Echtes FDP-Wetter: Arschkalt, nix könnte wachsen und gedeihen. Selbst wenn es wollte: Keine Chance. Weil Wetter eben nicht die Ressourcen hat, Regierungen zu bestechen. Und der Wille, er kann so schnell erlahmen, wenn Minusgrade tranquilizen. Doch dazu später mehr. Das war ja erst in der zweiten Halbzeit. In der ersten Halbzeit war Kruse nach traumhafter Vorbereitung von Bruns noch ganz Opposition und hat einfach mal so das 1:0 geschossen. Am anderen Ende des Stadions war das, wie im Grunde genommen das ganze Spiel dort stattfand. Bei uns im Norden war’s denen wohl zu kalt – ganz so kalt wie in St. Peter Ording einst. Sylvester, ihr wisst schon. Wegen der Hunde, weil es da nicht so knallt und keine Irren Krieg spielen wollen. Das war das letzte Mal, dass ich lange Unterhosen trug. Habe ich heute bleiben gelassen. Dachte, die stören beim Pinkeln, dieses Rumwurtscheln in mehreren Schichten Stoff und Lack und Leder und Chastity oder wie das heißt, was der mir da wieder, aber lassen wir das, also stören würde, wenn wieder irgendwelche Schwuchteln mir an die Eier wollen, das ist ja so mit denen in Duschkabinen und auf öffentlichen Toiletten, deswegen muss man ja mit dem Arsch zur Wand pinkeln, harharhar. Und niemals die Seife fallen lassen, höhöhö. Da aber die Bierleitungen eingefroren waren, hätte das auch nix gemacht mit meinen erprobten Latexklamotten unten drunter. Noch geht’s ja mit der Prostata, wenn ich nicht gerade willenlos Bier nachschütte, weil wieder irgendwer ‘ne Runde schmeißt. Das war ein Fehler, einfach so mit meinen wohl geformten Beinen in der Jeans herum zu sitzen. Damals in St. Peter Ording, den Winden und dem Eisnebel auf der glatten Strandplatte ausgesetzt und Erbarmungslosigkeit erahnend, da war ich schlauer. Anschließend nach langen Gängen am Strand blätterte ich in der Ferienwohnung in alten Chroniken. Las von Hungerwintern auf dem platten Land vergangener Jahrhunderte und spürte diesen Schmerz, den kalter Wind beinahe Dich greifend verursachen kann, noch mal ganz anders. Lief ja mit gut gefülltem Magen über den Deich – doch der Blick auf die leblosen Felder, von Gräben zertrennt, weckte Einfühlen in die Suche inmitten eines Nichts nach Nahrung, nachdem die Vorräte erschöpft zur Neige gingen. Die Vorstellung tat sehr weh.
Verglichen damit freilich sind zweieinhalb Stunden auf der Nordtribüne des Millerntor-Stadions ein Glühweinschlecken. Zugegeben. Trotzdem: Als der Wind, vom Gulag flüsternd, zum umgreifenden Angriff auf Wangen, Ohren, Füße, Nase ansetzte, da hatte ich sie wieder im Ohr, diese Geschichten der Großväter von Freunden einst: “Damals in Stalingrad sind uns die Finger im Schnee stecken geblieben!” Was jenseits des Anekdotischen und dem Wissen darum, dass selbst diese, heutige zweite Halbzeit irgendwann ein Ende haben würde und keine blutrünstigen und endlos bösen Stalin-Truppen unsere ach so gütigen Vorväter hinter Stacheldraht und inmitten von Ruinen und endlosen, tödlichen Weiten verrecken lassen würden – ja, ich war schon auch froh, in einem Stadion zu sitzen, wo der Stadionsprecher Gedenkveranstaltungen zur Befreiuung von Auschwitz ankündigt, anstatt wie die Dresdener Fans einst, U-Bahnen dorthin bauen zu wollen. Wo Staatsanwaltschaften in Dresden ja, so wurde getwittert, Nazifrei-Seiten sperren wollen würden. Passt schon. Dafür haben die Russen ja Auschwitz befreit: Um Meinungsfreiheit für Neonazis durchzusetzen und dafür denen, die ihre nutzen, um Nazis nicht zu laut werden zu lassen, diese eben aufgrund vermeindlicher Aufrufe zu Gewalt wieder abzuerkennen!
Als sei so was wie Kälte nicht schon unangenehm genug, nein, die Menschheit ist so blöd, das Wetter auch noch durch Vernichtungslager, Kulturrevolutionen, Stalingrade zu ergänzen. Muss man ja auch mal so schreiben dürfen, ganz naiv. Herr Koch will ja auch schon wieder neue Maschseen ausheben lassen. Torf ist ja hierzulande abgestochen, vermute ich.
Was einem so alles durch den Kopf geht, während man da sitzt und zittert, während diese zweite Halbzeit sich dahin schleppte, Wind von links, Wind von unten, Kälte überall, und trotz all der Schichten Anziehsachen obenrum liegt doch die Seele nach einiger Zeit nackt und bloß in Minusgraden und will einfach nur nach Hause, wo die Heizung wohnt. Die ist ja aktuell meine liebste Mitbewohnerin.
Und doch, inmitten des Erstarrens, plötzlich ein Moment der Utopie: Das Stadion tanzte! In der Halbzeitpause war das, als alle noch hofften, die zweite Halbzeit würde statt allmählichem Einfrieren des Spiels der St. Paulianer – hätten die Aachener überhaupt ein Tor geschossen, wenn KEIN EINZIGER St. Paulianer auf dem Platz gestanden hätte? Vermutlich nicht. Da muss irgendein Eisheiligen-Zauber deren Chancen mitten im Vollzug schockgefroren haben, und sie zerbröselten auf der Stelle und hinterließen das Nichts – einen herzerwärmenden Torreigen mit sich bringen. So zappelten und hampelten zunächst allesamt surreal vor sich hin, wie von Anfällen einer bis dato noch unbekannten Krankheit durchzuckt, um dank der Bewegung zu einem auch nur halbwegs lebendigen Körpergefühl zurück zu finden und den sich ausbreitenden Zombie aus den Gliedern zu schütteln. Doch dann hatten die in warmer Kabine sitzenden Herren der Beschallung doch eine zündende Idee und spielten statt Werbung Musik!
Und plötzlich groovete es auf Sitz- wie Stehplatzrängen, nicht so ein albernes uniformes Gehüpfe wie sonst manchmal, dieses doofe “Wir sind viele und so mächtig!” Auf und Ab, nein, Hüften schwangen sinnlich, den Frost bannend. Der guckte wie hypnotisiert und wich ganz kurz zurück, es wirkte wie, ja, Zukunft! Frühling!, Erwachen!, wurde dann ja auch gerufen zu Stanis Empörung, “Aufwachen!” – na ja, aber die zweite Halbzeit haben wir trotzdem überstanden, auch wenn da keiner mehr tanzte. Es ging gut aus, nur noch ein Punkt bis zur Region, Glückwunsch an Ahlen.
Und zum allersten Mal in meiner St. Pauli-Laufbahn bin ich vor der Ehrenrunde der Mannschaft nach einem Sieg nach Hause geeilt, vor dem FDP-Wetter flüchtend und mich von Gazprom beglücken lassend. Immerhin ein Sieg. Ganz ohne Tote, Stalinorgel und zerbombte Häuser. Geht doch.
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