Das ist aber wirklich spannend, was der Rayson da ausgebuddelt hat. Wer oder was Jörg Tauss ist, was ihm vorgeworfen wurde und wie er auf die Zensurgesetze in Sachen Internet reagiert hat, das das kann ja jeder selbst nachgooglen. Hier seine Beschreibungen von Vorgängen rund um Gesetzgebungsverfahren:
“Kein (SPD-) MdB kaeme z.B. auf die Idee, zum Gespraech auf einen Bauernhof zu fahren, ohne sich vorher etwas ueber die Milchquote oder dergl. anzulesen oder wenigstens aufschreiben zu lassen. Unter “Internet” koennen sich aber eben viele immer noch weniger vorstellen als unter einer Kuh. Ein weiterer Teil hat sich daher auf die Aussagen von “Fachleuten” wie Martin Doermann verlassen, der in der Fraktion von einem “guten Kompromiss” und “Verhandlungserfolg” gegen die Union sprach. Dass sich Stasi 2.0 die Haende reibt weiss er nicht, will er nicht wissen, weil es ihm weder die Bundesnetzagentur noch sein Referent so aufgeschrieben haben und nur ueble Lobbyisten das Gegenteil behaupten. Er glaubt denen daher auch nicht, glaubt vielmehr den von ihm verbreiteten Unfug selbst und ist beleidigt, dass ihm die gleichfalls boese “Szene” wiederspricht und “sein” Werk nicht auch noch lobt. Er hat mich beim Parteitag sogar noch gebeten, zu helfen, die “Szene” mal richtig zu informieren.”
Der Reflex von Rayson, dann im Gegenzug den “Staatsgott” (auch eine Form von Gottesstaat also) zu vergötzen, indem er ihn negativ verabsolutiert, ist ja auch nicht anderes als eine rhetorische Abschaffung der Gewaltenteilung, also eben das, was den Gesetzgebern allerorten vorgeworfen wird: Deren Gewaltenteilung voranzutreiben und somit die Architektur des Grundgesetzes zum Einsturz zu bringen.
Finde vielmehr 4 andere Punkte auffällig: Dass Kreise der Union Tauss zufolge mit China liebäugeln, das ist ja schon lange meine Prognose – dass das Motto “Wirtschaft wird in der Wirtschaft gemacht, und Politik ist dazu da, Folgeschäden autoritär zu beseitigen, wegzusperren, zu unterdrücken oder in Verhältnisse zu zwingen, in denen keiner sein will (und ggf. in Wirtschaftskrisen dann ordentlich Kohle in sie hineinzupumpen)” sich perspektivisch durchsetzen wird.
Da können nun gerade die Apologeten der Deregulierung nicht so tun, als habe das mit ihren Praxen und Diskursen nix zu tun, die Mentalität ist das Resultat wirtschaftlicher Umbrüche, die sie selbst diskursiv flankiert haben – wenn auch im konkreten Fall maximale Einigkeit herrscht hinsichtlich der Kritik der antidemokratischen Unverfrorenheit, mit der von der großen regierenden Einheitspartei Bürgerrechte abgeräumt werden. Hartz IV und Zensursula sind da einfach zwei Seiten der gleichen Medaille.
Zweiter auffälliger Punkt ist die Angst vor der BILD. Dass die eifrig mit regiert, das war ein Grund von Herrn Bucerius von DIE ZEIT, einst die 68er finanziell zu unterstützen; nun ist es einigermaßen inkonsequent, “Scheiß Staat” zu rufen, wenn Mechanismen in privatwirtschaftlichen Medien dazu führen, dass Politik so und nicht anders gemacht wird.
Da gibt es aktuell keine Lösung, weil die Staatsnähe der öffentlich-rechtlichen Medien dazu führt, dass ein Gegengewicht nicht wirklich sich formiert. Das ist aber genau der Ansatzpunkt: Die Reformbedürftigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems eben nicht auf Quotendiskussionen, Qualitätsdebatten und Zwangsgebühren zu reduzieren, sondern an den internen Entscheidungsstrukturen, die dazu führen, dass sie ihre Rolle als “4. Gewalt”, die unabhängig sein SOLLTE, gar nicht mehr wahr nehmen. Und im Gegenzug sich klar zu machen, dass es gerade die Privatisierung von Funk und Fernsehen war, die den zwangsläufigen Populismus der Massenmedien noch forcierte.
Dritter Aspekt ist mein Lieblingsthema: Die dem Subsystem Politik innewohnende Eigendynamik. Wenn der Verhandlungserfolg mit der CDU dem Verhandlungsergebnis und dessen Inhalten gegenüber prioritär ist, ist ja eine Abkopplung von Wählerinteressen und Bürgerrechten geradezu die notwendige Folge. Und das leitet über zum vierten Apekt:
Neulich in der FR beklagte ein Kommentator, dass meckern ja auch einfach sei, wenn keiner mehr bereit sei, sich in der Politik zu engagieren. So sei es ja kein Wunder, dass aus ihr das geworden ist, was sie wurde.
Und in der Tat ist ja erstaunlich, wie Herr Tauss die Weltfremdheit der Abgeordneten beschreibt. Dass nur ganz bestimmte Personengruppen, Juristen, Lehrer und sonstige Beamte, sich im Bundestag tummeln, das ist ja ein Problem, das sich daraus ergibt, das Leute wie wir sich lieber mit anderen Sachen beschäftigen.
Und das hat meiner Ansicht nach sehr viel mit der Regierungszeit Helmut Kohls zu tun, wo alles platt gesessen und trivialisiert wurde, auch damit, wie die Wiedervereinigung durchgesetzt wurde, nämlich als ein Abräumen der Ziele der DDR-Bürgerbewegung, als auch mit der Regierungszeit von rot-grün, wo entgegen allen Vorstellungen und Wünschen, die man mit ihr zunächst verband, dann Kriege geführt und soziale Rechte abgeräumt wurden.
Umgekehrt sollte man sich gerade jetzt an den “Marsch durch die Institutionen” der ’68er wie auch jene Phase, in der DIE GRÜNEN sich formierten, erinnern. Auch wenn’s schlim ist, was aus denen nun geworden, erziehungsberechtige, konservative Besserverdiener, so ist es ja ein unglaublicher Erfolg für die Demokratie gewesen, dass eine ganze Szene in die Parlamente einzog und dort neue Perspektiven und Wahrnehmungen eröffnete.
Die Piraten machen mir da sogar Hoffnung. Ich glaube, ich trete dort ein.
Quatsch mit Soße
Nicht ich vergötze den Staat, sondern alle jene, die ihm anlässlich der Krise gottähnliche Eigenschaften unterstellend neue Aufgaben anvertrauen wollen. Das ist keine “negative Verabsolutierung”, sondern ein Appell, auch den Staat als prinzipiell nur sehr, sehr unvollkommen funktionierendes Gebilde wahrzunehmen.
Dass ich mal wieder als Feind des GG entlarvt werde, nehme ich gelassen hin: Du hast eben nie Kleingeld in der Tasche, nur große Scheine…
So kommen wir der Sache nämlich schon näher. Es wäre doch vielleicht mal wert zu untersuchen, ob die Demokratieanbieter die praktische Unvermeidbarkeit solcher Eigendynamiken nicht ebenso erkennen sollten wie die Marktanbeter (von denen es ja wesentlich weniger gibt als mancher, egal in welchem Lager, es gerne hätte oder aufgrund von simplifizierenden Unterstellungen anderer angenommen hatte).
Und du kannst dich mit deren Haltung zum Urheberrecht anfreunden?
Na ja, ich finde schon, dass das eine “Negativ-Fixierung” auf “DER STAAT” ist, die aus einem ziemlich komplexen Gewirr dann ein Super-Subjekt zaubert. Und ich halte Dich nicht für einen Feind des Grundgesetzes, sondern bin der Ansicht, dass allein die Gewaltenteilung schon eine gesonderte Betrachtung wert ist, wenn man “Staat” und “Gott” da kurzschließt, und dass Du somit diesen Aspekt ja ausblendest.
Gegen ein “ebenso wie Marktanbieter” habe ich da schon was, gerade heute war ein SpOn ein Artikel über Unipräsidenten, die sich als “Vorstandvorsitzenden” betrachten, und die legen Hand an Kultur, die einen Wandel nach sich zieht, gegen den ein Übertritt von 90% der Bevölkerung zum Islam als Bagatelle zu deuten wäre.
Aber der erste Teil: Ja, klar! Unbedingt! Bei dem konkreten Thema sind wir uns ja sowieso lagerübergreifend sehr einig – mir scheint es aber so, das war die sehr habermasianische These, dass solche Selbstreflektion nur dann einsetzt, wenn sich neue politische Öffentlichkeiten bilden, jedoch nicht, wenn alle sich nur abwenden, und das war durchaus selbstkritisch gemeint.
Habe, gebe es zu, dann heute erstmals auf die “Piraten”-Seiten geguckt, und wie die das mit dem Urheberrecht nun genau meinen, das muss ich erst noch begreifen. Zumindest habe ich da anders als bei Lobbyisten wie Steffen die Bereitschaft, das auch zu tun
…
Klar ist, dass sich bei fortschreitender Produktivkraftentwicklung die Produktionsverhältnisse ändern, sowieso, und das scheint mir so ein Fall zu sein, ein ganz klassischer.
Ich muss da zwar aufpassen, hinterher nicht zu den Gearschten zu gehören, umgekehrt kostet es mich persönlich extrem viel Geld, dass die Rechte da so gestrickt sind, wie sie’s sind.
Was mir so auf den ersten Blick sehr sympathisch war, ist, wie die Piraten Bürger- und Menschenrechtsgedanken aus der Internet-Praxis heraus entwickeln jenseits dieses plakativen “Gegenöffentlichkeit” (die ich ja oben auch für wichtig erachte, klar).
Muß mich da noch mehr eingrooven, aber vielleicht ist das eine Sen und Konsorten-Anwendung, die mir ziemlich sympathisch ist und zwischen “euch” und “uns” sogar zu vermitteln vermag …
Meinetwegen, aber was haben die Freunde des Marktes mit einzelnen Akteuren zu tun, die in einem Nichtmarkt Unternehmer spielen wollen? Es ist ja ein ständiger Fehlschluss, dass man als Befürworter freier Märkte zum Befürworter aller Verhaltensweisen wird, die auf freien Märkten zu beobachten sind, wenn auch hoffentlich vorübergehend, zu einem Parteigänger aller aktuell existierenden Unternehmer und Manager, und diesen Fehlschluss auch noch auszudehnen auf staatlich regulierte Spielfelder erschiene mir doch ziemlich unnötig. Um es mal plakativ auszudrücken: Wer für freie Märkte ist, muss vor allem ein Freund der Noch-Nicht-Unternehmer sein. Wobei “Unternehmer” tatsächlich nur der ist, der mit seinem eigenen Vermögen haftet.
Als Nichtmarxist ist das für mich natürlich keine ausreichende Erklärung. Aber aus meiner Sicht gibt es einen Trade-Off zwischen den staatlichen Aufgaben der Eigentumssicherung und der Gewährleistung individueller Freiheit. Wenn das eine sich nur äußern kann als Einschränkung des anderen bei vielen zugunsten weniger, dann muss ein liberaler Staat sich darauf einstellen. Meine libertären Freunde werden jetzt auf viele Ideen kommen, wie in einem idealen libertären Gebilde dieser Konflikt aufgelöst werden kann, aber ich bin da aus verschiedenen Gründen skeptisch…
Zumal es ja auch ökonomisch aus meiner Sicht zweifelhaft ist, warum der unglaubliche Vorteil, ein Gut praktisch ohne Ressourcenverbrauch beliebig zu vermehren, plötzlich zu etwas per se Schändlichem werden soll. Natürlich muss man, wie auch bei den öffentlichen Gütern, darauf achten, dass die gegebenen Anreize die Produktion eines von vielen geschätzten Gutes nicht unmöglich machen und wird daher um gewisse Eigentumskonstrukte nicht herum kommen, aber es spricht aus meiner Sicht nichts dafür, dass die aktuelle Rechtslage die ideale ist.
Nur dass die eben auf “eure” Jahrzehnte währende Idoktrination reagieren, da kann man dann doch nicht immer so tun, als habe man damit rein gar nichts zu tun, nur weil irgendeine Utopie nicht realisiert ist.
In der aktuellen “Die Zeit” schreibt Josef Joffe ganz launig über das angloamerikanische Uni-System, das natürlich genau das Gegenteil dieses Quatsches ist, der in Deutschland verbrochen wird und nur Wüsten hinterläßt, und mal ab von vielem, was da auch noch zu sagen wäre über das angloamerikanische System, würde das natürlich “eigentlich” dem näher kommen, was “ihr”"eigentlich” wollt (und in manchen Hinsichten auch dem, was ich wollen würde); nichtsdestotrotz sind das “eure” Unternehmer-Leitbilder, die hier wirken.
Zu den Urheberrechtssfragen muss ich echt noch grübeln, verzeih. Wenn ich bei Steffen lese “Brauchen wir ein geistiges Eigentum?”, dann lese ich das natürlich im Sinne von “Eigentum nur für Kapitalbesitzer, Intellektuelle und Künstler mundtot machen und in Hartz IV befördern, Hauptsache, mein Klientel kann sich noch besser durchsetzen und noch besser ausbeuten und Kritiker gehen derweil zwangsarbeiten beim Sand schippen”.
Die Diskussionen bei den Piraten geht ja eher in Richtung “Kulturflatrate” und dergleichen, was nun wieder “euren” Vorstellungen komplett zuwider liefe und eher auf eine Mischung aus GEMA und GEZ hinausliefe, und das paradoxerweise in Zeiten, wo gerade wegen der Digitalisierung immer mehr Leuten empfohlen wird, bloß nicht der GEMA beizutreten, und was wahrscheinlich wirklich irgendwann sowas wie “Einstufungskomissionen” hervor brächte, die es in der DDR gab und die die Musiker-Saläre festlegten – am meisten bekamen die Puhdys, weil die Devisen brachten.
Letztlich wird sich da aber – und dann eben doch Marx – das Faktische durchsetzen: Da wird die Relation staatliche Aufgaben der Eigentumssicherung und die Gewährleistung individueller Freiheit als Thema gar keine Rolle spielen, vermute ich. Da strukturiert sich irgendwas tatsächlich “autopoetisch”, weil man es gar nicht in den Griff kriegen kann.
Du merkst, ich eier rum, gehe auch nicht wirklich auf Deine Punkte ein, und der Grund ist schlicht: Ich habe da noch keine Position, außer der, dass Leute wie Steffen sich grundsätzlich möglichst nicht durchsetzen sollten
…
Dein “Rumgeiere” geht aber, so hofffürchte ich aber in die genau richtige Richtung. Und so Maximalpositionen wie Adornos: “Alles was heute Kommunikation heißt, ausnahmslos, samt der dringlichen Kritik daran, ist nur das Gebrüll, das die Stummheit der Gebannten übertönt” oder Postmans Auffassung, dass wir uns in der modernden Medienwelt zu Tode amüsierten scheinen mir erst jetzt richtig wirkungsmächtig zu werden. Und komme mehr und mehr dahin, dass die Situationisten oder Leute wie Mesrine und Baudrillard eigentlich Propheten waren. Und Habermasens Refeudalisierung der Öffentlichkeit läuft mit Volldampf voran.
@MR
Was du so alles bei Steffen liest… Nix gegen Fantasie, aber man kann es auch übertreiben…
Denn wenn nämlich jemand die Knete der diversen Lobbyorganisationen für unsere Gefälligkeitsbeiträge einstreicht, dann bin ich das.
Ach, Du bist das
…. und bei Steffen witter ich das Böse, das stimmt schon. Einer meiner Intimfeinde im Geiste.
“Was haben die Freunde des Marktes mit einzelnen Akteuren zu tun, die in einem Nichtmarkt Unternehmer spielen wollen?”
So harmlos ist die Sache aber leider nicht. Es geht diesen Leuten schließlich gerade darum, den Nichtmarkt in einen Markt zu verwandeln.
Die lächerliche Seite der Angelegenheit und das unfreiwillige Komödiantentum ist mit “in einem Nichtmarkt Unternehmer spielen wollen” allerdings schön ausgedrückt.