Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wie produzieren herrschende Verhältnisse Bilder?

“Das Einzige, was mich immer interessiert hat, ist, eine Begrifflichkeit von den herrschenden Verhältnissen zu haben, von den Bildern, die sie produzieren. Oder als Maler herauszufinden, wie wirkungsmächtig Bilder sind und in welchem Rahmen sie funktionieren, ideologieübergreifend. Man sagt ja, dass der Maler dümmer ist als andere Künstler, weil er mit einem Medium arbeitet, das ihn weniger zur Reflexion zwingt. Gute Malerei findet immer unter Einbeziehung der Mediendebatten drum herum statt, der Debatten über das Foto, das Kriegsbild und so weiter. Die meisten Maler interessiert das aber gar nicht. Die beschäftigten sich nur mit malerei-immanenten Dingen und mit ihren Vorlieben, deswegen ist die meiste Malerei auch so doof, und die meisten Maler sind auch doof. Tut mir leid.”

Hat er da recht, der Daniel Richter? Und wann und warum hat er da recht, wenn er recht hat?

Ist es auch auch nur ein weinerliches “Zurück zur Natur”, albernes Entfremndungsgedusel, peinliche Kritik des “Gestells”,  die Bewegung des Pinsels auf der Leinwand, die Praxis des Riechens, Guckens, Spürens beim Panschen in Ölfarbe oder dem Pinselstrich mit asiatischer Tusche, den Einsatz des Körpers und des Sehens als sich-entziehende Praxis in Relation zum Diskursiven und all den digitalen Bilderfluten selbst als Kritik zu begreifen? Als von mir aus regressive Wiedergewinnung der Fingerfarbe aus Kindertagen, doch angefüllt mit Sinn- und Unsinn des eigenen, alltäglichen Geplappers, Verwertungslogik folgend, dem man dann dergestalt entrinnen möchte?

Langsam, ganz langsam, taste ich mich auf den wundervollen Brief Marc Aurels an Fronto heran, gaaaaanz langsam … der läßt mich nicht mehr los, schmecke weißes Brot und Oliven. Und muss jetzt wieder los zum Geld verdienen. Würde ich da arbeiten, wie ich male, wäre ich längst obdachlos …

19 Antworten auf Wie produzieren herrschende Verhältnisse Bilder?

  1. lars Juli 30, 2009 um 11:08 am

    Wieso eine sich ent-ziehende Praxis in Relation zum Diskursiven? Richter sagt doch, dass Malerei dann gut ist, wenn Sie für Debatten anschlußfähig ist. Ist geradenach eine Luhmann’sche Konzeption des Kunstbetriebs.

  2. momorulez Juli 30, 2009 um 12:47 pm

    Ja, da opponiere ich ja gerade gegen …

  3. lars Juli 30, 2009 um 4:58 pm

    Ah, jetzt verstehe ich Deinen Text. Bin heute nach einem ganzen Tag Klausurenkorrekturen aber zu blöd, um noch anständig denken zu können.

  4. momorulez Juli 30, 2009 um 5:45 pm

    War ja auch ein wenig kryptisch – habe nach Bersarins gestriger Antwort gegrübelt, wieso neben der üblichen Berliner Komplexkompensation, dass da immer viel heiße Luft produziert wird und hinten dann doch nur MIA, Sido, Bushido, Norbert Bisky und Martin Eder bei rauskommen (allerdings auch Peter Fox), und der daraus resultierenden Überheblichkeit, die sind ja mittlerweile schlimmer als Pariser ;-) , so, der Teil wäre erledigt, wieso man tatsächlich Aversionen gegen “das, was aus Hamburg so kennt” (bei Westbam waren das immer die Popper) entwickeln kann.

    Und da fiel mir dann das Interview mit Daniel Richter wieder ein, weil er da auf die Hamburger Szene explizit Bezug nimmt. Ich mag dessen Bilder sehr, finde die auch richtig gut, aber was er so daher redet, das ist tatsächlich ambivalent typisch für bestimmte Szenen hier rund um die “Hamburger Schule”.

    Dass man sich z.B. rund um Tocotronic, die ich im Gegensatz zu Die Sterne super finde, auf so einen blöden Begriff wie “Diskurspop” verständigen konnte, das ist mir ein Rätsel.

    Und manches ist wirklich zu, na, krude gewollt pfiffig und einmal zu viel verbal verschwurbelt, und dem kann das “Werk” dann oft nicht standhalten.

    Kann man freilich über vieles, was ich hier so schreibe, ja atsächlich ganz ähnlich sagen, obgleich ich in ganzen Diskussionsrunden meistens unterwegs war. Bin allerdings seit 2 Jahren oder so gut mit ‘nem langjährigen Freund von dem Daniel befreundet, der mitten inder “Hamburger Schule” steckt, und das ist im Gegensatz zum bisher Geschriebenen nun wieder der inspirierendste Diskussionspartner aller Zeiten. Hat seine zwei Seiten, die hiesige “Diskurskultur”.

    Und beim Weitergrübeln machte das Zitat oben eher klar, was ich da trotzdem NICHT mag in den Diskussionslagen und habe an meine eigene, jämmerliche Kunstproduktion gedacht, die ich immer gerade jenseits und weitesgehend unabhängig von “Mediendebatten” verortet hätte (trotz dilettantisch gemaltem Senderlogo oben rechts im Bild ;-) ), eben von der Praxis des Malens her – und bei denen ich jede Anschlussfähigkeit an aktuelle Diskussionslagen geradezu grauenhaft und verfälschend fände.

    Das mediale Bild hingegen, das man SIEHT, nicht das, über das dann rumdiskutiert wird, das finde ich wichtig. Malen ist doch Sehenlernen, und da hat der Daniel schon einen guten, an Pop geschulten und doch gebrochenen BLICK. Der hat da ja vieles aus Grafitti heraus entwickelt, setzt auch massivst Effekte ein, aber genau das ist ja der Bruch.

    Was dann alles aber natürlich nur die eine Seite ist, weil diese hiesigen Diskussionszusammenhänge mir allemal lieber sind als vieles Geblubber andernorts.

    Das wäre dann der nächste Eintrag, weil ich jetzt nicht in die Falle tappen wollte, wirklich auf dieses Berlin–Hamburg-Thema mehr als im Einstieg einzugehen; wir sind uns hier ja eigentlich selbst genug und deshalb auch eher zu Selbstkritik bereit ;-) – nach diesem insofern kritischen Einstieg kommt demnächst dann der Richter-Fan-Beitrag!

  5. T. Albert Juli 30, 2009 um 6:48 pm

    Find ich blöd, was Richter sagt. Selbst dummer Maler. Ausserdem ist doch, was er fordert, überall zu besichtigender Alltag, alles malt Figürchen von Fotos, die irgendwie der Malerei zu Engagement verhelfen sollen, als wäre sie dazu geeignet. HIstorienmalerei hört ja nicht auf solche zu sein, nur weil sie sich nicht als affirmativ versteht. Dass Fotos thematisiert würden, als vermittelte Wahrnehmung, kann ich ausser bei Gerhard Richter, kaum wahrnehmen. Das ist aber Meilen fern von abgemalten Fotos.
    Gute Malerei braucht die Mediendebatten nicht als Bezugspunkt, sie braucht Wahrnehmungsfähigkeit und die Freiheit des Betrachters, auch seine kritische Handlungsfähigkeit.
    Dann gibts auch keine nach Fotos abgemalten Kriege mehr.

  6. momorulez Juli 30, 2009 um 7:38 pm

    T. Albert ist wieder da! Jubel!

    Mann, habe ich mich gerade gefreut, als ich mich eingeloggt habe! Schön! Willkommen!

    “Gute Malerei braucht die Mediendebatten nicht als Bezugspunkt, sie braucht Wahrnehmungsfähigkeit und die Freiheit des Betrachters, auch seine kritische Handlungsfähigkeit.”

    Ja, meine ich auch.

    Habe ja auch lange gegrübelt, seitdem Du damals das Zeichnen als Denken beschrieben hast, um dann irgendwann festzustellen, dass ja selbst ich Hobbymaler das mache, wenn ich hier loslege.

    War für mich ein ganz nachhaltiger Aha-Effekt.

  7. Bersarin Juli 30, 2009 um 8:15 pm

    Nur ganz kurz: Tocotronic finde auch ich Meilen besser als die Sterne. Völlig d’accord. Und der Begriff Diskurspop ist ein Verlegenheitsbegriff, triff wohl auch eher auf Blumfeld zu, dachte ich. (Aber ich bin ja nur neu in der Hamburger Schule.)

    Oh, hätte ich doch nichts zu Hamburg und Berlin geschrieben. Ich hasse nämlich diese Debatte/Kontroverse Berlin – Hamburg: Spielglein, Spieglein an der Wand. Und ich habe ja in meinem Beitrag auch viel Lob zu Hamburg gefunden. Das ist einfach eine schöne Stadt. (Und es soll da ja auch einen guten Fußballclub geben ;-) ).

    Grüße nach Hamburg

    (Mit Paris fühle ich mich übrigens auch sehr, sehr verbunden.)

  8. che2001 Juli 30, 2009 um 8:41 pm

    Hi T.Albert, das ist ja schön, Dich wieder zu lesen! Sei geherzt!

  9. T. Albert Juli 30, 2009 um 8:58 pm

    Hi! Ich herze alle zurück!
    Aber ich sags Euch, allzuviel wirds nicht geben, ich habe zuwenig Zeit. Ich sage nur noch was zu Malerei. Am liebsten nur noch zu Zeichnung. Literatur ist schon zu viel verlangt, auch wenn immer wieder diese Engagement-Forderungen an die Literatur in Entsprechung an Malerei gestellt werden. Hat sich aber schon Sartre in Was ist Literatur? gegen verwahrt. (Hoffe, das jetzt richtig in Erinnerung zu haben.)
    Was Richter sagt, ist ja auch deswegen doof, weil er sich unbeabsichtigt ein bisschen vorführt: woher kommen denn die malerischen Mittel seiner engagiert sein sollenden Malerei? Dies Geschliere, die runterlaufende Farbe, die absichtlich schmierigen Lasuren undso? Und der setzt das ja auch noch alles überaus kalkuliert ein, wie so viele figürliche Maler momentan.

  10. Loellie Juli 30, 2009 um 8:58 pm

    Ha, typisch, kaum hab ich ne halbe Stunde vorher wütend die Tür hinter mir zugeknallt, traut Der sich wieder rein.

    Hoi, Salu

    und tschüssssssssssss………….

  11. momorulez Juli 30, 2009 um 9:06 pm

    @Bersarin:

    “Oh, hätte ich doch nichts zu Hamburg und Berlin geschrieben. Ich hasse nämlich diese Debatte/Kontroverse Berlin – Hamburg:”

    Ja, ich ja auch ;-) – hoffe aber, dass nicht entgangen ist, dass es mir eigentlich auch ziemlich schnurz ist, ich mag ja Berlin und bin wirklich gerne da (nur in “Mitte” nicht mehr – ab Fischerinsel ist dann aber wieder alles in Ordnung. Und am Kupfergraben auch).

    Hatte nur vor dem Umzug meines ehemaligen Arbeitgebers dorthin JAHRE zu ertragen (und danach dann auch noch ein paar, so als kleines gallisches Dorf in einem Weltimperium, sozusagen), wo ich mit einem “Berlin is the place to be!” mit einer Penetranz überschüttet wurde, dass manche Reflexe noch sitzen.

    Bin halt lieber hier geblieben, weil ich diese Stadt heiß und innig liebe und nirgends anders leben möchte, tatsächlich auch wegen des Fussballvereins, der mir, mich selbst erstaunend, immer wieder neu, wirklich sehr viel bedeutet; war aber nie eine Entscheidung gegen Berlin, gar nicht.

    Womit wir das Thema tatsächlich abschließen können ;-)

    Und mit Blumfeld konnte ich nie viel anfangen, ganz seltsam. Und diese Frage nach bestimmten Hamburger Diskussionszusammenhängen ist ja relevant, wenn man sich mit Daniel Richter beschäftigt.

    Paris liebe ich sehr, diese Stadt ist großartig und soooo schön – aber arbeite mal mit Parisern zusammen, die sich für die ästhetische Avantgarde halten: Das macht wirklich irre.

  12. T. Albert Juli 30, 2009 um 9:19 pm

    Etwas muss ich noch sagen: Tschechow – Cezanne, das ist mir auch ein Thema des Nachdenkens geworden. Wahrscheinlich liegt nämlich dort der Punkt, von dem aus die Entwicklung des genau gegenteiligen dessen, wovon Richter spricht, möglich wurde – der wiedererlangte nicht ideologische Blick auf die Dinge. Vielleicht war es auch nur der eine Punkt, das weiss ich nicht. Aber Cezannes befreiter Blick, oder sein Versuch dazu, führt natürlich zu Malerei, die sich selber so behandelt wie Cezanne die Objekte, die er sieht.

  13. momorulez Juli 30, 2009 um 9:21 pm

    @T. Albert:

    “Aber ich sags Euch, allzuviel wirds nicht geben”

    Schade :-(

    “Und der setzt das ja auch noch alles überaus kalkuliert ein, wie so viele figürliche Maler momentan.”

    Aber das ist doch Sinn und Zweck. Der thematisert doch ziemlich explizit kalkulierte Effekte, teilweise so massiv, dass es weh tut, weil es Dich anschreit, wenn Du davor stehst, und das ist ja nun auch ‘ne Zeitdiagnostik, die ich aus meinen sonstigen Welten ziemlich gut kenne. Diese seltsam morbiden Schlierenmenschen sind ja immer auch ihre eigene Karrikatur, auch die der malerischen Mittel … und sehen trotzdem schweinecool aus, auch ‘ne Aussage, eine visuelle, die eben keine BOTSCHAFT ist.

    Womit ich mir zwar gerade selbst widerspreche, aber macht ja nix ;-) … und wenn ich dann diese Magenta-Bäume in seinem Bild “Süden” sehe, dann fängt das trotzdem auf einmal was ein, was gerade in dem Überborden des Kalküls ein Fenster aufmacht zu eigentlich ganz tradierten Formen und “Feelings”, das dann gut tun … mir zumindest. Ist ja auch eine Key-Farbe, Magenta ;-)

    Habe aber gerade mal wieder bei Dir gelinst, und war ganz angetan – toll. Finde ich wirklich richtig toll.

  14. momorulez Juli 30, 2009 um 9:30 pm

    @T. Albert:

    “Etwas muss ich noch sagen: Tschechow – Cezanne, das ist mir auch ein Thema des Nachdenkens geworden”

    Jetzt haben wir parallel getippt – ja, ich finde, dass man das sieht. Und das ist dann halt eine viel weiter gehende Fragerichtung:

    “der wiedererlangte nicht ideologische Blick auf die Dinge. Vielleicht war es auch nur der eine Punkt, das weiss ich nicht. Aber Cezannes befreiter Blick, oder sein Versuch dazu, führt natürlich zu Malerei, die sich selber so behandelt wie Cezanne die Objekte, die er sieht.”

    Da bleibt ein Richter im Gegensatz dazu immanent und stellt sich nicht daneben, um wieder gucken zu können, mal flapsig gesagt, das stimmt.

    Der Tschechow-Cézanne-Weg ist da auch der viel, viel schwierigere, weil man dann ja gegen “Entfremdungsdenken” anmalen (Tschechows malt eigentlich auch, das ist keine literarische Raumzeit, in der er sich bewegt in seinen Dramen) muss, um trotzdem da hin zu gelangen, wo die dann waren.

    Und genau darin sehe ich diese ungeheure Wucht der Cézanneschen “Harmonie PARALLEL zur Natur”, die eben trotzdem “wahrnehmungstechnisch” unvereinnahmt bleibt.

    Wie doll das ist, merkt man immer daran, dass man die Worte nicht findet, weil die sich da gar nicht reinbegeben können …

  15. T. Albert Juli 30, 2009 um 9:46 pm

    Hoi Loellie!

    Was meinst Du? Ich war doch hier noch nie drin, und überhaupt seit Oktober draussen.

    @momorulez
    ja, klar, das ist Sinn der Sache. Drum versteh ich die Rede gegen doofe Malerei-Maler nicht.
    Wenn ich die mal zusammensehe mit seinen Bemerkungen über den neokonservativen Rauch und den rückwärtsgewandten “antiavantgardistischen” Diskussionen, in denen ich selbst stecke, kriegt sie was kleinliches, gefälliges. Die Rede.

  16. momorulez Juli 31, 2009 um 8:49 am

    Ja, hast recht.

    Ich mag dessen Bilder aber trotzdem ;-)

  17. Loellie Juli 31, 2009 um 11:45 am

    @T. Albert
    “Was meinst Du? Ich war doch hier noch nie drin, und überhaupt seit Oktober draussen.”

    Ja, deshalb.
    Ich mein dass ich eigentlich ja auch garnicht hier bin, seit bald einem Jahr und schon längst wieder weg sein wollte … wenn die sich nicht so tollwütig an mir festgebissen hätten und das mir die Beisserei kurz vor deiner Meldung ermüdend langweilig wurde.

    Und weil es mich freute von dir zu lesen, musste ich trotz des bereits erfolgten Abschieds noch einmal reinwinken!

  18. che2001 Juli 31, 2009 um 4:42 pm

    Wer sich hier an wem tollwütig festgebissen hat stellt sich mir um 180Grad entgegensetzt dar, das noch mal zum Abschied, nevertheless.

  19. Loellie Juli 31, 2009 um 5:13 pm

    Das ihr das im hohmannschen Geiste anders wertet erklärt sich von selbst.
    Tu uns beiden den Gefallen, bleib an deinem anderen Ufer und quatsch mich nie wieder an.

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