“Ich bin der Auffassung, daß »Musik«, die sich diskursiv innerhalb spezifischer sozialer, kultureller und historischer Umstände konstituiert, als signifizierende Praxis einzigartige und besondere Qualitäten besitzt, die – zumindest partiell – auch solche signifizierenden Praktiken prägt, in die sie, als »nichtlinguistischer« Klang, eingebunden ist. Diese Einzigartigkeit und Besonderheit beruht nicht auf einer einzelnen ihrer Qualitäten, sondern vielmehr auf einer Kombination von drei Faktoren. Erstens: Musik bezieht sich nicht direkt auf die Welt der Objekte und Konzepte. Sie ist nicht-denotativ. Sie liegt jenseits von Kristevas »symbolischer Ordnung«. Dafür evoziert sie direkt die Texturen, Prozesse und Strukturen der sozialen Welt als der Welt, die in der externen, öffentlichen Sphäre der sozialen Interaktion und dem inneren, privaten Reich der individuellen Subjektivität manifest ist. Damit unterscheidet sich Musik radikal von der Sprache als der anderen auf Klang beruhenden Form menschlicher Kommunikation. Zweitens: Die Wirkung von Musik ist signifikant ikonisch. Das heißt, es besteht ein dominantes, jedoch kein determinierendes Element der Entsprechung zwischen Musik als Klangerlebnis und den besonderen Bedeutungen, die sich in diesem Klangerlebnis vermitteln. Dieses Prinzip der Ikonizität unterscheidet Musik ebenfalls radikal von der Sprache. Drittens: Die Wirkung von Musik ist primär und ursprünglich somatisch und körperlich, nicht zerebral und kognitiv. Musik wirkt direkt und tief auf den menschlichen Körper als dem individuellen Ort jeder Äußerung (ein Begriff, den ich absichtlich an Stelle von »Sprache« benutze) und dem individuellen Ort der politischen Auseinandersetzung. Der körperliche Ursprung der kommunikativen Wirksamkeit von Musik unterscheidet diese gleichfalls von der Sprache.”
John Shepherd, Warum Popmusikforschung?, aus: PopScriptum, 1/92, 43-67
Assoziieren, Dissoziieren, konnotieren, decodieren: Let it flow!
Rufus Wainwright, eine meiner Ikonen, läßt den “Gay Messiahs” aus dem 70er-Jahre-Porno auferstehen, und das ist auch gut so. Doch ist es auch eine Botschaft? Bezieht er sich auf die Welt der Objekte und Konzepte, während er das so opulent intoniert, oder bringt er SICH dadurch zum Ausdruck – und wenn er das macht, was ist es dann, was er zum Ausdruck bringt?
Na ja, vielleicht einfach mal zuhören und warten, was passiert – wenn man will, kann das ja schön sein, sich bestimmen zu lassen. Wenn nicht, dann ist’s die Hölle: Was macht Hartz IV-Empfänger eigentlich unfrei, wenn man sie zum Sandschippen schickt? Also nicht, wer das macht, das ist ja klar; worin besteht die Unfreiheit? Kann diese alleine durch äußeren Zwang beschrieben werden – WAS UND WIE IST ES, das da Einschränkung erfährt? Mit “ich” macht man sich allenfalls identifzierbar …
Wenn man die Rocky Horror-Picture betrachtet, diese kurz-vor-Schluss-Szene, da alle Protagonisten als Statuen in Straps und Corsage auf der Bühne stehen, bevor Frank N. Further dann den Schalter umlegt und sie alle, geschminkt und mit Feder-Boa verhängt, sich zum Sprung in den den “Don’t dream it, be it!”-Pool zu stürzen bereit sind, dann lernt man beim Gleiten den Blicks an Brads Beinen entlang die Popularität des Stöckelschuhs begreifen: Nicht nur, dass Beine länger werden und der Arsch Betonung erfährt, nee, Brad könnte schlicht und ergreifend nicht weglaufen.
Nicht nur, dass Marcuse einst im Gespräch mit Habermas die Phänomenologie des “Popos” in Sartres “das Sein und das Nichts” feierte, nein, auch die Frage, wieso seit “Sex in the City” das Schukaufverhalten von Frauen so smalltalkintensiv unser aller Leben durchdringt, erfährt doch so keine Auflösung.
Auch, dass für den Mann im Rollstuhl in der Rocky Horror-Picture Show erst der Straps und die Pumps das Strecken der Beine ermöglichen, sei ergänzend noch erwähnt – wie auch der Fakt, dass mein Kompagnon einst auf “Nichtraucher-Barfuss-Parties” tanzte und ich mich chronisch darüber lustig machen muss, seitdem er dies erzählte.
Sind das “Texturen, Prozesse und Strukturen der sozialen Welt”?
“Textur” ist mir als Begriff erstmals bewusst ins Hirn geprügelt worden, als ich Nachtschicht um Nachtschicht in einem Münchener Postproduktionszentrum, ’97 war das, zwischen Flame (ein visuelles Effekt-Gerät), Henry (auch eins) und Soft Image (ein 3D-Programm zum Bilder bauen) hin- und her taumelte und gar nicht verstand, was ich doch anleiten sollte angesichts dieser so komplexen Geräte, die ich noch nie gesehen hatte; dann gab es dieses Problem, ein Bewegtbild in eine Zeitung zu montieren, so, dass ein Foto dort ins Laufen gerät und mit dem Leser spricht, na, genauer, sie sogar beschimpfte (war eine Leserin), und da musste das Licht des Studios, in dem sie aufgezeichnet wurde, und auch die körnige Struktur, also Textur der in Zeitschriften abgedruckten Fotos auf den zu integrierenden Filmausschnitt “gerechnet” werden, damit das dann “authentisch” aussah. Das ist freilich tatsächlich eine schöne Metapher für die Wirkung von Musik.
Spannend war auch beim “Flame”, wie er Ebene für Ebene des Bildes die Zutaten erst bauen mußte, um dann in einer “Mindmap“-artigen Struktur, wenn auch hierarchisch aufgebaut, die zusammen gebastelten Ebenen immer weiter zu vernetzen, gar nicht viel anders als einst in der “Schichtenmalerei” mit immer neuen Lasuren zur Erzeugung von Hell-Dunkel-Effekten und tief schimmernden Farben, damals, als die Linse die Weltherrschaft anzustreben begann.
Spannend war das deshalb, weil die vernetzen und doch aufeinander aufbauenden Strukturen, bei der ein “Knoten” auf Ebene 2 sich auf Ebene 5 fatal auswirken konnte, alles noch mal neu bauen, Prozesse im Allgemeinen ganz gut beschreiben kann.
Ganz egal, raumzeitliche Prozesse beschreibt es gut, ob die Abfolge beim Komponieren eine Werkes, die allmähllichen Entwicklung einer eigenen Geschmacks-Textur (wenn bei Knoten 3 oder 4 Disco nicht auftaucht, dann wird nix draus), das sich-Annähern an sexy Heilpraktiker im Zahnarztstuhl liegend (schwierig!!!!) mit dem Ziel des gemeinsamen Selbstmordes im Jahr 2040, weil einer von beiden dann Alzheimer haben wird wegen des Amalgams aus Kindertagen, bei der Gestaltung der eigenen Biographie mit all den nicht mehr auszumerzenden fehlern – ha, da ham wir’s!
Das ist nämlich bei der Beschreibung von Prozessen das Problem – dass sie immer auch Effekt externer Strukturen sind. Die Differenz von “Innen” und “Außen” kann man in dieser Mindmap-Flame-Metaphorik ja gar nicht fassen, da sind dies Faltungen des Außens, diese Knotenpunkte, so, als sei das Schiff eine Faltung des Meeres (Danke, Herr Deleuze)?
Da hilft wohl unter anderem dann Musik, um das Verhältnis besser zu begreifen. Weil die eben primär somatisch und köperlich wirkt … und Hartz IV eben den Marsch bläst. Das unterscheidet diesen Terror gegen die eigene Bevölkerung von Disco-Musik.Weil auch dieses Gesetzemachwerk da ansetzt, wo Shepard das Wirken von Musik verortet:
Dafür evoziert sie direkt die Texturen, Prozesse und Strukturen der sozialen Welt als der Welt, die in der externen, öffentlichen Sphäre der sozialen Interaktion und dem inneren, privaten Reich der individuellen Subjektivität manifest ist.
Das nennt man Totalitarismus, wenn es aufgenötigt und bis zur totalen Disziplinierung verdichtet auf Menschen einwirkt und sie drillt.
Genau da wollte die Postmoderne ran und dann raus – genau das Auflösen, Zeichen in Fluss bringen statt biographische Knotenpunkte aus Formularen nur zu fördern, und da ist das für den Kredit auch nur eine Zwangsmassnahme, stattdessen mit Musik und bildender Kunst zusammen auf immer neue Ebenen grooven, statt Nötigungen mittels “Eingliederungsvereinbarungen” unterworfen zu werden – ein Spiel in Ruhe wollte sie erzeugen, nicht Beliebigkeit.
Damit auch Brad mal nicht weglaufen braucht, wenn er nicht will … morgens fischen, mittags jagen, abends räsonnieren. Ja, ich will wieder utopisch sein. Besser das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur.
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