Geht doch! Vielleicht …
Wegen des Komplett-Abdrucks des unten zitierten Manifestes lohnt sich die Lektüre der aktuellen DIE ZEIT.
Kuriosum freilich die Verweise auf die „Unterstützung“ der Gängeviertel-Besetzer durch die Springer-Presse: Die gucken da nämlich den ganzen Tag drauf. Das Gängeviertel befindet sich direkt im Schatten dieses ekligen Führerbunkers, das der Springer-Verlag am nach Axel benannten Platz errichtet hat. Ein kleines Pseudo-Pärkchen verbindet beide Terrains, und die für mich nicht erschwinglichen Wohnungen im „Brahms-Quartier“ stehen dem in der Tat pittoresken „Gängeviertel“ gegenüber wie eine feindliche Macht. Und die Redakteure der heimlichen Bundesregierung wollen wohl auch lieber ein paar knackige Künstler und buntes Treiben zum Ausblick haben als weitere, leer stehende Büroflächen und Glasfassenden, von finsterem Backstein umrahmt und vorgebend, irgendwas mit Schiffen und Maritimen zu tun zu haben.
Dabei haben doch auch die Springers die letzten Reste dessen, was im Gegensatz zu den besetzten Häusern tatsächlich Denkmal der gaaaaanz alten Gängeviertel ist (die Besiedlung der Neustadt setzte Mitte des 17. Jahrhunderts ein) , eine letzte intakte Fachwerk-Zeile am Bäckerbreitergang, so eingebaut, dass kaum noch sie wahrnehmbar sind. Die stehen da wie eine Art schlechtes Gewissen der Stadt, gegenüber vom „Unilever“-Haus, ein Glaspalast aus den frühen 60ern, dem einst die zweite „Bordell“-Straße neben der Herbertstraße zum Opfer fiel. Und das letzte größere Stück Gängeviertel gleich mit.
Die Historie dieser wuchernden Viertel aus engen Gassen, „Gängen“ halt, die einst ein annähernd geschlossenes Quartier vom Hafenrand bis zum Dammtor bildeten, ist eh strukturell prototypisch für jene übergreifenden Veränderungen, die derzeit die Republik prägen. Als Ort des Widerstandes sind sie somit gut gewählt. Ähnlich wie Paris und anderen Städten begann man einst, Schneisen durch die dicht besiedelten Arbeiter- und Elendsquartiere zu schlagen, um Widerstandsnester zu zerstören. Die Kaiser-Wilhelm-Straße, an der nun der Springer-Verlag residert, ist ein Besipiel für diese Durchtrennung mitten durch die Viertel hindurch.
Die Cholera-Epidemie diente als Grund „zu sanieren“ aufgrund de favella-artigen, hygienischen Zustände; auf den Beifall der dort Wohnenden stieß das nicht: Sie mussten ausweichen in die relativ großzügig angelegten Arbeiterhöfe in Barmbek oder auch die finsteren Bauten für Arbeiter in Hammerbrook, die nach dem Krieg nie wieder aufgebaut wurden und noch in der frühen Nazizeit Hochburgen der Kommunisten und Sozialdemokraten waren: Die kleinbürgerlichen Faschisten aus St. Georg konnten sich da nicht hin trauen.
Kein geringere als Arthur Schopenhauer hatte noch Ausblick auf die Gängeviertel der nördlichen Neustadt und somit zugleich auf jene Straßen, die auch Keimzelle der jüdischen Kultur in Hamburg waren. Am Rand der Quartiere fanden sich erste Synagogen und jüdische Schulen, dahinter der „Schulgang“, bevor der Grindel zum bevorzugten Quartier wurde.
Eben jenes Stück altes Hamburg im Blick des Philosophen wurde als letzter großer, intakter Rest der alten Gänge von den Nazis abgeräumt, und noch heute tragen die anschließend dort errichteten und nach dem Krieg wieder aufgebauten Backstein-Gebäude, die altes Fachwerk ersetzten, so pittoreske Namen wie „Memel-Haus“.
Das wönzige Stöck tradierten, urbanen Lebens, das die Künstler nun besetzten, ist somit tatsächlich ein kleine, vergessene Oase einer langen Geschichte dessen, was man heute „Gentrifizierung“ nennt und neben dem Wunsch, nach den Zerstörungen des Krieges „autogerechte Städte“ zu bauen (die Ost-West-Straße ist eine fortwährend schmerzende Wunder inmitten der Stadt, und dass statt Wiederaufbau die Holstenstraße den alten Stadtkern von Altona ersetzte, das tut immer neu weh – mitten durch die Schauplätze des „Altonaer Blutsonntags“ führt sie) und gerade das Leben unterer Schichten in Hamburg der Vergessenheit anheim zu geben.
Wenn jedoch DIE ZEIT die Manifeste von Ted Gaier und anderen veröffentlicht, vielleicht bewegt sich dann ja doch was im Schatten der Elbphilharmonie. Danke an die Besetzer hier gleich um die Ecke, dass sie einen Ort mit solcher Historie und solchem Symbolwert wieder lebenswert machen wollen!
Und vielleicht geht ja der Blick noch in die südliche Neustadt, dem „Portugiesenviertel“ gleich am Hafen, wo Dank Bebauungsplan die Umwandlung in Eigentumswohnungen nicht möglich ist. Es geht nämlich, Barrieren gegen den eliminatorischen Markt zu errichten. Da zumindest …
Hamburg ist mir in Teilen schon sympathisch, wobei ich die politische Ebene da schon immer suspekt fand. Warum konnte ausgerechnet dort Ronald Schill so stark werden? Und warum hat ausgrechnet dort die CDU so umstandslos mit ihm koaliert? Und warum gibt es ausgerechnet dort die erste schwarzgrüne Koalition? Mein Eindruck ist, dass in Hamburg industrielle, wirtschaftliche Kräfte relativ stark sind (viel stärker als in Berlin, nicht nur in Zahlen, sondern von dem Grad, in dem diese Gruppen in der Stadt wichtig genommen werden) und dass daraus dieser hanseatische Stolz rekurriert, der naturgemäß zu einer gewissen Niveaulosigeit in der politischen Auseinandersetzung führt. Diese Phänomene sind beispielsweise auch in Düsseldorf zu beobachten, nur hat Hamburg den Vorteil, dass dort eine relevante Gegenszene aktiv ist, wie beispielsweise jetzt in dieser Gängeviertelgeschichte.
Mir ist die politische Kaste hier ja auch äußerst suspekt; das ist allerdings vor allem die Immobilienclique, die hier das Sagen hat.
Die Kaufmannsmentalität selbst, die hier sehr distinguiert hinter den Kulissen schaltet und waltet, ist ja eher was Ambivalentes, hier gab es sowohl die erste Bürgeroper als auch erst mal keine Universität, zum Beispiel. Und zu Zeiten von Dohnanyi und von Münch gab es hier auch viel Licht, allerdings auch den „Hamburger Kessel“.
Und ansonsten gibt es hier keine ernst zu nehmende Medienmacht neben Springer. Trotz all der großen Verlage, die aber eher „bundespolitisch“ orientiert sind. Und ein bisschen Mopo halt. Die nimmt aber keiner ernst.
Schill haben die Springers hoch geschrieben. Der ist auch ein Effekt des Übergangs von Röbel zu Dieckmann bei der BILD gewesen,
Und vieles erklärt sich daraus, dass die SPD hierj ewig regierte und wirklich viel Filz aufgehäuft hatte, so Leute wie Eugen Wagner, ewiger Bausenator, haben fatal gewirkt, dass manches auch Reflex darauf war.
Schill hat zudem die „üblichen“ DVUetc.-Stimmen der „Modernisierungsverlierer“, also z.B. jene, die durch die Containerisierung und Automatisierung des Hafens ihre Jobs verloren haben, eingesammelt. Das ist ja in mancher, nicht jeder Hinsicht sogar analog zur DDDR, wo eben Rheinhausen und Hafenmodernisierung usw. auf einen Schlag passierte, was hier zwei, drei Jahrzehnte dauerte.
Schwarzgrün – ein Desaster – ist ein typisches Großstadtphänomen, um so seltsamer, dass es nun ausgerechnet im Saarland auch stattfindet. Das sind die ganze in die Jahre gekommenen Öko-Links-Spießer in ihren schicken Altbauwohnungen, die sich kulturell dem CDU-Milieu wohl irgendwie näher fühlen, Bildungs- und Besitzbürgertum halt, als irgendwelchen Leuten in Jenfeld, und die irgendwann Politik in Lifestyle auflösten und so was wie Ökonomie lediglich bei Elbvertiefung, Bio-Fleisch und Mühlenberger Loch mit bedenken. Alles andere ist denen schnurz. Außer Schulpolitik, weil sie ja anders, als Heinsohn glauben machen will, allesamt Kinder haben. Und davon gibt es hier verdammt viele.
In Berlin wird das halt durch die ganz anderen Ex-Ost-Strukturen hinter Friedrichshain gewissermaßen kompensiert, Städte wie Köln sind mentalitätstechnisch zu tief versozialdemokratisiert und nicht so versnobt wie viele in Hamburg – aber München und Suttgart und Frankfurt wären auch schwarzgrüne Kandidaten. Das ist ein Besserverdienenden-Phänomen.
Was alles aber nix daran ändert, dass es sich in dieser Stadt sehr gut lebt
– wäre ich jetzt noch 25 und viel im Nachtleben unterwegs, würde ich auch nach Berlin ziehen, das zieht ja auch viel hier ab, das sind eineinhalb Stunden Bahnfahrt. Aber so mit 43 isses hier angenehmer. Was aber auch zu schwarzgrün beiträgt; ich würde die Grünen nie wieder wählen seitdem.
Aber gerade wegen alledem ist das ja super, was die im Grunde genommen alte Garde da gerade per Manifest auf die Beine stellt. Damit’s auch mir nicht zu gemütlich wird. Finde ich gut.
Und das ist auch eine positive Seite, die da durch kommt: In Hamburg konkretisiert es sich leichter, weil nicht ganz so viel eitel rumgeschwallt wird.
Und wir haben den coolsten Fussballverein der Welt
– und die Stadt ist trotz aller Bausünden in der Historie einfach wunderschön. Ich liebe sie sehr.
@“Schill hat zudem die „üblichen“ DVUetc.-Stimmen der „Modernisierungsverlierer“, also z.B. jene, die durch die Containerisierung und Automatisierung des Hafens ihre Jobs verloren haben, eingesammelt. Das ist ja in mancher, nicht jeder Hinsicht sogar analog zur DDDR, wo eben Rheinhausen und Hafenmodernisierung usw. auf einen Schlag passierte, was hier zwei, drei Jahrzehnte dauerte.
Schwarzgrün – ein Desaster – ist ein typisches Großstadtphänomen, um so seltsamer, dass es nun ausgerechnet im Saarland auch stattfindet. Das sind die ganze in die Jahre gekommenen Öko-Links-Spießer in ihren schicken Altbauwohnungen, die sich kulturell dem CDU-Milieu wohl irgendwie näher fühlen, Bildungs- und Besitzbürgertum halt, als irgendwelchen Leuten in Jenfeld, und die irgendwann Politik in Lifestyle auflösten und so was wie Ökonomie lediglich bei Elbvertiefung, Bio-Fleisch und Mühlenberger Loch mit bedenken. Alles andere ist denen schnurz. Außer Schulpolitik, weil sie ja anders, als Heinsohn glauben machen will, allesamt Kinder haben. Und davon gibt es hier verdammt viele.“ —— Das gibt es so ähnlich, sehr sehr ähnlich auch 110 km weiter südwestlich:
http://che2001.blogger.de/stories/1514410/#
By the way, Gängeviertel:
http://che2001.blogger.de/stories/1518088/#