Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Utopie der Arbeit? “Gutes Handwerk verlangt nach Sozialismus”

“Dewey war im selben Sinne Sozialist wie John Ruskin und William Morris. Sie alle drängten die Arbeiter, die Qualität ihrer Arbeit im Sinne eines gemeinsamen Experimentierens nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum zu verstehen. Gutes Handwerk verlangt nach Sozialismus. Die Funktionsweise einer modernen japanischen Autofrabrik oder eines Linux-Chatrooms hätte möglicherweise zwar ihre Sympathie für andere Formen der Zusammenarbeit gestärkt, doch alle drei bestanden darauf, im Streben nach Qualität nicht nur ein Mittel zur Steigerung des Profits zu erblicken.

Der Pragmatismus vertritt die philosophisch begründete These,  dass die Menschen frei von Zweck-Mittel-Beziehungen sein müssen, wenn sie gut arbeiten wollen. Hinter dieser philosophischen Überzeugung steht ein Begriff, der meines Erachtens die einheitliche Grundlage des Pragmatismus bildet: experience. Im Englischen ist dieser Begriff unschärfer als im Deutschen, wo er in zwei Begriffe aufgespaltet wird: Erleben und Erfahrung. “Erleben” verweist auf ein Geschehen oder eine Beziehung, die einen inneren, emotionalen Eindruck hervorrufen; “Erfahrung” auf ein Geschehen, eine Handlung oder eine Beziehung, die nach außen gerichtet und eher auf Fertigkeiten als auf Empfindungsvermögen angewiesen sind. Nach pragmatischer Auffassung darf man diese beiden Bedeutungen nicht voneinander trennen. Bleibt man allein im Bereich der Erfahrung, besteht nach Ansicht von William James die Gefahr, dass Denken und Handeln in Zweck-Mittel-Beziehungen gefangen bleiben, dass man also dem Laster instrumentellen Denkens und Handelns erliegt. Es bedraf eines ständigen Korrektivs durch das Erleben.”

Richard Sennett, Handwerk, Berlin 2008, S. 381-382

11 Antworten auf Die Utopie der Arbeit? “Gutes Handwerk verlangt nach Sozialismus”

  1. MartinM Dezember 29, 2009 um 12:20 am

    Ich weiß schon, wieso ich so sehr von “Pragmatikern” wie William James begeistert bin – und finde es bezeichnend, dass sie in Deutschland so wenig bekannt sind.

  2. momorulez Dezember 29, 2009 um 9:59 am

    Ja, wobei daran Kulturkonservative – “angloamerikanische Oberflächlichkeit” – und Adorno und Konsorten gleichermaßen schuld sind, die einfach so behaupteten, da käme halt der Kapitalismus zu sich selbst. Peirce wurde ja von den analytischen Philosophen und auch Habermas, Apel und dem Umfeld und auch den Film- und Medienwissenschaften eifrig rezipiert, Rorty ist auch sehr bekannt, aber James und Dewey sind mal ab vom “Learning by doing” (“Learning by Dewey”) irgendwie unter gegangen. Dabei gibt es viele Bezüge zu Sartre und Merleau-Ponty, aber die sind ja auch sehr out. Na, letzterer kommt gerade wieder. Finde auch, dass es da sehr viel zu entdecken gibt.

  3. che2001 Dezember 29, 2009 um 11:24 am

    Ich würde eine solche Herangehensweise im Gegentum als “extrem proletarisch” bezeichnen. Ist Sennet von seiner Herkunft her ja wohl auch, wenn ich mich richtig erinnere.

  4. MartinM Dezember 29, 2009 um 12:34 pm

    Ja che, wer “mitten im Leben steht” (was idealtypisch proletarisch ist bzw. sein sollte), wird meiner Ansicht nach zum Pragmatismus neigen – sowohl als Lebenseinstellung wie dann als Philosophie.

  5. T. Albert Dezember 29, 2009 um 2:56 pm

    Danke für den Hinweis auf Dewey. Morris, Ruskin.
    Das erinnert mich nämlich an verschüttete Lektüre als Student; wir mussten von denen ja manches lesen und diskutieren und es ist interessant, dass das nicht mehr diskutiert wird, obwohl es eine grosse Rolle spielte für ganze Traditionen einer Ästhetik des Machens, wie Otl Aicher das dann genannt hat, ja auch fürs frühe Bauhaus. Dann haben wir die Vorlesungen des intelligenten Vaters dieses Springer-Mannes Posener, Julius Posener, dazu gehört und gelesen, und die sind nach wie vor sehr spannend zu lesen, hab ich gereade gesehen.
    In Zusammenhang mit diesem handwerklichen Denken der Arts-And-Crafts-Sozialisten sehe ich auch den englischen Wittgenstein und sein Haus für seine Schwester in Wien, das ich wiederum für viel zu wenig beachtet halte, das aber ein Lehrstück einer Moderne des Machens und des Sehens ist, da vermittelt sich vieles dieses Denkens, das müsste man mal ausarbeiten.

  6. che2001 Dezember 29, 2009 um 3:13 pm

    Nicht zu vergessen die Vor-Bauhaus-Geschichte, Werkbundsiedlungen, Karl-Marx- und Mehringhof und so.

  7. T. Albert Dezember 29, 2009 um 3:19 pm

    jaja,eben. supertoll, und das sind vergessene ansatzpunkte einer kritik der produktionweise des staatskapitalismus wie des liberalkapitalismus.aber in den siebzigern und anfang achtziger haben wir uns damit noch beschäftigt. die modischen dekonstruktionsdebatten haben das verdrängt.

  8. momorulez Dezember 29, 2009 um 3:50 pm

    Nee, das kannste nun wirklich nicht nur den “modischen Dekonstruktionsdebatten” in die Schuhe schieben, wenn schon, dann in die “Schuhe” ;-) – ich glaube ja eher, dass das zumindest die deutsche Rzeption betreffend am Kulturdünkel links und rechts liegt, wenn es um die USA geht, zum einen. Zum zweiten ist ganz allgemein ein seltsames Verständnis von “Handlung” entstanden, was ganz allgemein am “linguistic turn” liegt – und da ist ja die “modische Dekonstruktiondebatte”, in der “Konstruktion” immerhin noch enthalten ist, nur ein Teil dessen. Und es gab ja gute Gründe, “Erfahrung” und “Bewußtsein” und “Subjekt” nicht mehr in den Mittelpunkt zu stellen, wobei ich ganz bei Dir bin, dass man da nun wieder gegen anstinken muss. Zum dritten liegt es zumindest die Philosophie betreffend auch am akademischen Ausbildungssystem – da sitzen dann eben lauter Leute, die sich in Galerien rumtreiben und Fernsehen und Filme und Häuser angucken, und die betreiben dann reine Rezeptionsästhetik. Produziert, hergestellt wird da ja gar nicht mehr in diesem Denken, weil die das nicht kennen, was bei “Dekonstruktionsdebatten”-Denkern wie Foucault ja noch anders ist, da ist Macht selbst produktiv ;-)

    Kann jetzt alles in Architekturdiskussionen anders sein, und im Resultat bin ich mir mit Dir ja wieder ganz einig. Finde auch gut, wie der Sennett das Handwerk wieder auf den Tisch wirft, den von Ikea ja zumeist. Der kriegt das immer gut hin, an sich kulturkonservative Positionen ins Links-Progressive zu wenden. Halte ja viel von dem, auch wenn er manchmal etwas flach fliegt.

  9. T. Albert Dezember 29, 2009 um 4:06 pm

    ja, ich meine nur die architektur-dekonstruktions-diskussion. die lief ja bezgl. materialität und baukonstruktion wie umgang mit stadträumlicher positionierung von objekten auf verheerende bestätigung des bestehenden hinaus. ich sage dazu noch was, später. wir führen seitdem eigentlich keine kritische diskussion von produktionsweisen mehr. das mit dem subjekt finde ich immer lustig, weil ja genau diese leute jetzt superstars sind, mit deren namen alles vollgelabelt wird.

  10. che2001 Dezember 29, 2009 um 5:45 pm

    Witzig ist ja die hier öfter diskutierte Tatsache, dass beides Postmoderne heißt, die Postmoderne in der Architektur und in den Geisteswissenschaften aber nullkommanix miteinander zu tun haben. Es gibt auch einen Strukturalismus in der russischen Literatur, der wiederum überhaupt nichts mit dem Strukturalismus in der französischen Philosophie/Soziologie/Politikwissenschaft zu schaffen hat.

  11. momorulez Dezember 29, 2009 um 8:16 pm

    Bezüge gibt es aber schon zwischen der philosophischen und der architektonischen Postmoderne …

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