Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Imagination versus Dokumentation – geht das?

Die Artikel von Bersarin und jener von  Harmut beschäftigten mich ja nun inhaltlich gewissermaßen lange schon, bevor sie geschrieben wurden; Kuriosum, dass Hartmut ausgerechnet Mühsams “Revoluzzer” auspackt, und das deshalb, weil die Fragestellung mir eben damals, als ich mir den entdeckte (mochte immer das Gedicht vom Pilger, der sein Ziel nicht kennt, am liebsten), auch erstmals akut in Theorie und Praxis einfloss und im Grunde genommen den Rahmen vieler meiner Handlungen seitdem umreißt.

War das Buch “Die verbrannten Dichter” (google ich noch als Nachtrag), das mich dazu brachte – wo ein Ernst Toller, eine Else-Lasker Schüler, ein Erich Mühsam mir erstmals über den Weg liefen und mich nachhaltigst und bis heute inspirierten.

Meine damalige Parteinahme für die Expressionisten – kennt noch jemand August Stramm? Sensationell! – wurde an Mühsam zwar gebrochen, zu selben Zeit lasen wir im Deutschunterricht jedoch ein Buch aus der Reihe “Die neue Frau”, “Die Taxifahrerin”, ein französisches, sozialistisch-realistisches Quasiromanwerk mit dokumentarischem Anspruch.

Was habe ich mich, wie ein Rohrspecht, als Zwölftklässler, über dessen Mangel an Fantasie und Ästhetisierung ereifert, über den Versuch, ein schlichtes Abbild von Wirklichkeit erzeugen zu wollen – und ich glaube bis heute, ich tat das zu recht. Aber warum eigentlich?

Vielleicht ist B. Travens “Das Totenschiff” und dessen Verfilmung (ganaaaaaanz großartig!)  da wirklich ein guter Gegenstand, das zuzuspitzen – nicht umsonst beginnt Deleuze auch sein “Kino 2″ mit dem italienischen Neorealismus …

8 Antworten auf Imagination versus Dokumentation – geht das?

  1. hartmut Juli 29, 2009 um 9:42 am

    “kennt noch jemand August Stramm?”

    aber ja doch. Es gibt solche und auch solche, die die Pinthus-Anthologie NICHT in ihrer Bücherwand haben. aber das sind ja keine Menschen, das sind ja Leute, hähä…

  2. Loellie Juli 29, 2009 um 1:18 pm

    Die Ueberschrifft wörtlich nehmend lasse ich mich mal zu einem entschiedenen “Nein, das geht nicht” hinreissen, wobei ich Bersarins Ausführungen in sich so wiedersprüchlich finde, dass ich eine konkrete Position garnicht ausmachen kann.

    Ich kann da nur, wieder mal, Atmosphäre wittern … wie sag ichs bloss … irgendwie muss ich da an Streitgespräche denken die ich mit mir befreundeten Autorenfilmern hatte, Fassbindergroupies alle beide, die, hier sehr verkürzt von mir, im Zusammenhang Kunst vs Kitsch, allen Ernstes mit Fassbinder gegen Sirk argumentierten. (Und nicht die zunehmende Verkitschung Fassbinders kritisierten).
    Der eine wurde auf einer Party sogar mal handgreiflich, obwohl ich, selbstironisch, eine explizit wackelige Brücke zwischen ‘vom Winde verweht’ und ‘Caligari’ baute, weil mein Gegenüber darauf beharrte, das Aussenaufnahmen im Film immer draussen aufgenommen werden müssten, wohingegen “ich als” Kreativer mir die Möglichkeit nicht nehmen lassen wollte, im Zweifel eine Einstellung bis auf den letzten Grashalm durch zu komponieren. Als Option, nicht als Dogma. (Was ich ja wiederum auch grossartig fand, die Dogma Filme)

    Ich kann doch nicht ständig jeden Film den ich mir ansehe an ‘die Frau in den Dünen’ messen (oder Bilder an Heartfield). Da wird man doch rammdösig und wenn ich ihn richtig verstehe sieht Besarin das auch so … aaaber. Und dieses Aber ist mir dann ein Rätsel.

    Wie man aus einer Dokumentation, jetzt das konkrete filmische Format meinend (auch Fotos), die Imagination, Subjektivität, den eigenen Standpunkt, Sichtweise … das ganze Nichtobjektive tratra raushalten können soll ist mir völlig unklar.

    Mit meinen Hinterhofphilosophen hab ich mich ja immer gefetzt. Gegenwartsflucht und Feigheit habe ich denen ständig vorgeworfen, weil sie ausschliesslich die Musik idealisierten die ihnen von den älteren Geschwistern überliefert wurde, dabei, schon fast morbide und als einzige lebende Künstler, allein Bowie und Prince akzeptierten. Der Rest lag längst unter der Erde, was die perfekte Absicherung gegen Peinlichkeiten war.
    Nicht das ich auch nur im geringsten etwas an Janis, Jimmie oder The Doors auszusetzen gehabt hätte, ganz im Gegenteil!
    Woher kommt das und was steckt dahinter, ständig Parameter in Stein meisseln zu wollen an denen sich gut und schlecht, richtig und falsch glasklar trennen lassen? Das kann doch nicht wirklich die triviale Angst davor sein, sich als Erwachsener fürs Modern Talking Poster seines Kinderzimmers schämen oder rechtfertigen zu müssen.

    Nein, die Imagination kriegst du nicht aus der Dokumentation herraus, genausowenig wie es eine Vollkasko gegen den Irrtum gibt.

  3. momorulez Juli 29, 2009 um 3:12 pm

    Bersarin war im ersten Eintrag eher der Meinung, Politik und Kunst vertrügen sich selten, das sei Sache der Dokumentation, z.B. des Fotos. Und will im Grunde genommen darauf hinaus, dass es halt auf das einzelne Werk ankäme, das in sich zu analysieren sei. Und manchmal geht es dann doch mit der Politik, manchmal nicht. Gerade, weil er bestimmte Parameter gerade nicht in Stein meißeln will.

    Die Rückfrage nach der Dokumentaiton, da ist er ja nicht wirklich drauf eingegangen, was ja in einem Feld selbst Praktizierende auch ungerne tun.

    Bezweifel auch, dass Mühsams “Revoluzzer” beim ihm Gnade fände – weil es ja gerade dieses Appellative, zu irgendwas Auffordende ist, das nerven kann. Außer “do the Hustle!”, versteht sich ;-) …. ist übrigens ganz interessant, das Imperative in Dance-Slogans, weil es ja gerade NICHT Nörgler stützt. “Slave to the Rythm” ist eben keine politische Aussage und kann nur indirekt politisch wirken.

    Kunst, die einfach zeigt, sitzt ja auch viel nachhaltiger – das macht den drüben erwähnten Faulkner-Text so grandios: Der zeigt das ganze, soziale Drama, ohne es aufzulösen – als Aufforderung, jetzt Herrenhäuser abzufackeln, läßt sich der Text aber nicht lesen.

    Ich bin aber ganz bei Dir: Ich glaube ja auch nicht, dass man Dokumentieren kann, ohne zu imaginieren. Wobei das Foto, einem Medium, mit dem ich mich ja erstaunlich selten beschäftigt habe, dann noch mal anderen Regeln folgt als das Filmische. Wobei Pierre & Gilles ja auch irgendwie dokumentieren ;-) … und auch das Portrait zeigt ja eine Sicht und eine Beziehung, nicht ein Phänomen.

    Kann nur aus meinem Metier sagen, dass es irgendeine imaginierte Ästhetisierung eigentlich immer gibt und die Verlogensten sind auf die, die das reine Abbild behaupten, weil Rohmaterial ja nun auch niemand zeigt. Eingegriffen, Perspektive eingenommen etc. wird ja immer.

    Deshalb eignet sich ja Fiktion oft auch so viel besser zum Dokumentierem ;-) … weil die Dramatisierung ja nicht nur der Unterhaltung dient, sondern auch etwas klarer fasst. Genau deshalb hat sich ja Fassbinder auf Sirks Melodramen bezogen … das erhellt was und ist deshalb Aufklärung.

  4. bersarin Juli 29, 2009 um 5:22 pm

    Stimmt: der Mühsam-Text findet ästhetisch eher wenig Gnade bei mir. (Gesungen von Ernst Busch ist das wohl ganz lustig, aber auch dadurch immer noch nicht gut.) Das Gedicht bringt in Hartmuts Beitrag allerdings auf den Punkt, worum es in der bei ihm zitierten Passage aus meinem Text geht.

    Und ich setzte jetzt noch etwas drauf und nenne einen Namen, den man sich eigentlich gar nicht zu nennen trauen sollte (deshalb schreibe ich das auch hier und nicht auf meinem Blog in der noch ausstehenden Antwort, die hoffentlich heute folgt ;-) ), wenn es um Kunst geht und schon gar nicht im Feld der Politik, ich sage ihn aber doch: einige der Lieder und Texte von Wolf Biermann, als er noch in der DDR weilte, sind hervorragende Beispiel dafür, wie Politik in Kunst funktioniert: ich verweise hier nur auf den„Hugenottenfriedhof“ oder „Enfant perdu“. Es geht mit also nicht um apolitische Kunst, und die Faulkner-Erzählung ist hier ein gutes Beispiel dafür, was ich gemeint habe. Gleiches gilt für die Texte Kafkas.

    Momorulez schreibt: „Ich glaube ja auch nicht, dass man Dokumentieren kann, ohne zu imaginieren. Wobei das Foto, einem Medium, mit dem ich mich ja erstaunlich selten beschäftigt habe, dann noch mal anderen Regeln folgt als das Filmische.“

    Dem kann ich nur zustimmen. Dokumentieren (ich rede jetzt mal nur von Photos) heißt nicht Nicht-imaginieren. Im Gegenteil. Wenn ich nicht konstruiere und mir überlege, was ich da anstelle oder angestellt habe (in der Rückschau aufs fertige Photo), dann komme ich eigentlich nicht gut weiter. Sicherlich: bei hartnäckigen Aktionsszenen wird auf den Auslöser gehalten und nach dem guten Moment gespäht. Das geht dann nur noch instinktiv ab: Eigensicherung und gutes Bild (und bitte nicht vor einen Bus, Wasserwerfer oder in den Steinhagel der „Autonomen“ laufen.)

    Über das Dokumentarische, das ja durchaus eine Form der Kunst ist, vielleicht mehr noch in der ausstehenden Antwort in meinem Blog. Ich würde hier jedoch keine strikten Antinomien aufmachen wollen zwischen Dokumentaion und Imagination.

    August Stramm ist natürlich bekannt, wenngleich nicht so gut, daß ich mich der Kennerschaft bezichtigen könnte. [Es liegt eine Textsammlung und Dokumentation (da ham wirs wieder) aus dem Arche Verlag von 1990 vor.]

    PS: Einen schönen Gruß an noergler. Der Post in „Marcuse und die repressive Toleranz“ (“noergler said, on Juli 28, 2009 at 5:31″) benennt die Dinge, welche Adorno zum „Bildungsbürgertum“ schreibt und in seiner Theorie entwickelt, exzellent, pointiert; ach!: was soll ich sagen: ich hätte es nicht besser formulieren können. Dafür danke ich sehr. Wie nannte es der gute Schnädelbach hin und wieder: „Bildung, das ist nicht bloß Blockflöte und Hölderlin“.

    PPS: Und nur zu meinem eigenen Blog komme ich nicht: und daran bist Du schuld (und Hartmut auch, jetzt wieder mit seinem Cassirer-Artikel.)

  5. momorulez Juli 29, 2009 um 7:47 pm

    “Über das Dokumentarische, das ja durchaus eine Form der Kunst ist, vielleicht mehr noch in der ausstehenden Antwort in meinem Blog.”

    Ich bin gespannt, und die Schuld nehme ich gerne auf mich und teile sie dann gerecht mit Hartmut ;-) … und gute, politische Kunst suchen wir doch einfach alle mal weiter.

    Traurig bei Biermann ist dann eher, dass schwierige “Systembedingungen” diese Formen erst hervor brachten, was vielleicht auch, na, eine wenig dieses latente “Herabsehen” auf bundesdeutsche Versuche erläutert … Degenhardts “Schmudddelknder” finde ich nämlich auch ziemlich gut, im positiven Sinne bildhaft und dabei so ätzend, oder “Wenn ich sing” von Klaus Hoffmann. Letzteres dockt auf eine Art an Kitsch an, die ich LIEBE!

  6. bersarin Juli 29, 2009 um 8:05 pm

    Schmuddelkinder: ja, das gefällt mir merkwürdigerweise auch. (Sogar immer noch)

    Klaus Hoffmann, „Wenn ich sing“: Ich sage das nur Dir, weil uns hier keiner zuhört: ich fand das auch mal ganz gut. (Muß aber unter uns bleiben ;-) Ja, schöner Kitsch. War auch nur in der späten Pubertätszeit als ich noch auf so Liedermachersachen stand. Dann kam ein guter Freund und brachte Punk mit.)
    Privat ist K. Hoffmann ein eher unangenehmer Zeitgenosse. So, genug, vor allem vom Biographischen und zurück zu zwei anderen Texten. Einmal zur Antwort, dann noch zu Kehlmanns Rede.

  7. momorulez Juli 29, 2009 um 8:30 pm

    Komisch, trotz allem, was ich hier ständig schreibe, waren meine Liedermacher mir nie wieder auszutreiben ;-) – na, ein Danzer schon, der war ganz schnell wech, BAP auch, aber Hoffmann höre ich bis heute sehr gerne, und meine Joan Baez auch.

    Braucht auch gar nicht unter uns zu bleiben ;-) … würde da aber jetzt auch nix Paradigmatisches draus zaubern wollen. Und freue mich, Deiner Pubertät so nah zu sein :-) … war ich bei Sartre ja auch schon.

    Obwohl damals, ’99, als ich mir den Hoffmann wieder entdeckte (vorübergehend war er also doch wech), aus quietschbunten Medienwelten und ganz viel hippem Getue heraus zog es mich zu ihm, in der Kölner Philharmonie war das, glaube ich, wo ich eher ohne Erwartung hin ging und nach ein paar “Chansons” die ersten Töne von “Der Boxer” kamen, der Typ neben mir nur laut aufschluchzte und fast losheulte vor Nostalgie, da war das schon auch ein Statement, den wieder aufzusuchen, Ende der 90er, als Stuckrad-Barre und solche unerträglich aufgeblasen wurden und unter Pop Accessoires sammeln und Listen aufstellen verstanden wurde.

    Habe den damals auch interviewt, und da war der sehr nett.

  8. Loellie Juli 29, 2009 um 9:45 pm

    Ich bin mir einfach irgendwie nicht sicher ob sich Film und Foto so klar trennen lassen. Ich kann doch sogar die ganzen Dramaturgien nachvollziehen, Schnitt, O-Ton, Overdub etc, wenn ich eine animierte Dia-Show mache. Genauso kann ich im Film 20sek Standbild einblenden. Oder Benning (heist der so, ich find da grad nix), der seine 16mm Kamera wie einen Fotoapparat nutzt und 10min Einstellungen ohne Bewegung filmt.

    Da käm ich ja gern hin, zwischen Benning und Chris Marker, der ja auch Video macht. La Jetee gibts auch auf youtube, ein paar Schnippsel von Sans Soleil auch … grossartig die Essays zu den Bewegtbildern.

    Was die ‘Action-Fotos’ angeht bin ich mir eben auch überhaupt nicht sicher … natürlich Instinkt, aber das ist bei jedem doch auch anders. Ich kenn Leute die bräuchten zwei Tage um zu merken das sie von nen Wasserwerfer überrollt wurden und dann gibts andere die:
    “Die Augen überall haben, die nächste Gefahr, den nächsten Schlag witternd, um ihm vorzubeugen – möchte nicht wissen, was der Junge in seinem Leben bisher so alles erlebt hat.” ;-)

    Irgendwie komm ich mir grad selber vor wie Papagei der auf seiner Stange sitzt ” iss alles nicht so einfach iss alles nicht so einfach” lol

    Wers nicht kennen sollte findet hier ‘ne spannende, wenn auch vom Design nicht gerade ergonomische Webseite http://www.digitaljournalist.org/ mit immer wieder tollen Bilderstrecken und einem riesen Archive und ganz unten gibts noch ein Banner zu Mediastorm, die machen animierte Foto-Essays.

    Und Peinlichkeiten aus meiner Pubertät kann ich leider keine beisteuern, zumindest keine musikalischen, weil Supermacker wie ich natürlich auch nur Supermucke hörn und die Peinlickeiten meinerseits warn entweder kriminell und oder nicht jugendfrei :) )

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 585 other followers