Die machen auch vor gar nix halt, die Abschöpfer:
“”Jazz ist ein wunderbares Modell für Management”, sagt August-Wilhelm Scheer, “weil eine Jazzgruppe mit einem Minimum an Regeln ein Höchstmaß an Kreativität erreicht.”"
Kann man für solche Statements nicht auch ‘nen Straftatbestand einführen? Irgendwas analog zur Volksverhetzung, nur nicht ganz so schlimm?
Ja, auch mir fällt auf, dass der Mann nicht nur den Jazz, sondern auch Lyotard missbraucht und vergewaltigt, und sowas hat Hektor Rottweiler in seinem berühmten Aufsatz “Über Jazz” gemeint. Der schrub:
“Der objektive ist mit einem subjektiven Ausdruck fourniert, der ihn nicht beherrschen kann und darum konstitutiv lächerlich-jammervoll wirkt. Die Züge des Komischen, Grotesken, auch Analen, die dem Jazz eignen, lassen darum von den sentimentalen sich nie trennen. Sie charakterisieren eine Subjekivität, die gegen eine Kollektivmacht aufbegehrt, die sie doch selber “ist”; darum erscheint ihr Aufbegehren lächerlich und wird von der Trommel niedergeschlagen wie die Synkope von der Zählzeit. Erst Situationen, denen die Ironie, gleichgültig wogegen, und der Ausdruck der Subjektivität, gleichgültig welcher, suspekt ist, können diesen Klang nicht mehr dulden. Dann tritt an seine Stelle der militärisch edle, teuflisch wollautende der symphonischen Jazz-Märsche, dessen blanke Geschlossenheit nicht einmal den Schein des Menschlichen mehr in seine Lücke läßt. Dann hat der Jazz nach den Polen seines Urspungs sich aufgespalten, während in seiner Mitte die Hot-Music, zu verfrühter Klassizität verdammt, ihr schmales Spezialisten-Dasein führt. Dann aber auch ist der Jazz nicht mehr zu retten.”
Hektor Rottweiler, über Jazz, in: Kritische Kommunikationsforschung, Aufsätze aus der Zeitschrift für Sozialforschung, München 1973, S.102-103
Herr Rottweiler schrieb das 1936, also auf Swing und Dixieland, Cab Calloway und Louis Armstrong reagierend, ganz, als würde er geahnt haben, das August-Wilhelm Scheer eines Tages seine 3000 Mitarbeiter mit solchen Sprüchen quälen und malträtieren würde; denn merke: Das gilt ja nur für’s “Management”, die Führer; nach mehrstündigem “Kundenkontakt” am gestrigen Tag, wirklich nette, kompetente Menschen, ist einmal mehr mir klar geworden, dass “Kreativität” und Verwertungslogik in keinem Fall Hand in Hand spazieren gehen, was nicht heißt, dass aus kreativen Prozessen Enstandenes nicht vermarktbar sein könnte, aber zumindest in meinem Bereich immer nur in Grenzen, da seien gesellschaftliche Macht- und Gewaltverhältnisse, jawollja, vor.
Diese selbstgefälligen Lügen auf Belegschaften einprasseln zu lassen, die Willkür der Herrschenden einzufordern, um das Korsett des Abschöpfens nur noch viel enger schnallen zu können, ist ungefähr so, als würde der Papst sich auf Jesus berufen; wer jemals dem Driften, Fließen, Suchen, Verzweifeln kreativer Prozesse sich hingegeben hat, diesem zeitlosen In-Situation sein, das jeder Messbarkeit und jedem “Lohnhöhe ist an die Produktivität gekoppelt”-Terrorismus sich notwendig entzieht und plötzlich FARBEN sieht und KLANG und TÖNEN in der Raumzeit lauscht, sich hingibt und bestimmen läßt von dem, worauf man sich bezieht, der wird wissen, worin die fundamentale Menschenrechtsverletzung solcher Slogans liegt.
Kreativität ist wie abends noch das Verblühte von Petunien zupfen und dabei ganz in dieser Handlung aufzugehen, nachdem die “SEI KREATIV! ABER BITTE NICHT ZU SEHR! UND SO, WIE WIR DAS WOLLEN! VOR ALLEM: FORMATIERE!”-Imperative (formatieren heißt in anderen Kontexten “Stil”) den ganzen Tag auf Dich einprasselten; bei guten Jazzern hört man das, den Prozess, nicht das Ergebnis, das Produkt.
“Ihm ist klar, dass der Begriff “Improvisation” in der Wirtschaft eher negativ besetzt ist; er komme vor allem ins Spiel, wenn sich Planung als falsch erweise. Doch im turbulenten Umfeld von heute – vor allem in der IT-Industrie – sei es oft gar nicht mehr möglich, Pläne zu machen. Vielmehr müsse auf neue Entwicklungen und Stimmungen reagiert – also improvisiert – werden, schreibt Scheer. Das funktioniere dann besser innerhalb einer Gruppe mit flacher Hierarchie und hohen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten (…)”
Entfaltungsmöglichkeiten? Was ist das eigentlich für eine hirnrissige Metapher? Wie die Serviette sein ganz kurz vorm Diner?
Wessen Schweißperlen und Lippenstift man dann zu ertragen, aufzusaugen hat, das ist ja bekannt, immerhin wurden deren Vermögen gerade von der anderen Seite der Abschöfpung, Steuern halt, bestens gestützt … nee, wer sowas proklamiert, der will doch nur, dass Hartz IV-Empfänger noch mehr bluten: Dass die blanke Geschlossenheit der Disziplinen nicht einmal den Schein des Menschlichen mehr in seine Lücke läßt.
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