„Klassismus“
Das Buch zu vielen Diskussionen bei befreundeten Blogs und hier ist gerade im Unrast-Verlag erschienen: „Klassismus – Eine Einführung“ von Andreas Kemper und Heike Weinbach. Es fasst prägnant und strukturiert die Ergebnissse der US-Classism-Forschung zusammen. Beim ersten querlesen fand ich viel lebensweltlich und gedanklich Wohlvertrautes, das jedoch unter dem Oberbegriff subsummiert als mehrdimensionales Diskriminierungsmuster erkennbar wird und viel von den Foucaultschen Normalisierungstheoremen gelernt hat. Da wird bei Gelegenheit noch draus zitiert.
Adorno „Über Jazz“
Süß war’s – diese Mittelschichtsjungs hoppelten ganz wild wie Streetgang guckend in engen Tank-Tops und zerissenen Jeans über die Bühne, Musicalschüler, gestern im Münchener „Prinzregententheater“: Der populäre Teil des Rahmenprogramms der außergewöhnlich inspirierenden Jubiläumsausgabe von „Suchers Leidenschaften“ . 10 Jahre! Glückwunsch! Hört es euch an, wenn C. Bernd Sucher in eurer Stadt mit seiner pointierten Vortragsreise und prominenter Unterstützung vorbei schaut.
Ein wenig wie bei „Could it be magic“ von Take That boygroupten die Gesang- und Tanz-Lehrlinge am Anfang und Ende des hochkarätig besetzten Programms (Sunnyi Melles, Otto Sander, Stefan Hunstein, Angela Winkler und andere lasen die Originalquellen) vor sich hin. So brachten sie die altbekannten Numern aus der „West Side Story“ in Erinnerung. Ein Affront freilich, dass sie „Somewhere“ im pathetischen Chor intonierten, so süßlich, zu süßlich; seit der Streisand darf das ja meiner Ansicht nach niemand sonst mehr singen.
Führt man die so oft erwähnte, doch selten nur wirklich durchgespielte Diskussion rund um Adorno und den Jazz, so muss man sich klar machen: Sowas meint der. Auf Kulturindustrie dressierte Jünglinge, die ihre disziplinierten Körper zu Gershwin und Bernstein marktgerecht verrenken und sich in den Schritt greifen.
Vielleicht hat Adorno zudem noch den Swing, den schlagerhaften, wahr genommen, Duke Ellington erwähnt er; vermutlich auch die Aufnahmen von Lous Armstrong Mitte der Zwanziger und Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Mehrfach erwähnt er in seinem Aufsatz „Über Jazz“ von 1936, seine erste Veröffentlichung in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ seit der Machtergreifung der Nazis, die „Hot Music“; ich vermute, dass er damit Louis Armstrong meint.
Ansonsten ist der oben im Zitat skizzierte Zusammenhang der Kontext, in dem Adorno sich dem Sujet annäherte. Ganz anders als ein Sartre – allerdings rund 10 Jahre später -, der sich wirklich in die Jazz-Keller von Harlem begab und verstand, was sich dort abspielte, war einem Adorno versagt, sich so tief ins Leben zu stürzen. Hätte er es getan, wären seine tollsten Theoreme wohl auch nie entstanden. In Le Harvre als Gymnasiallehrer vom „Old Man River“ zu schwärmen und seine Dauer-Geliebte Simone de Beauvoir zu bitten, ihm „gute, schlechte Literatur“ zu besorgen – das wäre bei einem, der seine wohl wichtigsten, philosophischen Impulse der Kompostionstechnik von Schönberg, Berg und Webern erhielt, wohl nur ein Weg ins Kontraproduktive gewesen. Ein wenig so, als hätte man von Thomas Mann erwartet, sich von Charles Bukowsky inspirieren zu lasen, wäre dies historisch möglich gewesen. Oder als hätte man Eisenstein erwartet, doch lieber botanische Abhandlungen zu schreiben, weil diese ja näher an der Wahrheit seien.
Anmerkungen sind dies, die zwar den totalisierenden Tendenzen der Adornitis widersprechen; ich erlaube mir jedoch eine postmoderne Sichtweise, die die die seine als eine unter anderen möglichen liest und von der man auch nur dann etwas lernen kann, wenn man sein Allesvermengen nicht reproduziert: Relativismus ist das keiner. Trotz aller bildungsbürgerlichen Abgehobenheiten: Der Text von Adorno zeugt von einer Sensibilität für’s Soziale, die andere, die den Jazz nur heroisieren, immer verfehlen werden. Zwar ist dem folgenden zuzustimmen:
,aber fast nur hinsichtlich der Conclusio: Wenn jene Netzbewohner recht haben, die sich da besser auskennen als ich, verwechselt Adorno fortwährend Synkope und Off-Beat in der Analyse des musikalischen Materials. An der Synkope, die den durchgängigen „Beat“ des Metrums variiert und doch auf ihn bezogen bleibt, sieht er den Kern des musikalischen Phänomens. Dieses Motiv spielt im Aufsatz in allen Varianten durch: Die Improvisation überlagere nur die durchgängige Animation zum Marschieren, da über den Grundrhythmus sich erhebend sie doch stets auf den Gleichtakt zurück verweise.
Nun war es kein geringerer als Eric Burdon, der mir einst den Hintergrund des Backbeat wiederum in ein prägnantes Bild fasste: Die schwarzen Arbeiter des Südens, Sklaven und deren Nachfahren, die Eisenbahntrassen bauten und vor dem Einrammen der Nieten mit dem Vorschlaghammer ein „Be my Baby“ anstimmten und dann erst – Wusch – zuschlugen. Da ist es schnurz, ob Offbeat, Beackbeat oder Synkope: Diese Form der Synchronistaion durch den Beat meint der Adorno, wenn er kapitalitische Lebensverhältnisse im Rhythmus sich abbilden sieht und in der Abeitsteilung der Band, da einer losimprovisert, die anderen folgen, auch nichts anderes als ein Abbild der Produktionsverhältnisse.
Es ist insofern schlicht falsch anzunehmen, dass er in afroamerikanischen Rhythmen „keine Musik“ hören würde, er verfügt vielmehr über ein ausgeprägtes Gespür eher denn ein Wissen, historisch sich seditimentierende Erfahrung in Musik auch zu hören – und was er hört, das ist eben nicht der rousseauistische, „edle Wilde“ in all seinen Varianten, nein, genau gegen diese Bilder geht er an, offensiv und zudem historisch korrekt:
„Unternimmt in Wahrheit der Jazz den Rückgriff auf falsche Ursprünge, so verliert nicht bloß die Rede von Irrationalität seines Erfolges, sondern auch die von seiner weseneigenen, von der in ihm aufbrechenden Archaik oder wie immer die Phrasen lauten mögen, mit denen diensteifrig Intellektuelle den Betrieb rechtfertigen, ihren Sinn. Der Glaube an den Jazz als eine Elementarkraft, an der etwa die angeblich dekadente europäische Musik sich regenerieren könnte, ist eine bloße Ideologie. Wieweit der Jazz überhaupt mit genuiner „Neger“musik zu tun hat, ist überaus fraglich; daß er vielfach von „Negern“ praktiziert wird und daß das Publikum den Markenartikel „Neger“-Jazz verlangt, beweist über seine Herkunft etwa so viel, wie wenn man auf Grund der österreichischen Schlagerproduktion das deutsche Volkslied auf die Ostjuden zurückführen wollte. Heutzutage jedenfalls sind alle Formelemente des Jazz durch die kapitalitische Forderung nach seiner Tauschbarkeit völlig abstrakt vorgeformt. (…) Der Jazz verhält sich zu den „Negern“ ähnlich wie die Salonmusik der Stehgeiger, die er so stählern meint überwunden zu haben, zu den „Zigeunern“ (…) städtisch ist wie der Konsum so auch die Herstellung des Jazz, und die Haut der „Neger“ so gut wie das Silber der Saxophone ein koloristischer Effekt.“
Hektor Rottweiler (Theodor W. Adorno), Über Jazz, in: Kritische Kommunikationsforschung, Aufsätze aus der Zeitschrift für Sozialforschung, München 1973, S. 86
Mal ab vom so inflationär gebrauchten „N-Wort“, das im Original nicht in Anführungsstrichen steht, ich kann das aber nicht anders zitieren, und es war zu jener Zeit leider üblich: Solche Passagen haben mehr mit Antirassismus zu tun als vieles der romantisierenden „Pro-Black!“-Texte, einfach, weil sie ökonomische und soziale Dimension eben nicht quasi-naturalisieren, um dann letztlich doch Schwarze ursprünglicher und näher an der Natur zu verorten.
Adorno schreibt da nicht über Blues-Shouter in einer Südstaaten-Pinte 1930 (mit denen er vermutlich auch nichts hätte anfangen können) und auch nicht über Jazz-Kultur in New Orleans, die ganz zweifelohne urban-amerikansich war und eben nicht „afrikanisch“. Es ist immer schon der „Jazz-Schlager“, das „Into the mood“ usw., das er angreift.
Er löst zudem die „rassische Konnotation“ durch die den Vergleich mit der Vereinnahmung des Marginalisierten in anderen Fällen mittels kommerzieller Produktionen auf, der Verfertigung von Folklore. Auf jene Passagen, die das „Kulturindustrie“-Kapitel in der „Dialektik der Aufklärung“ vorbereiten, gehe ich jetzt nicht tiefer ein, die Theoreme dürften bekannt sein – ich würde da vieles kritiseren, aber das soll nicht Zweck dieses Textes sein.
Zielsicher erspürt Adorno den Import dessen, was damals „Jazz“ hieß, über das Variété. Eine Figur hat es ihm besonders angetan: Der „Exzentric“. Habe nicht gefunden, wer oder was genau das auf der Showbühne war; ich vermute, es ist die Figur, die durch den Conferencier in „Cabaret“ zu Weltruhm gelangte.
„Die genaueste Vorform dieses Jazzsubjekts hat das Vorkriegsvariété ausgebildet (…). Als Modell des Jazzsubjekts darf der Exzentric vermutet werden. (…) Der Exzentric kann zunächst als der dialektische Gegenspieler des Clowns verstanden werden. Ist der Clown der, dessen anarchistische und archaische Unmittelbarkeit dem verdinglichten bürgerlichen Leben sich nicht einfügt, vor ihm lächerlich wird, fragmentarisch aber zugleich, ist der Excentric ebensowohl aus der zweckvollen Regelmäßigkeit – dem „Rhythmus“ – des bürgerlichen Lebens heraus. Er ist Sonderling und Einspänner so gut wie der und mag den den Bereich des Lächerlichen wohl streifen. Aber sein Herausfallen offenbart sich nicht sogleich: nicht als Ohnmacht, sondern als Überlegenheit oder doch deren Schein (…). Der Rhythmus seiner Willkür ordnet bruchlos einem Größeren, Gesetzmäßigen sich ein; und sein Versagen hat seinen Ort nicht unter, sondern über der Norm.“
Hektor Rottweiler, a.a.O., S. 99-100
Oder eben außerhalb. So jedenfalls die Geschichte des Jazz-Imports nach Europa – tatsächlich in einem Rahmen, dem Variété ähnlich:
Ein US-Import der besonderen Art. Eine ganz eigene US-Tradition: Die der Ministrel-Shows und Vaudeville-Theater schreibt sich so fort.
Kann jeder selbst googeln, wie viele jener schwarzen Musik-Giganten, deren Name bis heute jeder kennt, in derartigen Shows ihre Karriere begonnen haben. Insofern muss man Adorno schon zugestehen, dass er in seiner Kritik des Jazz ganz richtig ansetzte, wenn er ihn zum Anlass nimmt, die Produktionsmaschinerie der Kulturindustrie zu geißeln. Ob er dise zu recht geißelt, das ist eine andere Fage – klar machen muss man sich nur immer wieder, dass er NICHT Charly Parker, Miles Davis oder Dizzy Gillespie meinte. Obgleich es einer eigenen Analyse bedürfte, durchzuspielen, ob seine Kritik da auch trifft. Das soll aber hier und heute nicht Thema sein.
Gekoppelt sind die im Vaudeville Schwarzen zugewiesenen Rollen häufig an die Tradition der „Minstrel-Show“ – gruselig ist, dass Günther Walraff aktuell in seinem Machwerk an diese historische Erinnerung apelliert, wohl ohne es zu merken:
Marginalsierte, von Dominanzkulturen definierte, haben oft keine andere Wahl, als in kulturindustriellen Kontexten sich nach der Karrikatur zu formen, die die die Dominazkultur sich von ihnen macht. Ich denke, dass man die These auch Adornos „über Jazz“-Aufsatz entnehmen kann. Nicht-tuntige Schwule im Fernsehen zu finden ist gar nicht so einfach, und wenn mal eine Tunte nicht tuntig ist, dann wird das gefeiert. Neue Klischees treten hinzu: Der gut angezogene Manager-Typus, der von Ole von Beust oder Westerwelle erfolgreich karrikiert wird. Wowi ist ja zum Glück manchmal tuntig.
Sieht man das gnickernde Dauergrinsen, „Peitsch mich nicht Massa, ich bin lustig und lieb!“, mit eingezogenen Kopf des musiklaisch so grandiosen Louis Armstrong, sieht man ein solches Echo der Karrikatur in Ministrel und Vaudeville. Noch bei dem Humor eines Eddie Murphy läuft es mit. Und im Gegensatz zu so vielen anderen wußte Adorno das als Verformung durch Unterwerfung zu lesen und hat es prägant auf den Punkt gebracht:
„Die Züge des Komischen, Grotesken, auch Analen, die dem Jazz eignen, lassen (…) von den sentimentalen sich nie trennen. Sie charakterisieren eine Subjektivität, die gegen eine Subjektivität aufbegehrt, die sie doch selber „ist“; darum erscheint ihr Aufbegehren lächerlich und wird von der Trommeln nieder niedergeschagen wie die Synkope von der Zählzeit. Erst Situationen, denen die Ironie, gleichgültig wogegen, und der Ausdruck der Subjektivität, gleichgültig welcher, suspekt ist, können diesen Klang nicht mehr dulden. Dann tritt an seine Stelle der militärisch edle, teuflisch wohllautende, der symphonischen Jazz-Märsche, dessen blanke Geschlossenheit nicht einmal den Schein des Menschlichen mehr in seine Lücke läßt.“
Hektor Rottweiler (Theodor W. Adorno), a.a.O., S. 102-103
Man muss da schon genau hinlesen – vor dem Umschlagen in das, woraus Udo Lindenberg den „Sonderzug nach Pankow“ machte und James Last in den 60ern Welterfolge, zeigt sich gerade im Gotesken, mit dem auch ein Cab Calloway ja 0ffensiv spielte, eben jene sedimentierte Erfahrung, die nicht zu spüren Adorno-Kritiker ihm fortwährend vorwerfen. Dabei sucht er zielsicher genau jenen Bruch vor der Mutation zum „Stahlbad des Fun“, in dem die Spur des Besseren wohnt, der durch die marktförmige Geschlossenheit der Swing-Massenproduktion jedoch erstickt und dehumanisert wird. Und Adorno wäre nicht Adorno, suchte er dies nicht in der Bewegung des musikalischen Materials selbst.
„Jazz, die Synthese von Marsch und Salonmusik, ist eine falsche, die eines zerstörten Subjektiven mit einer es produzierenden, vernichtenden und durch Vernichtung objektivierenden Gesellschaftmacht.“
Ebd., S. 102
Zerstörte Subjektivität – sorry, aber wenn Adorno damit nicht die ganz reale, gesellschaftliche Situation Schwarzer in den USA zu jener Zeit und eben gerade nicht nur jener, sondern auch all der Äquivalente am unteren Ende der sozialen Skala allerorten und weiß Gott nicht nur dort, in Worte fasst, dann weiß ich auch nicht weiter.
Adorno machte meiner Ansicht nach den Fehler, nicht zu begreifen, dass gerade eine STÄRKE vieler Jazz-Musiken liegt: Genau den Zusammenhang im letzten Zitat bringt sie zu Gehör, und genau deshalb kann er so schlaue Aufsätze darüber schreiben. Als würde das nicht noch in den guten House-TRACKS drin stecken: Die haben immer diese Dimension des Ausdrucks zerstörter Subjektivität, die in der Unterwerfung die Freiheit durch Auflösung sucht und dieses höchstexpressiv im immer weiter, immer weiter des gnadenlosen Beats forciert; genau jene große These im letzten Zitat herauszuschreien mit einer Intensität, die wohl wirklich nur von AIDS bedrohte Unterschichten in Chicago Mitte der 80er erleiden mussten, ist da Thema, und genau darin besteht die GRÖßE, nicht das Manquo dieser Musik.
Hier zeigt sich jedoch das Problem, wenn man Off Beat und Synkope verwechselt: Wenn’s groovet, marschiert man nicht. Und selbst ein „I wanna give you devotion“, das Anbeten des Beat einst im Warehouse, dieses fast masochistische Spiel mit der Musik, über die sich in der Tat salonmusikartige Gesangsphrasen legen können – indem sie sich so tief hinein begeben in die Rhythmen, die Tänzer, die Slogans, die Zelebration der gesellschafltichen Position, können sie auch überwinden. Allerdings nur Samstags Nachts – wenigstens für einen kurzen Moment der Erlösung.
Aber:
„Die Synkope ist nicht, wie ihr Widerspiel, die Beethovensche, Ausdruck gestauter subjektiver Kraft, die gegen das Vorgesetzte sich richtet, bis sie aus sich heraus das neue Gesetz produziert. Sie ist ziellos; nirgends führt sie hin und wird durch ein undialektisches, mathematisches Aufgehen in den Zählzeiten beliebig widerrufen. Sie ist ein bloßes Zu-Früh-Kommen, so wie die Angst zum verfrühten Orgasmus führt; wie die Impotenz in zu frühem und zu unvollständigem Orgasmus sich ausdrückt. (…) Als Clown beginnt das Hot-Ich, zu schwächeln, der unproblematisch gesetzten Kollektivnorm zu folgen, unsicher taumelnd gleich manchen Figuren der amerikanischen Filmgroteske wie Harold Lloyd und zuweilen selbst Chaplin.“
Ebd., s. 100-101
Vielleicht ist Impotenz ein Akt der Subversion und gar keine Krankheit und Ziellosigkeit ästhetische Utopie? Wie immer in diesen Passagen beschreibt Adorno vortrefflicher als viele Jazz-Fans einen Ausdrucksgehalt, den er als affirmativ liest, um ihn zu kritiseren, anstatt das Kritische in diesem selbst wirklich zu begreifen. Zu fern läge es wohl dem Stolz des Bürgersohns, in diesen Unzulänglichkeiten und deren Darstellung gerade auch die Utopie zu spüren: versagen dürfen, scheitern wollen, noch während man virtuos und ziellos improvisiert. Zudem wiederum das Verwechseln von Off-Beat und Synkope die folgende Erkenntnis verhindert:
Sei’s drum, Heilung wäre ja auch nicht mehr kritisch. Und Adorno verfolgt die Spuren der gerade nicht geheilten Subjektivität immer tiefer hiein ins musikalische Material und nähert sich dem, was oben ich meinte:
„Darum vielleicht mögen unterdrückte Völker, wie die „Neger“, die Ostjuden, für den Jazz besonders qualifiziert sein. Sie machen gewissermaßen den noch nicht hinlänglich verstümmelten Liberalen den Mechanismus der Identifikation mit ihrer eigenen Unterdrückung vor. (…) das gilt wie für die Einheit des pseudofreien und – unmittelbaren mit dem marschhaft kollektiven Grundmetron auch koloristisch: für das subjektiv-expressive Klingen, für einen subjektiven Laut, der damit sich aufhebt, daß er allemal sich selber als mechanisch kenntlich macht. Von allen Instrumenten bekennt diese Farbe am getreuesten die Wurlitzer-Orgel. In ihr kommt das Wesen des Jazz-Vibrato endgültig an den Tag. In ihm sind die anderen Klangcharakteristika des Jazz: die Dämpferverzerrungen der Bläser, die zirpenden und damit selber vibrierenden Tonwiederholungen der Zupfinstrumente Banjo und Ukulele; auch das Ziehen der Harmonika, funktionel insofern adäquat, als sie allesamt einen „objektiven“ Klang modifizieren, aber doch nur soweit, daß er selber unweigerlich manifest bleibt; vielleicht ironisiert, aber meist das in ihm hilflos sich erprobende Wimmern ironisierend.“
Ebd., S. 102
Weil’s wahr ist. Weil so die Welt ist. Und was sagt Miles Davis dazu?
Und da kann man anfangen zu diskutieren …
Jazz und Adorno
Ich kompostiere noch, was dazu zu schreiben wäre – Andreas Ullrich hat drüben bei der „Freiheitsfabrik“ schon mal losgelegt. Wichtig auch der dort verlinkte Artikel in DIE WELT.
Weiter geht’s – heute: Dünnbrettbohren
Kalauern muss man mit Kalauern begegen. Karl-Heinz Bohrer legt in seiner Replik im Rahmen der Honneth-Sloterdijk-Debatte nun einen Text mit einer beeindruckenden Kalauer-Dichte nach – erstaunlich, wie ein solcher, na, doch großer Name in manchen Debatten auf Reflexion und Argumente gleich ganz verzichtet und sich stattdessen in seiner Sicht gefällt. Also der Sicht als solcher, die wohl deshalb überzeugen soll, weil es die seine ist und aus sonst keinem erkennbaren Grunde.
Da Herr Bohrer Stil thematisiert: Der seine ist mißraten, geschwätzig, altväterlich und eitel, wie sonst kommen Reihungen wie die folgenden zustande?
Reicht wohl: Selbst bei der Wahl der Metapher nimmt man die aus dem Sonderangebot für stilistische Anfänger. Armer Rorty, dass so ein Text sich auf ihn beruft. Die folgende Reihung aus dem Scharnierkästchen neurechter Rhetorik bedient sich aller diffamierenden Klischees außer Tiernahrung, so weit es um die Positionen des ja angeblich längst geschlagenen Feindes auf dem Feld der Ideologeme geht:
Dieses mechanistische Abgewatsche der vermeindlich irrealen „Gutmenschen“ und ihres despotisch-diktatorischen Maoismus des allgegenwärtigen „Denkverbots“ in den immer gleichen gedaklichen Figuren entlarven zu wollen – würde es nicht wirken, wäre es nur langweilig.
Man hört bei all diesen im Wiederholungszwang abgesonderten Standard-Sottisen geradezu diese Lacher und das Gröhlen der Audio-Spur einer drittklassigen Sitcom bei jeder neuen Phrase, die Phrasen zu attackieren vorgibt; wie aus computergenerierten Wortbausteinen gezimmert erscheint der ganze Mist. Würde man nach dem Zufallsprinzip Satzversatzstücke aus den einschlägigen Blogs zusammen sammeln, es läse sich ähnlich. Da haben die das her.
Der Text von Axel Honneth war ja hier verlinkt; traurig, dass DIE ZEIT die ergänzenden und glänzenden Ausführungen Christoph Menkes nicht online gestellt hat. In der Ausgabe vom 15. Oktober schreibt er:
„Gerade die Kritische Theorie hat die praktischen Probleme, ja logischen Paradoxien aufgewiesen, in die die sozialstaatlichen Apparate sich beim Versuch der Umsetzung dieses normativen Anspruchs verstricken. Sie gibt den Anspruch auf die gleiche Teilnahme aller deshalb jedoch nicht preis, sondern versucht, ihn besser zu verstehen. So lautet die wichtige Einsicht in Honneths Theorie der Anerkennung, dass soziale Gleichheit nicht ein Ausgangspunkt oder Zustand ist, sondern immer nur das Ergebnis von sozialen Kämpfen ist. Der emanzipatorische Gedanke, der in solchen Kämpfen „um Anerkennung“ durchgesetzt wird, besagt: Wenn jeder Einzelne überhaupt erst einmal als soziales Mitglied angesehen wird, dann setzt dies eine politische Dynamik frei, die auf die Anerkennung jedes Einzelnen als gleichen Mitglieds zielt. Soziale Mitgliedschaft verwirklicht sich nur als gleiche Mitgliedschaft; wer nicht ALS GLEICHER anerkannt ist, ist nicht ANERKANNT.“
Christoph Menke, Wahrheit. Nicht Stil, in DIE ZEIT Nr. 43 2009, S. 58
So weit, so diskussionwürdig. Sloterdijks Angriff auf diese hier noch nicht spezifizierte Vorstellung von Gleichheit fasst er, wie ich meine, korrekt dahin gehend zusammen:
„Wer sich nicht übt und anstrengt, wer den Imperativ der Exzellenz nicht hört oder nicht befolgt, verkennt daher nicht nur, was es heißt, ein Selbst zu sein: Er IST vielmehr kein Selbst mehr. Wie könnte er dann noch als Geicher anerkannt werden? Wer sich nicht übt und anstrengt, wer faul, blöde und unfähig ist, hat sich selbst zu einem Nicht-Selbst gemacht: Zu einem, den wir Übenden nicht anerkennen können.
Damit liefert Sloterdijk die philosophische Begründung für ein politisches Programm, das in den (von Henryk M. Border bis zum NPD-Vorsitzenden Udo Voigt akklamierte) ausländerfeindlichen Tiraden Thilo Sarrazins einen kruden Ausdruck findet. Hier wie dort aber reagiert es auf den sozialen Grundwiderspruch, auf den der derzeitige Kapitalismus zuläuft: indem er den Einzelnen zur permanenten kreativen Selbstmobilsierung verpflichtet (beschönigend „Individualisierung“), produziert er notwendig die Gegen- oder Unterklasse der Immobilen, Nichtkreativen, Unfähigen, denen ihr Scheitern als Versagen vorgehalten wird.“
(…)
Politischer Kampf heißt: Diese Gleichheit gegen die Exklusion im Namen der Exzellenz in Geltung bringen.“
Ebd.
So weit, so richtig. ABER: Was Menke nicht beantwortet, ist
a.) welche Gleichheit genau das denn nun eigentlich ist,
b.) ob nicht zumindest der „Kampf um Anerkennung“, den Honneth in Anschluss an Hegel deskriptiv proklamiert, im Grunde genommen das ist, was jene, die „integriert euch!“ rufen, fordern, nur dass sie selbst die Regeln vorschreiben wollen, in was was und wie zu integrieren sei und zudem, wer überhaupt – „kulturell“ – die Voraussetzungen dafür mitbringt
c.) somit doch wieder eine vorauszusetzende, nicht etwa nur sozial zu erkämpfende Gleichheitt in einer bestimmten Hinsicht in Anspruch genommen werden muss und
d.) ja, wo ist man denn nun Mitglied oder auch nicht und warum?
Das Erstaunliche – oder auch gerade nicht – ist, dass Bohrer keine dieser Fragen wirklich stellt. „Anerkennung“ wird, siehe oben, verunglimpft er, indem Respekt vor dem Gegenüber für ihn nicht etwa geboten, sondern lediglich Erpressung ist. Und in dem ganzen miefigen Wortschwall wird Gleichheit ausgerechnet mit Arnold Gehlen mit den folgenden Worten ins Exil geschickt:
Inwiefern er recht bekam, das bleibt offen. Dass ein Ex-Nazi wie Gehlen, der durch Theoreme wie, sinngemäß, „ein Mensch ist eine Institution in einem Fall“ berühmt wurde und im Verfall der institutionellen Ordnung den Mensch überfordert sah durch all die Aufklärung, all die Reflexion, all die „Mündigkeit“, die er Adorno als ins Unglück führende Überfrachtung mit Ansprüchen vorhielt, der institutionelle Entlastungen entgegen gestellt zu werden hätten, dass gerade der nun zum Kronzeugen in ausgerechnet dieser Diskussion wird, das ist paradox – immerhin wirkt die Kritik des Institutionenzerfalls bis heute fort in den konservativen Agitation z.B gegen die Homo-Ehe. Freiheit?
Eine Fragestellung, eben jene nach dem Halt durch die „Tradition“, das ist eine, die zu behandeln der Herr Bohrer angesichts der Steilvorlage Menkes, eben der „Mitgliedschaft in der Gesellschaft“ und dem Heischen um Anerkennung, gar nicht aufgreift. Das verwirrt, doch gerade daran krankt auch die Antwort: Mit dem „Argument“, na, eher dem Staunen angesichts der Möglichkeit des Zerstörens der Wirklichkeit durch die Abstraktion (zitiert einer, der als Ästhetiker bekannt wurde!), kann man problemlos die Meinungsfreiheit, ja die Freiheit als solche in die Tonne treten, reine Abstraktion; freies Wahlrecht? Abstraktion!, jeder Mullah wäre froh, läse er diese Sätze – und wiederum ist das Problem umschifft, was „Gleichheit“ im konkreten Fall sinnvoll heißen kann: Uff!
Es ist dies nämlich gerade nicht die allseits immer wieder gerade von jenen gerne attackierte „Gleichmacherei“, die zugleich bei jedem „Kopftuchmädchen „Integration“ kreischen, als hätten sie zu viele Klassiker über die zu fordernde Assimilation von Juden im Kaiserreich eingeatmet.
Es ist die Gleichheit vor dem Recht in einem demokratischen Rechtsstaat, ganz einfach, die noch Voraussetzung, nicht Ergebnis eines jeden Vertragsverhältnisses ist dann, wenn der Vertragsbruch rechtlich sanktioniert sein kann. Die ihrerseits eben doch in einem moralischen Universalismus der Menschenrechte begründet ist.
Wer diese attackiert, der agitiert antidemokratisch in einem sehr engen Sinne. Die Berufung auf Nietzsche, den Demokaratieverächter, ist da kein Zufall – nur dass auch dieser keine Gründe für die Priorität seiner Gedanken vor jenen eines Pastors anführen konnte, so weit es um politische Fragen ging.
In einer falsch proklamierten „Differenz“ mit Nietzsche auch noch nationale Mtyhen beschwören zu wollen, wie der Herr Bohrer das im folgenden tut, das ist dann in der Tat reinste Gegenaufklärung:
Und was sagt uns das jetzt? Nichts. Dünnbrettbohren halt. Slogans stattDenken. Philosophiegeschichtlich angereicherte Kalauer. Im Kontext einer Positivbewertung von Macht, „systemtheoretisch abgekühlt“, führt Bohrer diesen „Gedanken“ ein – aber wenn nicht der soziale „Kampf um Anerkennung“ die Machtfrage stellt, ja, was denn dann?
Er entkoppelt sie jedoch nicht von Fragen nach jenem moralischen Universalismus, der Voraussetzung der Frage nach der Gleichheit vor dem Recht ist. Und Voraussetzung der politischen Freiheit.
Es ist ja gerade NICHT nur das Gefühl des Freiheitsentzugs, das Herr Bohrer verspürt, wenn er sich seinen Steuerbescheid anguckt, das unter dem Banner der Gleichheit im Sinne von Gleichverteilung, die keiner fordert, das Problem aktueller Politiken wäre: Problem ist eher, dass a.) Freiheitsentzug im Falle von Hartz IV-Empfängern-Gängelungen mit Sloterdijkschen Begründungen die FORMALEN Gleichheitspostulate des demokratischen Rechtsstaates untergräbt. Gleichheit im Sinne von Mindeststandards ist die Voraussetzung der Freiheit aller gleichermaßen. b.) Ebenso wie eine groteske Politik der „inneren Sicherheit“, die nur insofern gleich macht, dass sie alle gleichermaßen unter Verdacht stellt im Sinne antidemokratischen Denkens, Freiheitsrechte abräumt. Die kann man mit Gehlen begründen. Und c.) dass gerade die demokratische Partizipation die „Mitgliedschaft“ im von Menke genannten Sinne überhaupt nur darstellen kann und sonst gar nix – und dass das aufgrund eines auch weiterhin seltsamen Staatsbürgerrechts, verhindert wird.
Insofern kann man z.B. nur dafür plädieren, dass jeder, der sich in der BRD länger als 3 Monate aufhält, auch Wahlrecht erhält, anstatt Flüchtlinge abzuschieben und an Flugzeugsessel zu tackern.
Auf dass bei diesen ganzen Scheinproblemen rund um die „Produktiven“ und „Unproduktiven“ – ich zahle deutlich weniger Steuern, seitdem ich „Jungunternhemer“ bin und nicht mehr Angestellter – lieber mal Fragen wie die folgende auf die Tagesordnung kommen: Hat eigentlich jeder Wahlrecht, der hier Steuern zahlt und Leistungen empfängt (wie alle das tun, die Mehrwertsteuer zahlen und Bürgersteige benutzen)?
Dann löst sich die Frage nach Inklusion und Exklusion hinsichtlich dessen auf, was lediglich sie sinnvoll heißen kann: Partizipation im demokratischen Zusammenhang.
Alles andere öffnet nur den gehlenschen Normalisierern der „Integrations“-Rhetorik Tür und Tor, die Assimilation, Anpassung, Unterwerfung und Duckmäusertum fordern, während sie zugleich den moralischen Universalismus des Respekts vor dem Anderen als etwas zu Erwerbendes definieren , jene Moral universeller Achtung, deren Erwähnung sie zugleich als Totschlag und Erpresssung attackieren und somit genau jene „westlichen Errungenschaften“, die sie sonst wortreich beschwören wie in praktischen Forderungen abschaffen wollen. Es werde Kant!
Wie begründet sich neurologisch Neurowissenschaft, und welches Gen ist das Genforscher-Gen?
Sehr treffend der Kommentar von Werner Koeben zu einem dümmlichen Artikel in DIE ZEIT, den Bersarin angemessen in Form und Inhalt auseinander nimmt.
Genforscher und Neurowissenschaftler eint ja diese methodische Grundidiotie, die Foucault einst als „transzendental-empirische Doublette“ in „Die Ordnung der Dinge“ äußerst nachhaltig als unsinnig auswies und die Kant übrigens nicht treffen kann, weil der intelligible und empirische Welt strikt trennt und nicht im Empirischen selbst die Möglichkeitsbedingung von Empirie aufsucht, wie all diese verquatschten, naturalisierenden Theorien, die menschliches Verhalten und Denken und Sprechen und Hören biologistisch erforschen und daraus eigentlich Rückschlüsse auf die Forschung selbst ziehen müßten, dieses aber merkwürdigerweise unterlassen.
Im Falle des Artikels über Musik z.B. würde ja das, was über die „Hörbarkeit“ von Musik gefragt wird, auf wissenschaftliche Theoriebildung unter Umständen auch zutreffen, dieser Instinkt oder wie auch immer man das begreifen will, der Wiedererkennen sucht (wie eigentlich?) – aber wie verhält es sich dann mit der Wahrheit, soll heißen, auf welcher Ebene ist die konstatierbar? Ist Wahrheit Gewöhnung? Und wenn ja, wie und warum?
Trotzdem ist das Modell im ZEIT-Artikel immer noch intelligenter, weil es sich in der System-Umwelt-Relation bewegt und Lernen ja nicht ausschließt, als dieser diffuse Brei, der im dort verlinkten Artikel („dass noch nicht einmal eine Unterscheidung in “Rassen” notwendig ist, um einen entsprechenden Vorwurf zu konstruieren“ – ja, eben! Das biologische System Rayson erweist sich als lernfähig auf dem Wege zur Erkenntnis in Kommunikations- und Interaktionszusammenhängen!, und das trotzige Aufstampefen im Rest des Textes ist wahrscheinlich die letzte Weigerung vor dem Zustimmen) sich wieder findet.
Entweder ist die „genetische Programierung“ permanent lernfähig, dann macht es keinen Sinn, aus Genen aus irgendwas herausdeuteln zu wollen, oder sie wirken kausal, und dann muss man sich fragen, ob der verlinkte Text nicht selbst genetisch determiniert ist.
Was ja mal eine Forschung wert wäre: Die genetische Disposition der Gruppe der Wirtschaftsliberalen systematisch zu untersuchen!
Dass z.B. in Führungsetagen in der Wirtschaft Sozio- und Psychopathologien signifikant zunehmen im Vergleich zum Rest der Bevölkerung, das ist ja meines Wissens gut belegt mittlerweile; wenn diese, wie manche US-Forscher behaupten, schlicht ein anderes Gehirn haben und Verhaltensdispositionen mitbringen, die z.B Wirtschaftskrisen gerade notwendig hervor bringen, weil es sich um mangelnde Interaktions- und Reflektionsfähigkeiten handelt, könnte man das ja mal ganz vorurteilsfrei und jenseits dieser terroristischen Political Correctness einführen, als Bedingung z.B. für Vorstandsmitglieder von Unternehmen über 100 Mitarbeiter zunächst einen neurowisschenaftlichen Test, ergänzt durch einen Gentest, vorzuschalten. Und bei jedem bloggenden Zeitgenossen ein Genprofil beifügen, damit man den Inhalt besser einordnen kann.
Nur: Wer oder wie formuliert man die Kriterien, die Eignung bedeuten – zum Bloggen wie für Vorstandsetagen? Soll man dann die Psychopathen aussieben oder gerade fördern?Auch da kann man ja das Gen-Orakel befragen. Oder das übernimmt Christoph Drösser.
Weil man ja die genetische Pluralität ja nicht einfach so wertneutral abfeiern kann, spätestens bei der Evaluierung des Forschungsansatzes an Universitäten wird die Frage nach Zweck und Verwertbarkeit der Forschung sich stellen. Und angesichts des eh schon zu teuren Gesundheitssystems wäre es ja widersinnig, die Suche nun ausgerechnet auf Krankheiten beziehen zu wollen.
Wobei dann die privaten Krankenkassen noch bessere Chancen hätten, ihre Populationen rein und gesund zu halten, und die Frage nach der Abtreibung stellt sich ja schon bei Erbkrankheiten anders – anzuschließen wäre jedoch jene: Wie verhält man sich diesbezüglich, wenn man gerade zukünftige Psychopathen austrägt, die Vorstandsvorsitzender werden könnten?
Werte-Debatten
Im Zuge moralphilosophischer Diskussionen war ich immer vehementer Verfechter „deontologischer“ Modelle – also solcher, die sich am „Sollen“ orientieren und mit der Begründungsfähigkeit von Handlungsregeln operieren. Einer Hauptgründe war, dass jene Regeln, die als nicht-funktionale erst als „moralisch“ sich behaupten können, sehr wenige, aber auch sehr maßgebliche sind, zum Teil in den Grund- und Menschenrechten abgebildet. Zumeist laufen sie auf „Instrumentalisiere niemanden!“ hinaus.
Dem entgegen (oder ergänzende?) gesetzte „evaluative“, also an „Werten“ orientierte Modelle überzeugten mich nicht – sie führen zumeist in einen Wertrelativismus, weil konfligierende Wertsetzungen sich nicht auflösen lassen, operieren sehr nahe an ästhetischen Urteilen und münden zumeist in Vorstellungen des „guten Lebens“: Einem selbst präskriptiv wirkenden Entwurf einer angeblich für alle gültigen Lebensform. So ignorieren sie das eigentliche Sujet der Moral: Das richtige Verhalten Anderen gegenüber.
Schon deshalb denke ich so, weil es Pflichten gegenüber sich selbst nicht geben kann, Pflichten gegenüber Anderen aber maßgeblich sind – um einen „Kant light“ auszubuddeln, das, was ich hier summarisch und unbegründet als Thesen raus haue, hat als Diskussion ja mehr als 2 Jahrtausende auf dem Buckel. Die evaluative, aristotelische Güterethik tendiert zu Konservatismen, die kantisch-deontologischen Modelle vermögen diese zu kritisieren.
Dennoch wird man so die Frage nach Werten nicht los, nur dass zumeist sie falsch gestellt wird; gruselig, dass in deutschen Debatten diese zumeist in Bewertungen von Personen sich auflösen, wobei liebstes Spiel die Abwertung von großen Personengruppen ist, die entweder als „arbeitsscheues Gesindel“ identifiziert werden oder als Nicht-Arier eh „integrationsunwillig- und fähig“ seien.
Man fragt sich dann automatisch, in was denn bitte die „Integration“ stattfinden können soll. Zumiest werden dann Verwertungs- und Nutzbarkeitsmachungsmaschinerien des realexistierenden Kapitalismus genannt, außer- bis amoralische Funktionalismen halt, und ansonsten gebährdet sich der Arier als Speerspitze der „westlichen Aufklärung“, als jenseits des Patriachts verortet, total schwulen- und frauendfreundlich, ein stets fleißiger Demokrat in Reinkultur, genetisch mit Toleranz aufgeladen wie ein Handy-Akku. Und wenn’s um „Türken“ und „Araber“ geht, wurde vergessen, ihn wieder aufgeladen zu haben.
Ich behaupte da einen Widerspruch zwischen den Sonntagsreden und der allseits geforderten Selektion im Konkurrenzgeschehen der Realwirtschaft, auf der nur Erfolg hat, wer sich ausliefert, unterwirft und dieser vorgeschobenen und der eigenen, ja auch nur imaginierten Gruppe zugesprochenen Moralität zuwider handelt, indem er zugleich -Durchsetzung und Ellenbogen kultiviert. Unterwerfung und Ego-Durchsetzung in einem: Ein paradoxes SM-Spielchen. Sowas kann man ja beim Sex durchaus lustvoll und spielerisch ausüben, aber im Berufsleben?
Und habe noch ‘nen Wirtschaftsnobelpreisträger auf meiner Seite, der das ähnlich sieht:
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