Metalust & Subdiskurse Reloaded

Kleiner Hinweis, allgemeinverständlich?

Veröffentlicht in Alltagsbeschwerden, Für Hedonismus von momorulez am Juni 5, 2009

„Wer einmal primär als Angehöriger dieser oder jener Gruppe identifiziert wurde – der kann noch so sehr insistieren, wie Sen dies in seinem eigenen Fall tut, er sei gleichzeitig ein Asiate, ein Bürger Indiens, ein Bengale aus Bangladesh, ein Mann mit Wohnsitz in den USA, ein Wirtschaftswissenschafter, ein Feminist, ein Verteidiger der Rechte von Schwulen und Lesben, ein Heterosexueller, ein Sanskrit-Gelehrter und noch vieles mehr. Doch sich selbst sehen und von anderen gesehen werden, Identität und Identifizierung durch andere, ist zweierlei; und man hätte gern etwas genauer gewusst, wie Menschen sich kraft der Vernunft, deren ausserordentlich eloquenter Fürsprecher Sen ist, fatalen Identifizierungen widersetzen können.“

Kann man bei Foucault, Adorno und anderen lernen, wie man das Prozessuale und das Sich-Zuschreibungen-Entziehen als theoretische Programmatik mit praktischem Wert vollziehen kann.

Der Schlüssel: Man untersuche, wie man „sich identifizierenn mit“ und „sich identifzieren als„, verwendet, wie das geht, wie man dazu kommt, wozu das führt – und vor allem auch, was die Quellen sind, aus denen man schöpft, wenn man das tut.

Dann meditiere man darüber, was es heißen kann, „mit sich identisch zu sein“, das ist dann entweder eine raumzeitliche Zuschreibung (also immer der gleiche Körper) oder ein sich-identifzieren mit konstanten Merkmalen wie dem Äußern einer und immer der gleichen Meinung, dem alltäglichen Beten gen Mekka, mehrfach, der Tendenz, unwirsch zu reagieren, wenn jemand intellektuellenfeindliche Worthülsen, homophobe Klischees, implizit sozialdarwinistische Weltbeschreibungen oder latent-faschistoide Biologismen proklamiert.

Dann vertiefe er sich in die Verletzung, die er empfindet, wenn er mit massiv allergischen Reaktionen diesbezüglich konfrontiert wird, und er bekommt vielleicht eine Ahnung davon, was es heißt, im Falle des „sich-Identifizierens als“ ein Leben lang mit Vorstellungen arttypischen Konstanten oder auch nur „Rahmen der sexuellen Orientierung“, die dann angeblich eine „qualitative Idetität“ sei, also ein so-oder-So-sein, konfrontiert zu werden: Es ist eine Versteinerung durch Fremdzuschreibung, zu der sich zu verhalte man genötigt ist. Max Frisch hat darüber  „Andorra“ gechrieben.

Wütend macht das, weil das in solchen Zuschreibungen  sich äußernde Begriffsrepertoire an der Wahrheitsgeltung  von Sätzen wie „Der Kapitalismus lebt von der Abschöfpung des Mehrwertes“ sich orientiert und damit zum einen das vollbringt, was in der Kritischen Theorie (und auch der Lebensphilosphie der 20er Jahre) als „Verdinglichungskritik“ auftritt und ebenso als Kritik des zu Recht so genannten „identifizierenden Denkens“: Was benennt und definiert, will beherrschen, verfügbar machen, instrumenatalisieren, in den Begriff und somit auch Griff bekommen, indem es „objektiviert“, also, siehe oben, versteinert. Sei es per Elektroschock, Missionierung oder Tolerieren: Die Subjekt-Objekt-Relation, die ist da klar bestimmt.

Es ist dies eine unrichtige Vermengung diskursiver Ebenen, ein Kurzschluß ethischer Perspektiven, die immer nur auf der Zeit-Achse auftreten können, weil sie sich Ziele setzen, die Verwirklichung von Ideen anstreben, sich mit den Anderen beschäftigen wollen, und Wahrheitsfragen: „X ist liberal“, „Der Baum ist grün“, „Gott ist tot“.

Insofern ist es fast ein Fortschritt, wenn z.B.  Heizpilze Schwulsein als „Lifestyle“ betrachten, das trifft es sogar, es ist ein Lebensstil, wie jener der alleinerziehenden Mutter, des Spazierens in Parks oder der Vorliebe für Nouvelle Cuisine. Und Lebensstile ruhen immer auf ökonomischen Bedingungen, nichts anderes kann die Formel „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“ und „Der Mensch ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ auch heute noch heißen. Soziologen wie Pierre Bourdieu haben das in neue Formen der Sozialstrukturanalyse geführt, all die verdinglichenden Gen-Fetischisten (Fetischsmus ist ja das sich-Richten auf ein Objekt statt eine Person) und Hirnheinis wollen genau solche Ansätze verdrängen, obgleich sie doch gerade mal wieder gemerkt haben, dass ein Gen allein noch gar nix sagt und alles Entscheidende in Interaktionen mit Umwelt entsteht. Die Teilnehmerperspektive können sie nicht denken, wenn sie sagen, ein Psychopath habe eben ein anderes Hirn als ein Nicht-Psychopath, deshalb lügen sie, meistens gedruckt.

Nun erst stellt sich die Frage nach der Politik. Meiner Ansicht nach hat sie auf der Lebenstil- und Lebensform-Ebene, jener der ethischen Vernunft, nichts zu suchen. Das ist übirgens eine liberale Position (wie sie z.B. gegen Kommunitaristen meiner Ansicht nach zu Recht ins Feld geführt wurde).

All dieses Rassismus- und Kulturalismus-analoge Geschwätz darüber, wie Linke seien, lenkt nur ab von Politik, deshalb wird es ja verbreitet, gerade jetzt „in der Krise“, ebenso diese Erziehungsprogramme zur Volksgesundheit von grünen Prä-Faschisten und Nichtraucher-Waggon-Siegern über das Lotterleben.

Es ist das Kennzeichen konservativer Positionen, solcherlei Vorschrebungspraktiken, die genuin religiös sind und immer irgendeine Variante von Askese-Modellen und Ritualisierung beinhalten. Es ist dieses aber auch die Ebene von „Sich identifizieren als“ und „sich identifizieren mit“. Genau DAS ist übirgens tatsächlich ein Drama, das ‘68 hervorgebracht hat: Diese ganze Psycho-Diskurse, die dann moralisch sich aufgeladen, jeden Fick „politisch“ aufgeladen haben und auch nur eine invertierte Form der Askeseparaxis waren: „Wer zwei Mal mit derselben pennt gehört schon zum Establishment“ ist als Lifestyle-Programm strukturell konservativ, so paradox sich das anhört.

Wenn man Die Linke als „Szene“ begreift, als eine bestimmbare Gruppe mit geteilten ethischen Vorstellungen, dann ist man strukturell konservativ. Deshalb reagiere auf dieses Szene-Gerede aus Provinzstädten in Nordhessen so allergisch, dann, wenn es politisch-programmantisch und fast im Sinne einer Wesensmetaphysisk der Linken auftritt und nicht als reiner Erfahrungsbericht. Die meisten Redeweisen von „Identität“ laufen auf solche Wesensmetaphysiken hinaus: „Ich bin liberal, ich plane nicht“. „Ich als Liberaler verfüge über die Eigenschaften x, y und z“. „Ich als westlicher Mensch bin wesensmäßig tolerant, anders als diese wesensmäßig intoleranten Muslime“. usw.

Wenn ich mich als St. Paulianer identifiziere, die einzige „Identität“, die ich mir selbst zuschreiben würde, von mir aus sogar wesensmetaphysisch, hat das mit Politik nix zu tuen. Die Frage nach der Gleichberechtigung der Frau hat dieses aber sehr wohl, weil Recht Organ des Politischen ist und immer von der Selbstkritik, wann Demokratie und somit Rechtsetzung den eigenen Grundlagen – z.B. den formal-egalitären – zuwiderläuft , begleitet zu werden hat, sonst ist es Unrecht. Eine Betriebsvereinbarung zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung ist ein solcher  rechts-setzender Akt, z.B..

Und überhaupt erst da treten dann auch politische Differnezen auf den Plan: Linke Positionen sind für mich solche, die eben jene oben erwähnten, auch ökonomischen Grundlagen und Bedingungen von Lebensstilen als der Politik zugänglich erachten und als Thema des Politischen, ganz egal auf welcher Eeben, im Blickpunkt haben, und zwar auf egalitärer, nicht traditionaler oder konventionaler, sondern rational-prozessualer Basis.

Das unterschiedet sich nur wenig von bürgerrechtsorientierten, linksliberalen Positionen, und da kann man dann auch sinnvoll diskutieren über mögliche Differenzen, nicht, wenn man sich über Lifestyle und Mentalitäten ausläßt.  Wirtschaftsliberale Posotionen behandeln solche Fragen hingegen prinzipiell als privat und wollen diesen Bereich vor dem Eingriff des Politischen, der „kollektiven Entscheidung“ deshalb schützen, weil sie sich mit Verfahren jenseits des symetrischen Vertrages zwischen zweien gar nicht auseinanderzusetzen bereit sind, es sei denn, es geht zwischendruch mal darum, Abgaben für das Grillen in Parks zu erfinden, also öffentliche Güter als quasi-privat zu deuten und zu budgetieren.

Konservative hingegen setzen direkt am Lifestyle an und proklamieren die Präferenz bestimmter Lebensstile – keine Schulbücher, die „Schwulsein“ positiv darstellen, Herr Rüttgers – und vollziehen einen Kurzschluß zwischen ethischen – den Lebenstil betreffenden – und normativen Fragen – was ist eine moralisch richtige Handlung, auf welcher Regel kann diese gründen? Steht in der Sunnah, der Bibel, bei Herbert Marcuse oder Wilhelm Reich  – und verstehen diese dann als na, was wohl, Identitätsfrage, als ein invariantes „sich identifzieren mit“ (Nation, Familie usw.) und „sich und Andere identifizieren als“ (Deutscher, Linker, Liberaler, Christ oderwasauchimmer).

Und dann ist der „Zigeuner“ der, der stiehlt, der Muslim der, der Ehrenmorde begeht, der Linke der, der spitzelt und verbietet, der Schwule der, der Volksgesundheit und Jugend gefährdet und der Spießer der, der treu ist. Und das ganze fatale Karussell von Fremd- und Selbstzuschreibung kann beginnen … und ich bin ständig mittendrin und mit dabei, ich Arschloch.

Zu Männerbildern …

Veröffentlicht in Camping, Für Hedonismus, Kolonisierung der Lebenswelt, Pop + Philosophie von momorulez am Juni 5, 2009

… und Selbstverständnissen in der phallischen „Alternative“- und „Postpunk“-Szene:

„Zumindest, wenn man Jon Ginoli, dem Sänger und Gitarristen der kalifornischen Punkband Pansy Division, Glauben schenken mag. Ginoli erzählt in seiner Autobiografie „Deflowered“ zwar von im Bandbus gestilltem libidinösem Begehren, aber auch von einem Hagel an Bierflaschen und Beleidigungen, dem seine Band als Vorgruppe der Mainstreamband Green Day auf US-Tournee ausgesetzt war.

(…)

In den Vereinigten Staaten war die Lage immer schon ein wenig komplizierter. Nicht nur war die Abgrenzung gegenüber Disco, der einzigen offen schwulen Subkultur, konstitutiv für das dortige Punk-Selbstbild. Protopunk Dee Dee Ramone beschreibt in seinem Song „53rd and 3rd“ (1976) seine eigenen Erfahrungen als Stricher in Manhattan, die der Protagonist als entmännlichend erlebt. Trotzdem erinnert sich Gary Floyd, Sänger von The Dicks, daran, wie fast jede Band in der Austiner Hardcorepunkzene Anfang der Achtzigerjahre schwule Mitglieder hatte. Es musste nicht groß darüber gesprochen werden, die Abgrenzung von Punk zum Mainstream in jenen Jahren ließ minoritäre Interessen zu.“

 

Was sooo einfach dann aber auch nicht ist – aus dem Umfeld von Lydia Lunch war bereits kurz nach Aufbruch des Punk der Vorwurf zu hören, dass dieser homophob und rassistisch konnotiert sei, was dann in der Disco-Feindschaft vieler aus dem Punk-Umfeld gipfelte, hierzulande teils noch mit den kulturkritischen Topoi der Kritischen Theorie untermauert. Johny Lydons / P.I.L.s  “Death Disco“ war ein Statement genau da gegen, was aber nichts daran änderte, dass ein sich in den Authentizitätsmythen rund um allerlei Varianten der Rockmusik massierender ästhetischer Komplex entstand, der gerade in Deutschland immens wirkungsvoll wurde, und das auf kulturellen Feldern, auf denen jene sich tummeln, die sich der Linken zuordnen. Würden all die Fehldiagnostiker „der Linken“ sich mal solchen Themen widmen, dann könnte man sich sogar mit ihnen auseinandersetzen. Würde aber ja ihrer Intention zuwider laufen.

 

Und ergänzend fragt ich mich dann ja doch, wieso DeeDee Ramone die Prostitution als „entmännlichend“ erlebte – geht das weiblichen Huren auch so, dass sie diesen Beruf als „entweiblichend“ erleben? Die Bedingungen, die zur Berufswahl führen, jetzt mal außen vor gelassen …

Leistet Widerstand!

Veröffentlicht in Alltagsfreuden von momorulez am Juni 5, 2009

Bin – einfach, um 60 Jahre unter linkem Joch endlich zu beenden, alleine schon der Sozialisierungsparagraph und der Schutz der Menschenwürde im Grundgesetz, wer feiert denn bitte so eine totalitäre und zudem auch noch ineffiziente Gutmenschenscheiße? Eigentum verpflichtet? Wozu denn bitte? Hätten die da nicht gleich „Zwang“ schreiben können? Das wäre wenigstens ehrlich gewesen!  - dafür, das allgegenwärtige „Ist doch voll schwul, ey!“ durch „Ist doch voll links, ey!“ zumindest zu ergänzen. Trefft die Faschisten wo ihr könnt!

Aber Rechte gibt’s ja gar nicht, hat Arnulf gesagt …

Veröffentlicht in Alltagsbeschwerden von momorulez am Juni 5, 2009

Insofern feiert ein radikaler Linksextremismus auch in den USA mal wieder ein Todesopfer, kennt man ja, überall das gleiche, und der begründet sich so:

„Doch der mutmaßliche Schütze von Wichita ist eher Rassist als klassischer Fundamentalchrist. Seine Ex-Frau beschreibt Scott R. als labilen Charakter, der vor Jahren unter den Einfluss der Freeman-Bewegung geriet, einer rechtsextremistischen Gruppierung militanter Staatshasser, die ihre rassistische Ideologie aus der Bibel herleiten. Juden, Schwarze und andere Nicht-Weiße sind für sie fehlerbehaftete Prototypen für Adam und Eva, die jetzt mit Hilfe des Staates versuchen, den „weißen Souverän“ zu unterdrücken.“

Kennt man ja von jenen, die sich von Frauenbeauftragten, Homo-Lobbys, sozialschmarotzenden Negern (Merke: Solidarität gibt’s nur unter Gleichen! Also vor allem unter heterosexuellen Männern der gleichen Einkommenseinklasse und Hierarchiebene, und je weiter oben man da ist, desto solidarischer wird man auch! Und dann auf in’s Kanzleramt, Banken retten, juchhu!) unterjocht fühlen!

Niemand erleidet mehr Unterdrückung als der weiße, heterosexuelle, christliche, fleißige und strebsame Mann! Für die Befreiuung vom Gesinnungsterror der Political Correctness!

Wobei natürlich die Solidarität mit den Unterdrückten und Ausgebeuteten direkt in den Totalitarismus führt.

Wie jetzt? Darf ich noch nicht mal mit weißen, heterosexuellen, strebsamen und fleißigen, christlichen Männern soldiarisch sein, ohne unter Totalitarismusverdacht zu geraten? Verfickte Linke! DAS WOLLT IHR MIR AUCH NOCH VERBIETEN? Ihr Schweine. Der Kurras wusste schon, was er tat. ODER GAR ZUR PFLICHT MACHEN? MEHR KENNT IHR DOCH GAR NICHT, IHR NORMATIVISTEN!

Wobei ja nichtsdestotrotz klar sein sollte, dass „rechtsextrem“ da oben Unsinn ist. Hitler war schließlich auch links. Deswegen hat der Kurras doch den Ohnesorg erschossen. Der ja auch nicht links war, der Ohnesorg. Aber der Kurras. Der war ja von der Stasi. Hat Marx ja von langer Hand vorgedacht, die Stasi. Warum ist der noch nach London gegangen, der Kalle?

Hat Herr Baring gesagt, das mit dem Nationalsozialismus als linker Bewegung, auch, dass das Dreiklassenwahlrecht und die Sozialistengesetze unter Bismarck nix mit Paternalismus zu tun hatten. Und dann stimmt das, wenn der das sagt. Historisch-Deduktiv. Endlich Schluß mit diesen Weimarer Mythen, der Nationalsozialismus sei eine rechte Bewegung gewesen … also, liebe Bibeltreue in den USA: Liebet Marx! Er ist euer Prophet! Der alte Opiumdealer …

Wann Justiz blind wird: Vom Allgemeinen und vom Besonderen und dem, was Erfahrung zur Literatur machen könnte

Veröffentlicht in Kunst, Moral, Pop + Philosophie, Recht, Wissenschaft von momorulez am Juni 5, 2009

„Ein Arzt daher, ein Richter, oder ein Staatskundiger kann viel schöne pathologische, juristische oder politische Regeln im Kopf haben (oder ökonomische, MR), in dem Grade, daß er selbst darin gründlicher Lehrer werden kann, und wird dennoch in der Anwendung derselben leicht verstoßen können, entweder, weil es ihm an natürlicher Urteilskraft mangelt, und er zwar das das Allgemeine in abstracto einsehen, aber ob ein Fall in conreto darunter gehöre, nicht unterscheiden kann, oder auch darum, er nicht durch genug Beispiele und wirkliche Geschäfte zu diesem Urteil abgerichtet worden. Dieses ist auch der einige und große Nutzen der Beispiele: daß sie Urteilskraft schärfen. Denn was die Richtigkeit und Präzision der Verstandeseinsicht betrifft, so tun sie derselben vielmehr gemeiniglich einigen Abbruch, weil sie nur selten die Bedingungen der Regel adäquat erfüllen (als casus in terminis) und überdem diejenige Anstrengung des Verstandes oftmals schwächen, Regeln im allgemeinen, und unabhängig von den besonderen Umständen der Erfahrung, nach ihrer Zulänglichkeit, einzusehen, und sie daher zuletzt mehr wie Formel, als Grundsätze, zu gebrauchen angewöhnen. So sind Beispiele der Gängelwagen der Urteilskraft, welchen derjenige, der es am natürlichen Talent derselben mangelt, niemals entbehren kann.“


Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 173, 174 / A 134, 135

Mal abgesehen von dem Gerede über’s „Natürliche“, das keiner Beispielsfülle standhalten kann, ist das Übel aller Prinzipienreiter damit präzise benannt. Die westdeutsche Linke hat sich sowas ja zum Glück seit dem Ende der 70er abgewöhnt, historisch belehrt – dass DIE GRÜNEN dann konservativ wurden (und es in bestimmten Hinsichten immer schon waren), wurde ihnen ja deutlichst vorgeworfen, und das soll bitte auch so bleiben. Aber auch nicht erspart sei den Verfechtern der Blindheit noch die berühmte Fussnote, die ans Zitat anschließt, auf die Hannah Arendt so viel Gewichtiges aufbauen konnte und die stets neu sie erfreute:

„Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Übel ist gar nicht abzuhelfen.“

In der Hinsicht ist der Mainstream halt immer dumm. Der Titel meines ersten intensiven Kontakts mit Hannah Arendt, eine Hausarbeit im Fach „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“,  war somit auch „Die Urteilskraft des Pariah“. Wir brauchen mehr davon.