Metalust & Subdiskurse Reloaded

Die alte, neue Unübersichtlichkeit? Wie soll Kritik sein?

Veröffentlicht in Pop + Philosophie von momorulez am November 8, 2009

Ist das so?

„Doch es ist ja nicht nur die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, die in diesen Formen und Motiven steckt. Sicher mag die Lebensmittenkrise so manchem 40- oder 50-Jährigen den Spass an der Plattensammlung vergällen, wenn er des poststudentischen Lebens in gemieteten Altbauwohnungen und freischaffenden Karriereschwankungen überdrüssig ist. Das allerdings ist nur das vordergründige Unwohlsein, hinter dem sich eine viel tiefgründigere Sehnsucht verbirgt. Denn die Ordnung der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, die sich im moralischen Weltbild der Hornby-Roma genauso findet, wie in den Company Men und ihren Suburban Wives aus der Serie „Mad Men“ und dem Neo-Bossa von Bebel Gilberto, ist letztlich ein überschaubares Weltbild, gegen das man gezielt rebellieren kann.

Nach Paris durchbrennen

Es ist kein Zufall, dass „Juliet, Naked“ im Subtext auch ein Manifest gegen das Internet ist, das Hornby als bodenlosen Abgrund beschreibt, der jede menschliche Regung, jeden klugen Gedanken, jede Form von Kreativität im Nichts eines unüberschaubaren Netzwerkes aus Halbherzigkeiten verschwinden lässt. Es ist nicht die Ordnung als Sinnstifter, nach der sich diese Popkultur sehnt, sondern nach der Ordnung als ein klares Ziel für den Kampf. All jene Bedrohungen, die gerade die unsicheren Halbexistenzen der Generation Pop gefährden – die Wirtschaftskrise, die Überteuerung der Städte, die Aushöhlung der Kulturgeschäftsmodelle, die ominöse Globalisierung – sind jedoch kontur- und gesichtslose Systeme ohne klare Angriffspunkte.“

Verstehe zumindest nicht, wie man das Lobpreisen und als „Treffsicherheit“ begreifen kann, dass einfach jene Erzählstrukturen adaptiert werden, die sich am besten verkaufen. Dass die Welt ja ach so kompliziert ist ist doch ein  billiger Allgemeinplatz, seitdem es Denken gibt. Und die Diagnose, dass man gerne klare Feindbilder hätte, die ist auch nicht sonderlich originell. Macht da der Kritiker nicht genau das, was er am Text Hornbys bemerkenswert findet, und kann das die Rolle von Kritik sein, strukturell zu adaptieren, was der Text vorgibt?

Bei all den Adorno-Debatten hier und anderswo fragt man sich ja vor allem das: Was ist Kritik, wie soll sie sein und wie kann man sie so formulieren, dass sie Maßstäbe entwickelt, die über das Sujet hinaus weisen? Ist ein wenig die Gegenfrage zur immanenten Kritik, die so ja auch gerade NICHT so funktioniert, dass sie ein „Ja!“ zur Kuscheligkeit des Gegenstandes beschwört, sondern dass sie innere Widersprüche aufspürt und ggf. dekonstruiert.

Diese verlinkte Absage an die großen Kämpfe und Schlachten, die einst das Kritiker-Genre belebten, die ja fast die Marquardtsche Kompensationsthese beschwört, ist es nun das, wohin man schreiben sollte?

Die alte Frage nach Kritik und Affirmation im Lichte des nur negativ formulierbaren Glücksversprechens gehört wieder auf die Tagesordnung. Den Verschnarchten kann man das Feld nicht überlassen dürfen.

Pop war immer das Medium einer Gegenwartsdiagnose, aber doch bitte nicht so. Um so erstaunlicher, wie der Kritiker dann seine Plattensammlung ins Feld führt: Kruder & Dorffmeister, Benjamin Biolay, Air, sorry: Selbst in Mando Diao oder Gossip steckt doch noch das Nervöse, das Lebenslust  in jene Formen zwängt, die es zu sprengen vermag, und auch Amy Winehouses „Back to Black“ ist selbst dann ein Kampfruf, wenn Chefsekretäre dazu tanzen – und wie krude ist eigentlich, gar nicht auf die Wucht eines Little Richard oder Otis Redding einzugehen, sondern die Einfachheit des „Feindbildes“ hervorzuheben? Da wurde was missverstanden.

Ist oft mir aufgefallen in den letzten Jahren, auch, wenn eigene Produkte kritisiert sich fanden: Die aktuell werkelnde Kritiker-Generation sucht immer nur das, was sie schon kennt. Begehe Kommerz-Kritik: Sie werden Dich feiern. Behandele Velvet Underground: Sie werden erwiedern, was sie darüber wissen, völlig unabhängig von dem, was sie zu kritisieren vorgeben. Interviewe Musiker, und sie werden schreiben, dass sie selbst schlauer sind als diese – ja, Herr Hoff.  Selbstreferentieller Mist.

Und dann denkt man wehmütig an die Zeiten zurück, da Clara Drechsler in der SPEX über Slayer schrub, und klar wird: Es gibt ein Jenseits der Nostalgie, vor dem der Autor der Süddeutschen wohl gerade schützen will – sich selbst.

Ist Andrian Kreye nicht einer von diesen TEMPO-Würstche, die genau das eingeleitet haben, was hier sie toll finden, die durch Clara Drechsler-Missverstehen genau jene glatte kulturelle Wüste der aktuell eklen Behaglichkeit in Selbstreferentialität, Amen, vorbereiten halfen? Vielleicht war’s auch „Prinz“. Irgendsowas halt.

Wie sang Konstantin Wecker, ja!, Konstantin Wecker einst so schön? „Das sag ich euch – so möcht’ ich nicht begraben sein!“, und es sei daran erinnert, dass Luhmanns „Komplexitätsreduktion“  und Habermas’ „Neue Unübersichtlichkeit“ Schlagworte Mitte der 80er waren. Also zu jener Zeit, da kurz zuvor auf einmal wieder Ted Herold in den Charts war und die Leute Ludwig-Erhardt-Filme in Programmkinos stürmten, weil der im Grunde genommen so aus sah wie Helmut Kohl, nur lustiger war.

Da linke ich doch im Gegensatz dazu lieber noch einmal auf die Freiheitsfabrik:

Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen.
[Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW Bd. 1, S. 381)

Jawollja. Und nicht der Restauration mit stumpfen Diagnostiken das Wort reden.  Hungrig bleiben. Und nervös.

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