Ein Tag der Bürgerrechte?
Seltsam.
Ralf Dahrendorf stirbt, Jürgen Habermas feiert Geburtstag – an ein und demselben Tag liest man darüber in den Nachrichtenportalen. Und das einen Tag nach dem 17. Juni, dessen Gedenken ja verschwunden scheint. Während zugleich man mit der Opposition im Iran fiebert und hofft. Ich auch!
Ich bin kein intimer, eher gar kein Kenner des Werks von Ralf Dahrendorf. Für mich war er eher eine Symbolfigur als Vertreter eines Liberalismus, für den ich sehr viel Sympathie empfand. Vielleicht ist das falsch, für mich jedoch verkörperte er einen jener großen Intellektuellen, die sich der Wende zur Reduktion liberalen Denkens auf den Aspekt „wirtschaftlicher Freiheit“ verweigert haben. Da trauere und gedenke ich mit in Zeiten, in denen man mehr über Herrn Fleischhauer als über Politik diskutiert.
Mit Jürgen Habermas’ Denken bin ich vertrauter, eher widerwillig öffnete ich mich seinen Theorien inmitten der Postmoderne-Diskussion. Ein wenig hat er mich vor dem Nietzscheanismus Foucaults gerettet, und im Nachhinein bin ich ihm bei aller Verehrung Foucaults sehr dankbar dafür. Dieses ist ein Tag, an dem man notwendig über das Erbe des Liberalismus reflektieren muss, ist doch Jürgen Habermas ein Soziologe und Philsoph, der liberale Prinzipien sehr ernst nahm, auch wenn bei ihm später “deliberativ“ daraus wurde – und der es vermochte, meiner Ansicht nach das, was gut an diesen ist, in linke Theorien zu integrieren bei stetiger Anknüpfung an das Denken von Bürgerrechtsbewegungen, deren aktuelle Ausformung man gerade im Iran erleben darf.
Auch jene Bürgerrechtsbewegung in der DDR einst (es gibt da mehr strukturelle Parallelen zwischen Iran und DDR, als man gemeinhein glaubt) schien mir den Geist von Habermas zu atmen, ob bewußt und intendiert oder nur aus der Perspektive eines westdeutschen Philosophiestudenten, das sei dahin gestellt. Und gemeint ist jene Phase, da aus „Wir sind DAS Volk“ noch nicht „Wir sind EIN Volk“ geworden war.
Habe Habermas immer als formal-egalitären, radikaldemokratischen Instituitionenkritiker gelesen. Selbst „Faktizität und Geltung“, von vielen als Staatsphilosophie gescholten, ist der Versuch, die Institution des Rechts in demokratischen und rationalen Verfahren zu fundieren und deren Grundlagen zu explizieren, um so jenen Kontroll- und Sicherheitswahn heutiger Politik, der immer ihm zuwider war, als Staatsbegründungsmöglichkeit zu verabschieden. Ist nicht geglückt in seiner Wirkung, leider, aber darum geht’s dem Kantianer ja auch nicht, sondern um Begründung. Dasss durch die Orientierung an der Verfassungsgerichtssprechung ihm dann die Dubiositäten der realen Rechtspraxis und somit das Sujet Fouceults völlig aus dem Blickpunkt gerieten, mag naiv sein – ganz grundsätzlich ist mir das trotzdem sympathisch. Auch wenn es belegt, dass es sehr gute Gründe gibt, wie die Ältere Kritische Theorie bei der Kritik zu verbleiben und sich an positive Forderungen gar nicht erst heranzuwagen, es sei denn, es geht um Kunst.
Mit anderem Akzent feiert Nikolaus von Festenberg heute bei SpOn den Denker – sehr stimmungsvoll und erfahrungsgesättigt, liebevoll und doch desillusioniert. Ein schöner, ein angemessener Text, dessen Pointe sich bereits auf der ersten Seite findet:
Ach ja. Wohl wahr, wie wahr! – aber was dann?
Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst.
Damit kommt man ungeheuer weit.
Ist bloss im Anfang mühsam, aber je konsequenter man dabei bleibt desto mehr Spaß macht es.
Gegen das Motto habe ich rein gar nix.
Nur mal so unter uns, Momorulez: Wenn sowas wie rotegräfin und Rayson Dein Blog als Latrine benutzen, was dann, was jetzt?
Ach komm, nix gegen Rayson, sondern allenfalls gegen manhes, was er schreibt.
Bei der Roten Gräfin war ich jetzt aber erstaunt, dass sie mir so fudamentale Lebenshilfe angedeihen ließ. Wobei jetzt gegen den Satz „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ wirklich nix habe. Wäre ja froh, wenn der Papst zum Beispiel das auch so sähe und all diese Leute, die ständig ihre religiösen Gefühle verletzt sehen,wenn andere sich lieben
– für die, denen es so geht, wenn ihr Prophet als Bombe karrikiert wird, habe ich da, ganz ehrlich, schon weit mehr Verständnis. Mit leben müssen die aber auch.
Ich bin doch immer wieder von der Gesprächsbereitschaft und tiefen Menschlichkeit gewisser Linker beeindruckt. Man kann sich das tolerante und paradiesische Gemeinwesen, das ihrem Streben zugrunde liegt, wirklich ausgezeichnet vorstellen. Und der Bezug zu den bisherigen Versuchen der Umsetzung wird sehr klar.
Nörgler ist doch gar kein Linker, falls Du den meintest. Der ist Salonmarxologe, ein sehr guter.
Ich fühle mich da mal nicht angesprochen.
Warst auch nicht gemeint. Und mir ist egal, wie sich die Typen nennen, die Andersdenkende nicht ertragen können.
Hallo Leute, das wir in einer Welt voller Dummköpfe leben können wir nicht ändern.
Wenn ich was ändern kann ist es mich selbst und meine Einstellung, wie ich mit Dummköpfen umgehe. Abmurksen geht ja nicht, obwohl ich das manchmal ganz gerne möchte. Steht nur meinem Lebensziel, was ich mir gesteckt habe im Weg.
momorulez
Ich weiß gar nicht was alle mit dem Papst haben? Der liebt doch sich und seinen Nächsten. Ich finde es nur völlig daneben, das er meint seinen Übernächsten, von den er keine Ahnung hat etwas zu sagen.
Also lassen wir doch dieses Auslaufmodell wirklich auslaufen und machen es besser.
„Wenn ich was ändern kann ist es mich selbst und meine Einstellung, wie ich mit Dummköpfen umgehe.“
Daran hindern mich aber immer die Dummköpfe
– so ganz ins Kloster (gegen die ich gar nix habe, nicht, dass man mich mißversteht, finde Klöster im Prinzip was Feines) möchte ich doch noch nicht. Man hängt ja mittendrin im Sozialen.
Übrigens: Würde konsequente Nächstenliebe nicht verbieten, andere als Dummköpfe zu diskreditieren? Die Pointe liegt ja auf mir selbst wie dem Nächsten gleichermaßen, das ist reziprok, strukturell. Was ja gut ist.
Hat der Papst Nächste? Ich stelle mir da immer so ein strategiegesättigtes Machtgeschehen im Vatikan vor und ansonsten reine Unterwürfigkeit. Ist das Nähe?
Besteht Nähe zwischen uns?
Real nicht! Ideell meine ich ja. Praktisch auch hier schreibt jemand wie ich lese, der sich differenziert Gedanken macht und offensichtlich fähig ist einen Dialog zu beginnen.
Nähe zulassen bedeutet erst einmal die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind.
Um sein Nichtwissen ist das Höchste.
Um sein Wissen nicht wissen ist krankhaft.
Ich habe mit geistig behinderten Kindern mal gearbeitet. Sie nicht als krank und behindert zu bezeichnen und dann darauf einzugehen hielte ich für eine größere Lieblosigkeit.
„Sie nicht als krank und behindert zu bezeichnen und dann darauf einzugehen hielte ich für eine größere Lieblosigkeit.“
Das verstehe ich nicht. Habe auch mit geistig behinderten Jugendlichen gearbeitet, und die konnten sehr vieles nicht, was ich kann, da musste man kompensieren, „behindert“ ist insofern schon völlig in Ordnung. „Krank“ war einer von denen, weil er irrsinnig oft epileptische Anfälle hatte. Aber sonst war der klasse, nicht krank. Hat sehr viel Spaß gemacht, die Arbeit. Liebe ist ja nicht das Zusprechen von Prädikaten, sondern Anerkennung.
Ja genau das meine ich.
Ich drücke mich oft holperig aus. Ich habe viel bei diesen Kindern gelernt vor allen Dingen ihre spontane Zuneigung tat mir gut.
Von denen kann man auch wahnsinnig viel lernen – über Wut, Traurigkeit, Freude, Liebe, das stimmt. Die emotionale Basis halt. War für mich auch eine sehr wichtige Zeit. Denke ich oft und gerne dran zurück.
Ich übertrage jetzt meine Erfahrungen mit diesen Kindern auf uneinsichtige Erwachsene, die ja in ihrem Gefühlsbereich schwer behindert sind. Früher nannte man das Stolz und ich habe mir den Spruch gemerkt Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz.
Soviel Geduld wie man bei den Kindern aufbringen musste, um ihnen kognitive
Fähigkeiten bei zu bringen, soviel Geduld versuche ich heute mit den psychisch Dummen von Josef Ratzinger angefangen bis zur Kassiererin im Supermarkt einschließlich mir selber zu erweisen.