Literaturtipp für Lina
„Wir erlernen mit dem System der Personalpronomina die Beobachterrolle der „dritten“ Person nur in der Verbindung mit den Sprecher- und Hörerrollen einer „ersten“ und „zweiten“ Person. Nicht zufällig greifen die beiden Grundfunktionen der Sprache – Tatsachendarstellung und Kommunkation – gleichursprünglich ineinander. Dieser sprachphilosophische Blick auf Sprecher und Adressaten, die sich indem sie die Rollen von erster und zweiter Person austauschen, vor dem Hintergrund einer intersubjektiv geteilten Lebenswelt miteinander über etwas in der objektiven Welt verständigen, läßt sich erkenntnistheoretisch umkehren: die Objektivität der Welt konstituiert sich für einen Beobachter nur zugleich mit der Intersubjektivität der möglichen Verständigung über das, was er vom innerweltlichen Geschehen kognitiv erfasst. Erst die intersubjektive Prüfung subjektiver Evidenzen ermöglicht die fortschreitende Objektivierung der Natur. Darum können die Verständigungsprozesse selbst nicht im ganzen auf die Objektseite gebracht, also nicht vollständig als innerweltlich determiniertes Geschehen beschrieben werden und auf diese Weise objektivierend „eingeholt“ werden.
In der komplementären Verschränkung von Teilnehmer und Beobachterperspektive wurzeln nicht nur die soziale Kognition und die Entwicklung des moralischen Bewusstseins, sondern auch die kognitive Verarbeitung von Erfahrungen, die uns in der Konfrontontaion mit der natürlichen Umwelt zustoßen. Wahrheitsansprüche müssen beidem zugeich standhalten, dem Test der Erfahrung und dem Widerspruch, den andere gegen die Authentizität je eigener Erfahrungen – oder gegen unsere Interpretation davon – einlegen können. Damit verhält es sich im Wissenschaftsbetrieb nicht anders als im Alltag.“
Jürgen Habermas, Freiheit und Determinismus, in ders: Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt/M. 2005, S. 173-174
31 Kommentare