtschaft” ja zunächst nur solche, die nicht arbeiten gehen, sondern sich um ihre Kinder kümmern – was ja tatsächlich frappierende Analogien zum Feminismus aufweist, war mir gar nicht aufgefallen. Der Rest aber war ja eher meine Conclusio
… und dass jetzt auch schon Frau Schwarzer so unkt, das passt freilich zu dieser Umerziehungapologetin. Die war trotzdem einst wichtig.
@Che:
Hartmann meint das aber ganz anders als Habermas
– zudem Habermas in “Strukturwandel der Öffentlichkeit” gar nicht in dem von Dir angemahnten Sinne von Refeudalisierung spricht, sondern von einer – ist ja konsequent bei dem Buchtitel – der Strukturen der Öffentlichkeit durch deren Wandel im Zuge der Herausbildung von Massenmedien inmitten eines kapitalistischen Verbände-Staates.
Die Kolonialsierungsthese in der “Theorie des Kommunikativen Handelns” ist im Grunde genommen auch viel treffsicherer, weil er da analysiert, wie aus dem mündigen Staatsbürger liberaler Herkunft, dem räsonnierenden Citoyen, durch Annektion mittels der “Steuerungsmedien” Macht und Geld ein Klient- (Sozialstaat), Stimmvieh- (Wähler) und Konsumentenrollenkonglomerat gemacht wird, das von den administrativen und ökonomischen Systemen nur als zu beherrschende Umwelt traktiert wird, mal flapsig ins Unreine geschrieben. Und das übrigens noch ganz explizit als Fortschreiben Marxscher Theorietradition. Im Zuge dessen geißelt er auch Verrechtlichungstendenzen.
Habe das gerade mal wieder quer gelesen, und auch wenn seine Parsons-Aneignung nur vom Grundsatz her überzeugt, ist das ein viel treffenderes Modell, als es damals im Zuge der Postmoderne-Diskussion und dieser “Er hat die Kritische Theorie verraten!”-Debatte deutlich wurde. Der ganze Diskursethik- und “Kommunikatives Handeln”-Teil, der viel bekannter ist, der ist a priori als das explizit idealisierte, also nicht real zu lesende Gegenmodell zu den systemischen Prozessen, um den Standpunkt, von dem aus Kritik geübt werden kann, zu explizieren.
Um so schlimmer, dass ihn dann der Mauerfall und im Positiven die DDR-Bürgerrechtsbewegung dann so beeindruckt haben, dass er die systemische Seite danach gar nicht mehr behandeln mochte. Aber da war er ja auch schon 60.
Aber Hartmann knüpft daran z.T. an, und ich wiederum in nochmal anderer Weise. In einer der letzten Arranca-Ausgaben haben sich mehrere von uns damit multiperspektivisch auseinandergesetzt. Um es auf eine Faustformel zu bringen: Auf den Strukturwandel der Öffentlichkeit folgt ein Strukturwandel der Institutionen, und auf die Deregulierung und Privatisierung öffentlicher Dienstleister ein Verschwimmen der institutionellen Grenzen von Privatwirtschaft und Öffentlicher Hand, auch eine Ausübung hoheitlicher Aufgaben durch Unternehmen, und zugleich eine Entmündigung der schwachen Gruppen in der Gesellschaft, die teilweise den Status neuer Höriger erhalten (H4er). Und in dem Zusammenhang spreche ich, halb provokativ und halb ernstgemeint dann eben von einer Refeudalisierung der Gesellschaft.
Ihr versteht das alles falsch. Wir sind noch zu sehr dem linken Denken verhaftet.
Schaut mal, über 70 Prozent der Steueraufkommen stammt von den Leistungsträgern. Wenn wir also das Beste für unser Land wollen, dann müssen wir also ganz ideologiefrei diejenigen politischen Maßnahmen unterstützen, mit denen die Leistungsträger gestärkt und entlastet werden, während für die Übrigen, die Minderleister und Nichtleistungsträger, die Anreize zu verbessern sind.
So ist es für alle am Besten.
Anders gesagt, Lohn- und Regelsatzreduzierungen für Minderleister und Nichtleistungsträger sind mit wissenschaftlich nicht zu widerlegender Logik das Beste für die Gesellschaft. Kaum etwas motiviert mehr zu Leistungen als sinkende Geldzuflüsse, vor allem für den Fall von Minderleistung und Nichtleistung! Und dieser Anreiz muss maximiert werden. Anders kann es doch nicht gehen, oder?
Oder können wir wirklich wollen, dass gebärfreudige HartzIV-Mütter und Kopftuchmädelproduzentinnen unser Land mit Minderleistern und Nichtleistern überschwemmen, und damit die Grundlagen unserer Gesellschaft auszehren, während den Leistungsträgern unzumutbare Belastungen auferlegt werden?
Zugleich müssen sich natürlich die Rahmenbedingungen für Selbstständige, für Konzerne und für Unternehmer verbessern. Durch hartherzige Kündigungs- und Arbeitsschutzregeln nimmt man unseren Leistungsträgern fast jede Lust, Menschen einzustellen. Besonders bedenklich sind dabei neben den Kündigungschutzregeln Mindestlöhne oder Tariflöhne, welche nachweislich die entscheidende Ursache der Arbeitslosigkeit darstellen. Kurzum, ein Lohnruck könnte unserer Volkswirtschaft neuen Auftrieb geben, vor allem eine überfällige Differenzierung der Löhne im mittleren und unteren Bereich. Wenn diese Löhne um, sagen wir mal, 20 Prozent und in einem Ruck gesenkt werden würden, während HartzIV um 30 Prozent gesenkt wird, so erreichen wir für unser Land gewisslich einen neuen Schub von Wohlstand und Wachstum, zugleich senken wir damit die Belastungen der Leistungsträger, sodass diese sich wieder motiviert sehen, als Haupterbringer der Werte einer Volkswirtschaft ihren segensreichen Tätigkeiten nachzugehen.
Nicht zuletzt, auch durch Einführung von Arbeitspflichten für Nichtleister, wird eine sittliche Besserung unseres Volkskörpers erreicht und das Zusammengehörigkeits- und Verantwortungsgefühl befördert. Die dann gestiegene Differenzierung der Lebensstile erhöht wiederum den relativen Wohlstand der Leistungsträger und verbessert hiermit deren Motivationslage – zum Nutzen aller!
Auch wird, durch umfangreiche Ausdehnung von Arbeit für Nichtleister der Verrohung der Sitten eine Hemmung entgegen gesetzt, denn Muße ist aller Laster Anfang!
Hust.
Pardon, wo finde ich hier das Ironie-Tag?
@che:
Gibt es hier ein Programm, dass die Nennung bestimmter Namen verunmöglicht? “Hartmann” zum Beispiel?
Die Thesen, die Du jetzt gerade anführst, sind ja richtig. Nur dass man z.B. die Strukturierung des öffentlichen Raumes – Platzverweise, Stadionverbote, Konsumzwang, wo auch immer man sich zu mehr als 3 Personen aufhält, Sicherheitsgesetze für alles und jedes usw. – mit der Kolonialisierungsthese besser in den Begriff bekommt, glaube ich. Die Entsprechung von Gebot und Verbot haut allerdings in beiden Fällen ganz gut hin.
Mir kommt es so vor, also ob dieser aktuelle Trend zur Erziehung (qua Anreiz oder qua Strukturierung des öffentlichen Raumes) bei den Rechten und FDPlern die Entsprechung darauf ist, dass sich das Ziel ihrer Bemühungen (z. B. Fussballfans, Alleinerziehende, HartzIV-Empfänger) nicht so verhält, wie sie es gerne möchten. Gleichzeitig begreifen sie die Existenz gesellschaftlicher Probleme vor allem als Fehlverhalten der zu züchtigenden Problemgruppen.
Ich würde sagen, es geht also ganz simpel um Machtausübung. Man könnte das auch als Versuch zur Kolonialisierung der Gesellschaft sehen, vielleicht.
Die Rechten wollen das abhängige Individuum und sein prokapitalistisches Wohlverhalten. Das Individuum wird hierzu eingegrenzt und gesteuert durch Normvorstellungen, Gesetze, Machtgefälle, Verhaltensgebote und Abhängigkeitsbeziehungen, aber auch durch Medienangebote bzw. deren Selektion.
Ziel ist eine ausreichend große Abhängigkeit des Individuums von Autoritäten (z. B. Weisungen von Ordnungskräften, Arbeitgebern, Sozialbehörden) sowie vor allem von der Superautorität eines angeblich freien Marktes. Es wird versucht, die Individuen auf dessen Bedürfnisse zu lenken – und nicht umgekehrt. Maßstab ist also das, was unter Markt verstanden wird, dort also vorrangig die Interessen von Eigentümern und Großeigentümern, und dieser Maßstab wird an das Objekt gelegt.
Das Individuum wird zum Objekt.
Pardon, ich habe mich ver-formuliert. Mein Schlussatz meines Kommentars muss anders lauten, und zwar:
Das Individuum wird zum Objekt vorrangig ökomomischer Herrschaftsinteressen.
Katzenblogger, was Du 4.35 gepostet hattest hatte 1998 der britische Politologe, Philosoph und New-Labour-Berater ganz ironiefrei als Politik für Deutschland und Frankreich gefordert, auch, dass diese am angloamerikanischen Modell genesen sollten und wörtlich gesagt, dass ein Viertel bis Drittel der Gesellschaft dauerhaft im Elend leben solle, um den nötigen Druck aufzubauen.
Da fehlt jetzt “Timothy Garton Ash”
@Katzenblogger:
Ja, in der Tat. Und dieses immer ach so großartig beschworene “Unternehmer-Subjekt” ist das eben genau so, Objekt, wie ich ja seit geraumer Zeit erfahren darf. Es ist kompletter Humbug, dass der “wirtschaftlichen Freiheit” da Sozialausgaben im Wege stünden, Blödsinn. Die ganzen mythisierten “Unternehmer-Persönlichkeiten” der Nachkriegszeit hatten nur deshalb solche Möglichkeiten, weil sie mutmaßlich und auch faktisch Kohle und Güter aus der Nazi-Zeit rüber retten konnten und ansonsten Platz war, weil eben alles kaputt war. Konkurrier jetzt mal mit dem Springer-Verlag, viel Spaß. Ansonsten ist nur Dank technologischer Neuerungen so was möglich, Produktivkraftentwicklung, Marx eben. Da gibt es dann auch mal einen Bill Gates. Diese ganze Produkterfinderei, die die Finanzkrise hervor gebracht hat, ist ja genau die Kompensation dessen gewesen.
Deshalb ist der Satz:
“Zugleich müssen sich natürlich die Rahmenbedingungen für Selbstständige, für Konzerne und für Unternehmer verbessern.”
ja nur hinsichtlich der Konzerne wahr. Die meisten Selbstständigen sind doch die ärmsten Schweine. Mach mal ‘nen Elektrogeräte-Laden auf oder ‘ne Allgemein-Mediziner-Praxis in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. In meiner Branche sind die meisten Selbstständigen die Unterjochtesten überhaupt, die ganztägig schleimen und Klinken putzen müssen.
Das sind die großen Organisationen, die alles kannibalisieren, Großverlage, Autobauer, Parteien, Banken, Krankenkassen usw., ganz gleich, ob nun privat oder “gesetzlich” – sind ja nicht umsonst immer die gleichen Anbieter, ob Du Dich nun rentenzusatzversicherst oder privat krankenversicherst. Denen wird im Zuge all dieser vermeindlichen “Dereguglierung” halt die Kohle zugeschustert.
Das ist ja der wahre Kern in der liberalen Ideologie, das kritisieren die ja auch, nur dass man da nicht die entfesselte Konkurrenz von Individuen entgegen setzen kann. Und dass es ständig diese von Großorganisationen subventionierten Institute und staatlich bezahlte Akademiker sind, die Angst haben, dass ihnen die “Kopftuchmädel” die üppige Pension wegfressen könnten, das ist doch an sich schon symptomatisch.
http://www.sozialleistungen.info/news/24.01.2010-schulschwaenzer-cdu-politikerin-will-alg-ii-kuerzen/
Kürzen, schikanieren und disziplinieren! Das ist die Freiheit, die sie meinen. Und Hotelbesitzererben werden steuerbefreiend beschleunigt.
Echt super. Die haben total den Plan.
@MR: Die Kolonisierungsthese gehört ja dazu, aber aus der Dependenztheorie abgeleitet. Da werden ja tatsächlich Kulturindustrie und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums als Kolonialisierung emotionaler Bedürfnisse und antikommerzielle Stadtteil/Straßenfestkultur (bis hin zum Zerdengeln von Sexsops übrigens) als eine Art antikolonialer Befreiungskampf gesehen. Das setzt dann aber nicht an Habermas an, sondern an Fanon, Senghaas, Wallerstein, Davis, Cleaver usw.
“Das setzt dann aber nicht an Habermas an”
Das könnte aber an ihm ansetzen. Nicht umsonst geht es um die Kolonialisierung der Lebenswelt, und somit liegt in dieser auch das widerständige Potenzial.
Das muss erst noch zur Synthese gebracht werden, das ist ja ein immer offener Theoriediskurs, der weiterzuentwickeln wäre.
Ich beharre ja nur so darauf, weil ich das im Nachhinein ein wenig fies finde, dass das gar keiner wirklich rezipiert hat. Dabei ist genau das Habermas’ Versuch, Antworten auf das, was er an der älteren, kritischen Theorie als aporetisch diagnostizierte, zu finden. Kann man ja selbst dann honorieren, wenn man die Antworten falsch findet.
Stattdessen kamen lauter pseudolinke Theoretiker und empörten sich darüber, dass Habermas versucht hat, die Systemtheorie als Diagnostik falscher Zustände zu lesen, und moralisierten im Gegenzug rund um Anerkennung vor sich hin und tun das bis heute. Und lauter Pseudoästheten gaben sich adornitisch-postmodern und hassten ihn, weil sie den Impuls seiner Abwehr der Vernunftkritik gar nicht begriffen haben, und das nur, damit sie weiter blöd rumschwafeln konnten. Und blubbern noch heute weinselig daher, dass Habermas mit Kritischer Theorie ja eigentlich gar nix zu tun habe, was nix anderes als die Immunisierung gegen Selbstkritik ist. Und das ist im Grunde genommen die Bresche, in die Leute wie Sloterdijk dann gesprungen sind, und es ist ja kein Zufall, wo der gelandet ist.
Später ist Habermas dann den reinen Moralisten gefolgt, und das ist tatsächlich eine fatale Entwicklung, was ich zu Zeiten meiner Magisterarbeit auch noch nicht begriffen hatte. Aber damals steckte zwar auch das, also die Moralisierung, in der “Theorie des Kommunikativen Handelns” drin, aber eben noch viel mehr. Das ist schon dolle gebaut.
Das sind wieder so Weichenstellungen in den frühen 80ern, immer wieder, die dann rund um den Mauerfall völlig umkippten. Die werden mich wohl mein Leben lang beschäftigen.
Diese Weichenstellungen habe ich überhaupt nicht mitbekommen, bewege ich mich doch in einem Kontinuum, das zwischen 1968, radikalen Gruppen im Graswurzel- bis RZ-Umfeld, Wertkritik und dem “Neuen Historischen Projekt” (Versuch undogmatischer MarxistInnen, nach 1998 linke Gesellschaftskritik mit Marx und ohne Lenin zu reformulieren) angesiedelt ist.
Ja, und?
jetzt fangt Ihr schon wieder damit an. oh mann.
Womit denn?
Ist Hartmann oder Habermas schöner?
Das ist doch gar nicht die Frage, sondern welche theoretischen Ansätze zur Diagnostik aktueller Miseren am zutreffendsten sind und welche Entwicklungen es da so im Laufe der letzten Jahre gegeben hat. Was ja als Diskussion im Rahmen dieses Blogs nicht irrelevant ist.
Und da hilft mir persönlich dann wenig weiter, wenn ich statt anregender Diskussionsansätze persönliche Biographien als Antwort erhalte. Was sollen die mir in dem Zusammenhang sagen? Wenn ich im Zusammenhang damit erführe, was denn Graswurzel- und RZ-Umfeld und das Neue Historische Dingens gesagt haben und wie konkret sie Marx ohne Lenin anwandten, dann wäre das ja spannend. So lese ich da so was wie eine Klamotten- oder Accessoire-Beschreibung. Als wäre Aussagen eine Zier oder so.
Mal was anderes. Ich sehe gerade, dass sich die Freunde der Offenen Gesellschaft in eine ausgesprochene geschlossene Gesellschaft gewandelt haben, mit nunmehr mehreren Fronten innerhalb der ehemaligen Freunde, sowie einer ausgeschlossenen Gesellschaft, die sich fragt, wie sie wieder rein kommt.
Ist das jetzt typisch für verschärfte Politsektierer?
Ja, definitiv. Da regt sich Rayson bei den B.L.O.G.s ja auch gerade zu recht drüber auf.
Tja die “offene Gesellschaft” will halt unter sich bleiben. Wo sich dann jeder auf die Schulter klopfen kann und jeder jedem recht, worüber sie sich ja sowieso einig sind.
Eine “offene Gesellschaft” mit geschlossenem Weltbild. Darum konsequent: Geschlossenes Blog.
Och, das ist doch nicht erstaunlich beim Komiker-Verein.
Na schön, dann versuche ich mal, die Eckpunkte dieses Kontinuums zu charakterisieren.
Detlef Hartmann ist ein Rechtsanwalt, der Arbeitnehmer gegen Unternehmen und Hartz4er gegen ARGEn vertritt. Durch seine engen Kontakte zu Gewerkschaften hat er sich bei Streiks in Belegschaften einschleusen lassen und aus der teilnehmenden Beobachtung heraus (“militante Untersuchung”) sowohl an konkreten Aktionen während der Streiks mitgewirkt als auch das Geschehen dokumentiert. Im Grunde jemand wie Wallraff, nur ohne Stolz auf die eigene Camouflage und ohne Selbstinszenierung. Hartmann hat diese Untersuchungen mit Inhaltsanalysen von ARGe- McKinsey- und sonstigen Consulting-Memoranden verknüpft und diese dann unter Anwendung Foucaultscher Diskurskritik und Marxscher Wertkritikk interpretiert. Im Gegensatz zu Kurz und den ganzen MG-geprägten Kreisen geht Hartmann aber von keiner Eigendynamik der Kapitalbewegung aus, sondern stellt den Klassenkampf als treibende Kraft in den Mittelpunkt – wobei für ihn auch Dinge wie Krankfeiern, beabsichtigte oder unterbewusst begangene Sabotage, Diebstahl am Arbeitsplatz usw., alle Formen von Eigen-Sinn, die dem Arbeitskommando zuwiderlaufen, Formen des Klassenkampfes sind, die zusammengenommen mit offenen Arbeitskämpfen fortwährend dazu beitragen, den tendenziellen Fall der Profitrate so zu beschleunigen, dass das Kapital in Zugzwang gesetzt wird.
Das Spektrum von Graswurzel über Wildcat bis ins RZ-Umfeld interpretierte die Kolonialisierungsthese neu, indem sie mit der Dependenztheorie, also den Ansätzen südamerikanischer Entkolonisierungstheoretiker und Leuten wie Senghaas und Wallerstein zusammengebracht hatte. Daraus – “regagneramos la vida, eigenen wir uns das Leben wieder an” folgt ein Verständnis der subkulturellen linke Praktiken und Bewegungen von Hausbesetzungen über Umsonst- und-draußen-Konzerte und alternative Stadtteilfeste und die Ökoladen-Weltladen-Food-Coop-Second-Hand-Shop-Kultur, der ganzen klassischen Alternativszene als Entkolonisierung: Befreiung des Alltags aus dem Zugriff der Kommerzialisierung immer neuer Lebensbereiche. Das wurde teilweise in geradezu militärischen Begriffen gedacht: Der Versuch, strategisch mikroökonomische Kräfteverhältnisse verschieben zu wollen. Das Aufbauen von Strukturen der Gegenökonomie auf der einen Seite und Brandanschläge z.B. auf die Frauenarbeit in Südkorea ausbeutenden Adler-Bekleidungsmärkte als zwei Teile derselben politischen Praxis. Auf der anderen Seite gab es einen konsequent gewaltlosen Flügel, die Graswurzelrevolution. Entscheidend ist bei beiden Seiten, dass sie die Gegenkultur nicht einfach als Lebenswelt, sondern als zweckhafte politische Praxis ansahen.
Zum Neuen Historischen Projekt siehe hier:
http://www.puk.de/nhp/index.php?option=com_fireboard&Itemid=68&catid=9&func=showcat&lang=de&view=flat
Der Haken bei mir ist, dass ich, wenn ich solche Namen und Begriffe nenne davon ausgehe, dass sie und ihre Hintergründe allgemein bekannt sind.
Ah, Danke! So kann ich da mehr mit anfangen. Diese Graswurzler sind mir am Rande unter dem Namen durchaus in der Literatur auch begegnet, die Konzepte als solche schon auch geläufig aus eher lebensweltlichen Zusammenhängen. Zu dem Hartmann sach ich mal lieber nix mehr, das ist so aber recht informativ.
Offener Brief von Jürgen Habermas
Sehr geehrter Herr Momorulez,
freilich schmeichelt es mir, dass Ihnen meine „Theorie des kommunikativen Handelns“ beim Lesen so viel Freude bereitet und daß auch Sie am sozialdemokratischen Projekt einer auf Verständigung orientierten Gesellschaft aktiv mitwirken. Wie ich höre, sind Sie sogar Träger des Schröder-Basta-Preises.
Auch mir sind insbesondere die Systemtheoretiker und Pseudo-Ästhetiker mit ihren überzogenen Geltungsansprüchen ein großes Gräuel. Deshalb habe ich es auch niemals in Erwägung gezogen, eine philosophische Ästhetik zu verfassen. Allerdings ist Ihr Ausspruch, daß die Adorno-Schüler mich hassen und nichts begriffen haben, doch ein wenig ungerecht – herausgepoltert sozusagen („weil sie den Impuls seiner Abwehr der Vernunftkritik gar nicht begriffen haben, und das nur, damit sie weiter blöd rumschwafeln konnten. Und blubbern noch heute weinselig daher, dass Habermas mit Kritischer Theorie ja eigentlich gar nix zu tun habe, was nix anderes als die Immunisierung gegen Selbstkritik ist.“)
Freilich freut es mich zwar, wenn Sie mich so brav und herzhaft verteidigen. Doch widerspricht diese Art der Verteidigung dem zwanglosen Zwang zum besseren Argument. Ja, solche Sentenzen haben gar etwas Grobes, was am Ende womöglich zum unerlaubten Diskursabbruch führen kann. Der Abbruch steht natürlich meinem Projekt einer Diskursethik entgegen, die auf Verständigung und Kommunikation aufbaut.
Zudem verstoßen Sie in diesen Sätzen gegen die Diskursregel VkQ (Verfasse keinen Quatsch). So etwas kann mit einer Diskursstrafe von bis zu drei Tagen gutem und wahrhaftigem Nachdenken belegt werden. Ich empfehle für diese Zeit noch einmal die Lektüre von „Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln“ sowie meine „Erläuterungen zur Diskursethik“, die Sie beim Suhrkamp Verlag beziehen können.
Sehr richtig und gut ist es freilich, daß Sie entschieden Position beziehen, was diese Immunisierungsstrategien gegen Selbstkritik betrifft. Das freut mich, insbesondere von Ihnen zu hören, und ich warte voll von Interesse auf Ihre eigenen selbstkritischen Betrachtungen. Bitte weitermachen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Jürgen Habermas
Na, mit so einem stilvollen Rüffel kann ich dann sogar mal sehr gut leben. Halte die System/Lebenswelt-Differenz als Ansatz, nicht die Ausarbeitung, trotzdem für ergiebiger als die Ausführungen in “Moralbewußtsein und Kommunikation”, weil sie klarer in der Tradition der “Kritik der Instrumentellen Vernunft” verortet ist – wobei freilich auch die Diskursethik komplementär zur Lebenswelt gedacht werden muss.
Zudem ja die Theorie der Geltungsansprüche nun gerade nicht empirisch, sondern quasi-transzendental angelegt ist und somit die Diskursethik gar keine Anleitung zur realen Diskussion darstellt, wenn man diesen Gedanken ernst nehmen würde
– eben die Explikation (bzw. Rekonstruktion) der kontrafaktischen Antizipation der Bedingungen einer idealen Sprechsituation, die empirisch eh nie gegeben ist. Real ist das alles verunreinigt, gewissermaßen. Und das ist ja auch gut so. Zum Glück! Hat der Apel dem Habermas nie verziehen, dass das so ist.
Auf alle Fälle steht die „ThdK“ dichter an der Kritischen Theorie dran als es dann die Ausführungen zur Diskursethik sind. (Es hat ja auch seine Gründe, weshalb Adorno keine Ethik schrieb.)
Die System/Lebenswelt-Differenz ist als Theorie schon gut gemacht und bietet einen Ansatz. Es ist dies jedoch zu lange her als daß ich hier aus dem Stehgreif etwas schreiben kann.
Ich befinde mich zudem in einem gewissen Luhmann-Umfeld, da treibt es mir dann immerzu die System/Umwelt-Differenz in den Kopf. In meiner Soziologie-Prüfung zur Habermas/Luhmann-Debatte mit dem Schwerpunkt Habermas meinte der Prüfer am Schluß nur trocken und lakonisch, daß ich doch wohl eher aus der Ecke Luhmann käme. Vielleicht erzeugte dieser Rest-Hegelianismus in mir diese Nähe zu Luhmann.
Die Geltungsansprüche sind transzendental anzusetzen, und auch ich verstehe die Diskursethik nicht als eine Anleitung im Empirischen; insofern steht sie in gewissem Sinne quer zur Lebenswelt, und sie muß dies auch. Wieweit sie dennoch eine systemstabilisierende Funktion besitzt, drüber wäre zu sprechen. (Wobei ich als Ästhetiker mir gar nicht so sehr die Systemfrage stelle. Und in diesem Sinne möchte ich dann auch als verantwortungsloser Geselle gelten.)
Ich glaube, ich hatte das auch als Prüfungsthema in Soziologie, das weiß ich kurioserweise gar nicht mehr genau, ob es die System/Lebenswelt-Differenz oder Habermas’ Begriff der Öffentlichkeit war. Mein Prüfer jedenfalls war erstaunt, dass ein Examenskandidat den Habermas so verteidigte, wo der doch sonst megaout sei
– ja, manches ändert sich dann doch nicht. Das war Ende ’95, in der Klausur allerdings.
Wirkungsgeschichtlich war die Diskursethik systemstabilisierend, definitiv, und fatal, auch, was das weitere Werkeln von Habermas betrifft. Die Konzeption als solche ist aber schon als Systemkritik konzipiert, und die Gründe dafür kann man, glaube ich, schon sehr ernst nehmen auch dann, wenn man sie nicht teilt.
Und tragisch ist ja, das die TdKH vor dem Erscheinen der “Sozialen Systeme” geschrieben wurde und sich Habermas primär auf Parsons bezieht, und da hakt doch sehr viel mehr als später bei Luhmann – wobei ich die “binären Codierungen” bis heute völlig unplausibel finde, vielleicht aber auch, weil ich es gar nicht verstanden habe.
Das versuche ich ja gerade anhand einen speziellen Gegenstandbereiches bzw. gesellschaftlichen Subsystems zu revidieren, ganz größenwahnsinnig
– eben System/Lebenswelt, aber mit Luhmann statt Parsons.
Deshalb schreibe ich da gerade ständig drüber. Und finde eben weiter die Frage spannend, wie sich die verschiedenen “Geltungssphären”, vorsichtig und inkorrekt formuliert, wechselseitig aufeinander beziehen können, die hat ja Seel damals prompt aufgeworfen und seinerseits auch immer wieder aufgegriffen, sonst aber, wenn ich es recht überblicke, keiner wirklich außer Luhmann selbst, indem er sich z.B. über Moralisierung lustig macht, wo Realitätskonstruktion not täte, ja recht gelungen sogar.
Wobei ich aktuell eher die These vertreten würde, dass in einer ästhetischen oder wohl eher aisthetischen Perspektive, die vom “Gegenstand” ausgeht, womit ich auch Personen meine, deshalb vermeide ich das “Primat des Objekts”, ja eine Moral drin steckt. Und das ist schon recht nah an Adorno, behaupte ich mal hypothetisch. Und betrifft auch nur bestimmte “Produktionsweisen”. Und von da aus sind systemische Prozesse kritisierbar.
So weit, so unausgegoren. In 3 Jahren vielleicht mehr.
Über Moralphilosophie will ich nichts schreiben, denn „Wer nämlich überhaupt an der philosophischen Argumentation teilnimmt, der hat die soeben angedeuteten Voraussetzungen bereits implizit als Apriori der Argumentation anerkannt, und er kann sie nicht bestreiten, ohne sich zugleich selbst die argumentative Kompetenz streitig zu machen“. (Apel, Transformation, Bd. 1, S. 62) Apel schreibt dies zwar ganz allgemein im Hinblick auf die Bedingungen der Möglichkeit und Gültigkeit des Verstehens, um einen archimedischen Punkt zu finden; es gilt dies aber, cum grano salis, genauso für die Ethik.
Hinsichtlich der (Habermasschen) Diskursethik: „Die Konzeption als solche ist aber schon als Systemkritik konzipiert, und die Gründe dafür kann man, glaube ich, schon sehr ernst nehmen auch dann, wenn man sie nicht teilt.“ So verhält es sich bei mir.
Mit der Freiheit zum Objekt bzw. dem „Vorrang des Objekts“ im Sinne Adornos ist es so eine Sache: man kann das sogar moralphilosophisch lesen, und mit C. Rademacher, G. Schweppenhäuser und Kohlmann gibt es ja auch seit Ende der 90er Jahre Ansätze, aus den Texten Adornos eine Ethik herauszuarbeiten. Insbesondere seine Vorlesungen zur Moralphilosophie haben da einige neue Perspektiven eingebracht. Ich selber habe einstmals den Versuch unternommen, Ethik und Ästhetik bei Adorno in eine Konstellation zu bringen, bin aber zugleich mit Moralphilosophie bzw. Ethik vorsichtig. Insofern liegt auch hier wieder Luhmann mir näher. Wenngleich ich mich nicht über Ethik oder Personen, die Moralphilosophie betreiben, belustigen würde. Dennoch: die Systeme Kunst, Wirtschaft, Politik, Recht arbeiten primär nicht unter dem Maßstab der Moral, und sie können dies, funktional gesehen, auch nicht.
Allerdings: Luhmann ist schon sehr funktionalistisch. Da sind manche Grundlagen eben der Kybernetik entnommen. Deshalb ja auch Habermas‘ Vorwurf der Sozialtechnologie.
Der Vorrang des Objekts schließt aber das Subjekt keineswegs aus. Adorno konzipiert das nicht dualistisch. Ganz im Gegenteil. Am Ende „dient“ es dem Subjekt, etwas verdinglicht und in die Schablone gesprochen, gerade dadurch, daß es sich fortwirft und einmal nicht auf sich acht hat. Wichtig ist hier aber die Figur der Intentionslosigkeit, ähnlich vielleicht wie beim Kleistschen Jüngling im Marionettentheater.
Seels Publikationen (insbesondere die „Kunst der Entzweiung“) halte ich im Hinblick auf die Geltungssphären, das Spezifische der Ästhetik bzw. der Kunst und hinsichtlich der Pluralität der Vernunft für maßgeblich.
Ich weiß auch gar nicht, inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, in einer Gesellschaft, die restlos von Konkurrenz und Wettbewerbe durchdrungen ist (selbst in den Bereichen, die der Lebenswelt entstammen), Moralphilosophie mit Universalcharakter zu verfassen. Einzig als individuelle wird Ethik möglich sein, und auch dies drückt die Verhältnisse aus. Im Grunde kann man gar nicht ethisch, sondern vielmehr nur politisch sein. Derrida erkannte dies gut, wenn er von der Politik (und nicht der Ethik) der Dekonstruktion spricht. Es läßt sich auf der theoretischen Ebene nur noch im Modus der bestimmten Negation agieren.
Moralphilosophie war ja damals mein Schwerpunkt und auch Thema meiner Magisterarbeit; im Mittelpunkt stand im Grunde genommen Ernst Tugendhats Heidegger-Wiederaneignung mit den Mitteln der Sprachanalyse in “Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung” und die Relation von “Fragen des guten Lebens” zu einer durchaus formal-universalistischen Moral. Heute schwankt das, ob ich die Universalisierung nun als nötig und wünschenswert erachte oder gerade nicht. Und die Aussage “Einzig als individuelle wird Ethik möglich sein” ist ja eine universal ansetzende, die zudem die Latte für das Individuum mal wieder sehr hoch legt.
Derrida hebe ich mir, glaube ich, für’s Altersheim auf. Ich hatte bei dem immer das Gefühl, der will mich verarschen, und habe dann nicht weiter gelesen. Kann ja ein Fehler gewesen sein und alles falsch. Und was Rorty über ihn schreibt, das ist ja ganz wundervoll. Bin aber gerade neulich wieder in einem Text von ihm stecken geblieben.
Und Funktionalismus ist ja diagnostisch ganz außerordentlich richtig, aber eben was sehr Grausames. Und bei aller Sympathie für den Luhmannschen Habitus ist er das halt manchmal auch, wobei ich den jetzt soooo intensiv bisher nun auch nicht gelesen habe. Das kommt ja jetzt. Aber das kippt bei ihm ja manchmal fast in so ein Kalauern um, das ich auch von den Liberalen im Netz kenne, wenn es gegen Linke geht.
Aber, wo mir ja immer Basta-Attitüde, Vernagelstein und Sturköpfigkeit vorgeworfen wird: Was die Relation Moral-Ökonomie-Ästhetik betrifft, ist im Laufe der Jahre des Bloggens in meinem Kopf auch sehr viel in Bewegung gekommen. Da hat sich auch viel verändert. Was sich manchmal erst setzen muss.
Kuriosum ist, dass mich Ästhetik noch während meines Studiums sehr wenig interessiert hat – obwohl das irgendwann in meinem Job eine große Rolle spielte. Und seitdem es mich mehr interessiert, habe ich ständig Probleme mit meinen Kunden
…
Habermas System/Lebenswelt-Dualismus deckt sich halt ganz gut mit meiner alltäglichen Berufserfahrung: Dass viel mehr möglich wäre, wenn die systemischen Prozesse und Imperative nicht ständig intervenieren würden. Und ich will ja nicht immer nur alles furchtbar finden, sondern brauche schon auch Möglichkeiten, die man wenigstens denken kann. Wenn sie auch, wie Du ja Recht hat, natürlich ständig an der Wettbewerbs- , Konkurrenz- und Instrumentalisierungs-Logik abprallen.
Derrida für Altersheim: das finde ich sehr schön und das gefällt mir (und ich glaube, auch Derrida hörte das gerne, wenn ich in seinem Namen sprechen darf.)
Habermas’ System/Lebenswelt-Dualismus: Würde ich intuitiv auch sagen, ist bei mir ähnlich gelagert. Das Verhältnis Ästhetik/Ethik stellte sich bei mir genau umgekehrt dar. (Aber das flüstere ich nur ganz leise, damit’s niemand hört.) Bezeichnend ist diese Reaktion allerdings für Deine Kunden. Ich bin jedoch in den ästhetischen Fragen beim ästhetisch wenig Gebildeten und Kennenden sanfter geworden, habe gar eine gewisse repressive Toleranz entwickelt. Früher war ich ein Ästhetik-Tyrann, ästhetischer Jesuit sozusagen. Auf die Frage nach meinen Berufswunsch pflegte ich manchmal zu sagen: Inquisitor.
Luhmanns politische Richtung klammere ich aus, ich lese ihn halt gegen ihn selbst. Mach ich mit Heidegger auch so. (Wenngleich ich Heidegger menschlich unter allem Kaliber finde.)
Daß sich Gedanken entwickeln, dies ist ja das Schöne am Bloggen. Dadurch bin ich ein wenig wieder zu Sartres Philosophie gekommen. (Auch so ein verschüttetes Erbe aus der Spätpubertät.)
Na ja, so plaudere ich halt ein wenig aus dem Privatleben.
Das freut ja nun wiederum mich. Sartre ist ja so wundervoll zwischen voll daneben und überragender Brilianz in der Beschreibung angesiedelt, den liebe ich richtig. Auch durchaus weiterhin ganz spätpubertär. Das entdecke ich mir ja immer mal wieder neu, und das ist schon ganz schön wichtig, das Spätpubertäre. Für so jemanden wie mich, der sich vom rationalistischen Moralisten zur irgendwas Anderem zwischen Launenhaftigkeit und Wut und dem schon auch sehr ernsten Ringen um Erkenntnis jenseits des Vorgegebenen gewandelt hat und sich diesbezüglich zumindest redlich müht
– ganz Inquisitor wurde ich, glaube ich, immer nur, wenn es gegen Chefs und Investoren ging. Ha! Da bin ich sogar stolz drauf. Seitdem ich beides nicht mehr habe, ist das Leben unübersichtlicher geworden einerseits, aber politisch radikalisiere ich mich eher noch weiter. Alles Lüge, was diese Markt=Freiheit-Menschen meinen. Um aus meinem Privatleben zu plaudern.
Ja, in der Tat. Und Kuriosum ist, dass der Adorno seit 3 Jahren ständig in meinem Berufsalltag auftaucht, auch ganz ohne dass ich ihn erwähne. Neulich rutschte mir inmitten eines großen Meetings – weil jemand anders ihn zitierte -, der Satz raus, dass es so eine Art Hobby von mir sei, mich im Netz mit anderen über Adorno zu streiten
… . Und sie geben ihm immer alle recht durch ihr Verhalten. Nur unser letzter wissenschaftlicher Berater nicht, der fortwährend Marcuse und Adorno zitierte, weil der nicht zwischen Angst und Bewunderung, Abwertung und dem Wissen um die eigene Blödheit angesichts dieses Namens zu changieren brauchte. Inmitten unserer kuriosen Kunsthandwerkswelt erhob er die Stimme, und wir lauschten gebannt. Das war toll.