Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Lieber Stammtisch!

Also, liebe Sektierer, Juzi-Bewohner, Stalin-Verdränger, Salon-Marxologen, gewaltbereite Chefköche und Profi-Künstler mit “Bella Ciao”-Appeal, wohl vertraute Klassenfeinde mit viel Platz in meinem Herzen, Ringkämpfer, Bucklichter, Netzschlampen (Eigenbezeichnung, kann ich ja nix für) mit den in allen Lebenslagern richtigen Visionen, wie hieß die geile Sau mit dem Zwinkern noch?, Amateur-Hermeneutiker und architektonische Postmoderneverächter, Vertriebene und Gebliebene, Hauptgewinne aus der gegnerischen Fankurve und Katzencontentbetreiber: Euch allen in diesem Sinne!   Wenn es euch hier nicht gäbe, mir würde wirklich sehr, sehr viel fehlen!

Nächstes Jahr kriegen wir das schon hin mit den kollektivistischen Enteignungsprogrammen, der schon lange notwendigen Volksumerziehung und den Zwangsbeglückungsmaßnahmen – aber dieses Mal in unserem Sinne und nicht jenem der Banken;  und immer dran denken: Wenn’s mal schief läuft, einfach “I feel pretty!” singen! Auf ein Neues im nächsten Jahr und ein von Herz, Seele, Erfahrung und den Erlebnissen hier gespeistes “You’ll never walk alone!”

63 Antworten auf Lieber Stammtisch!

  1. Loellie Dezember 31, 2009 um 5:44 pm

    Nope, you’ll never walk alone


    ;-)

  2. che2001 Dezember 31, 2009 um 6:05 pm

    Auf das Allerallerherzlichste und guten Rutsch, aber ohne zu rutschen!

    Nachdem dieses Jahr für mich mit Sorgen und Nöten begonnen hatte, geht es mit Hoffnung und interessanten neuen Perspektiven zu Ende. Euch allen warme Grüße und hoch die Tassen!

  3. cut Dezember 31, 2009 um 7:59 pm

    Alles Gute und ein tolles Jahr 2010 (auch aus den hinteren Rängen)!

  4. Nörgler Januar 1, 2010 um 2:35 pm

    Alles Beste an alle auch von mir!
    Nachdem die Regierung den Fortbestand der Warenform auch für 2010 versprochen hat, blickt die Salonmarxologie optimistisch in die Zukunft – hätte ja sein können, dass man ihr ihren Gegenstand abschafft.

  5. momorulez Januar 1, 2010 um 9:42 pm

    @Cut:

    Ja, die Düsseldorfer hatte ich vergessen, sorry – auch Dir natürlich von ganzem Herzen alles Gute!

    @Nörgler:

    Dankeschön! Ja, der Fortbestand der Warenform ;-) – bin gerade damit beschäftigt, ob man die Habermassche System-Lebenwelt-Differenz-Analyse mit Marxschen Termini nicht genau so gut oder besser hätte vollbringen können. Bleibt in der Tat genug zu tun auch im neuen Jahr ;-)

    @an die Spam-Sektion:
    :-D – somit an alle, um Missverständnissen vorzubeugen: Mit der “geilen Sau mit dem Zwinkern” oben im Text war natürlich der unten verlinkte Hasan gemeint, und das ist ein Kompliment, keine Diskreditierung!

    http://netbitch1.twoday.net/stories/2311073/

  6. che2001 Januar 3, 2010 um 6:03 pm

    Zur Postmoderne wäre übrigens zu sagen, dass es außer der Postmoderne in der Philosopie/Soziologie/Politologie/Wissenschaftstheorie und der Postmoderne in der Architektur auch noch eine dritte mit wieder völlig anderer Bedeutung gibt: In der Geschichtswissenschaft wird das auch als Periodisierung gebraucht und bezeichnet die Zeit ab ca. 1980. Da ist dann 786-1492 Mittelalter, 1492-1798 Frühe Neuzeit, 1789-1914 Neueste Zeit, ab 1914 Zeitgeschichte, zumeist ab 1918 Moderne und ab 1980 Postmoderne. Ganz postmodern gebrauchen HistorikerInnen ihre Periodisierungen aber auch kontextabhängig, hinsichtlich alltagsgeschichtlicher Entwicklungen, Lebensgewohnheiten und dem Fortbestehen des Feudalsystems, aber auch in religiöser Hinsicht ist dann zum Beispiel vom Mittelalter bis 1789, in Ländern wie Spanien bis 1815, in Osteuropa noch über 1848 hinaus das “Alteuropäische Zeitalter”.

  7. Katzenblogger Januar 4, 2010 um 1:02 am

    Ah. Dann habe ich alteuropäische Wurzeln.

  8. Katzenblogger Januar 5, 2010 um 11:05 am

    Ich habe einen Vorschlag unseren Stammtisch und für den Beginn des neuen Jahres.

    Guter Vorschlag?

  9. Katzenblogger Januar 5, 2010 um 11:17 am

    Es klingt egalitär und ist es auch. Ich wünsche.

    Allen ein frohes neues Jahr!

    Och, und wo ich schon dabei bin, habe ich noch einen Vorschlag für den Stammtisch.

    http://law.bepress.com/cgi/viewcontent.cgi?article=1088&context=villanovalwps

  10. momorulez Januar 5, 2010 um 12:07 pm

    Puh, das ist ja alles englisch ;-) … das mit der Moral und dem Markt ist freilich ein Mega-Thema, weiß auch gar nicht, wieso es mich da mittlerweile durchzuckt, wo doch Moralphilosophie mein Studienschwerpunkt war. Habe nur immer das Gefühl, mehr nicht, dass man Raum für Konservatismen schafft, wenn man den Markt nicht ökonomisch, sondern moralisch kritisiert. Obwohl ich das ja auch ständig mache. Habe nur gerade so viel moralisierende Kritiken an der System/Lebenswelt-Differenz bei Habermas gelesen, alles so Mitte der 80er, dass mir schwant, dass genau dieser Schwenk zur “Moralisierung der Linken” tatsächlich dem Neoliberalismus erst Raum verschafft hat, was z.B. Nörgler hier auch schon mal zumindest in eine ähnliche Richtung proklamierte. Weil sie dazu verführt hat, sich die Welt besser zu reden, als sie ist.

  11. che2001 Januar 5, 2010 um 12:26 pm

    Das auch, aber nicht nur das: Es brachte Linke halt auch dazu, sich zwanghaft so moralisch wie möglich zu verhalten, diese ganze Mostly-PC-Antisexismus-Vegetarismus etc. Lebensweise, die im Verlauf der 1980er den vorher in der Linken verbreiteten Hedonismus einerseits und abstrakte Wertform-Kritik andererseits verdrängte. Nicht nur, dass dieser linke Puritanismus linke Lebenswelten für Newcomer immer unattraktiver machte, irgendwann konnten Neoliberale sich dann eben tatsächlich als Befreier von autorepressiven Lebensstilen präsentieren. Genau das passierte ja im Spannungsfeld von Wiener/Tempo/Golden Pudel.

  12. Katzenblogger Januar 5, 2010 um 12:35 pm

    Gut. Moral muss aber nicht repressiv oder autoritär sein. Genauso wenig wie Märkte auch. Die können repressiv wirken oder Freiheitsräume schaffen. Die Frage ist also welche Moral. Welche Freiheit. PC ist noch nie mein Ding gewesen. Wenn aber alles durchökonomisiert wird, was für eine Freiheit und was für eine Moral ergibt sich daraus? Wie fühlt sich das in der Praxis an? Braucht es Moral? Und wenn ja, welche? Ist Moral nur eine große Fiktion, die Repression erzeugt? Schafft radikaler Eigennutz ein solidarisches Miteinander? Ist PC überhaupt solidarisch?

  13. momorulez Januar 5, 2010 um 12:55 pm

    @Che:

    Wie kommst Du auf die Verbindung von “Golden Pudel” und Neoliberalismus???? Das sind immer noch dessen Betreiber und deren Umfeld, die hier die originellsten und auch wirkungsvollsten Aktionen z.B. gegen Gentrifizierung starten, und die gerade NICHT die abstrakte Wertform-Kritik zu den Akten gelegt haben zugunsten dieses simplen Sittlichkeits-Modells in JUZI-Sektierer-Kreisen ;-)

    Und auch PC ist ja nun auch zweierlei – einerseits schlicht Respekt vor dem Anderen, andererseits kann es manipulativer Machtmissbrauch ist. Auch wenn Frau Butler ja das Minarettverbot verursacht hat, was sie in “Hate Speech” über den Effekt der selben schreibt, das ist schon richtig.

    @Katzenblogger:

    Nein, Moral ist im besten Falle ermöglichend, eben plurale Lebensstile im Sinne eines formalen Begriffs des guten Lebens als deren Telos. Zu glauben, das sei bei Märkten auch so, das ist ja der Leim, auf den so viele gekrochen sind, die ganze liberale Blogosphäre klebt da, dabei gilt das in Marktzusammenhängen eben immer nur für die wenigen, die sich schweinisch in Konkurrenzzusammenhängen durchsetzen und auf Kosten derer, die für sie arbeiten, leben. Als “Jungunternehmer”, der sich aktuell deutlich weniger auszahlt als seinen Angestellten und eben selbst mit Werte schafft, mit “anpackt”, weiß ich schon, wovon ich da rede – agiert man fair, bleibt wenig über.

    Mein Problem ist ja eher, sich nun vor die Gewinnmaximierer hinzustellen und denen Moralvorträge zu halten, anstatt sie lieber gleich zu enteignen ;-) – kleiner Scherz, noch mal: Etwas Strukturelles als individuell korrigierbares Verhalten zu deuten. Isses aber nicht.

    Die Pointe der Kritiken z.B. an Habermas, aber auch an der älteren kritischen Theorie (die Zusammenhänge sieht man ja nur in Hermeneutik-Grundkursen nicht) besteht immer darin, dass man doch die emanzipatorischen Potenziale IN der kapitalistische Gesellschaft herauszuarbeiten habe. Das ist auch seine Kritik an der älteren Kritischen Theorie, er war aber schlau genug, die Eigendynamik der kapitalistischen und auch administrativen Reproduktionsform zu begreifen und die Kritik sozusagen außerhalb, in lebensweltlichen Zusammenhängen, zu suchen. Durchaus auch Moral, aber angesichts der Eigendynamik bleibt diese schlicht machtlos, und man lügt sich in die Tasche, wenn man glaubt, das sei nicht so. Hat er dann später ja auch gemacht, sich dergestalt in die Tasche zu lügen.

  14. Katzenblogger Januar 5, 2010 um 12:57 pm

    Weiter gefragt. Wenn Markt und Eigennutz zu absoluten Prinzipien der Gesellschaft werden, entsteht dann eine absolut gute Gesellschaft? Was entsteht daraus? Wem nutzt die Ökonomieprinzipien unterworfene Gesellschaft? Wem schadet die absolut ökonomische Gesellschaft? Schafft absoluter Eigennutz ein gutes Miteinander? Was tut Marktabsolutismus mit dem Individuum? Ist der anonyme und absolute Marktmensch seinen Mitmenschen ein Monstrum? Ist absolut gesetzte Moral monströs und repressiv? Falls ja, wann und welche Art von Moral betrifft das? Schafft Amoral Freiheit? Wessen Freiheit schafft sie?

    Der zweite Vorschlag von mir, der Artikel, der schildert ein Paradoxon und gibt einen Antwortvorschlag auf die Frage, wann das zum Absolutum erhobene Eigennutz und Marktprinzip zur Plage und zur Repressionsinstanz wird.

    Der Videobeitrag fragt nach den Grenzen eines auf absoluten Eigennutz basierenden Ökonomieprinzips, der kurze Text macht deutlich, wie das Eigentumsprinzip wesentliche gesellschaftliche Grundlagen und sogar Marktplätze in ihren Grundfunktionen unterspült.

  15. che2001 Januar 5, 2010 um 1:08 pm

    Natürlich war der Golden Pudel immer links. Wiener und Tempo waren auch keine rechten Blätter. Aber es gab Zeiten, da nutzten yuppiemäßige Leute bestimmte Clubs und Zeitschriften, um, mit Formen und Stilen spielend, gegen linke PC-Moral zu sticheln (tat unsereins in anderem Rahmen und mit anderen Mitteln auch). Und ich habe das jedenfalls als das erste Einsickern neoliberaler Versatzstücke in linke Umfelder erlebt: Die Artikel Maxim Billers, in der er sich über Emma-Feministinnen lustig machte, Anything Goes propagierte und eine Ausgabe weiter bestimmte Markenklamotten als DEN angesagten Lifestyle propagierte. Megacoole Parties in schickeren Clubs mit überwiegend linker Kundschaft und Betreibern, wo plötzlich Poppertypen aufliefen, die Sprüche von sich gaben wie “Ich muss kotzen, wenn ich Rucksackträger sehe”, “Die eigentlich Konservativen sind doch die traditionellen Linken. Die heutigen Manager sind megadynamische coole Leute”, “Diese linke Spießermasche ist doch mega-out”. Die frühen Statler-Beiträge knüpften doch z.T. genau daran an.

  16. momorulez Januar 5, 2010 um 1:32 pm

    @Che:

    Ja, nur dass der “Golden Pubel”-Club was ganz anderes war als die Biller-Kolumne. Das sind noch zwei völlig verschiedene Attitudes, die auch von völlig verschiedenen Voraussetzungen ausgehen. Zudem man das “gegen Hippies und Ökos” nicht mit “gegen Altlinke” gleichsetzen kann. Als die GRÜNEN kamen, bekamen “linke” Szenen ja tatsächlich einen konservativen Einschlag, “wertkonservativ” war damals total trendy als Begriff, und dass Leute wie Ebermann sich dann zurück zogen, das lag ja daran, dass statt Kapitalismuskritik eben ein Moralismus Einzug hielt, der was ganz anderes ist als Moral, wie ich sie vertreten würde. Die Grenzen zwischen Hafenstraße und Pudel waren immer offen, habe doch selbst noch die Goldenen Zitronen hinter den Barrikaden spielen sehen. War sehr cool ;-)

    Es gab im Punk-Gefolge wie auch bei den Grünen mit äußerst differenten Einschlägen immer was gegen einen bestimmten Plattenbau-Sozialdemokratismus, gegen die Eugen Wagners dieser Welt (ehemaliger Hamburger Bausenator), und da kann man dann Verbindungen ziehen zu manchem, das sich auch bei Statler ja durchaus sympathisch tradierte. Aber der Windsor-Knoten, die Nouvelle Cuisine bei gleichzeitigem Indie-Hören und dieser ganze “Stil-”Quatsch, genau dagegen haben die Pudel-Leute immer opponiert. Im alten , illegalen Pudel war ich leider auch nie, aber unten am Hafen wurde sich genau darüber lustig gemacht, bis heute. Das sind Leute, die es super fanden, als im “Eisenstein” in Ottensen oder wie das hieß Punks einfielen und den Leuten die Langusten vom Teller gegessen haben. Im Grunde genommen haben Tocotronic mit dem “Kapitulation”-Album dem dann ein spätes Denkmal gesetzt. Das war immer der Versuch der Verweigerung bei gleichzeitiger Attacke durch sich drüber lustig machen.

    @Katzenblogger:

    Glaubst Du, es würde sich irgendetwas ändern, wenn jetzt alle plötzlich auf den totalen Altruismus umstellen würden?

    Und natürlich ist Moral eine Möglichkeitsbedingung von Freiheit, zumindest die Kantischen Typs. Die fragt aber ja auch gar nicht nach Altruismus versus Eigennutz, sondern nach vernünftiger Willensbindung anhand der Begründung von Handlungsregeln.

  17. momorulez Januar 5, 2010 um 1:48 pm

    Passt auch gerade, in dieses Blog ja sowieso, bei dem Pseudonym, aber auch sowieso ;-)

  18. Katzenblogger Januar 5, 2010 um 2:52 pm

    Rücksicht, nicht Altruismus wäre mein Wort.

  19. momorulez Januar 5, 2010 um 3:18 pm

    Hilft strukturell Exkludierten und immanent Ausgebeuteten Rücksichtnahme?

  20. che2001 Januar 5, 2010 um 3:33 pm

    @Momorulez, dann ersetze gedanklich bei mir “Golden Pudel” durch “Kairo”, “Dis-Tanz” oder “Savoy”, letztlich war das, was ich da im Kopf habe eine Momentaufnahme, die vielleicht für den Laden insgesamt völlig untypisch ist. Man sollte ja auch nicht “Das war aber nicht meine Party heute!” eine Grundtendenz ableiten wollen;-)

    Sprachlich zu “Moral”: Darunter verstehe ich dan “Moralismus”, war zeitlebens immer bemüht, unmoralisch zu sein, und da, wo Du von “Moral” sprichst sage ich normalerweise “Ethik”. Ich kenne diese Begriffe aber wiederum nicht mit dem Bedeutungsgehalt, den sie in der Philosophie haben mögen.

  21. Katzenblogger Januar 5, 2010 um 3:42 pm

    Ja, wenn rücksichtsvolles gesellschaftliches Denken bedeutet, dass dagegen angegangen wird, wenn struktrurell exkludiert oder immanent ausgebeutet wird. Der Prozess wird solange geändert und angepasst, bis er ein fairer Prozess ist. Solidarische Marktwirtschaft.

    Ich finde das Wort von der solidarischen Marktwirtschaft so richtig klasse. Es fiel mir nach Verzehr der herrlich gewürzten Hühnerflügel von Penny ein. Ich hätte nie gedacht, dass Hühnerflügel so glücklich machen können. Ich möchte aber auch, dass andere Menschen glücklich sind. So in etwa.

  22. che2001 Januar 5, 2010 um 3:43 pm

    @”Es gab im Punk-Gefolge wie auch bei den Grünen mit äußerst differenten Einschlägen immer was gegen einen bestimmten Plattenbau-Sozialdemokratismus, gegen die Eugen Wagners dieser Welt (ehemaliger Hamburger Bausenator), und da kann man dann Verbindungen ziehen zu manchem” — Jaaaaa, siehste, und da waren wir dann so eine Art Kreuzung aus Punks, vor-grünen Altlinken (also nicht altersmäßig, aber in Denkweise, Lebensgefühl und Attitüde, viele KBler dabei, da kamen Ebermann und so ja auch etwa her) und Dritte-Welt-Soli-Antiimperialisten. “Betonsozi” war für uns ein Schimpfwort, und wir wollten die bunte Subkultur der 70er und der Häuserkampfzeit, verjüngt mit NDW und Postpunk fortsetzen. Die Schnöselpopper (ohne Winsorknoten, mit pomadierter Tolle, Armani-Jackets und Mokassins) haben wir aber nicht nur als Antigrüne erlebt, sondern auch als Leute, die es interessant und cool fanden, in linken Szenezusammenhäüngen aufzutauchen, unheimlich tolerant und interessiert zu tun und dann nach einer Weile vergebliche Umerziehungsversuche zu starten oder aber rumzuätzen.

  23. che2001 Januar 5, 2010 um 3:47 pm

    Katzenblogger, da gibt es ein Buch für Dich: Susanne Elsen, Gemeinwesenökonomie-eine Antwort auf Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung?

    Btw. Im Übrigen bin ich der Meinung , Karthago müsse zerstört… äh, nein, der Kapitalismus zur Historie gemacht werden.

  24. momorulez Januar 5, 2010 um 3:47 pm

    @Che:

    Das geht querbeeet – ich sag ja “Ethik”, wenn ich als “gutes Leben” proklamierte Lebensformen meine, und “Moral”, wenn es um Fragen des wechselseitigen Respekts, der universellen Achtung, der Gerechtigkeit usw. geht. Die Grundrechte sind moralisch, nicht ethisch begründet in diesem Sinne.

    Und das mit dem Pudel ist mir gar nicht wichtig, weil das nun meine Szene war, da gab’s paradoxerweise erst vor 2, 3 Jahren Berührungen im Freundeskreis, habe auch die späteren “Hamburger Schule”-Bands, die da irgendwie draus erwachsen sind mit teils deutlich humorloseren Ansätzen, wenn auch nur irgendwie draus erwachsen sind, lange gar nicht gehört, sondern weil ich einige da sehr dafür bewundere, dass sie ihren Stiefel so durchgezogen haben und für mich eher Vorbild-Charakter haben. Und gerade aktuell machen die lauter Sachen, die wirklich prima sind – das Gängeviertel zum Beispiel hat ja auch von der Patenschaft Daniel Richters profitiert. Und selbst ein Rocko Schamoni ist ja verglichen mit anderen noch ganz witzig, wenn auch weiß Gott nicht mein Idol. Dass er sich aber wenigstens Mühe gibt, in “Sternstunden der Bedeutungslosigkeit” die Nutzlosen zu feiern, das ist ja auch was.

    Es gibt so ein herrliches Interview mit Stuckrad-Barre, wo der sich so über die Hamburger ereifert, wie doof die seien, da wurde ich rot vor stolzem Lokalpatriotismus beim Lesen ;-)

    Diese frühe Pudel-Mentalität ist ja wenn, dann eher in Bad Taste und Schlagermove gemündet, aber genau da wurden die Zitronen dann auch wieder sehr ernsthaft.Und niemand hat schöner Ratlosigkeit beschworen als Tocotronic, die in einem weiten Sinne da ins Umfeld gehören.

    Das ist schon einen bemerkenswerte Szene, der ich mich bei meiner Erwerbsbiographie, die ja auch Anknüpfungspunkte in die Richtung enthält, aber auch exakt Gegenteiliges, mich manchmal mit fast so was wie einem schlechten Gewissen nähere, weil einige von denen so konsequent geblieben sind.

  25. momorulez Januar 5, 2010 um 3:57 pm

    @Katzenblogger:

    Ich glaube, dass die Gewinnmaximierung und Ausbeutung totalisierenden Mechanismen so anonym sind, dass ALLE ihnen unterworfen sind, die Eigennützigen wie die Rücksichtsvollen, und wüsste auch nicht, welche Kooperationsmöglichkeiten da bestehen sollten. Die gibt es punktuell innerbetrieblich, aber damit die Maschine läuft, wird immer irgendeine Bank ihre Gewinnerwartungen dazwischen schalten, und das gar nicht wegen dem Verhalten Einzelner, das kann nur so laufen. Vielleicht ginge es, wenn man alternative Währungen erfinden würde, keine Ahnung.

    @Che:

    Der Windsorknoten, das war Statler ;-) … der hat da mal ‘nen Blogeintrag drüber gemacht, wie wichtig er das fände, dass man sich den zu bestimmten Anlässen anlegt. Ich weiß gar nicht, wie man einen Krawattenknoten bindet …

  26. che2001 Januar 5, 2010 um 4:07 pm

    @”Das geht querbeeet – ich sag ja „Ethik“, wenn ich als „gutes Leben“ proklamierte Lebensformen meine, und „Moral“, wenn es um Fragen des wechselseitigen Respekts, der universellen Achtung, der Gerechtigkeit usw. geht. Die Grundrechte sind moralisch, nicht ethisch begründet in diesem Sinne.” — OK, jetzt haben wir es. Ich sage”Ethik”, wenn ich “Was Du nicht willst, dass man Dir tu” oder auch Solidarität meine, und “Moral”, wenn ich das Verankern von verbindlichen Vorstellungen von Gut und Böse oder auch Sexualverhalten via Schuldgefühle meine. In dem Sinne sind die Menschen- und Grundrechte für mich ethisch und nicht moralisch vrankert.

  27. lars Januar 5, 2010 um 4:36 pm

    Mir war ja gar nicht klar, dass das eine Selbstbeschreibung meinerseits war ;-)
    Dennoch vielen Dank und Dir auch einen guten Start ins neue Jahr.

  28. momorulez Januar 5, 2010 um 4:40 pm

    War’s nicht? Dankeschön!

    Jetzt hatte ich gerade einen ganzen Blogeintrag bezugnehmend auf Deine getwitterten 5 Songs mit biographischem Bezug geschrieben, habe aus Versehen das Kabel aus der Fritz-Box gezogen, und jetzt isser wech :-(

    Womit ich mit jetzt gerade “quäle”, das geht ja aus obigem hervor. Wenn Du irgendwen kennst, der die System-Lebenswelt-Differenz bei Habermas mal auf Medien bezogen hat, und das nicht im Sinne des “Öffentlichkeits”-Begriffs, dann mail mir mal!

  29. lars Januar 5, 2010 um 5:45 pm

    Och, schade…. :-(

    Hmmm… wegen der Trexte frage ich mal meinen meidenwissenschaftlichen Kollegen.

  30. Loellie Januar 5, 2010 um 6:01 pm

    Hamburg?

  31. che2001 Januar 5, 2010 um 6:49 pm

    @”Der Windsorknoten, das war Statler ;-) … der hat da mal ‘nen Blogeintrag drüber gemacht, wie wichtig er das fände, dass man sich den zu bestimmten Anlässen anlegt. Ich weiß gar nicht, wie man einen Krawattenknoten bindet …” — Ich auch nicht, wenn ich eine Krawatte brauche, nehme ich eine mit Fertigschlinge oder Klipp zum Einhängen. Wenn ich Knoten binde kommen immer Bergführerknoten bei raus ;-)

  32. Rayson Januar 5, 2010 um 7:12 pm

    Darf ich behilflich sein?

    (auch die anderen Verweise rechts beachten ;-) )

  33. momorulez Januar 5, 2010 um 7:17 pm

    Dankeschön! Vielleicht gelingt ja dem Video/den Videos, was mein Vater vergeblich mir beizubringen suchte ;-) – kann tatsächlich sein, dass ich das Samstag brauche. Aber wahrscheinlich wird es doch wieder der schwarze Philosophen-Rolli …

  34. Rayson Januar 5, 2010 um 7:25 pm

    Wozu solltest du einen brauchen? Du hast von Beruf und Ausbildung her doch eigentlich das Privileg, auf die Dinger verzichten zu können.

    Als ich aber bei meinem letzten Auftrag zum “Casual Friday” mit Sakko, Jeans und ZZ-Top-T-Shirt rumlief, wurde ich ob meines angeblichen Muts von anderen Finanzern bewundert. Für die ist “casual” dasselbe wie immer, nur ohne Schlips…

  35. momorulez Januar 5, 2010 um 8:39 pm

    Für den Mut zum ZZ-Top-T-Shirt bewundere ich Dich aber auch ;-) – und ich habe jetzt ja die kuriose Mehrfachstellung, für’s Bugetere einzustehen wie auch für das Kreative, und das verwirrt alle, mich auch, die Kunden aber auch. Zudem es diesmal nicht um im weit verstandenen Sinne Pop geht, sondern um Klassik, und da gelten dann noch mal andere Regeln, ggf.

    Der Rolli zum Anzug hat dann aber den Vorteil der Intellektualität, und das finden meistens alle beruhigend, nur meine Kunden nicht, die bekommen dann Angst und man bekommt ständig konzeptionell als Kompetenz behauptete und geforderte Doofheit unter die Nase geschmiert. Davor würde der Schlips schützen, der gilt in unseren Kreisen ja als Zeichen mangelnder Intelligenz. Würde ich da aktuell den Künstler geben, gäbe es nur Krawall.

    Und so dreht man sich sich im Kreis bei all diesen subtilen Codierungen, wo ich doch als Raucher und Biertrinker auch noch Proll-Tugenden pflege. So einfach wie “Schlips weglassen” ist das bei uns nicht ;-)

  36. lars Januar 5, 2010 um 10:00 pm

    Mann, ich lebe in einem Kontext, in dem ich (bislang) ohne Krawatten und Anzug auskomme. Bessere Schuhe habe ich mir aber in der Zwischenzeit auch zugelegt.

  37. momorulez Januar 5, 2010 um 10:42 pm

    Ich ärger mich ja aus guten Gründen alltäglich, nicht einfach in dem Kontext geblieben zu sein, in dem Du Dich aufhältst :-( – anfänglich war alles so schön bunt da bei uns in den Welten, hat wirklich viel Spaß gemacht, und jetzt, je länger das alles dauert, ist jeder Schritt ein Kampf mit bösen Mächten. Sogar die Frage, was man anzieht. Dass wir so tolle Sachen machen wie sonst keiner “am Markt”, das kann man so gar nicht mehr genießen, obwohl wir gerade dieses Jahr echte Knaller rausgehauen haben.

    Kein Wunder, dass ich das jetzt alles mittels der Kolonialisierungsthese gerne mal reflektieren möchte, was da eigentlich abgeht – eine wundervolle Welt voll ungeahnter Möglichkeiten, eine traumhafte Spielwiese, ein multidimensionales Feld voller Sinnlichkeit, Sprache und Vernunft ineins, und dann kommen die Imperative administrativer und ökonomischer Macht und machen alles platt. Zum Kotzen.

  38. che2001 Januar 5, 2010 um 11:02 pm

    Um mal was Konstruktives beizusteuern: Wir sind jetzt hier wie auch drüben bei mir wieder auf dem Level, auf dem wir auf Shiftingreality vor merkwürdigen Turbulenzen mal waren, ist doch gut so.

    BTW: Und Schlipse brauch ich auch nicht mehr und verdiene viel mehr als in der Schlipszeit. Finde es aber anstrengend, geliebt zu werden von Leuten, von denen ich es nie erwarten würde. Während ich vorher gescheucht und gehetzt wurde. Habe sogar echt das Problem, dass ich Erwartungen von Vorgesetzten übererfülle. Und das Gefühl verliere, was angemessen ist.

  39. momorulez Januar 5, 2010 um 11:26 pm

    “Wir sind jetzt hier wie auch drüben bei mir wieder auf dem Level, auf dem wir auf Shiftingreality vor merkwürdigen Turbulenzen mal waren, ist doch gut so.”

    So was schreibt man doch nicht, dann werde ich naturgemäß trotzig und fange einen Streit an ;-)

  40. che2001 Januar 5, 2010 um 11:35 pm

    Lötzinn, ich kann Dir ja noch immer alles um den Kopf hauen, will es aber nicht. Geht doch auch anders weiter – zumal ich erlebe, dass es bei mir wirklich weitergeht, wo es 1984 aufgehört hat. Oder sonstwann. Komisches Gefühl, Wärme und Empathie zu erleben, wo man sie nie erwartet hätte und plötzlich als Autorität erlebt zu werden. Sehr seltsam.

  41. Rayson Januar 5, 2010 um 11:48 pm

    @MR

    Den Zwiespalt kann ich nachvollziehen, aber du bist nicht in der Rolle, in der du bist, weil du ein Super-Finanzer wärst. Ich würde einiges darauf verwetten, dass man dich in erster Linie als Kreativen wahrnimmt, vielleicht noch einen, dem auch die Betriebswirtschaft nicht allzu fremd ist, aber die Investoren sind nicht doof: Wenn Schlipstypen das könnten, was du kannst, würden sie es längst tun.

    Der wichtigste Mann (bzw. die wichtigste Frau) ist der/die, der/die das Kerngeschäft voranbringt. Und der/die muss dann auch so aussehen, und nicht wie der Buchhalter der Firma…

  42. lars Januar 6, 2010 um 1:00 am

    „Wir sind jetzt hier wie auch drüben bei mir wieder auf dem Level, auf dem wir auf Shiftingreality vor merkwürdigen Turbulenzen mal waren, ist doch gut so.“

    So was schreibt man doch nicht, dann werde ich naturgemäß trotzig und fange einen Streit an ;-)

    Veilleicht funktioniert es gerade auch deswegen, weil es keine gemeinsame Plattform gibt und wir hier Gäste sind. So ein gemeinsames Projekt ist immer konfliktiv. Das erinnert mich (anläßlich der 5 tracks) an vergangene Bandzerwürfnisse…

  43. Rayson Januar 6, 2010 um 1:07 am

    @lars

    Da könnte was dran sein. Meine Erfahrung ist, dass sich Übereinstimmung einfach über Bloggrenzen hinwegsetzt, während gegen unerträglichen Dissenz (im Gegensatz zum interessanten, fruchtbaren) auch kein gemeinsamer Auftritt hilft.

  44. momorulez Januar 6, 2010 um 9:45 am

    @Rayson:

    Stimmt alles, nur dass wir gar keine Investoren im engeren Sinne haben, nur die Bank und die Kreditlinie, und bei dem Banker stimmt das zweifelsohne. Meine Kunden, also die, mit denen ich da permanent zu tun habe, begreifen sich nur auch – zu unrecht ;-) – als Kreative, insofern ist man für die immer auch Konkurrenz, und um ihr Standing im eigenen Laden zu wahren, müssen sie einen fortwährend mal einfach nur produktiv korrigieren, was sehr viel Spaß machen kann, oder nieder machen, paradoxerweise – weil deren interne Kommunikation auch so läuft, das man sich auf Kosten Anderer profiliert. Das ist schon ziemlich pathologisch. Und da fehlen mir oft die Distanzierungsmethoden, innerlich wie optisch tatsächlich auch, das macht ja was mit denen, wenn man bestimmte Rollenerwartungen durch Outfit nicht mehr erfüllt. Bin irgendwie in meiner Attitude zu sehr ewiger Praktikant, einfach zu jung geblieben ;-)

    @Lars:

    Unterschied zu dem Bandthema ist vielleicht, dass wir ja nicht zusammen Songs geschrieben haben, sondern jeder für sich. Klar, gibt auch andere Arbeitsteilungen in Bands, trotzdem – so im Alltag erstelle ich ja ständig zusammen mit ziemlich vielen Leuten Produkte, und das haut meistens ganz konstruktiv und reibungslos hin, zumindest intern. Nun kann man “freie Mitarbeiter” auch als so was wie “Gäste” begreifen, das ist bei uns aber nicht so.

    Das war schon der von Rayson erwähnte, inhaltliche Dissens, der da aufbrach und den ich als denkverhindernd erlebt habe, weil ich ständig auf etwas reagieren musste, was gar nicht mein Thema war, und dass, was ich zu sagen haben glaubte, so immer in bestimmte Richtungen umgebogen wurde. Hatten wir ja auch gerade mit Genova hier – das nervt mich dann schon sehr. Ansonsten ist das hier aber gerade nicht der Fall, und das ist ja prima, dass das klappt.

    @Che:

    Es sei Dir von ganzem Herzen gegönnt!

    Ich habe zu lange zu ausschließlich von Anerkennung im Job psychisch gelebt, das ist eher das Problem, das bei mir gerade akut aufbricht, glaube ich – man wird dann abhängig von immer neuen Dosen, die irgendwann nicht mehr befriedigen. Da muss ich jetzt irgendwie ran.

  45. che2001 Januar 6, 2010 um 11:26 am

    @MR: Genau das war bei mir halt total anders. Job hieß für mich viele Jahre lang, in einer Umgebung zu überleben, die für mich im Grunde Feindgebiet war. Auf de eigene Arbeit stolz zu sein oder sich über berufliche Erfolge zu definieren hätte mir auch meine politische Grundhaltung verboten, die Nichtidentifizierung stand da im Mittelpunkt. Nun arbeite ich erstmals seit Langem wieder in einem Umfeld, in dem Empathie und Respekt vordringlich sind.

  46. momorulez Januar 6, 2010 um 11:32 am

    “Auf de eigene Arbeit stolz zu sein oder sich über berufliche Erfolge zu definieren hätte mir auch meine politische Grundhaltung verboten”

    Ja, ja, ich Klassenfeind, ich ;-) … na, aber schön, dass Du da raus bist!

  47. T. Albert Januar 6, 2010 um 12:05 pm

    In meinen Bereichen trägt kein Arschloch Schlips, im Gegenteil.
    Glaube langsam, man könnte sich mit Schlips als Nichtarschloch kennzeichnen.
    Aber mit besser sitzenden und richtig geschnittenen Anzügen, als sie diese ganzen kurzgeschorenen Bank-Jungs mit ihren komischen Designer-Brillen und zu langen und zu engen Hosen hier in Zürich tragen: da sieht das beste Zeug billigst aus. Also, anders als
    in den sechziger Jahren, das ist der Unterschied zu einem lustigen Sechziger-Jahre-Gespräch wie diesem hier.

  48. che2001 Januar 6, 2010 um 1:24 pm

    Da, wo ich auf seltsame Spacken stieß war dann das noch einmal ein etwas anderes Outfit, nämlich im Netinvestor/New-Economy/Consulting-Bereich neben Kurzhaarfrisuren auch Pferdeschwänze (bei Männern) oder Iro, dazu diese komischen Deisgner-Brillen, möglichst mehrfarbig und von Gucci, supergut sitzende Anzüge von Armani, Versace, Boss oder Pierre Cardin über Daniel-Hechter-Hemden, teilweise ber auch nur Hemd und Sacko zu motorradkompatiblen Lederjeans, und ganz wichtig: komische überlange italienische Herrenschuhe. Und im mittelständischen Industriebereich zwingend vorgeschrieben schwarzer Anzug, weißes Hemd, Krawatte. Ingenieure und Designer erkannte man daran, dass sie die Krawatte wegließen.

    Und jetzt bin ich wieder da, wo Klamotten keine Rolle spielen. Na ja, eine Tunika fiele wohl auf;-)

  49. T. Albert Januar 6, 2010 um 2:19 pm

    Ja, diese Pferdeschwänze mit Markenanzügen. Ich hab seit Jahren mit solchen witzigen Leuten nix mehr zu tun, erinnere mich aber an einige Gespräche über Statusunsicherheit mit denen – bei Anderen wiederum. Ich war immer so fasziniert von der sichtbaren Markenidentität; für sichtbare Schildchen und so hätte meine Mutter mich des Elternhauses verwiesen. Sie macht mich heute noch fertig, wenn ich die Kleiderordnung nicht einhalte und ihr dabei unter die Augen komme. Mit Architekten habe ich ja doch noch zu tun, die Beschreibung stimmt schon, aber die Sachen sind auch immer zu eng und zu lang, und schwarze Jeans, in die sie sich reinwurschteln – das muss wieder auhören, das geht gar nicht. Früher, als sie noch von Hand arbeiten mussten und auf Baustellen rumliefen, sahen sie angemessener aus, nicht so kleinlich halberwachsen. Und die Bau-Ingenieure, naja, also, die, die ich kenne, denen komme ich nur negativ bei: als sie noch aussahen wie Honecker oder sozialdemokratische Tiefbauamtschefs wars besser. Den Stil versuche ich selber immer, aber bei C&A kriegt man die richtigen Sachen dafür nur noch schwerlich.
    Leider habe ich mal vor fünf Jahren ein Selbstexperiment mit überlangen italienischen Herrenschuhen gestartet, und als ich die nach einem Jahr zum Flicken brachte, hat mich mein italienischer Schuster übelst für die Dinger beschimpft, mir erklärt wie die gemacht werden und von wem, und mich mit künftiger Nichtbeachtung und -behandlung bedroht, wenn ich nicht zu meinen soliden Echtschuhen zurückkehren würde. Das war mir eine Lehre, und meine Mutter und ihre Mutter haben es schon immer gesagt. (Komischerweise kann meine Frau hippiemässig rumlaufen wie sie will, da sagt meine Mutter nichts, dafür kriegts meine Schwester in ihrer strahlenden Bürgerlichkeit und angemessen guten Kleidung immer noch gnadenlos drauf. Von der Krawatte hat sie mich nach gespielten Erstickungsanfällen noch mit Vierzig dispensiert, und meinen kleinen Lederjacken-Bruder lässt sie in Ruhe, seit sie weiss, dass er in seinen Kaufmannszusammenhängen Krawatte tragen sollte; er tuts bloss nicht mehr und sagt, es wäre ihr völlig egal, wenn sie die Typen um ihn rum eigenäugig sehen müsste.)

  50. momorulez Januar 6, 2010 um 3:16 pm

    Ich bin ja auch mit der Lehre aufgewachsen, dass Krawatten eh nur Phallus-Symbole seien ;-) – wogegen man seltsamerweise was hatte. Mein Vater hingegen sagte immer, er würde die Dinger nur tragen, damit man die Flecken nach dem Essen auf dem weißen Hemd nicht so sieht. Der hatte aber immer gemeine Hautgeschichten wegen der Kragen im Nacken, was ja auch aussagekräftig ist.

  51. che2001 Januar 6, 2010 um 3:23 pm

    Für mich ist das jobspezifische Anzugtragen einfach Arbeitskleidung. Wie ich am Band nen Blaumann und in der Klinik nen weißen Kittel trug, trug ich im konservativen Unternehmen halt Cardinanzug und Krawatte. Und im Moment Hiolzfällerhemd, Motorradlederhose, Outdoorjacke, Polarboots und Skimütze. Darin fühle ich mich richtig wohl.

  52. T. Albert Januar 6, 2010 um 3:37 pm

    Polarboots – sind die nicht nach Lehrmeinung blauer Männer in weissen Kitteln ein Vulva-Symbol? Davon kriegste nach dem Essen aussagekräftige gemeine Hautgeschichten an die Beene, wenn Du Dich richtig wohl drin fühlst. Die musst Du noch mal dekontextualisieren.

    Alle diese Lehren wurden bei uns ja nicht gelehrt, drum bin ich naiv geblieben.
    Gegen Phallus-Symbole hab ich aber auch nichts. Vielleicht sollte ich doch mal meine Krawatte suchen.

  53. T. Albert Januar 6, 2010 um 3:51 pm

    Aber Holzfällerhemd war auch eine nette Erfahrung in Wirkungsästhetik an der eigenen Erscheinung bei altersbedingtem Haarausfall, als dann ein Kollege mein entschiedenes Eintreten in sein Atelier vor versammelter studentischer Projektmitarbeiterschaft unbedingt kommentieren musste: UND DA KOMMT DIE GERMANISCHE PRÜGELGLATZE. WIE SIEHST DU DENN AUS?
    Ja, was macht dann da?

  54. che2001 Januar 6, 2010 um 3:55 pm

    Mich würde man höchstens fragen, ob ich am Hundeschlittenrennen teilnähme. Die einzigen Hautgeschichten an den Beinen, vor denen ich Angst hätte, wären Erfrierungen. Wenn ich doch mal so weit bin, auf den Popocatepetl oder Kasbek zu steigen. Aber selbst dagegen kenne ich ja ein probates Mittel: doppelte Strümpfe und darüber Mülltüten. Oder Alufolie.

  55. momorulez Januar 6, 2010 um 3:58 pm

    @T.Albert:

    Ihn einen Rassisten schimpfen ;-) …. (bin ja froh trotz Altersbedingungen aktuell wieder fast Mähne zu tragen. ‘nen Kumpel von mir hat wegen irgendwas mit Stoffwechsel gar keine Haare, und der muss immer höllisch aufpassen, was er anzieht. Alles, was auch nur entfernt militaristisch wirkt oder nach Springerstiefel oder DocMartins aussieht meidet er wie die Pest. Weil er auch noch so’n nordischen Namen hat. Aber zu Krawatte oder Polarboots hat er bisher noch nicht gegriffen.)

  56. T. Albert Januar 6, 2010 um 4:41 pm

    Mich fragt man nicht nach Hundeschlittenrennen und Popocatepetl-Aufstieg. Nie! Alle wissen, was ich für ein verweichtlichtes Muttersöhnchen bin, weswegen es mich eben sehr traf, was mir da gesagt wurde. Okay, ich hab mich schon mal geprügelt, ohne das Holzfällerhemd, aber nur wegen einer Frau aus kasbekischen Gegenden. Das ging auch böse aus für mich, mein Prügelglatzenaussehen war im Ernstfall dann doch nicht so beeindruckend. Und der Staatsanwalt schlug dann das Verfahren wegen Nichtigkeit nieder. Wegen Nichtigkeit! Also, ich meine, bei einem Mann von vierzig Jahren…, das war schon kränkend.
    Und Mülltüten über doppelten Strümpfen kenne ich nur von unendlich tagelangen Ski-Wanderungen als Junge, und natürlich war es mein Vater, der das drauf hatte, nicht ich.
    Mehrmals im Jahr mit diesen Mülltüten am Knie den Aletschgletscher entlangrutschen und sich ausmalen, wie das wäre, mit sechzehn und diesen Tüten für die nächsten hundert Jahre im Gletscher zu verschwinden, wo ich mir doch einiges vorgenommen hatte, war auch nicht unbedingt von der ertüchtigenden Wirkung, die mein Vater wohl an mir erzielen wollte. Oh Mann. Ganze Romane habe ich mir hinter ihm im Schneegestöber zusammenerträumt, und die handelten mehr von der Zärtlichkeit meiner Mutter. Ich hoffe ja, er hat auch daran gedacht, mal fragen.

    Ein italienischer Kollege aus gleichen verweichlichenden Verhältnissen wie ich hat mir dann mal, als er gerade eine Psychoanalyse begonnen hatte, erzählt warum Jesus Italiener war: 1. – nur ein Italiener glaubt, dass seine Mutter eine Jungfrau ist, 2. – nur ein Italiener glaubt, dass sein Vater Gott ist, 3. – nur ein Italiener bleibt bis zu seinem dreissigsten Lebensjahr bei seinen Eltern.

    Momorulez, das mit dem Rassisten wäre in den Fall sogar wirkungsvoll gewesen.

  57. che2001 Januar 6, 2010 um 6:18 pm

    Ein verweichlichtes Muttersöhnchen in der Schweiz, und ich muss all die Verabredungen mit den tollen Bergcracks, von denen ich so viel lernen könnte, immer absagen, weil ich hier im Norden sitze und das alles viel zu weit weg ist. Das ist ungerecht!

  58. Karsten Januar 8, 2010 um 12:57 pm

    Auch, wenn es viel zu spät komnmt: Ein Frohes Neues Jahr Euch allen! Bin leider augenblicklich zeitmäßig fast nicht in der Lage, in die Bloggerei reinzugucken… :(

  59. momorulez Januar 8, 2010 um 7:47 pm

    Dankeschhön! Du warst ja oben unter “Klassenfeinde” inkludiert ;-) – obwohl das in Deinem Fall ja gar nicht stimmt. Da sind die Schnittmengen ja sehr groß. Also: Viel Erfolg beim Kampf gegen Zeitmangel 2010!

  60. David Januar 8, 2010 um 11:38 pm

    Von mir jetzt auch noch; Frohes Neues! Und kommt gut durch den Winter…

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