Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Konservative Kulturkritik

Da ist er wieder, dieser Tenor, der mir nicht minder Angst macht als all das, was so lange aus der “Politically Incorrect”-Ecke ausgestoßen wurde. Da schreibt einer  “links” oben drüber und will doch nur den Konservatismus renovieren mit den Mitteln Schopenhauerscher Mitleidsethik und Dekadenz- und Verfallskritik. Was gegen Ende des Textes sogar explizit gemacht wird:

“Die Konservativen bei uns haben keine Antwort darauf, im Gegensatz zu denen anderer Länder, wie der Politologe Franz Walter jüngst darlegte. In den Niederlanden wird der christlich durchwirkte Kommunitarismus wiederbelebt, in Großbritannien setzt sich Tory-Chef David Cameron programmatisch für “ethical capitalism” ein, für eine Stärkung der Zivilgesellschaft.”

Na hallelujah, einen “christlich durchwirkten Kommunitarismus”, da kann ich mich ja schon mal auf eine weitere Aberkennung der Bürgerrechte gefasst machen. Ein “Ethical Capitalism” kann die Stärkung der Zivilgesellschaft ebenso wenig vollbringen  wie ein “christlich durchwirkter Kommunitarismus”, nach dem Herr Matussek sich offenkundig sehnt. Man kann Funktionalismus und Moral nicht versöhnen.

Statt politischer und ökonomischer Diagnosen empörte Beschwörungsformeln und seltsame Feierlichkeit in der Liturgie des “Echten” und “Ernsten” und “Tiefen”  allerorten, da sehnt man sich ja nach hochdogmatischen Stamokap-Theoretikern aus marxistisch-leninistischen Gruppen zurück. Was nun selbst so eine Verfallsdiagnose ist, ja, ich schäme mich. Da muss es doch andere Wege der Diagnostik geben, so wahr ja ist, was er über konservatives Gekichere schreibt.

“Es wird Zeit, dass wir die Fenster aufstoßen im allgemeinen Geblödel, hin zu einer neuen Ernsthaftigkeit, zu Partizipationen, zu neuem Empowerment.”

Ja, Beschwörungen. Und sonst?

Und immer der Papst und dessen schleimige Propaganda, die wahrscheinlich wirklich vollbringen wird, dass die Leute irgendwann glauben, das Christentum als Institution habe immer schon primär an den Armen, Schwachen und Entrechteten sich orientiert. Würde Jesus heute agieren, dann suchte er sich schwule und lesbische Muslime in Neukölln als Jünger oder von Habermas inspirierte Geisteswissenschaftler in Teheran. Nicht, dass es progressive Strömungen im Christentum nicht gab, sogar sozialrevolutionäre gab es, und die katholische Soziallehre ist immer eine Diskussion wert.

Aber dass nun gerade der Lenker eines Weltkonzerns wie des Vatikans zitiert wird, dieser ja teuflisch pfiffige Stratege, wenn es um Kanzleramtsfeiern mit dessen Kollegen aus Frankfurt geht, da denke ich äußerst ernsthaft an’s auswandern … nachdem ich lange die Gefahr eher im liberal-konservativen Komplex gewittert habe, empfinde ich aktuell die Linkskonservativen als ungleich bedrohlicher, diese Sittenwächter allerorten.

Lass doch Schirrmacher kichern, bis er am eigenen Schluckauf irre wird – aber entmachtet ihn ökonomisch bzw. denkt darüber nach, wie das gehen könnte … gewaltfrei, demokratisch und verfassungspatriotisch.

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23 Antworten zu “Konservative Kulturkritik

  1. che2001 September 11, 2009 um 9:15 nachmittags

    Vielleicht wird auch umgekehrt ein Schuh daraus: Die Gesellschaft hat sich soweit nach rechts entwickelt, dass selbst urkonservative Verantwortungsethik heute “links” erscheint. Erschreckend und beschämend.

  2. momorulez September 11, 2009 um 10:11 nachmittags

    Mag sein, aber das führt doch dann da hin, dem Abt des Klosters, der den “Zehnten” fordert und Könige segnet, noch dankbar die Füße zu küssen … da stimmt was nicht an der Rhetorik. Die ist wirklich Wolf im Schafspelz.

    Man muss liberale Einsichten historisch wie logisch einfach voraussetzen, wenn man “links” denken will – und ich meine damit NICHT die wirtschaftsliberalen, die ja keine Einsichten, sondern Willkür sind, der man dann irgendwas Legitmierendes, was göttlich Plätze zuweist und belohnt, aufpropft, Markt halt.

    Neulich ausgerechnet bei den FDOG wurde der Jakobinismus, also die BÜRGERLICHE Revolution, die das trotz allem Terror war, die totalisierende Gleichmacherei untergeschoben und dem dann Äbte und arme, geplünderte Klöster entgegen gehalten, ganz wie vor gar nicht allzu langer Zeit im ZDF auch mal.

    Da läuft das draufzu: Ständestaat mit “verantwortlichen” Herrschern im jeweiligen, ökonomischen Feld, die bereit sind, Brosamen zu verteilen – ergänzt durch stabilisierende, konkrete Sittlichkeiten, die sich warmherzig geben und dabei kalt grinsend ausgrenzen und normalisieren. Und das Ganze begründet man dann am besten noch mit Adornos Kant-Kritik und hat den “westlichen Krämerseelengeist” so endlich ausgetrieben … Grusel.

    Ja, ist jetzt sehr viel hinein gelesen. Aber die ganzen Debatten hier zeigen langsam Wirkung in meinen Perspektiven …

  3. che2001 September 11, 2009 um 10:44 nachmittags

    Beim Begräbnis eines alten Freundes traf ich heute die GenossInnen der letzten 3 Jahrzehnte und fand, dass sie noch wie immer sind. Ein lieber Mensch wurde zu Grabe getragen, die Ideen sind noch immer frisch und nicht gestorben. Auch nicht die – bis auf Einen -die sie noch vertreten. Es darf und kann nicht sein, dass alles, für was wir gelebt haben vor die Hunde geht. Ich zitiere mal Erich Mühsam: “Und ob sie mich erschlügen – sich fügen heißt lügen!”

    Und auch Said Soltanpur: “Was ist dieser Kerker? Was sind diese niedrigen Mauern? Nichts als brüchige Hindernisse gegen eine reißende Strömung, die alles entwurzelt! Hinter dieser langen Nacht, dieser greisen, gebrechlichen Nacht wird sichtbar der klare Morgen des Volkes, der Tagesanbruch des Erwachens.”

    Das schrieb er vor seiner Hinrichtung in Teheran, heute rezitieren das Menschen im Iran, die eine zweite iranische Revolution wollen. Und sie organisieren sich. Nein, ich gebe keine Hoffnung auf. Lotta Continua!

  4. T. Albert September 11, 2009 um 11:12 nachmittags

    Ich find ja schlimmer, dass Herr M. mit Ernst Jünger kommt, dem grossen konservativen Einzelgänger. Der “christliche Kommunitarismus” und Jüngers Geist haben mit der katholischen Soziallehre irgendwie nicht viel zu tun. Über Hengsbach als deren deutschem Vertreter lachen die christlich-kommunitaristischen Konservativen ja auch von ihren Marmorklippen herab. Weil der Papst mitlacht, wenns wichtig wird, halten sie sich für das neue katholische Bürgertum, von dem ich im Spiegel auch schon mal lesen konnte. DAS ist nun wirklich ein widerlicher ständischer Distinktionsdiskurs, als solcher aber auch nur ein Detail der um sich greifenden antimodernen Rückwärtsgewandtheit. Ja, und das ist die Kulturkritik, die überall wieder Barockschlossfassaden aufbaut und sich demnächst auch offiziell wieder “bildungsbürgerlich” nennen wird. Das macht ja jemand wie Kehlmann mit seiner Theaterkritik auch gerade vor. – Sind ja nur zwei Beispiele.

  5. Rayson September 12, 2009 um 12:18 vormittags

    Würde Jesus heute agieren, dann suchte er sich schwule und lesbische Muslime in Neukölln als Jünger oder von Habermas inspirierte Geisteswissenschaftler in Teheran.

    Nettes Bild. Aber ich fürchte, Jesus würde zig Dinge tun und fordern, die bei dir (und bei mir) totales Unwohlsein auslösen würden. Etwas anderes anzunehmen wäre klassisches Pharisäertum…

    Lass doch Schirrmacher kichern, bis er am eigenen Schluckauf irre wird – aber entmachtet ihn ökonomisch bzw. denkt darüber nach, wie das gehen könnte … gewaltfrei, demokratisch und verfassungspatriotisch.

    Demokratisch und gewaltfrei? Du beliebst zu scherzen. Auch die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit wird mit Gewalt durchgesetzt. Mit was sonst? “Schirrmacher ökonomisch entmachten” – wie soll das anders gehen als mit der Ausübung von Gewalt gegenüber Herrn Schirrmacher oder anderen?

    Du übersiehst, dass all das, der “christlich durchwirkte Kommunitarismus” oder der “ethische Kapitalismus”, Formeln innerhalb des demokratischen Kampfes um Mehrheiten sind. Unsereiner setzt sich dafür ein, dass sich erst gar keiner mit solchem Unsinn beschäftigen muss, weil einfach der Spielraum für Politik nicht groß genug für solch ganzheitliche Entwürfe zu sein hat.

    Ansonsten aber: Warum keine konservative Kulturkritik?

  6. Rayson September 12, 2009 um 1:27 vormittags

    Übrigens gibt es auf der “Achse” eine Replik von Fleischauer, die dich vielleicht interessiert. Ich begreife allerdings bei beiden Beiträgen nicht,. warum sie geschrieben wurden.

  7. momorulez September 12, 2009 um 8:46 vormittags

    @Che:

    Mein Beilieid und Mitgefühl angesichts all der Begräbnisse!

    Aber diese Wasser-Metaphoriken, mit sozialen Bewegungen gekoppelt, hat das nicht Theweleit alles zu geschrieben?

    @Rayson:

    Was ich mit der Vorstellung, was Jesus heute tun würde, meinte, war, dass er sich ganz wie damals auf die Seite der Marginalsierten stellen würde und gegen die institutionalisierten Formen der Kirchen. Und bestimmt nicht auf die Seite der marginalsierten, die sich Herr Matussek so vorstellen würde in seinem sozialromantischen Mitgefühl. Das Unwohlsein schließt das nun gerade nicht aus.

    Zu Schirrmacher: was ich meine, ist, dass dieses Auto-Abgefackel und die ganzen Personalisierungen, die wie einst zu Schleyers Geradenochsolebzeiten ja auch schon schon mal ziemlich akut waren, schrecklich sind und völlig am Thema vorbei zielen.

    Das schwingt ja bei Matussek mit, als aufrecht-bescheiden und in heiligem Ernst auf die Orgien Anderer mit dem Finger zu zeugen und dafür dann Einzelne verantwortlich zu machen. Was ich fordern würde, ist, wenn man linke Politik betreiben will, wieder bei Strukturen und Mechanismen und Gründen anzusetzen und nicht bei sich besser fühlender Gefühlsduselei.

    “Du übersiehst, dass all das, der „christlich durchwirkte Kommunitarismus“ oder der „ethische Kapitalismus“, Formeln innerhalb des demokratischen Kampfes um Mehrheiten sind”

    Nee, weil die auf der Ebene von Lebensformen und nicht etwas begründungsfähigen Regeln des Miteinanders, die grundrechtsbasiert in Gesetzen Gestalt annehmen können als funktionale Ergänzung zu diesen Grundrechten, agieren, sind sie Terror.

    Die berühmte Formel, dass meine Freheit da aufhört, wo die des Anderen anfängt, wird doch von denen abgeräumt.

    Und die Phrase von der “Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit” sieht eben davon ab, dass man solche Regeln durchaus diskutieren kann, wenn man sich auf egalitäre spielregelen einigt.

    Das ist doch das Problem all eurer Ansätze: Dass die nur Willkür proklamieren, kritisch wie affirmativ, wobei die Anreiz-Theorien dazu dann einen Widerspruch bilden und zu Social Engeneering überleiten. Das bekommst Du doch gar nicht vermittelt, und das ist auch nicht Politik.

    Und das war ja offenkundig an Fleischauer gerichtet, das Matussek-Pamphlet. Der war bestimt von vornherein eingezogen, damit wir dann hier drüber diskutieren.

    @T. Albert:

    Diese Ernst Jüngerhaftigkeit, die macht mich ja gerade so irre. Dass man noch in den links sich gebenden Blogs man zunhemend das Gefühl hat, die “Konservative Revolution” von einst diskutiere wieder mit. Und das schlimme ist festzustellen, wie hervorragend sich Adorno da einfügt. Da kommt noch mal was zu.

    Raysons Übernahme dieses Hayek-Topos von der “Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit” als Schirrmacher-Verteidigung fügt sich da ja nahtlos ein, weil sie im konkreten Zusammenhang darauf hinaus läuft, dass dann doch besser die Minderheit der Schirrmachers und Ackermänner als Elite über die Mehrheit herrschen solle, weil alles andere ja nur Gewalt sei.

    “DAS ist nun wirklich ein widerlicher ständischer Distinktionsdiskurs, als solcher aber auch nur ein Detail der um sich greifenden antimodernen Rückwärtsgewandtheit. Ja, und das ist die Kulturkritik, die überall wieder Barockschlossfassaden aufbaut und sich demnächst auch offiziell wieder „bildungsbürgerlich“ nennen wird. Das macht ja jemand wie Kehlmann mit seiner Theaterkritik auch gerade vor.”

    Ja, exakt.

  8. che2001 September 12, 2009 um 11:11 vormittags

    @momorules: Danke! Da werde ich noch ziemlich lange dran zu knapsen haben, an den 4 alten Weggefährten, die innerhalb von 5 Monaten hintereinander weggestorben sind.Zumal 2 von denen ziemlich kleine Kinder hinterlassen, deren Schmerz mich berührt.

    Was die Metaphoriken angeht: Ich habe mich selber lange und eingehend mit dem “hydraulischen” Vokabular und seiner Genese im deutschen Sprachraum, von dem “Einströmen in Siedlungsräume” der deutschen Ostforscher bis zur “Asylantenflut” der Neuen Rechten beschäftigt und Theweleits Männerfantasien mit großem Gewinn gelesen. Aber ist das einfach so auf persisch Gedachtes und die Hoffnungen, die der Vorsitzende des iranischen Schriftstellerverbandes noch am Vorabend seiner Hinrichtung hegte übertragbar? Im Übrigen erlebe ich den Gebrauch des Namens “Theweleit” leider so, dass dieser von der Moral-PC-Fraktion als im wahrsten Sinne des Wortes Schlagwort, nämlich zum Schlagen, gebraucht wird, wenn man eigentlich “Halt´s Maul Macker!” sagen will, dies aber aus einer Position zu tun bemüht ist, in der man selber moralisch unangreifbar ist. Und dass ich selber eine Neigung zum Pathos habe, auf die mein Umfeld, speziell mein linkes Umfeld, irritiert reagiert, während ein paar Hundert Kilometer weiter südlich niemand damit Probleme hat weiß ich ja auch.

  9. T. Albert September 12, 2009 um 11:16 vormittags

    ja, das ist eine böse, deutsche melange jünger und adorno. die mischung hat den vorteil, dass der persönliche eigentliche faschist im deutschen bildungsbürger immer unschuldig ist. da wird adorno gegen adorno gelesen, wie ich an der ästhetischen theorie feststelle, wenn ich in der lese.

    und, rayson, konservative kulturkritik ist ja nichts neues, die war eben immer gegen die ästhetische moderne, wird diesbezüglich momentan nur wieder deutlicher und ehrlicher, seit sie es nicht mehr nötig hat, moderne ästhetik als ausweis westlicher freiheit zu ideologisieren. das rückt sich ja gerade alles wieder zurecht, wie eben die stolz gefälschten barockschlossfassaden und innenstädte zeigen.

  10. momorulez September 12, 2009 um 12:43 nachmittags

    @Che:

    Nee, ich wollte wirklich nicht “halt’s Maul” sagen, wirklich nicht. Und bin ganz soldiarisch mit denen da im Iran. Da habe ich durch einen Kumpel auch ein wenig mehr Einblick, und das ist da ganz schön verzwickt.Was für mich, na, einerseits schrecklich ist, weil Leute dafür sehr leiden müssen, andererseits aber wenig wenig hoffnungsvoll ist, ist, dass Habermas da großes Thema ist. Einem der Oppostionellen wurde ja zum Vorwurf gemacht, dass er sich mit dem getroffen habe und dessen Denken adaptiert habe. Und wenn das da die Mullahs ängstigt, kann das ja so übel nicht sein, dieses Denken. Siehe auch oben die Antwort auf Rayson.

    Und wenn da noch Kinder mit dranhängen, bei Deinen einstigen Weggefährten, meine ich, das tut weh, das kann man auch nie wirklich wegknapsen … hatte das so ’90-’93, dass erst Hund, dann Oma, dann ein Behinderter, den ich betreut habe und sehr gerne mochte, dann Vater, dann Opa und dann eine gute Freundin, letztere zu allem Überfuß auch noch an AIDS, starben, und ’94 war ich dann therapiebedürftig – war eine Gestalttherapie, was insofern half, weil man direkt an die Emotionen geht. Mehr kann man da ja nicht machen, als sich das Trauern zuzugestehen, es nicht wegzudrücken …

    @T. Albert:

    Ich kriege ja auch schon wieder den Turnaround, Adorno gegen seine Liebhaber verteidigen zu wollen ;-) … Davilla ist auch so eine Mischung aus Konservativer Revolution und Adorno, und die konservativen Möglichkeiten der Lesart sind wirklich finster, tannengrün und neoverraucht. Überlege ja neben all dem Pop auch immer, wie man die ästhetische Moderne unter aktuellen Bedingungen wieder denken kann, aber wahrscheinlich ist das viel einfacher, als es mir scheint …

  11. che2001 September 12, 2009 um 3:07 nachmittags

    Dieser Said Soltanpur hat ebenso wie der Kinderbuchautor und “Barfußpädagoge” Samad Behrangi

    http://members.chello.at/plejaden/behrangi.html

    meine Vorstellungen von Antirassismus und Antiimperialismus nachhaltig geprägt, nämlich untrennbar mit der sozialen Lage, der Bekämpfung von Armut und dem Mündigwerden der Entmündigten verbunden. Es hat in der Iranischen Revolution, das muss 1980 gewesen sein, eine Phase gegeben, als Soltanpur schlagartig populär wurde. Der las aus seinen Werken im Teheraner Goethe-Institut, und die Lesung wurde durch Lautsprecher nach draußen übertragen. auch viele andere iranische Schriftsteller lasen dort life, auch aus Werken des seit über einem Jahrzehnt toten Behrangi wurde gelesen. Zehntausende Menschen hörten zu. Das waren einerseits Literaturfreunde, und andererseits sogar Analphabeten. die Gedichte und Prosa von Soltanopur sprachen besonders viele Menschen an. Den Ayatollahs war die plötzliche Popularität des linksradikalen Dichters so unheimlich, dass sie ihn einsperrten und umbrachten.

  12. hartmut September 12, 2009 um 9:56 nachmittags

    naja, ich habe mich auf andere Matussek-Zitate gestürzt und bin etwas weniger skeptisch als ihr. seine konservative zucht-und-ordnung-rhetorik a la George/Spengler/botho strauss ist mir natürlich auch aufgefallen, aber ich möchte bei den Konservativen, die jetzt anrücken, schon gerne wissen, wie belastbar das ist. Gegen Allianzen in Einzelfällen häte ich nix.

    im Gegensatz zu Schirrmacher oder geissler nennt er wenigstens Namen, darunter sogar den dieses Adel-Laffels da, der jetzt peinlich zum neuen Polit-Star aufgebaut wird…

  13. hartmut September 12, 2009 um 10:00 nachmittags

    “und, rayson, konservative kulturkritik ist ja nichts neues, die war eben immer gegen die ästhetische moderne” hmmm, t.albert, es gibt auch eine konservative Linie, die ästhetisch innovativ war – George, v.Hofmannsthal, Thomas Mann, Gottfried Benn…

  14. T. Albert September 12, 2009 um 11:59 nachmittags

    - ja, richtig. Und mein Lieblingsdichter Ezra Pound wollte gern Faschist sein. Ästhetisch ging das aber nicht, wie auch die Nazis Thomas Mann klar machten. So hat “die Geschichte” Ezra Pounds Ehre gerettet. Bei George und Benn bin ich mir nicht sicher, aber ich verstehe auch nicht viel von Literatur.
    Sartre hat über Heidegger gesagt: EIn Werk kann seinem Autor voraus sein.
    Die ästhetisch innovativen konservativen Linien sind natürlich auch künstlerische Moderne, und als solche waren sie durchaus auch Ziel dessen, was ich als konservative Kulturkritik so kennengelernt habe. Politisch- inhaltlich natürlich nicht immer.

  15. T. Albert September 13, 2009 um 1:11 vormittags

    Naja, eben dachte ich noch, jemand wie George verrät seinen “kulturkritischen” Konservativismus durch seine Form. Jetzt glaube ich das nicht mehr. Zum Beispiel ist seine Kleinschreiberei, die so modern daherzukommen scheint, eben nur ein funktionaler Modernismus. Am Bauhaus wurde auch viel klein geschrieben, von den Dadaisten auch, von den Konstruktivisten sowieso, und das stand dort für ein anderes Sprechen und die Individuierung des Buchstabens und Lautes und der Zeichen, wie nochmal in den Sechzigern und Siebzigern bei den Konkreten. Ausserdem war für die die Kleinschreibung ein Aspekt des Versuches, demokratische Massenkultur zu entwickeln, als “materialistische Strukturen”, wie Benjamin das – glaube ich – irgendwo bezeichnete.

    Bei George ist die Kleinschreibung aber gar kein echtes Material, sondern eben nur klein geschriebene Worte für eigentlichen Inhalt. Der benutzt die Kleinschreibung als Mittel der Distinktion – das Ding heisst ja auch “George-Schrift”, was ich erheiternd finde.
    Oder geht es um die Erleichterung des Atemflusses beim lesen? Dann vergleiche ich das mit der Lyrik von Hermann Hesse, die ich sehr mag, (JA!JA!) und sehe, dass der die Speränzchen nicht nötig hat, auch überhaupt bei aller “konservativen” Reimerei nicht dieses Gewaber veranstaltet, sondern meint, was er meint.

  16. momorulez September 13, 2009 um 8:40 vormittags

    @T. Albert + Harmut:

    “Dann vergleiche ich das mit der Lyrik von Hermann Hesse, die ich sehr mag, (JA!JA!)”

    Danke! Ich zwar nicht, fand auch den “Steppenwolf” und “Narziss und Goldmund” blöd, das ist aber völlig egal, ich jubel ja mittlerweile schon, wenn man überhaupt wieder jene ins Feld führt, die als hippieske Eso-Apostel in die Tonne getreten werden, angesichts dessen sich dann die Botho Strauß-Hansel so ungeheuer überlegen fühlen in Tiefe und Realismus: Weil vor lauter Berufung auf die Benns usw. – den ich allerdings teilweise auch großartig finde, die Georgischen Männerbünde kenne ich zu wenig, und Thomas Mann war ja nun nicht einfach nur konservativ, das ist schon etwas komplexer, trotz aller Großbürgerlichkeit, da gab es auch verschiedene Phasen, und wenn ich mich recht entsinne, war er auch einer der wenigen, mit Kästner und solchen, die Weimar noch verteidigt haben, wie gesagt: Man muss den politischen Liberalismus schon voraus setzen, wenn man links denken will, und kann nicht einfach hinter den zurück wollen – doch ständig der Eindruck geschaffen wird, die Linken seien nicht nur in Sachen Wirtschaft vollblöd und in Sachen Moral anmaßend und überkandidelte Diktatoren, sondern nun auch ästhetisch hinfällig, weil sie überall ihre unästhetischen, politischen Tendenzen hinein dichten wollten. Beckett war ja nun auch ein Linker.

    Ich stehe ja noch etwas unter dem Einfluss von Sartres “Qu’est-ce que la littèrature?”, und ich finde das aktuell alles andere als unplausibel, das Verhältnis Moral, Politik und Kunst noch mal anders zu befragen als üblich – im Sinne des “Redigierens”, “Re-Ecrire” der Moderne, das Lyotard proklamierte, aber im Text gleichen Namens dann nicht durchführte. Das muss man aktuell sogar, weil einem sonst entgeht, was an der Gegenmoderne, auf die sich der Matussek da implizit beruft, so schaurig ist.

    Und was mir an Matussek nicht passt, das ist ja, dass er die falsche Moral – eine verkürzte, deshalb sehnt er sich nach Kommunitarismen, die dann Herrn Gutenberg doof finden, und ich finde den zwar auch doof, aber das ist politisch egal, schlimm ist, wie der entrechten will – proklamiert und deshalb auch zum Politischen und Ökonomischen de facto ja schweigt.

    Und ich glaube aktuell schon, dass auch in der ästhetischen Moderne all das immer mit drin steckt, weil von nix nix kommt, das Material ist ja immer auch das Soziale, was allerdings selbst kein alleiniger ästhetischer Maßstab ist, aber ja nun nicht keine Rolle spielt.

  17. T. Albert September 13, 2009 um 3:15 nachmittags

    Puh, ja, dieses Gebündele bei George. Ich habe den ja gehasst in der Schule, das ging nicht. Es ist ja eben das, was ich nicht wollen kann, wenn der Begriff “L`art pour làrt” fällt, weil es sich um das genaue Gegenteil handelt. Hat auch mit Thomas Mann wirklich nichts zu tun, jedenfalls nichts mit dem erwachsenen Th. Mann. Benn, wenn ich mich da was zu sagen trauen wollte, erschien mir irgendwann als ein Rezeptions-Kompromiss: all die kulturkritischen Arschlöcher in meiner Umgebung, die ihre libidinöse Bindung ans nicht ganz richtige Deutschland mit einer an Georges “Geheimes Deutschland” retouchierten, erklärten Benn immer zu einem grossen deutschen Dichter und erzählten sofort was von seiner “inneren Emigration”. Aber ich hatte immer das Gefühl, es ginge um eine Eingemeindung seiner modernen Àsthetik, die ihm gewissermassen aus deutschen Gründen verziehen wurde. Anderen eben nicht.
    Also, das ist ein Friede, dem ich nicht trauen kann. Schon wieder nicht, merke ich, nachdem ich gerade Cicero-Weimer bei Phoenix habe reden hören. Der ist auch wieder ganz katholisch, kutlurkritisch, und mir kommt als Katholik die Galle hoch.

  18. che2001 September 13, 2009 um 5:16 nachmittags

    Also George würde ich aber gleich in eine Rubrik mit Freyer, Jünger, Spengler und Möller van den Bruck einordnen, und das ist dann auch nicht weit zur Ariosophie. Thomas Mann mag elitär und großbürgerlich gewesen sein, aber immer auf der Seite der Aufklärung und rationalen Vernunft. Selbst sein Eintreten für den Krieg gegen Russland 1914 war geprägt von der Überzeugung, der größte Polizeistaat der Welt müsste um der Emanzipation willen zerschlagen werden, und den Nationalsozialismus bezeichnete er in seiner Deutschen Ansprache 1930 als Riesenwelle exzentrischer Barbarei. Den und die Konservative Revolution trennen Welten. Von Gottfried Benn kenne ich ehrlich gesagt nur das Gedicht “Kleine Aster”, insofern maße ich mir da kein Urteil an. Auch J.R. Becher schrieb ja aber, als man ihn bat, etwas zu Becher zu äußern, ein Gedicht mit dem ganzen Wortlaut: “Gottfried Benn – muss I denn?”.

  19. che2001 September 13, 2009 um 6:12 nachmittags

    “zu Benn zu äußern” nicht “zu Becher zu äußern”, ich Trollo.,.

  20. T. Albert September 13, 2009 um 6:26 nachmittags

    hätte auch gepasst, Becher äussert sich zum Bechern. :-)

  21. momorulez September 13, 2009 um 7:09 nachmittags

    Kein Dichter dichtet frecher als Johannes R. Becher – von wem war das noch?

    Ich glaube, die Benn-Verehrung bei manchen, nicht allen Benn-Verehrern gründet darin, dass sie Leute wie “Brandt alias Frahm” so hassten, also die, die eben nicht nur die “innere Emigration” wählten, sondern auf ihre Art gegen anstanken. So hat sich der Benn mit dem Feind (Sartre, die Resistance-Sau und seine “falsche Praxis” – ja, der war jetzt böse, sorry) wenigstens nicht gemein gemacht, sondern stattdessen Deutschland tapfer als Land der Dichter und Denker behauptet, vornehm zurück haltend. So ungefähr wurde doch das Adenauer-Image auch gepflegt, wenn auch ohne Dichten und Denken. Und genau aus der Perspektive bauen sich dann manche ihre “L’Art pour l’art” – hat das Leben halt schöner und Deutschland größer gemacht, und alles andere soll Kunst dann bitte auch lieber bleiben lassen.

    Was ihm natürlich nicht gerecht wird. Bin kein Intim-Kenner, aber was ich kenne, finde ich schon sehr, sehr groß. Also die Dichtung, nicht unbedingt seine kunstheoretischen Erwägungen. Und diese entsetzliche “Rede an die Emigranten”, die gehört schon zu dem, was man gelesen haben sollte – diese Beschwörung des Irrationalen, die er Klaus Mann entgegen schleuderte, den man ja auch immer nur ertragen hat, weil er Sohn des Thomas war und brav drogenabhängig und suizidal, wie sich das für Homos gehört. Was für ein unglaublicher Skandal im nachhinein, dass der “Mephisto” verboten war. Und “Der Wendepunkt” ist auch ein dolles Zeitzeugnis.

    Das ist eh ein Riesen-Thema, gerade wieder, war ja mal weit oben auf der Tages-Ordnung, dass die “verbrannten Dichter” und die Emigranten ja bis heute nur ungern kanonisiert werden, von Brecht und Thomas Mann mal abgesehen.

  22. che2001 September 13, 2009 um 9:05 nachmittags

    Kein Dichter dichtet frecher als Johannes R. Becher – von wem war das noch? Das ist von Erich Mühsam und bezieht sich auf genau dieses Gottfried Benn -muß I denn?

  23. che2001 September 13, 2009 um 9:23 nachmittags

    @”dass die „verbrannten Dichter“ und die Emigranten ja bis heute nur ungern kanonisiert werden, von Brecht und Thomas Mann mal abgesehen” —- Dabei saßen die ja teilweise sozusagen direkt nebenan, wie Klaus und Erika Mann, Willy Bredel, Alfred Döblin und Ricarda Huch.

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