Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juli 2009

Wie die Serviette sein

Die machen auch vor gar nix halt, die Abschöpfer:

“”Jazz ist ein wunderbares Modell für Management”, sagt August-Wilhelm Scheer, “weil eine Jazzgruppe mit einem Minimum an Regeln ein Höchstmaß an Kreativität erreicht.””

Kann man für solche Statements nicht auch ‘nen Straftatbestand einführen? Irgendwas analog zur Volksverhetzung, nur nicht ganz so schlimm?

Ja, auch mir fällt auf, dass der Mann nicht nur den Jazz, sondern auch Lyotard missbraucht und vergewaltigt, und sowas hat Hektor Rottweiler in seinem berühmten Aufsatz “Über Jazz” gemeint. Der schrub:

“Der objektive ist mit einem subjektiven Ausdruck fourniert, der ihn nicht beherrschen kann und darum konstitutiv lächerlich-jammervoll wirkt. Die Züge des Komischen, Grotesken, auch Analen, die dem Jazz eignen, lassen darum von den sentimentalen sich nie trennen. Sie charakterisieren eine Subjekivität, die gegen eine Kollektivmacht aufbegehrt, die sie doch selber “ist”; darum erscheint ihr Aufbegehren lächerlich und wird von der Trommel niedergeschlagen wie die Synkope von der Zählzeit. Erst Situationen, denen die Ironie, gleichgültig wogegen, und der Ausdruck der Subjektivität, gleichgültig welcher, suspekt ist, können diesen Klang nicht mehr dulden. Dann tritt an seine Stelle der militärisch edle, teuflisch wollautende der symphonischen Jazz-Märsche, dessen blanke Geschlossenheit nicht einmal den Schein des Menschlichen mehr in seine Lücke läßt. Dann hat der Jazz nach den Polen seines Urspungs sich aufgespalten, während in seiner Mitte die Hot-Music, zu verfrühter Klassizität verdammt, ihr schmales Spezialisten-Dasein führt. Dann aber auch ist der Jazz nicht mehr zu retten.”

Hektor Rottweiler, über Jazz, in: Kritische Kommunikationsforschung, Aufsätze aus der Zeitschrift für Sozialforschung, München 1973, S.102-103

Herr Rottweiler schrieb das 1936, also auf Swing und Dixieland, Cab Calloway und Louis Armstrong reagierend, ganz, als würde er geahnt haben, das August-Wilhelm Scheer eines Tages seine 3000 Mitarbeiter mit solchen Sprüchen quälen und malträtieren würde; denn merke: Das gilt ja nur für’s “Management”, die Führer; nach mehrstündigem “Kundenkontakt” am gestrigen Tag, wirklich nette, kompetente Menschen,  ist einmal mehr mir klar geworden, dass “Kreativität” und Verwertungslogik in keinem Fall Hand in Hand spazieren gehen, was nicht heißt, dass aus kreativen Prozessen Enstandenes nicht vermarktbar sein könnte, aber zumindest in meinem Bereich immer nur in Grenzen, da seien gesellschaftliche Macht- und Gewaltverhältnisse, jawollja, vor.

Diese selbstgefälligen Lügen auf Belegschaften einprasseln zu lassen, die Willkür der Herrschenden einzufordern, um das Korsett des Abschöpfens nur noch viel enger schnallen zu können, ist ungefähr so, als würde der Papst sich auf Jesus berufen; wer jemals dem Driften, Fließen, Suchen, Verzweifeln kreativer Prozesse sich hingegeben hat, diesem zeitlosen In-Situation sein, das jeder Messbarkeit und jedem “Lohnhöhe ist an die Produktivität gekoppelt”-Terrorismus sich notwendig entzieht und plötzlich FARBEN sieht und KLANG und TÖNEN in der Raumzeit lauscht, sich hingibt und bestimmen läßt von dem, worauf man sich bezieht, der wird wissen, worin die fundamentale Menschenrechtsverletzung solcher Slogans liegt.

Kreativität ist wie abends noch das Verblühte von Petunien zupfen und dabei ganz in dieser Handlung aufzugehen, nachdem die “SEI KREATIV! ABER BITTE NICHT ZU SEHR! UND SO, WIE WIR DAS WOLLEN! VOR ALLEM: FORMATIERE!”-Imperative (formatieren heißt in anderen Kontexten “Stil”) den ganzen Tag auf Dich einprasselten; bei guten Jazzern hört man das, den Prozess, nicht das Ergebnis, das Produkt.

“Ihm ist klar, dass der Begriff “Improvisation” in der Wirtschaft eher negativ besetzt ist; er komme vor allem ins Spiel, wenn sich Planung als falsch erweise. Doch im turbulenten Umfeld von heute – vor allem in der IT-Industrie – sei es oft gar nicht mehr möglich, Pläne zu machen. Vielmehr müsse auf neue Entwicklungen und Stimmungen reagiert – also improvisiert – werden, schreibt Scheer. Das funktioniere dann besser innerhalb einer Gruppe mit flacher Hierarchie und hohen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten (…)”

Entfaltungsmöglichkeiten? Was ist das eigentlich für eine hirnrissige Metapher? Wie die Serviette sein ganz kurz vorm Diner?

Wessen Schweißperlen und Lippenstift man dann zu ertragen, aufzusaugen hat, das ist ja bekannt, immerhin wurden deren Vermögen  gerade von der anderen Seite der Abschöfpung, Steuern halt, bestens gestützt … nee, wer sowas proklamiert, der will doch nur, dass Hartz IV-Empfänger noch mehr bluten: Dass die blanke Geschlossenheit der Disziplinen nicht einmal den Schein des Menschlichen mehr in seine Lücke läßt.

Wie produzieren herrschende Verhältnisse Bilder?

“Das Einzige, was mich immer interessiert hat, ist, eine Begrifflichkeit von den herrschenden Verhältnissen zu haben, von den Bildern, die sie produzieren. Oder als Maler herauszufinden, wie wirkungsmächtig Bilder sind und in welchem Rahmen sie funktionieren, ideologieübergreifend. Man sagt ja, dass der Maler dümmer ist als andere Künstler, weil er mit einem Medium arbeitet, das ihn weniger zur Reflexion zwingt. Gute Malerei findet immer unter Einbeziehung der Mediendebatten drum herum statt, der Debatten über das Foto, das Kriegsbild und so weiter. Die meisten Maler interessiert das aber gar nicht. Die beschäftigten sich nur mit malerei-immanenten Dingen und mit ihren Vorlieben, deswegen ist die meiste Malerei auch so doof, und die meisten Maler sind auch doof. Tut mir leid.”

Hat er da recht, der Daniel Richter? Und wann und warum hat er da recht, wenn er recht hat?

Ist es auch auch nur ein weinerliches “Zurück zur Natur”, albernes Entfremndungsgedusel, peinliche Kritik des “Gestells”,  die Bewegung des Pinsels auf der Leinwand, die Praxis des Riechens, Guckens, Spürens beim Panschen in Ölfarbe oder dem Pinselstrich mit asiatischer Tusche, den Einsatz des Körpers und des Sehens als sich-entziehende Praxis in Relation zum Diskursiven und all den digitalen Bilderfluten selbst als Kritik zu begreifen? Als von mir aus regressive Wiedergewinnung der Fingerfarbe aus Kindertagen, doch angefüllt mit Sinn- und Unsinn des eigenen, alltäglichen Geplappers, Verwertungslogik folgend, dem man dann dergestalt entrinnen möchte?

Langsam, ganz langsam, taste ich mich auf den wundervollen Brief Marc Aurels an Fronto heran, gaaaaanz langsam … der läßt mich nicht mehr los, schmecke weißes Brot und Oliven. Und muss jetzt wieder los zum Geld verdienen. Würde ich da arbeiten, wie ich male, wäre ich längst obdachlos …

Imagination versus Dokumentation – geht das?

Die Artikel von Bersarin und jener von  Harmut beschäftigten mich ja nun inhaltlich gewissermaßen lange schon, bevor sie geschrieben wurden; Kuriosum, dass Hartmut ausgerechnet Mühsams “Revoluzzer” auspackt, und das deshalb, weil die Fragestellung mir eben damals, als ich mir den entdeckte (mochte immer das Gedicht vom Pilger, der sein Ziel nicht kennt, am liebsten), auch erstmals akut in Theorie und Praxis einfloss und im Grunde genommen den Rahmen vieler meiner Handlungen seitdem umreißt.

War das Buch “Die verbrannten Dichter” (google ich noch als Nachtrag), das mich dazu brachte – wo ein Ernst Toller, eine Else-Lasker Schüler, ein Erich Mühsam mir erstmals über den Weg liefen und mich nachhaltigst und bis heute inspirierten.

Meine damalige Parteinahme für die Expressionisten – kennt noch jemand August Stramm? Sensationell! – wurde an Mühsam zwar gebrochen, zu selben Zeit lasen wir im Deutschunterricht jedoch ein Buch aus der Reihe “Die neue Frau”, “Die Taxifahrerin”, ein französisches, sozialistisch-realistisches Quasiromanwerk mit dokumentarischem Anspruch.

Was habe ich mich, wie ein Rohrspecht, als Zwölftklässler, über dessen Mangel an Fantasie und Ästhetisierung ereifert, über den Versuch, ein schlichtes Abbild von Wirklichkeit erzeugen zu wollen – und ich glaube bis heute, ich tat das zu recht. Aber warum eigentlich?

Vielleicht ist B. Travens “Das Totenschiff” und dessen Verfilmung (ganaaaaaanz großartig!)  da wirklich ein guter Gegenstand, das zuzuspitzen – nicht umsonst beginnt Deleuze auch sein “Kino 2″ mit dem italienischen Neorealismus …

Textur, Struktur

“Ich bin der Auffassung, daß »Musik«, die sich diskursiv innerhalb spezifischer sozialer, kultureller und historischer Umstände konstituiert, als signifizierende Praxis einzigartige und besondere Qualitäten besitzt, die – zumindest partiell – auch solche signifizierenden Praktiken prägt, in die sie, als »nichtlinguistischer« Klang, eingebunden ist. Diese Einzigartigkeit und Besonderheit beruht nicht auf einer einzelnen ihrer Qualitäten, sondern vielmehr auf einer Kombination von drei Faktoren. Erstens: Musik bezieht sich nicht direkt auf die Welt der Objekte und Konzepte. Sie ist nicht-denotativ. Sie liegt jenseits von Kristevas »symbolischer Ordnung«. Dafür evoziert sie direkt die Texturen, Prozesse und Strukturen der sozialen Welt als der Welt, die in der externen, öffentlichen Sphäre der sozialen Interaktion und dem inneren, privaten Reich der individuellen Subjektivität manifest ist. Damit unterscheidet sich Musik radikal von der Sprache als der anderen auf Klang beruhenden Form menschlicher Kommunikation. Zweitens: Die Wirkung von Musik ist signifikant ikonisch. Das heißt, es besteht ein dominantes, jedoch kein determinierendes Element der Entsprechung zwischen Musik als Klangerlebnis und den besonderen Bedeutungen, die sich in diesem Klangerlebnis vermitteln. Dieses Prinzip der Ikonizität unterscheidet Musik ebenfalls radikal von der Sprache. Drittens: Die Wirkung von Musik ist primär und ursprünglich somatisch und körperlich, nicht zerebral und kognitiv. Musik wirkt direkt und tief auf den menschlichen Körper als dem individuellen Ort jeder Äußerung (ein Begriff, den ich absichtlich an Stelle von »Sprache« benutze) und dem individuellen Ort der politischen Auseinandersetzung. Der körperliche Ursprung der kommunikativen Wirksamkeit von Musik unterscheidet diese gleichfalls von der Sprache.”

John Shepherd, Warum Popmusikforschung?, aus: PopScriptum, 1/92, 43-67

Assoziieren, Dissoziieren, konnotieren, decodieren: Let it flow!

Rufus Wainwright, eine meiner Ikonen, läßt den “Gay Messiahs” aus dem 70er-Jahre-Porno auferstehen, und das ist auch gut so. Doch ist es auch eine Botschaft? Bezieht er sich auf die Welt der Objekte und Konzepte, während er das so opulent intoniert, oder bringt er SICH dadurch zum Ausdruck – und wenn er das macht, was ist es dann, was er zum Ausdruck bringt?

Na ja, vielleicht einfach mal zuhören und warten, was passiert – wenn man will, kann das ja schön sein, sich bestimmen zu lassen. Wenn nicht, dann ist’s die Hölle: Was macht Hartz IV-Empfänger eigentlich unfrei, wenn man sie zum Sandschippen schickt? Also nicht, wer das macht, das ist ja klar; worin besteht die Unfreiheit? Kann diese alleine durch äußeren Zwang beschrieben werden – WAS UND WIE IST ES, das da Einschränkung erfährt? Mit “ich” macht man sich allenfalls identifzierbar …

Wenn man die Rocky Horror-Picture betrachtet, diese kurz-vor-Schluss-Szene, da alle Protagonisten als Statuen in Straps und Corsage auf der Bühne stehen, bevor Frank N. Further dann den Schalter umlegt und sie alle, geschminkt und mit Feder-Boa verhängt, sich zum Sprung in den den “Don’t dream it, be it!”-Pool zu stürzen bereit sind, dann lernt man beim Gleiten den Blicks an Brads Beinen entlang die Popularität des Stöckelschuhs begreifen: Nicht nur, dass Beine länger werden und der Arsch Betonung erfährt, nee, Brad könnte schlicht und ergreifend nicht weglaufen.

Nicht nur, dass Marcuse einst im Gespräch mit Habermas die Phänomenologie des “Popos” in Sartres “das Sein und das Nichts” feierte, nein, auch die Frage, wieso seit “Sex in the City” das Schukaufverhalten von Frauen so smalltalkintensiv unser aller Leben durchdringt, erfährt doch so keine Auflösung.

Auch, dass für den Mann im Rollstuhl in der Rocky Horror-Picture Show erst der Straps und die Pumps das Strecken der Beine ermöglichen, sei ergänzend noch erwähnt – wie auch der Fakt, dass mein Kompagnon einst auf “Nichtraucher-Barfuss-Parties” tanzte und ich mich chronisch darüber lustig machen muss, seitdem er dies erzählte.

Sind das “Texturen, Prozesse und Strukturen der sozialen Welt”?

“Textur” ist mir als Begriff erstmals bewusst ins Hirn geprügelt worden, als ich Nachtschicht um Nachtschicht in einem Münchener Postproduktionszentrum, ’97 war das, zwischen Flame (ein visuelles Effekt-Gerät), Henry (auch eins) und Soft Image (ein 3D-Programm zum Bilder bauen) hin- und her taumelte und gar nicht verstand, was ich doch anleiten sollte angesichts dieser so komplexen Geräte, die ich noch nie gesehen hatte; dann gab es dieses Problem, ein Bewegtbild in eine Zeitung zu montieren, so, dass ein Foto dort ins Laufen gerät und mit dem Leser spricht, na, genauer, sie sogar beschimpfte (war eine Leserin), und da musste das Licht des Studios, in dem sie aufgezeichnet wurde, und auch die körnige Struktur, also Textur der in Zeitschriften abgedruckten Fotos auf den zu integrierenden Filmausschnitt “gerechnet” werden, damit das dann “authentisch” aussah. Das ist freilich tatsächlich eine schöne Metapher für die Wirkung von Musik.

Spannend war auch beim “Flame”, wie er Ebene für Ebene des Bildes die Zutaten erst bauen mußte, um dann in einer “Mindmap“-artigen Struktur, wenn auch hierarchisch aufgebaut, die zusammen gebastelten Ebenen immer weiter zu vernetzen, gar nicht viel anders als einst in der “Schichtenmalerei” mit immer neuen Lasuren zur Erzeugung von Hell-Dunkel-Effekten und tief schimmernden Farben, damals, als die Linse die Weltherrschaft anzustreben begann.

Spannend war das deshalb, weil die vernetzen und doch aufeinander aufbauenden Strukturen, bei der ein “Knoten” auf Ebene 2 sich auf Ebene 5 fatal auswirken konnte, alles noch mal neu bauen, Prozesse im Allgemeinen ganz gut beschreiben kann.

Ganz egal, raumzeitliche Prozesse beschreibt es gut, ob die Abfolge beim Komponieren eine Werkes, die allmähllichen Entwicklung einer eigenen Geschmacks-Textur (wenn bei Knoten 3 oder 4 Disco nicht auftaucht, dann wird nix draus), das sich-Annähern an sexy Heilpraktiker im Zahnarztstuhl liegend (schwierig!!!!) mit dem Ziel des gemeinsamen Selbstmordes im Jahr 2040, weil einer von beiden dann Alzheimer haben wird wegen des Amalgams aus Kindertagen, bei der Gestaltung der eigenen Biographie mit all den nicht mehr auszumerzenden fehlern – ha, da ham wir’s!

Das ist nämlich bei der Beschreibung von Prozessen das Problem – dass sie immer auch Effekt externer Strukturen sind. Die Differenz von “Innen” und “Außen” kann man in dieser Mindmap-Flame-Metaphorik ja gar nicht fassen, da sind dies Faltungen des Außens, diese Knotenpunkte, so, als sei das Schiff eine Faltung des Meeres (Danke, Herr Deleuze)?

Da hilft wohl unter anderem dann Musik, um das Verhältnis besser zu begreifen. Weil die eben primär somatisch und köperlich wirkt … und Hartz IV eben den Marsch bläst. Das unterscheidet diesen Terror gegen die eigene Bevölkerung von Disco-Musik.Weil auch dieses Gesetzemachwerk da ansetzt, wo Shepard das Wirken von Musik verortet:

Dafür evoziert sie direkt die Texturen, Prozesse und Strukturen der sozialen Welt als der Welt, die in der externen, öffentlichen Sphäre der sozialen Interaktion und dem inneren, privaten Reich der individuellen Subjektivität manifest ist.

Das nennt man Totalitarismus, wenn es aufgenötigt und bis zur totalen Disziplinierung verdichtet auf Menschen einwirkt und sie drillt.

Genau da wollte die Postmoderne ran und dann raus – genau das Auflösen, Zeichen in Fluss bringen statt biographische Knotenpunkte aus Formularen nur zu fördern, und da ist das für den Kredit auch nur eine Zwangsmassnahme, stattdessen mit Musik und bildender Kunst zusammen auf immer neue Ebenen grooven, statt Nötigungen mittels “Eingliederungsvereinbarungen” unterworfen zu werden – ein Spiel in Ruhe wollte sie erzeugen, nicht Beliebigkeit.

Damit auch Brad mal nicht weglaufen braucht, wenn er nicht will … morgens fischen, mittags jagen, abends räsonnieren. Ja, ich will wieder utopisch sein. Besser das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur.

Das Noch-Nicht-Seiende des Undarstellbaren oder einfach nur Brainstorming und Produktinnovation?

“Das Postmoderne wäre dasjenige, das im Modernen in der Darstellung selbst auf ein Nicht-Darstellbares anspielt; das sich dem Trost der guten Formen verweigert, dem Konsensus eines Geschmacks, der ermöglicht, die Sehnsucht nach dem Unmöglichen gemeinsam zu empfinden und zu teilen; das sich auf die Suche nach neuen Darstellungen begibt, jedoch nicht, um deren Genuß zu verzehren, sondern um das Gefühl dafür zu schärfen, dass es ein Undarstellbares gibt. Ein postmoderner Schriftsteller ist in derselben Situation wie ein Philosoph: Der Text, den er schreibt, das Werk, das er schafft, sind grundsätzlich nicht durch bereits feststehende Regeln geleitet und können nicht nach Maßgabe eines bestimmenden Urteils beurteilt werden, indem auf einen Text oder ein Werk nur bekannte Kategorien angewendet würden. Diese Regeln und Kategorien sind vielmehr das, was der Text oder das Werk suchten. Künstler und schriftsteller arbeiten also ohne Regeln; sie arbeiten, um die Regel dessen zu erstellen, was gemacht worden sein wird.”
Jean-Francois Lyotard, Beantwortung der Frage “Was ist postmodern?”, in: Postmoderne und Dekonstruktion, Stuttgart 1990, S. 47-48

Marcuse und die “Repressive Toleranz”

“(…) freie und gleiche Diskussion kann die ihr zugeschriebene Funktion nur erfüllen, wenn sie rational ist – Ausdruck und Entfaltung unabhängigen Denkens, frei, von geistigem Drill, Manipulation, äußerer Autorität. Der Begriff des Pluralismus und des Ausgleichs der Mächte kann dieses Erfordernis nicht ersetzen. Man könnte theoretisch einen Staat konstruieren, in dem eine Vielheit verschiedener Zwänge, Interessen und Autoritäten einander ausbalancieren und zu einem Wahrhaft allgemeinen und vernünftigen Interesse führen. Eine solche Konstruktion paßt jedoch schlecht zu einer Gesellschaft, in der die Mächte ungleich sind und bleiben und ihr ungleiches Gewicht noch erhöhen, wenn sie ihren eigenen Lauf nehmen. Sie paßt noch schlechter, wenn die Mannigfaltigkeit von Zwängen sich zu einem überwältigenden Ganzen vereinigt und verfestigt und dabei die einzelnen ausgleichenden Mächte integriert aufgrund eines zunehmenden Lebensstandards und einer zunehmenden Machtkonzentration.”

 

Gut, dass mich Exportabel/Genova68 an den Text über die “Repressive Toleranz” von Marcuse erinnert hat; im zitierten Anfangssatz ist auch gleich die “Diskursethik” von Habermas vorbereitet, die das Thema “Unparteilichkeit” deutlich anders auflöst, auch sonst verweist der zitierte Passus auf Grundzüge der Architektur der “Theorie des Kommunikativen Handelns”, wenn auch da wieder mit zum Teil konträren Pointen – aber nur zum Teil. Hinsichtlich der faktischen Vermachtung stimme ich sogar zu.

Aber ansonsten, ganz ehrlich: Ich kriege Pickel, wenn ich Marcuse lese. Lauter richtige Intentionen, Intuitionen, Ansätze, Ziele - aber wenn ich “falsches Bewußtsein” und “regressiv” lese, dann graut es mir. Und man fragt sich ja wirklich, worin denn der Unterschied zur DDR liegt, die ja ähnliche Anliegen vorgab, um dann den “Neuen Menschen” hervor zu bringen. “Keine Toleranz den Intoleranten!” proklamieren auch die Islamophoben, was freilich noch kein Argument formt; und überhaupt sind Elemente des verlinkten Denkens annähernd bruchlos dorthin abgewandert.

Bringt trotzdem manche Differenz, die hier im Blog für Aufruhr sorgte, ganz gut auf den Punkt, zumindest in Ansätzen, also die Sichtweise der “Gegenseite”, z.B. die folgende Passage:

“Die Reklame der Selbstverwirklichung fördert die Beseitigung beider, sie fördert das Dasein in der Unmittelbarkeit, die in einer repressiven Gesellschaft (um noch einen Hegelschen Terminus zu verwenden) schlechte Unmittelbarkeit ist. Sie isoliert das Individuum von der einen Dimension, in der es »sich selbst finden« könnte: von seinem politischen Dasein, das den Kern seines gesamten Daseins ausmacht. Statt dessen ermutigt sie Nonkonformität und Entfesselung in Richtungen) welche die wirklichen Unterdrückungsmaschinen der Gesellschaft gänzlich unberührt lassen, die diese Maschinen sogar stärken, indem sie die mehr als private und persönliche und deshalb wirkliche Opposition durch die Befriedigungen einer privaten und persönlichen Rebellion ersetzen. Die mit dieser Art Selbstverwirklichung einhergehende Entsublimierung ist insofern selbst repressiv, als sie die Notwendigkeit und Macht des Intellekts schwächt, die katalytische Kraft jenes unglücklichen Bewußtseins, das nicht in der archetypischen, persönlichen Befreiung von der Frustration schwelgt hoffnungsloses Wiederaufleben des Es, das früher oder später der allgegenwärtigen Rationalität der verwalteten Welt unterliegen wird -, sondern das den Schrecken des Ganzen in der privatesten Versagung erkennt und sich in dieser Erkenntnis verwirklicht.”

 

Mir ist ein Rätsel, wieso ein solches Denken eine Bewegung inspirieren konnte, die sich “antiautoritär” nannte … ich lese das als manipulativ und bevormundend. Wahrscheinlich bin ich doch Liberaler. Na, als linksliberal habe ich mich ja schon immer verstanden … wenn ich Marcuse lese, weiß ich auch, warum.

Halbsätze, zu vervollständigen

“Wurde antisemitische Gesinnung laut, so fühlte sie sich als bürgerlich und aufsässig zugleich. Das völkische Schimpfen war noch die Verzerrung ziviler Freiheit. In der Bierbankpolitik der Antisemiten kam die Lüge des deutschen Liberalismus zum Vorschein, von dem sie zehrte und dem sie schließlich das Ende bereitete. Wenn sie auch gegen Juden ihre eigene Mittelmäßigkeit als Freibrief für das Prügeln geltend machten, ….”

Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 2004, 15. Auflage, S. 210

“Wenn das Geschlecht, wie Judith Butler feststellt, nicht nur als Repräsentation, sondern auch als Performanz innerhalb kultureller Koordinaten aufgefaßt werden kann, ….”

Valerie Traub, Die (IN)Signifikanz von “lesbischem Begehren” im Engand der frühen Neuzeit, in: Andreas Kraß, Hg., Queer Denken, Frankfurt/M. 2003, S. 308

Und einer noch ganz – “Die einzig lebbare Realität”:

“Die Irrationalität der widerstandslosen und emsigen Anpassung an die Realität wird für den Einzelnen vernünftiger als die Vernunft.”

Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, a.a.O.,  S. 215

Für eine Methodeninnovation in den Wirtschaftswissenschaften!

“(…) Sie, die Prostituierten, können uns sicherlich eine Menge Dinge beibringen. Auch über ihre Klienten! Phantastisch! In diese Richtung, dahin müßte die Forschung in den “Humanwissenschaften” sich orientieren. Man müßte Gruppen von Protituierten finanzieren, damit sie über diese Fragen arbeiten können. Und du weißt, ich sage das überhaupt nicht zum Spaß. Ich bin davon überzeugt, daß sich auf diese Weise die Funktion des Geldes innerhalb der Familie, für die Kindheit, in der psychoanalytischen Kur usw. aufklären ließe. Also indem man sich ansieht, was das heißt, “sich jemanden kaufen” (…).”

Sexualisierung im Umbruch, Felix Guattari im Gespräch mit Christian Descamps, in: Aisthesis, Leipzig 1990 S. 163 – 164

Wer Glühbirnen verbietet, der will den totalen Staat!

Passt gerade zu meiner Stimmung – tolle Playlist!

Denn ist nicht Roland Barthes zuzustimmen: “Das wichtige Material der modernen Kunst, der Alltagskunst, ist es heutzutage nicht das Licht?” Mit Element of Crime den typisch hamburgischen Sonneneinfall auf verblühte Rosen (nichts ist melancholischer schön als diese) und sich reckende Margariten hier auf dem Balkon zu betrachten, das Zusammenspiel von Petunientrichtern (dunkelviolett) und Hängegeranienminiaturblüten (weiß mit Andeutungen von rot) mit dem Spiel des schweifenden Blicks zu erzeugen, vielleicht kann das vor der Linse retten … seit der Himmel jeden Morgen Deine Augenfarbe trägt .. und man vergegenwärtige sich, dass so vieles jener Kunst, die uns erst zu dem machte, was wir sind, im Schein der Glühbirne entstand und so bald schon all die Farben nicht mehr stimmen, betrachtet man sie, denn auch Lasuren brauchen Licht, aber wenn’s das falsche ist … was für Farben hat die Musik von Element of Crime? Vielleicht können sie das warme Gefühl der Glühbirne ja konservieren …. na ja, mach das Licht aus, wenn Du gehst.

“On a Sunday” an gestern denken

Sie riefen “Scheiß St. Pauli, Scheiß St. Pauli!” – das ganze Millerntor applaudierte, die Südtribüne stimmte ein. Na ja, wer “O-He, O-He, O-He, Hertha BSC” singt, hat sich da schon den richtigen Verein ausgesucht.

Ganz schön filigrane Truppe, wenn die nicht aufpassen, die Herthaner, werden sie in der nächsten Saison einfach überrannt. Was unseren Jungs zwar nicht gelang, wirkte aber ganz ordentlich: Den Kader betreffend sind wir wir sonnenklar besser aufgestellt als in der letzen Saison. Und ich werde bestimmt zum Deniz Naki-Fan: Wieselflink und doch mit Beißer-Qualitäten ausgestattet, und einen Überblick hat der Junge (Jahrgang ’89, hallelujah, die Midlife-Crisis bricht durch, wenn ich solche Geburtsjahrgänge lese), das fand ich schon dolle – eine derartige Überall-Aufmerksamkeit habe ich selten bei einem Spieler beobachtet. Als jemand, der sich ja auch gelegentlich über Bedrohungsgefühle definiert, war mir dessen Verhalten wohlvertraut: Die Augen überall haben, die nächste Gefahr, den nächsten Schlag witternd, um ihm vorzubeugen – möchte nicht wissen, was der Junge in seinem Leben bisher so alles erlebt hat.

Gut gefüllt war unsere Haupttribüne; bin ja dafür, sie noch schnell zum Weltkulturerbe zu erklären, damit sich doch nicht abgerissen wird. Auch The Age of Sound boten solides Kunsthandwerk, machte Spaß, denen zuzuhören; manchmal genießt man halt das einfach nur unspektakulär Schöne, das dieser Verein mit Stadion inmitten der schönsten Stadt der Welt so mit sich bringt. Was eine Lebensqualität!, da mal eben so rüberlaufen zu können, um diesem offenkundig richtig gut neu formierten Team zusehen zu dürfen inmitten einer Crowd, die selbst bei Testspielen den Roar kurz (sehr kurz) aufbranden lassen kann, ganz, als wäre es ein Pokalspiel – und die stylishten Trikots aller Ligen haben wir diese Saison auch.

Schade nur, dass der mit der tätowierten Wade nicht im Miller kellnerte gestern – aber vielleicht liest er ja hier mit ;-)

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