Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

“Der Andere ist, was mir erlaubt, mich nicht ins Endlose zu wiederholen” (Jean Baudrilliard)

“Wir leben in einer Kuiltur, deren Ziel es ist, jedem die Verantwortung für eigenes Lebens aufzuladen. Die von der christlichen Tradition geerbete moralische Verantwortlichkeit hat sich mittels des gesamten modernen Informations – und Kommunikationasapparats verstärkt, um jedermann die Gesamtheit seiner Lebensbedingungen überneheen zu lassen. Das kommt einem Herausreißen des anderen gleich, der in der Programmerfüllung der Existenz vollkommen nutzlos wurde, da jedermann der Autarkie der Zellindividualität zustrebt.

Nun ist das eine Absurdität. Von niemandem wird angenommen, daß er die Verantwortung für sein eigenes Leben trägt. Diese christliche und moderne Vorstellung ist eine vergebliche und arrogante Vorstellung. Sie ist außerdem eine bodenlose Utopie. Das Individuum müßte sich in den Sklaven seiner identität, seines Willens, seinr Verantwortung verwandeln, in den Sklaven seiner Begierde. Es müßte alle seine Kreisläufe kontrollieren, alle Kreisläufe der der Welt, die sich in seinen Genen kreuzen, seinen Nerven, seinen Gedanken. Knechtschaft ohne Maß.Wieviel menschlicher ist es, sein Schicksal, seine Begierde, sein Wollen in die Hände eines anderen zu legen! Kreislauf der Verantwortung, Beugung des Willens, andauernde Formübertragung.

Mein Leben, weil es sich im anderen abspielt, wird vor sich selbst geheimnisvoll.”

Jean Baudrilliard, Für eine Ethik der Devolution, in: Bernhard H.F. Taureck, Ethikkrise, Krisenethik, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 119

Eben! War gar nicht Charles Takyi, der gestern schuld war an seiner gelb-roten Karte und damit dem Bruch im Spiel. Es war doch der Schiedsrichter, der ihn zuvor zu Freiwild erklärt hatte durch Nicht-Ahnden all der üblen Fouls an unserem Spielmacher. Da musste er sich aus reinem Selbstschutz die beiden Gelben abholen, der Charles, um den Platz halbwegs heil zu verlassen – denn was diese Truppe aus Meiderich da rumholzte, das war nicht schön.

Auch das Foul vor dem 2:1 – was ein Traumtor! – hat er nicht gepfiffen, stimmt schon. Der hatte halt auch den Baudrilliard vorher gelesen und war die ganze Zeit abgelenkt, weil er sich gar nicht entscheiden konnte, wem der 22 Männer auf dem Platz er nun folgen solle, um wieder Zauber in sein Leben zu bringen und sich nicht ins Endlose zu wiederholen. Wirkte etwas verpeilt, der Mann. Orientierungslos. Trotz lauter Hinweise von den Tribünen.

Das fanden sogar die Duisburger Zuschauer, dass die Schiedsrichterleistung eher mau war. Haben sich ja auch einen Elfmeter gefangen. Die waren nett, die nach dem Spiel vor der Domschänke. Genau so, wie man sich Leute aus der Ecke vorstellt -positiv angeprollt, angenehm selbstironisch, freigiebig beim Bier verteilen. Nur diese Arroganz gegenüber den Obernhausenern, die sollten sie sich mal wieder abgewöhnen. RWO ist ist schließlich einzige wirkliche Underdog im deutschen Fussball.

Diese blau geringelte Mannschaft da gestern auf dem Platz hatte solche Fans gar nicht verdient. Ich habe mich zwar im Nachhinein geschämt, in den Chor “Ihr seid ‘ne Schauspielertruppe!” eingestimmt zu haben, weil ich gegen Schauspieler ja gar nichts habe. Aber was gemeint war, das stimmte schon: Lauter tumbe Theatralik, überflüssiges Umfallen, peinliche Posen. Das hätte meinem Vater gar nicht gefallen.  Er wurde geboren in Meiderich und hat noch auf dem Weg zur finalen OP gefragt, wie denn der MSV gespielt hat. Glaube, mein Opa ist noch für die aufgelaufen. Und jetzt so eine unsympathische Mannschaft. Selbst Tiffert, die geile Sau, war angesteckt von dieser Suggestion des Fussballerischen. Hat sich halt bestimmen lassen von Leuten wie diesem Blonden mit dem Stirnband, der den Geknockten gab, als Charles vom Platz musste.

Aber was unsere Manschaft da treibt, in deren Hand ich mich immer mal wieder begebe, angesichts dessen wird mir mein Sein allmählich tatsächlich ganz geheimnisvoll. Unheimlich. Fremd. Schön!

Was eine Truppe!

Bin ja eh schon seit Jahren ganz teeniehaft  in Florian Bruns verliebt, jetzt aber in die ganze Mannschaft. Diese totale Hingabe an den heiligen Geist. Der wohnt ja unter dem Millerntorrasen, deswegen heißt der Platz nebenan “Heiligengeistfeld”. Wie sie ihre Verantwortung ganz an die Magie des FC St. Pauli delegieren, aber sowas von ganz und gar, von ihm diese Eruptionen von Fussballkunst empfangen, die aus ihnen herausplatzen und sich die Bahn in einer Energieleistung noch zu zehnt brechen, dass man aus dem so verursachten, kausal, Jubel gar nicht mehr heraus kommt – ja, wie sie einander folgen und sich vom Pass des Mitspielers besttimmen lassen, ganz den Willen und die Begierde derer auf den Rängen aufsaugend, hallelujah, das erlaubt plötzllich wirklich, mich nicht ins Endlose wiederholen zu müssen bei diesem Sauf- und Guck-Ritual alle zwei Wochen. Ein ganz neues Millerntorgefühl.

Schon dieses Hochgeschwindigkeits-Ballett da in Aachen, wir konnten es nicht fassen, in der neuen O-Feuer-Sportsbar sitzend und “Wir haben keine Gegner mehr – drum bringt uns Barcelona her!” singend.

Aber auch gestern trotz finalem Unentschieden:  “Es ist nötig zu sagen “Der andere existiert, ich bin ihm gefolgt”. Ja, Herr Baudrilliard, da hamse recht: In einen finalen Jubel ganz von Herzen. Denn das Herz von St. pauli, das ist meine Heimat, in Hamburg, da bin ich zuhaus.

Und auch die Schalparade vor dem Spiel zu “You’ll never walk alone” als Emphatie-Bekundung an den Schwerverletzten von Aachen: Andere laufen ja weg, wenn man gemeinsam singt – ich fand es richtig und angemessen und sehr, sehr schön.

Ein Anliegen haben ist schon völlig in Ordnung, so lange es um den Anderen geht.

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6 Antworten zu ““Der Andere ist, was mir erlaubt, mich nicht ins Endlose zu wiederholen” (Jean Baudrilliard)

  1. Pingback: Walk on — ☠ Camp Ring2

  2. momorulez August 24, 2009 um 10:37 vormittags

    Ich fand das ja schon ganz schön ergreifend …

  3. Pingback: Schalparade am Millerntor – You’ll Never Walk Alone | fussball lebt

  4. ring2 August 24, 2009 um 10:48 vormittags

    ich auch, vor allem die MSVer-Kurve, die ja geschlossen mitgemacht hat.

  5. momorulez August 24, 2009 um 10:50 vormittags

    Steckst Du hinter “Fussball lebt”?

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