Obwohl er mir in seinen Büchern und den so wundervollen Interviews wie auch in meinen Gedanken ja doch noch immer sehr nahe ist.
Was war das ein Schock, dieses Denken! Was hat das ausgehebelt, in Frage gestellt, mich aus dem freudomarxistischen Schlummer gelöst – und doch geradezu eine psychische Krise verursacht, aus der ich mich zunächst gar nicht mehr erholen konnte, jeden gedankliche Boden unter meinen Füßen hat er abgeräumt, der war weg.
Was habe ich gerade deshalb seine Texte verschlungen, aufgesogen wie ein Süchtiger seinen Stoff – obgleich ich doch zunächst gar nichts verstand.
Bei annäherend jeder Diskussion hier im Blog, in der gravierende Missverständnisse entstehen, sitzt er mit in der Kommentarsektion herum und feixt sich einen. Weil eben nicht jeder bereit ist, diesem Weg zu folgen, das Vertraute so nachhaltig zu unterminieren, dass nur Kritik, jedoch keine Meinung mehr überbleibt – ich ja auch nicht, nicht nur in der Hinsicht bin ich ein schlechter Schüler.
Obgleich mir immer tröstlich war, wie der späte Foucault dann doch noch, in recht jungen Jahren noch fast schon altersweise, sich über Selbstpraktiken ausliess und so aus einem gigantischen Universum aus Dispositiven, Disziplinen, gemarterten Körpern, Macht, Praktiken und Diskursen, Epistemen und historischem A Priori, Wahnsinn und Gesellschaft (rückwärts aufbereitet) sich dann ganz plötzlich so etwas wie Möglichkeit subjektiven Erlebens, die Möglichkeit von Erfahrung erhob, ja, ja!, jetzt werde ich kitischig, wie ein Sonnenaufgang hinter Alpen, während man auf den See des Klosters Seeon blickt und Nebelschwaden über dessen Fläche schweben. Die Möglichkeit von Erfahrungen,wie Foucault selbst sie in den Saunen San Franciscos suchte, ebenso und nicht minder intensiv und grenzenlos in den Untiefen und abseitigsten Regionen verborgener Archive, in denen er die europäische Geschichte aufmischte und neu zusammen stellte.
“Foucaults intellektuell-journalistische Ambitionen, Foucault, als Denker der Aktualität – eben daran ist heute zu erinnern und vor allem dies ist heute auch zu vermissen. Heute, an seinem 25. Todestag.”
Ja, Herr Schlüter. Ich bin mir ziemlich sicher, korrigieren Sie mich, dass Sie sogar dabei waren, damals zu Zeiten meiner Initiation. Meine, dass Sie sich aufhielten im selben, überfüllten Seminarraum im 10. Stock des Hamburger Phil-Turmes, von dem aus man einen so herrlichen Blick über die Dächer der Statdt hatte und in den hinein am frühen Abend die Sonne so heftig brutzelte wie unsere Gedanken. Völlig hilflos und verängstigt fast saß ich verstörter Zweitsemester (im ersten wurde gestreikt) in der vielfältigen Masse, die das Schnädelbach-Semniar zu Foucaults “Die Ordnung der Dinge” besuchte. Ein Hochspannungsseminar, dominiert von einigen “Experten”, denen man lauschte. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass Sie das Referat zum Begriff der Repräsentation im Zeitalter der Klassik hielten, vielleicht irre ich, wir kurz darauf – sehr diletantisch – als Arbeitsgruppe jenes zum Sprachviereck in der selben Ära.
Ich brauchte 7 Jahre, bis ich auch nur Ansätze jenes Wissens halbwegs versammelt hatte, die dieses Buch erst wirklich verständlich machte, das war mir Ansporn. Weil Foucault zugleich bei weiteren Lektüren mir half, der Seele, dem Gefängnis des Körpers, der Seele, die in dem Menschen wohnt, zu dessen Befreiung man aufruft und dessen Unterwerfung doch tiefer ist als er, diesem humanwissenschaftlichtlich erfaßten und normalisierten Menschen der “Psychologie” und “Psychoanalyse” Freudscher Prägung, zu entrinnen, um stattdessen lieber gleich undiszipliniert körperlich zu sein, und sei’s beim Tanz zu Barry White (der läuft hier gerade) – und nach all dem Infragestellen, und sei es für Minuten nur, jenen Raum zu finden, in dem man frei und somit erst sein kann, statt geworden zu werden.
Foucault war eines der ersten prominenten AIDS-Opfer, obgleich dies zunächst verschwiegen werden sollte. Hervé Guibert hat die Szene beschrieben, in der Foucault zum ersten Mal von der Krankheit hörte und fast vom Sofa fiel vor Lachen, sinngemäß “Was? Ein Krebs, der nur Schwule trifft? Das hätten die wohl gerne! Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein!” prustend ausrief – um final selbst der Krankheit zu erliegen.
Auch ich trauer heute. Am Todestag von Michel Foucault. Danke. Danke für alles und für so viel mehr …
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