Metalust & Subdiskurse Reloaded

Linksliberaler Scheiß und postmoderne Verführung

Veröffentlicht in Pop + Philosophie, Sichtweisen, Subjektivierungsweisen von momorulez am August 18, 2009

„Die Rezeption durch den Laien, oder vielmehr durch den Experten des Alltags, gewinnt eine andere Richtung als die des professionellen, auf kunstinterne Entwicklung blickenden Kritikers. Albrecht Wellmer hat mich darauf aufmerksam gemacht, wie eine ästhetische Erfahrung, die nicht primär in Geschmacksurteile umgesetzt ist, ihren Stellenwert ändert. Sobald sie explorativ für die Aufhellung einer lebensgeschichtlichen Situation genutzt, auf Lebensprobleme bezogen wird, tritt sie in ein Sprachspiel ein, das nicht mehr das der ästhetischen Kritik ist. Die ästhetische Erfahrung erneuert dann nicht nur die Interpretationen der Bedürfnisse, in deren Licht wir die Welt wahrnehmen; sie greift gleichzeitig in die kognitiven Deutungen und die normatven Erwartungen ein und verändert die Art, wie all diese Momente aufeinander verweisen.“

Jürgen Habermas, Die Moderne – ein unvollendetes Projekt?, in ders.: ebenso, Leipzig 1990,S. 50

Wohl wahr. War ja der Aufsatz von Habermas, mit dem er die Postmoderne-Debatte hierzulande verschärfte, indem er Derrida, Bataille und Foucault in einem Atemzug als „Jungkonservative“  der Gegenmoderne zuschlug. Bullshit, wissen wir heute, seitdem ich blogge, tauchen zwar immer mal wieder Ornithologen neokonservativen Geistes auf, ratzingern und adenauern vor sich hin und reiben sich an postmodernen Denkern, meiner Ansicht nach bestätigen sie nur, was diese kritisierten. Zudem es ja auch vernünftige Formen der Postmoderne-Kritik, gerade auf dem Feld der Kunst selbst, gibt.

Nichtsdestotrotz lohnt es, diesen Aufsatz wieder zu lesen, gerade weil Habermas hier souverän mit der Dreifaltigkeit der Geltungsansprüche manchem Klischee den Garaus macht, das auf je nur einem dieser 3 Pfeiler ruht,  um doch in der Alltagspraxis die analytische Trennung wieder in Bewegung zu bringen.

Denn es WAR kurios berührend, damals zu Zeiten, da ich noch Behindertenarbeit machen durfte, deren Rezeption von Popkultur zu erleben. Der, der der Orgel liebte, spielte Bachs „Tocata“ ganz genau so wie seine Kumpels den mich extremst nervenden Herrn Westernhagen verehrten. Für mich ja einer der schlimmsten Popkultur-Darsteller aller Zeiten, gegen den Voguing noch ein Spiel mit Inhalten war: „Freiheit“ als Begriff und Praxis leerte er analog zu manchen liberalen Blogs anahnd der Proklamation von Satzversatzstücken, dass das Ranzige der geronnenen Pose aus dem audiovisuellen Medium Fernsehen eine Geruchertragensübung machte.

Aber sie liebten ihn. Er bedeutet ihnen viel. Er sprach etwas an, was ihnen half im sich-zu-ihrem-zu-sein-zu-verhalten. Klar, eigentlich hat Westernhagen sie nur von der Weltrevolution abgehalten, und man hätte den Rollis wie mancher Blogger ein „Na, dann lauf doch mal mit beim Hundertmeterlauf!“ zuraunen müssen, um ihnen endlich die Realität jenseits der „Als-Ob“-Welten vor Augen zu führen.Fuck you.

Fast zerissen hätte es mich, als ich in der Vorweihnachtszeit mit ihnen „Das Phantom der Oper“ besuchte. Eine reine Effekt-Orgie, musikalischer Sondermüll, miesestes Hollywood auf der Bühne. Und doch saßen sie ergriffen neben mir, und es war offenkundig, dass sie sich mit dem entstellten Phantom identifizierten, das nur den grausamen Weg zu Nähe und Liebe suchen kann.

Erinnere mich bestens, wie empört ich war, weil ich’s so manipulativ fand. Dann jedoch kam die Szene, wo die Heldin am Grab ihres Vaters „Könntest Du doch wieder bei mir sein“ sang, und dummerweise war gerade 1 Monat zuvor mein Vater verstorben. Das hat mich ziemlich weg gefegt. Später hatte ich dann den schlimmsten Liebeskummer meines Lebens zu „Why, God, Why“, „I still believe“ und „The Movie in my mind“ aus „Miss Saigon“. Weil es mir dabei half, die Trauer überhaupt zuzulassen und nicht ganz abgeklärt all die Rationalisierungen, die nach etwas, das man als Scheitern und Versagen, kruderweise, erleben kann, mich hinzugeben:  „ich hab’s doch gleich gewußt!“, „ich hab’s doch eigentlich genau so gewollt“, „ich habe ihn nur vertrieben, weil ich genau so schlimm wie meine Mutter bin“ usw. – diese ewigen Zirkel, die sich dann drehen können, nicht müssen, als das konnte ich hinter mir lassen, wenn ich diese Musik hörte und einfach mal nur so litt, ja, es mir überhaupt zugestehen konnte, darunter zu leiden, dass meine große Liebe einfach wieder weg war. Hatte sich immerhin angefühlt wie eine Amputation, ja, „zu viel Nähe“, „Verschmelzungssehnsüchte“ hauchte mir dann der körpereigene Ornithologe ins Empfinden, „war doch nur ‘ne narzißtische Spiegelung“, ja, aber er war doch weg, und es tat so weh!

Ich habe eine Gesellschaftkritik nie verstanden, die ganz großspurig allseitige Entfremdung verkündet, aber nicht begreifen will, dass es auch Gefühle, Affekte, Stimmungen, Empfindungen sind, die das Material und Ziel der Befreiung sind. Auch „Gedankenfreiheit“ ist eben was, was Spaß machen kann, wenn man Dogmen hinter sich läßt und in neue Regionen vorstößt, spielt und probiert.  Der gute, alte Aristoteles hatte schon recht mit seinen Analysen von Lust und Unlust, so lange man nicht bei denen stehen bleibt.

Und das IST die Ebene von Popkultur. Überhaupt fühlen, tanzen, leben dürfen. Kunst macht was anderes und ist nicht minder wichtig.

Habermas gehört zu den Denkern, die das Emanzipatorische noch ernst nehmen. Deshalb hat er sich nie in die Pose der Distinktion begeben und der Alltagspraxis Raum gegeben. Hat noch solche Bezüge wie jene auf Albrecht Wellmer zur Kritik der eigenen Modelle genutzt – zudem er ziemlich prophetisch in seiner Diagnostik dessen, was „neokonservativ“ bedeutet, bereits 1980 die rechte Hälfte z.B. der Blogossphäre attackierte (und im Vorbeigehen dann halt auch ein paar Falsche traf).

„Ich zitiere einen besonnenen Beobachter des neuen Stils, den die Neokonservative in den 70er Jahren der intellektuellen Szene aufgeprägt haben: „Die Auseinandersetzung nimmt die Form an, alles, was als Ausdruck einer oppositionellen Mentalität verstnden werden kann, so hinzustellen, daß es in seinen Konsequenzen mit dieser oder jener Art von Extremismus verknüpft werden kann: so etwa stellt man eine Verbindung her zwischen Modernität und Nihilismus, zwischen Wohlfahrtsprogrammen und Plünderungen, zwischen staatlichen Eingriffen und Totalitarismus, zwischen der Kritik an Rüstungsaufgaben und Komplizenschaft mit dem Kommunismus, zwischen Feminismus, dem Kampf um die Rechte der Homosexuellen einserseits, der Zerstörung der Familie andererseits, zwischen der Linken und Terrorismus, Antisemitismus oder gar Faschismus.“ Mit dieser Bemerkung bezieht sich Peter Steinfels allein auf Amerika, aber die Parallelen liegen auf der Hand.“

Jürgen Habermas, Die Moderne – ein unvollendetes Projekt?, in ders.: ebenso, Leipzig 1990, S. 38

Fast scheint mir, die Anderen haben längst gewonnen. Zu massiv tauchen all diese neokonservatven Topoi nun auch auf der Linken auf – diese Gängelung von Zersetzung, Beliebigkeit, Denkoffenheit, Pluralität und nun auch noch der Vorwurf, man würde Traditionen ignorieren.

Auch das haben die Postmoderne und Habermas gleichermaßen dargestellt: Traditionen eignet man sich an, geht aktiv mit ihnen um, unterwirft sich jedoch nicht.  Verbleibt im Modus der Kritik, ohne christliche Selbstkasteiung fortzuschreiben, und gesteht sich Emotionalität und Intensität auch zu.

Gibt man all das preis, dann überlässt man den Neokonservativen das Feld und wird ggf. selbst einer.

2 Antworten

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  1. fashionrulez sagte, am August 23, 2009 zu 1:18

    Sehr feiner Artikel. Ich würde nicht zustimmen, daß nur Konservative Derrida und andere poststrukturalistische Denker kritisiert haben (an der Uni wimmelte es von Linken-Kritikern, die sagten, „also ohne Baudrillard braucht ihr hier erst gar keine Hausarbeit einreichen“, live Uni Heidelberg, Ethnologie um 1998). Der Rechtsruck an Unis und die Verehrung der Postmoderne (zugegeben ist das eher eine Mode, als daß alle tausende Seiten Derrida lesen würden) sind zeitgleich geschehen. Und da das so oft übersehen wird, schreib ich es auch in den 2.Kommentar dieser interessanten Seite.

    Was mir an diesem Artikel sehr gut gefällt, ist, daß nach jahrelanger Habermas-Draufhauerei (v.a. an der Uni, in „Cicero“, im „Zündfunk“ und in anderen konservativen Medien) Sätze wie dieser stehen: „Habermas gehört zu den Denkern, die das Emanzipatorische noch ernst nehmen.“
    Habermas hat, nachdem er – für mich zurecht, für Sie weniger – die durchaus deutlich sichtbaren, nicht „konservativen“, aber halt „coolen, indifferenten“ Seiten der Poststrukturalisten gut beschrieben hat, spätereinen sehr positiven Artikel über Deleuze geschrieben. Und er hat, nach den Artikeln gegen Derrida, 2003 einen gemeinsamen Aufruf mit Derrida in der konservativen FAZ veröffentlicht.

    Was bei Habermas’ früher Kritik meist vergessen wird, ist eines: Derrida war ein ungeheurer Rechthaber, der mit allen Streit anfing, die sich ihm nicht unterwarfen. Mit Gadamer, auf den er eifersüchtig war – Heidegger war beider Vorbild, und Gadamer war von Heidegger geschätzt, Derrida war Heidegger gar nicht bekannt, das Pech der späten Geburt. Mit Levinas (später in „adieu“ am Grab umgedreht, übrigens machen das manche Philosophen, die länger leben^^ – „einverleiben“…
    Mit Bourdieu, usw.
    Foucault nannte Derridas Art zu schreiben und zu diskutieren „terrorisme obscurantique“ (1983, da beide als Götter verehrt wurden, ist das ein meist unterdrückter Satz^^). Dabei war Foucault nun nicht gegen „die Vielfalt“ – er merkte nur, daß bei Derrida die Rechthaberei durchaus oft stärker war als die eigene „rhizomartige“ Denkweise, und daß Derrida durchaus zu gern Recht hatte.

    Das Schöne für alle später ist ja – siehe Hegel, Wittgenstein – daß man Bücher dann drehen und wenden und umdeuten kann. Nicht so, wie es die Postmodernen meinen, sondern so, wie es dann kommende Zeiten einfach wollen. War Hegel „Linkshegelianer^^ oder „Rechtshegelianer^^“. Wir wissen es nicht. Derrida hat sich zu Lebzeiten nie kritisch gegen die immer indifferenter werdende Schar von Fans geäußert, im Gegenteil, Derrida litt unter dem Gedanken, mal nicht mehr „number one“ zu sein (auch nicht unbedingt kompatibel mit manchen seiner edlen Gedanken). Aber das wird Leute in ein paar Jahrzehnten nicht stören. Wie mit Hegel wird man, falls man Derrida dann verehren wird, alles mit ihm erklären.

    Habermas hat um die 15-20 Jahre Dauerhäme abgekriegt. Langsam fangen die Leute wieder an, ihn einfach zu lesen. Die postmoderne Mode an der Uni ist noch lange nicht vorbei, aber eine neu entstehende Linke würde kaum grade auf die Mode-Philosophen der indifferenten, wohlhabenden FDP-Grüne-Piratenpartei-Studierenden mit ihren Popdiskursen zurückgreifen, glaube ich.
    Nochn Brüller aus dem Zündfunk, der auch so links tat, 1997-2006 (hör ich nicht mehr, als Linker bekommt man Magengeschwüre von dem neocon-Gesursel): „also daß die Linke nich mehr so stark iss, sieht man klar daran daß die beats jetz langsama werden“. Yo. Ganz klar. Daran sieht man das. Nicht etwa daran, daß Sender wie der Zündfunk jahrelang Linke „bashten“. Nö. An den bpm siehste das. Yo.

  2. momorulez sagte, am August 23, 2009 zu 3:06

    Lustig, weil mir hier immer rübergeschoben wird, genau das zu sein:

    „Mode-Philosophen der indifferenten, wohlhabenden FDP-Grüne-Piratenpartei-Studierenden mit ihren Popdiskursen“

    Was meinem Selbstverständnis nun allerdings auch gerade nicht entspricht.

    „Habermas hat um die 15-20 Jahre Dauerhäme abgekriegt. Langsam fangen die Leute wieder an, ihn einfach zu lesen.“

    Ja, mir scheint es auch, dass es bei manchen wieder so ist.

    Die Dauerhäme fand ich immer ungeheuer fies, auch, weil die ja nun aus allen Ecken gleichzeitig kam: Von „Frankfurter Orthodoxen“, die ihm Adorno-Verrat vorwarfen (und das auch in diesem Blog immer mal wieder tun), von der ganzen poststruktralistisch-feministischen Fraktion, von den Konseravtiven eh, die ihm die Rolle im Historikerstreit nicht verzeihen konnten, von den Systemtheoretikern, von den „richtigen Sprachanalytikern“ usw.

    Sein späteres Zusammengehen mit Derrida gehört tatsächlich zu den Punkten, die keiner mehr auf dem Zettel hat.

    Was Derridas Eitelekeit betrifft, da kenne ich mich nicht so aus. Dass er und Foucault sich seit dem Streit um Descarstes (?) nicht grün waren, hat aber tatsächlich sehr tief sitzende, philosophische Differenzen zum Grunde.

    „Der Rechtsruck an Unis und die Verehrung der Postmoderne (zugegeben ist das eher eine Mode, als daß alle tausende Seiten Derrida lesen würden) sind zeitgleich geschehen.“

    Als ich so studierte (‘88-’95), war das noch nicht unbedingt Rechtsruck,aber eine massive Entpolitiserung. Vor allem die Frage nach der Ökonomie war weg. Lese aktuell immer mal über Filmtheorie und bin schier entsetzt, was diese ganzen semiotischen Ansätze da veranstalten. Dass alleine schon auf der Ebene der Finanzierung eine institutionelle Struktur spätere Inhalte determiniert, das denken die schon gar nicht mehr. Da gibt es auch keine soziale Praxis, nur Umgang mit Zeichen. Ganz finster …

    „„also daß die Linke nich mehr so stark iss, sieht man klar daran daß die beats jetz langsama werden”.“

    :-D


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