“In seiner Auseinandersetzung mit dem Problem des Undarstellbaren hat der selbstkritische und selbstreflexive Diskurs der Kunst neue Begriffe bildhafter Präsenz erarbeitet: Die Präsenzen, die die Kunst der klassischen und nachklassischen Moderne zeigen, lassen sich weder auf die Identität noch auf die Repräsentation reduzieren, sondern zielen darauf, Prozesse begrifflich uneinholbarer Heterogenität zugänglich zu machen. Bilder von nicht mehr weiter reduzierbarer Elementarität der bildnerischen Mittel kennzeichnen folglich einen radikalen Bruch mit Mimesis und Narration. Entsprechend grenzen sich ästhetische Bildbegriffe, die sich von diesen Bilderfahrungen der Moderne herleiten, in der Regel von Theorien ab, die Bilder als bloße Informationsträger behandeln. Sie stützen sich dabei auf einen Begriff von ästhetischer Erfahrung, in der Bilder eine Gegenwart eröffnen, die im Selbstpräsentwerden von zuvor Ungesehenem besteht.”
Klaus Sachs-Hombach & Eca Schürmann, Philosophie, in: Klaus Sachs-Hombach (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden, Frankfurt/M. 2005, S. 119
Soooo habe ich das noch nie gehört: Wissen, Ohren und das Archiv in mir. Also, diese Details in dem “How Deep is your love” der BeeGees, die waren mir neu. Weil ich meistens das Bild von John Travolta in der New Yorker U-Bahn aus dem Film vor Augen habe, als er liebeskummergebeugt den Sprung von Brooklyn nach Manhattan mittels Frau nicht schafft, wenn ich dies Pop-Kleinod genieße. Und jetzt schiebt sich da plötzlich so ein Steely Danscher Rhythmus ins Lied, ein bißchen klingend wie einprogrammiertes Orgel-ChaChaCha von Entertainern inmitten drittklassiger Animateure auf der Bühne neben der Terasse hinter dem Hotel in Touri-Klitschen an mediteranen Stränden, und akustischer Sternenstaub rieselt so grandios – ein Barpiano mit glockenklarer Textur erhebt sich kurz vor dem Finale, wird vordergründig, und es ist vollbracht.Tusch.
Gucke noch mal nach; ist tatsächlich ein Remix, gar nicht das “Original”. Verschiebungen im Sound-Gefüge akustischer Giganten, die von Zeichenbergen überschüttet manch Omnipotentem in seiner Kraftmeierei sich nur noch als Impotenz erschließen. Ach, was liebe ich Monteverdis Kontra-Tenöre – und John Cage hat ja auch mittels I Ging komponiert.
Die Subjekt-Objekt-Spaltung ist Unsinn, weil es kein Subjekt ohne Objektbewußtsein gibt, schrub Husserl. Über den doppelten Sinn von Sinn des “animal symbolicon” forschte Ernst Cassirer, und Deleuze verweist in seinem Kino-Buch-Zweiteiler darauf, dass die Semioten, Semiologen und Semiasten beim Bild des Kinos das Entscheidende verfehlten: Dass es sich bewegt. “In-der-Welt-Sein”, diese Denkfigur Heideggers ist wohl unhintergehbar, aber ist das Zeichen dann ein Bruch, etwas, das sich über andere Dimensionen der Erfahrung lagert? Oder ist Zeichenerfahrung und Handeln mittels derer nicht selbst schon ein Modus des In-der-Welt-Seins neben anderen?
Wir sehen Gestalten, Gesamtheiten, Formen, sagt die Gestaltpsychologie. Erst die Form der Skulptur, dann, was die 3 Affen nicht sehend, nicht hörend, nicht sprechend uns bedeuten wollen, erfassen wir.
Ist nun jede Form ein Zeichen? Ich sehe doch erst den Affen und nicht eine Skulptur, die für 3 Affen steht im Sinne der “Aboutness”.
“Wenn wir beim Lesen nicht Einzelmarkierungen, sondern Konfigurationen und Relationen sehen, so ist zugleich klar, dass wir in einer empirischen Konfiguration etwas Allgemeines sehen. Wir sehen in einem geometrischen Diagramm nicht einfach einen Kreis, sondern DEN Kreis, identifziert als eine mathematische Entität, die mit dem empirisch auftretenden Kreis nie zu Deckung kommen kann.”
Sibylle Krämer, Operative Bildlichkeit. Von der “Grammatologie” zu einer “Diagrammatologie”? Reflexion über erkennendes Sehen , in: Martin Häßler, Dieter Mersch (Hg.), Logik des Bildlichen, Bielefeld 2009, S. 102
Guter, alter Platon. Mal wieder den Menon lesen. Und was sehe ich, wenn ich mir ein Pollock-Bild angucke? Dem Besonderen Raum verschaffen. Und was bedeutet mir ein Kreis?
Will gar nicht polemisieren gegen Denotation und Konotation und Code und Text als Analyseinstrumentarium; ohne Narrationen lebt man nicht. Aber die Unterscheidung, dass man ein Bild ALS Bild oder das IN IHM sehen kann – “man sieht etwas, man sieht etwas ALS etwas, man sieht etwas IN etwas”, Martin Seel - , wahlweise, die hilft nicht wirklich weiter. Auch nicht Deweys Erkenntnis, dass eine Erfahrung erst eine Erfahrung ist, wenn sie geschlossen, abgeschlossen ist, dann wären Erfahrungen Bilder, die man ins Album des eigenen Lebens abheftet, aber so ist es ja nicht. Dann wäre ein Bild eine Nahtoderfahrung, gibt ja diesen Mythos von den Indianern, die sich nicht fotografieren lassen wollten, weil das ihnen die Seele raubte.
Auch wenn Marc Almond auf seinem epochalen “Torment & Torrereos”-Album mit den Mambas schreibt, dass es ein Wunder sei, dass sie die Aufnahmen überlebt hätten angesichts der Intensität des Auslotens der eigenen Qualen und Untiefen: Diese akustischen Bilder – hähä, sind ja gar keine – leben ja nicht davon, dass sie abgeschlossen sind und die Songs einen Anfang und ein Ende haben. Die Kraft der “Demoiselles d’Avignon” erhebt sich immer neu beim Betrachten in seiner Unabgeschlossenheit, selbst wen Picasso mit dem Bild eines Tages fertig war. Und ob da nun afrikanische Masken zitiert werden und der Titel auf Nutten im Wirthaus verweist: Das sagt mir nichts über die Erfahrung, die ich immer neu mit diesem Bild machen kann.
Ich verstehe doch auch van Goghs Bilder nicht, wenn ich an potenziellen Wahnsinn denke oder mir vorstelle, was er gefühlt haben könnte, als er diese Furchen aus Farben hinschlug als Sich-Aufbäumender in ihre Reliefhaftigkeit, diese strukturale Methode ohne Sem und Mem, die eben In-der-Welt-Sein auch mir ermöglichen, das sich verschiebt – und das sein In-der-Welt-Sein im Moment des Malens war.
“And I had to follow you, though you did not want me to” – singen die BeeGees gerade in ihrem “Blame it on the Nights On Broadway”. Damals dutfte man da ja noch tanzen. Dafür braucht es heute ganz besondere Lizenzen. Wohl, um der Entkunstung der Kunst einen Riegel vorzuschieben. “Even if it takes forever . Even if it takes a lifetime”, ach, oweh, Chöre, so auf den Punkt, und wer glaubt, die MEINTEN das, was sie singen, der hat sie nicht verstanden. Singt sich halt gut. Stimmung als Modus der Welterschließung: Auch Heidegger.
Ach, oweh, Levinas und Baudrilliard und der Andere, dem man folgt. Die Spur des Anderen lesen in den Sedimenten und Aktualisierungen seiner Erfahrungen, die akustisch, visuell und zeitlich von mir erschlossen sein wollen, wenn er das will. We shall Overstolz.
Letzte Kommentare