Metalust & Subdiskurse Reloaded

Vergangenheitsbewältigung – Belastungsstichproben

Veröffentlicht in Ökonomie von momorulez am November 6, 2009

19 Antworten

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  1. che2001 sagte, am November 6, 2009 zu 1:06

    Tjaja!

  2. Karsten sagte, am November 6, 2009 zu 1:13

    Bin ich nur froh, dass die nicht nach ein paar Jahren bestritten haben, dass der NS-Staat eine Diktatur und ein Unrechtsstaat war. Denn ich kann, und das sage ich ganz ohne Sarkasmus, doch noch eher in einem Land leben, in dem die kommunistischen Diktaturen verniedlicht werden, als in einem, in dem das Hitlerregime relativiert wird.

    Solange man sich einig ist, dass man zu beidem nicht wieder zurückwill. Wobei ich da so meine Zweifel habe, wenn ich manchen Ostalgiker höre…

  3. che2001 sagte, am November 6, 2009 zu 1:28

    Die wollen doch eher eine DDR light. Mit kostenlosen Kitaplätzen, garantiertem Recht auf Arbeit, Selbstbedienungsrestaurants mit Mensa-Preisen und recht gemütlichem Tagesablauf ohne Hektik und Stress, aber ohne Mauer und Schießbefehl. Das ist ein Eskapismus, der was mit Zukunftsschock zu tun hat. Meine Mutter hätte auch gerne die 50er zurück – nicht die damalige Muffigkeit, aber den technischen Standard von dunnemals und Einkaufswege von 50 Metern mit persönlicher Bedienung an der Ladentheke, Verkäuferinnen, die für Einen das Produkt aussuchen, das man braucht. Und wenn ich mein Blog mitnehmen könnte wäre ich auch lieber wieder in den Siebzigern.

  4. momorulez sagte, am November 6, 2009 zu 1:33

    @Karsten:

    Hast Du ‘ne Ahnung, wie viele von denen auch retrospektiv ganz schön linientreu waren. Leute wie Willy Brandt galten ja als Vaterlandsverräter, und diese Verteidigungslinie, dass das „3. Reich“ als Bollwerk gegen den Weltkommunismus ja irgendwie nötig gewesen sei, das zieht sich bis in den Historikerstreit der 80er und keimt jetzt ja auch immer mal wieder auf. Mein Vater ist aus einer „nicht-schlagenden“ Studenten-Verbindung in den 60ern in Göttingen ausgetreten, weil er die antisemtischen Sprüche nicht mehr ertragen konnte.

    Lieblingsmethode zur Nicht-Aufarbeitung war übrigens die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus, also diese Vulgär-Versionen der Totalitarismustheorie. Was ja bis heute Unfug ist, die DDR war nicht das „3. Reich“, der Stalinismus in mancherlei, freilich schon aufgrnd der nachholenden Industrialisierung nicht jeder Hinsicht eine Fortsetzung des Zarismus mit anderen Mitteln. Google mal „Sachalin“. Entsetzlich genug war der freilich trotzdem.

    Und von Knopp bis Egon Bahr und Herrn Platzeck erstaunlicherweise hält man es für eine Super-Integrationsleistung von Adenauer, dass er die alten Nazis der neuen Demokratie einzuverleiben vermochte (prominentestes Beispiel wohl Globke. Ansonsten gab’s halt zwischen „Die Mörder sind unter uns“ und „Rosen für den Staatsanwalt“ vor allem Heimatfilme. Gab allerdings zum Ende der DDR auch weder ‘nen Weltkrieg noch 6 Millionen vergaste Juden noch zerbombte Städte. Was kurioserweise bei diesen Gleichsetzungen immer völlig ignoriert wird, dass da ein Krieg angezettelt wurde und auch Leute wie Stauffenberg erst auf Distanz gingen, als der „Endsieg“ in die Ferne entwichen war).

    Hat Platzeck gestern in der FR noch mal so geäußert, dass in Sachen Aufarbeitung die der DDR-Historie doch nun deutlichst besser funktioniert hätte als die nach ‘49 im Westen, die Integration hingegen ausgeblieben sei – 80% der führenden Beamten in Brandenburg seien zum Beispiel aus dem Westen.

    Ich teile diese Perspektiven nicht, aber die gibt es auch noch.

  5. mario sagte, am November 6, 2009 zu 3:16

    in der totalitarismutheorie wird meines wissens die hier behauptete gleichsetzung von ddr und ns-staat nirgendes vollzogen, ganz einfach, weil die ddr über den großteil ihrer vier jahrzehnte kein totalitärer staat war. das gilt auch für die udssr, die nach stalin eben auch kein totalitärer staat mehr war. die udssr zwischen 1924 und 1953 hingegen hat mit wenigen staaten soviel gemeinsam wie mit dem ns-staat.

  6. momorulez sagte, am November 6, 2009 zu 3:38

    Na, das musst Du aber schon spezifizieren. Worin bestehen denn die Ähnlichkeiten zwischen Flick und Quandt einerseits, der russischen Form der Industrialisierung andererseits? Und was spricht dagegen, die DDR als totalitär auszuweisen, aber eben ganz anders als den NS-Staat?

  7. che2001 sagte, am November 6, 2009 zu 6:31

    Die klassische Totalitarismustheorie nach Carl Friedrich und Hannah Arendt verglich tatsächlich nur Nationalsozialismus und Stalinsimus (also die UDSSR zu Lebzeiten von Stalin himself) miteinander. Weder die DDR noch China unter Mao noch der italienische Faschismus ware in diesem Theorieansatz mit in der Betrachtung. Als zentral für Totalitarismus wurde das 6-Faktoren-Syndrom angesehen: Offizielle Ideologie, einzelne Massenpartei, terroristische Polizeimaßnahmen, staatliches Waffenmonopol, zentral gelenkte Wirtschaft. In diesem Modell spielen wirtschaftliche Ursachen keine Rolle, es ist ein phänomenologischer und moralischer Vergleich und von Arendt auch explizit so gesagt.

    Später entwickelten sich zwei Interpretationslinien:

    1) Vergleich von NS, Faschismus, Stalinismus, Franquismus, Ustascha und sozialaristokratisch-chauvinistischen Regimen in der Zwischenkriegszeit

    2) Allgemeine Gleichsetzung von Faschismus (zu dem der NS gerechnet wurde) und Realsozialismus, wo dann auch Maoismus und Castrismus hinzugezählt wurden. Letztere Interpretation wurde im Kalten Krieg oft zur Denunziation des Sozialismus und der Linken allgemein instrumentalisiert.

    Einer der führenden Totalitarismustheoreriker war in Westdeutschland bis zu seiner Emeritierung 1987 Karl Dietrich Bracher. Bracher betonte die Schwierigkeit einer Gleichsetzung unterschidelicher soziökonomischer Systeme und verschiedener sozialhistorischer Voraussetzungen. Der Nationalsozialismus als durch die Krise des Kapitalismus bedingte Sonderform bürgerlicher Herrschaft (Poulantzas) wurde durch Bracher nicht bestritten, stand aber außerhalb seiner Betrachtung. Bracher unterschied zwischen offenen und geschlossenen Gesellschaften. Der islamische Fundamentalismus wäre in dieser Perspektive eine geschlossene Gesellschaft und totalitär. Andererseits ließe sich nach Brachers Kriterien eine autokratische, aber von offizieller Massenideologie freie, ohne Terror herrschende oder politisch schwache Monarchie als offene Gesellschaft interpretieren, ein Staat wie Titos Jugoslwawien wäre in der Mitte zwischen offener und geschlossener Gesellschaft oder totalitärem und nicht totalitärem Staat.

    Bracher ist übrigens ein konservativer Historiker.

  8. momorulez sagte, am November 6, 2009 zu 9:50

    Nun nimm mal Mario nicht die Arbeit ab, Schlaumeier …

  9. che2001 sagte, am November 6, 2009 zu 11:55

    Soll er selber schreiben, aber das ist doch meine Profession.

  10. momorulez sagte, am November 7, 2009 zu 11:19

    Hätte auch gerne ‘ne Profession statt eines Lebens im Machtkampf mit Irren :-(

    ABER: Auch bei Arendt ist ja nun nicht zufällig S. 15 – 207 dem Antisemitismus gewidmet (den’s in DDR und UDSSR schon auch gab, aber ja nun doch anders als unter Adolf) und S. 207 – 471 dem Imperialismus.

    Nun war auch Stalin zweifelsohne imperial, und der „Prager Frühling“ fand lang nach seinem Tode statt, aber das ja nun unter Bedingungen, bei denen man die andere Seite nicht einfach so weg lassen kann.

    Der dritte Abschnitt widmet sich dann der totalen Herrschaft, und schon die Kapitelüberschriften „Der Untergang der Klassengesellschaft“ wie auch „Das zeitweilige Bündnis zwischen Mob und Elite“ sind ja nun nicht jenseits der Ökonomie anzusiedeln. Mal ganz pragmatisch dem Inhaltsverzeichnis entnommen. „Totale Propaganda“, „Totale Organisation“, „Der Staatsapparat“, „Die Rolle der Geheimpolizei“, „Die Konzentrationslager“, „Ideologie und Terror – eine neue Staatsform“, also, dass sie selbst das nicht auf die DDR angewandt hat, die Frau Arendt, das liegt wohl eher am Erscheinungsdatum des Werkes. 1951 halt. Deshalb auch noch keine Bezugnahme auf die Kulturevolution z.B., eines der nun wirklich scheußlichsten Kapitell der Menschheitsgeschichte.

    Aber z.B. hinsichtlich dessen, dass es in der DDR neben dem Staat und den Parteiorganisationen eben keine andere Organisationsweise mit Ausnahme der Kirche gab, ist das schon Kriterium für Totalitäres. Ebenso die Rolle der Stasi, und was Bautzen und Konzentrationslager für politische Häftlinge, also nicht Vernichtungslager, miteinander zu tun haben, das ist ja nun eher eine offene Frage, die durch Gleichsetzerei nun gerade verschleiert wird. Gleichgeschaltete Propaganda gab es nun auch recht offensichtlich in der DDR wie jetzt bei uns ja auch. Erlebe ich doch täglich, wie man versucht, meine Arbeit gleichzuschalten.

    Insofern ist das Kriterium „offene“ und „geschlossene“ Gesellschaft ja auch nicht doof. Erleben wir ja auch seit spätestens 1990, wie aus einer offenen, ausdifferenzierten Gesellschaft eine nach Marktkriterien geschlossene geworden ist. Die Ideologie des Marktes durchdringt auch alle Poren des alltäglichen Lebens, und Staat fungiert als Agent des Kapitals in nicht minder totaler Hinsicht. Seit Schäuble haben wir zudem außerordentlich offensiv auftretende Bestrebungen, aus dem BKA eine Geheimpolizei zu machen, und ob es sich bei den Lagern an den EU-Grenzen nicht um Vorstufen zu Konzentrationslagern handelt, das ist ja auch eine offene Frage.

    Halte ja gar nicht mal so wenig von Totalitarismus-Theorien, sie werden nur allzu oft gar nicht durchgeführt, sondern dumpf beschworen, um die totale Ideologie des Marktes als Freiheit zu behaupten. Was für ein Quatsch.

  11. che2001 sagte, am November 7, 2009 zu 1:23

    Damit kannst Du ohne Weiteres eine neue historische oder politologische Forschungsrichtung begründen. Inhaltlich gebe ich Dir völlig recht, aber in der Fachwelt verhält es sich überwiegend so, wie oben dargestellt.

  12. momorulez sagte, am November 7, 2009 zu 1:32

    Na ja, aber bei Hannah Arendt verhält es sich schon so, wie ich aus dem Inhaltsverzeichnis zitierte ;-) … vielleicht hätte die Fachwelt sie mal ernster nehmen sollen und nicht nur Slogans da heraus destillieren? ;-)

  13. che2001 sagte, am November 7, 2009 zu 3:00

    Das hat weder etwas mit ernstnehmen noch mit Slogans zu tun, sondern mir der Eigendynamik, die bestimmte Bestandteile der Theorie in der späteren Diskussion bekommen haben.

  14. che2001 sagte, am November 7, 2009 zu 6:35

    @“Insofern ist das Kriterium „offene“ und „geschlossene“ Gesellschaft ja auch nicht doof.“ — Habe ich behauptet, dass das doof sei? Bracher zu lesen lohnt sich überhaupt. Ich halte dessen Kenntnis ebenso wie die von Fest und Broszat auch für sehr wichtig, wenn man sich mit der Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus beschäftigt, wenn nicht unerlässlich.

  15. che2001 sagte, am November 7, 2009 zu 6:52

    Eine hervorragende Übersicht über diese ganzen Theoriestränge findet sich übrigens in Ian Kershaw, der NS-Staat. Absolut lesenswert…

  16. momorulez sagte, am November 7, 2009 zu 7:13

    „Habe ich behauptet, dass das doof sei?“

    Nö. Habe ich das behauptet, dass Du das behauptet hättest? :-D

  17. che2001 sagte, am November 7, 2009 zu 7:21

    Er hat, er hat, äh, sie hat, sie hat:-)

  18. che2001 sagte, am November 7, 2009 zu 7:32

    Aber Dein Hinweis ist natürlich berechtigt. Auf die Idee, in die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ zu gucken, die das letzte Mal übrigens 1962 editiert wurden, und da wusste Arendt von Mao und DDR, wäre ich allerdings gar nicht gekommen.Bei mir spielt sich die Beschäftigung mit der Totalitarismustheorie in den Diskussionen ab, die in den 70ern, 80ern und bis jetzt unter Historikern und Politologen geführt wurden und in der Fachliteratur, die sich reflexiv mit den Ansätzen Arendts und Friedrichs auseinandergesetzt hat, also der erwähnte Bracher, Mommsen,Wehler, Mommsen, Abelshauser, Kershaw zum Beispiel. Ganz generell ist es natürlich interessant, der Entwicklungsgeschichte historischer Grundbegriffe hinterher zu spüren, wie halt der offenen Gesellschaft, die bei Bracher etwas Anderes meint, als der Kalte-Kriegs-Zuschlage-Begriff, mit dem ich sozialisiert wurde oder das, was die selbsterklärten Freunde der offenen Gesellschaft meinen.

  19. che2001 sagte, am November 7, 2009 zu 7:33

    Jetzt habe ich zweimal Mommsen geschrieben, aber davon gibt es ja auch mehrere;-)


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