Gibt ja von Sartre das Buch “Das Imaginäre” – habe nie verstanden, was er mir da erzählen wollte, und frag mich trotzdem, was das heißt, “imaginär”.
In Sartres Heidegger mißverstehenden Minimal-Anthropologie hingegegen ist “Der Entwurf”, also die Vorstellung, wie man werden wollen könnte (nicht was), indem man grübelt, was man tun will, konstitutiv für die Freiheit des “Für-sich-Seienden”, des Individuums. Genau dieser Entwurf vollbringt jene Negation, die Personen nicht im qualitativen So-oder-So-Sein verharren läßt, die Wandlung erst ermöglicht.
Jeder Hollywood-Film folgt dieser Denke, die genuin auch gar nicht sartrisch ist: “Die Heldenreise” wird da proklamiert ganz wie in der Jungianischen Psychoanalyse. Ein Ruf erfolgt (doch noch mal den Mount Everest zu besteigen, ein Raumschiff zu retten, nach Phobos zu fliegen und gegen Aliens zu kämpfen), der Noch-Nicht-Held zaudert, legt dann doch los und wächst an seinen Aufgaben, und DASS er wachsen kann, DAS macht ihn frei, nicht die Partizipation am Markte – so wird er vom zögerlichen Weichei zum Helden, beflügelt diverse Fantasien in Zuschauerhirnen, die insbesondere zu pubertären Zeiten solche Bilder nutzen, sich selbst zu entwerfen. Aber sind Hollywoods Helden nicht, ja, alter Topos, ganz schön stereotyp geworden?
Auffällig freilich ist, was im Gefolge pubertären Fantasien, das heißt wohl “erwachsen werden”, alles zusammen bricht, während man in Giro-Konten und Arbeitgeberbefehle gezwängt im Hamsterrad läuft, und These, vielleicht liegt darin ja auch “die Krise” begründet? Daß außer einem “MEHR!” und “WEITER!” in einer Richtung, nämlich der Mehrung des Geldes, der Blick sich wendet und aus dieser kriterienlosen Selbstbezüglichkeit des Kapitals dann statt toller neuer Internetze nur Finanzmarktprodukte entstanden sind? Na gut, das i-phone auch ich hasse es.
Auch im Umgang mit sich selbst zeigt sich das bei manchen, bei vielen? – neulich im Aufsatz über Schülerjungensgruppen, unten zitiert, fiel auf die totale Verarmung des Fantasielebens der Kids, der Autorin und mir auch: Dass hinsichtlich der eigenen Zukunft lediglich die Kombination aus “Ernährer” und “Penetrierer” die Jungs sich vorzustellen vermochten, und, natürlich, ganz wie im Sport im Job im Zukunft eben konkurrieren zu wollen, nicht etwa: Schöpferisch tätig zu sein, sich zu verwirklichen und wie all diese Slogans damals eben lauteten. Vorstellungen diesbezüglich liegen wohl mittlerweile brach in Heten-Hirnen und jenen, die sich einüben, welche werden zu wollen.
Verwandte Begriffe wie “ideenreich”, “trickreich” oder “kreativ” vermögen das Wundervolle und ggf. auch Schreckliche des Fantasierens gar nicht zu erfassen. Es kann so wundervoll, so schrecklich sein – Hypochonder, der ich bin, kann ich gar nicht bei Zahnschmerz zum Zahnarzt gehen, ohne mich vorsichtshalber auf eine Krebsdiagnose einzustellen, weil sich bestimmt was Fieses im Kiefer gebildet hat. Sie blieb aus, die böse Diagnose, uff!, hatte schon wieder mit dem Leben abgeschlossen, aber da die Zahnärztin als ganzheitlich sich verstand und so großartigerweise viel Wert auf Kommunikation legte, hat sie mir dann jedes Röntgenbild und Sinn und Zweck jeder Attacke mit dem Bohrer in Kiefertiefen ganz genau erklärt: Wie Kalk sich bildet rund um Nerven, um Karies abzuwehren, z.B., eigentlich ja auch ganz fantasievoll vom Zahn. Fand ich gut, diese Erläuterungen, half meine überbordenden Vorstellungen zu regulieren. Um ein ganz lebensnahes Beispiel über die Wechselwirkung von Realitätsprinzip und wuchernden Fantasien anzuführen.
Nun gibt es auch Mord- und Selbstmordfanatsien, miese Pornographie fantasiert über Vergewaltigung, wobei z.B die Fantasie, übermächtigt zu werden, mir selbst so fremd auch nicht ist als erotische: Was ist das für ein Spiel, dieses Fantasieren, eigentlich? Und wieso scheint, dass mir trotz all des Wissens um das Destruktive, das Fantasieren anrichten kann – die 9/11-Flieger hatte solche ja durchaus auch - , dass so grausam nüchtern diese Welt geworden ist? Wieder was nicht mitbekommen?
Vielleicht ist’s Verklärung alter Kinderreiche, dieser Welt voll mit Roncalli, Postpunk, The Cure, Boy George und Peter Greenaway, Tuxedomoon, David Cronenburgs “Die Unzertrennlichen”, morbide wundervoll bis zum Ende fantasiert, und selbst das wundervolle “Dschungelbuch” – kann es sein, dass durch eine völlige Unterwerfung aller Fantasie diese Reiche längst eingeebnet sind, und selbst Kino-Spektakel wie “Der Herr der Ringe”, als “Fantasy” gelabelt, faszinieren doch eher durch Technik und Optik als durch eine Treiben der Bilder, Figuren und Gedanken, bei Harry Potter mag das anders sein. Und bestimmt ist eine Menge los z.B. in der Spiele-Industrie, was mir entgeht.
Trotzdem: Irre ich, oder ist der Fantasiespielraum nicht viel weiter aus den Lebenswelten verdrängt, wegformatiert und in klare Lebenslinien verbannt, als das noch in den frühen 80ern war? Nein, ich will hier nicht neoliberaler “Flexibilität” hinterher reden, ganz im Gegenteil, dieser Druck von außen treibt Fantasie ja gerade aus, wo ich Ermöglichung ersehne. Ist das so, weil Angst vor Weltfremdheit, Versagen, Moral und Effizienz sie eingestampft hat in einer Wüste aus Volkshochschul-Realismus und Marktförmigkeit? Vielleicht sollte statt Ritalin und SSRI-Wiederaufnahmehemmern doch wieder LSD trendy werden? Weil’s doch eigentlich Ziel eines jeden Konservatismus ist, die Fantasie uns auszutreiben – Neo Rauch malt deshalb Rätsel. Das ist was anderes.
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