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Konitschiwa + danke für die Erinnerung: gab’ nämlich mal eine grossartige arte-Doku über die Mosu in Yunnan, kann sie im Netz aber leider nicht finden. Deshalb ersatzweise ein lustiges Filmchen, in dem eine Mosu-Frau Familiensitz und -glieder vorzeigt:
Hai (-: ?
Was die Normen angeht, Tratschen, bösartiges Hinterhergerede, über Päärchen reden ist tabu. Man redet nicht über Liebesbeziehungen, da sie als Privatsache angesehen werden. Laute Auseinandersetzungen, Herzeleid zeigen all diese Aspekte werden nicht angesprochen (sehr wohl realisiert). Das ist schon sehr fremd.
Was die Idealisierung angeht, ja, man läuft schnell Gefahr diese Kultur zu idealisieren. Natürlich muss man bedenken, dass es sich hier um eine bäuerliche auf Subsistenz ausgerichtete Gesellschaft handelt, die lange abgeschlossen von der restlichen Welt existiert hat.
Andererseit haben die Menschen dort ihre Erfahrungen mit den Kommunisten gemacht und den interessanten Aspekt daran finde ich, dass sie sehr wohl die Einehe ausprobiert haben und die allermeisten zu ihren altergebrachten Lebensformen zurückgekommen sind.
Was mich fasziniert ist, dass in den Familien- und Liebesstrukturen der Moso ein Spiegel für unsere Kultur steckt. Unsere Liebesideale werden durch die Moso ja nicht in Frage gestellt.
M.E. praktizieren die Mosu das bessere Modell. Tatsache ist doch, dass die Ehe den Anforderungen der heutigen Zeit kaum gerecht wird. Der Mensch ist einfach nicht auf jahrzehntelange Liebesbeziehungen ausgerichtet. Dass die Erziehung von dem Bestand solcher Beziehungen abhängt, ist ein schwerer Missstand.
Mir fällt grad auf, Momo, dass du meine Kommentarfarbe mitrüber genommen hast.
Michel! Wir stimmen überein!!!
Ja, sehe ich tatsächlich auch so, und habe da heute auch mehrfach – von Familienvätern – recht verblüffte, aber zustimmende Reaktionen erhalten. Ein Single hingegen, der mitt 40 noch auf die Ankunft der großen Liebe glaubt, fand’s doof
…
@Somlu:
Dieses extrem Zurückhaltende würde mir tatsächlich auch zu schaffen machen
… ich finde ja große, emotionale Ausbrüche gelegentlich super! Man stelle sich vor, das sei hier immer schon immer Modell gewesen – wären Puccini, Popkultur und Musicals dann wohl möglich gewesen?
@Somlu:
Ja, irgendwie hat der Cmputer das Grün mitgenommen
– fand ich aber ganz gut, wenn grün mal wieder wirklich für Alternativen steht
…
momo, witzig, ich habe am Wochenende einem Bekannten, den ich sehr schätze, davon erzählt, er hat sofort mit einer Art Angst vor der “Herrschaft durch die Frauen” und dem Verlust seiner Privililegien reagiert. Er ist nicht verheiratet. Da ich ihn menschlich sehr schätze, bin ich über seine Reaktion doch ziemlich verwirrt.
Es ist schon richtig, was Feministinnen immer wieder sagen, dass “Gleichberechtigung” oder eine andere Gesellschaft, wie auch immer es genannt werde, nur klappen wird, wenn Männer auf Priviligegien verzichten. Wobei ich schon sehe, dass diese “Privilegien”, wenn man sie kritisch betrachtet oft in iher Konsequenz fragwürdig sind.
Fand es in meinem Umfeld auch eher erstaunlich, dass die Reaktion NICHT kam, also die Angst vor dem Verzicht auf Privilegien und jene vor der “verschlingenden Mutter”. Das fand ich erstaunlich souverän. Da hängen einfach so viele Status-Fragen dran, z.B. “Erzeuger” zu sein, dass bei den meisten schon das ganze Identitätskonzept in sich zusammen fällt, wenn man “nur” Liebhaber ist und stattdessen Kinder mit groß zieht, die man nicht “gemacht” hat. Glaube auch, dass da viele feministische Positionen ziemlich gut greifen. Fand ja zum Beispiel die feministische These, dass die “männliche Wissenschaft” mit all ihren Teflon-Pfannen eigentlich Gebärneid sei, immer gnadenlos überkandidelt und als Metapher, als Bild trotzdem gar nicht nur doof.
Was man allerdings umgekehrt nicht vergessen darf, ist, dass manche Männer/Familienväter das auch als gar nicht als Privileg erleben, dass ihre Frauen tagsüber in Ottensen mit ihren Freundinnen Milchkaffee trinken und fröhlich Psychologie studieren, während sie selbst schuften müssen. Auch jene mit hohen Unterhaltszahlungen am Hals finden dieses chinesische Konzept bestimmt gar nicht so übel
… ist jetzt natürlich beides nicht generalisierbar, und vor allem die Ottenser Milchkaffeetrinker, das ist ja schon gehobene Mittelschicht und trifft auch nur da zu.
Schon interessant, von meinem Bekannten hätte ich eine solche Reaktion nicht erwartet, nun ja, so lernt man einen Menschen besser kennen.
Also, ein Kind großziehen und dabei mit Freundinnen Kaffee trinken, entweder sind die Kleinen dann im Kindergarten oder es gibt Personal, vor allem in den ersten Jahren. Ich werde nicht die Geschichte einer Freundin vergessen, die von der Arbeit gegen 20:00 wiederkam und ihre Lebensgefährtin hatte das Kind über der Schulter und war noch im Schlafanzug. Die Lebensgefährting drückte ihr das Kind in die Hand und meinte nur: Ich geh jetzt erst mal Zähne putzen. Da war wohl nicht viel mit Kaffeetrinken.
Mir gefällt an dieser Lebensform auch, dass es wichtiger ist, sich um das Gemeinwohl zu kümmern. In dem einen Interview, das ich verlinkt habe, kommt das sehr gut raus. Scheinbar ist sie auch weitgehend gewaltfrei, wobei sich das wohl derzeit ändert.
Das bringt mich zu der Überlegung zurück, dass das goldene Zeitalter der Menschheit wohl schon eine Weile vorbei ist. Wahrscheinlich lag diese Phase eine Weile vor der Antike.
Für mich zeigt das auch, dass diese ganzen Versuche Paarbindungen und Partnerwahl zu biologisieren absoluter Unsinn sind. Nicht, dass ich das nicht schon gewußt hätte aber die Moso leben etwas anderes und dieses ganze Zeug von wegen “Kinder brauchen ihre (biologischen) Väter” usw. ist total tendenziös.
Was den Gebärneid angeht, diese Atombomben hatten damals aufschlußreiche Namen. Ich habe sie leider vergessen und zu faul sie nachzuschlagen.
Ist ja nur ehrlich von Deinem Bekannten, dass er da so antwortet – in “unseren Kreisen” macht das ja kaum ein Mann bei solchen Themen. Und klar, das Milchkaffeetrinken war ein reales Beipsiel einer Mutter, deren Kinder auch um die 10 Jahre alt sind, also nicht bei ganz Kleinen. Heute mittag noch mal mit ‘ner “jungen Mutter” das gleiche diskutiert, und die erzählte nun wiederum, dass viele ihrer Freundinnen sich zwar mehr Selbsbestimmung und Entlastung wünschten, aber sehr schnell Reißaus nähmen, wenn es darum ginge, die Kohle ranzuschaffen – ist jetzt ‘n Zitat, keine Unterstellung meinerseits. Auch’n Aspekt. War natürlich eine, die selbst Alleinverdienerin der Familie ist
…
“Für mich zeigt das auch, dass diese ganzen Versuche Paarbindungen und Partnerwahl zu biologisieren absoluter Unsinn sind. Nicht, dass ich das nicht schon gewußt hätte aber die Moso leben etwas anderes und dieses ganze Zeug von wegen “Kinder brauchen ihre (biologischen) Väter” usw. ist total tendenziös.”
Ja, das fasziniert natürlich auch sehr an dem Modell. Weil bei uns eben doch immer alles auf Ausschluss und sich-als-was-besseres-fühlen ausgelegt ist, aber bestimmt nicht darauf, friedlich und kooperativ zusammen zu leben. Die Heten brauchen ihre Schwulen, “Kranken”, Frauen und “Neger” und gewaltbereiten Jugendlichen und “Muslime”, sonst wissen die gar nicht, wie sie sich fühlen sollen oder gar Identität gewinnen sollen.
Meinste, es hat diese goldene Phase des Matriachats wirklich gegeben? Mir kam das immer wie eine Rückwärts-Projektion als Wunscherfüllung vor, kann ich aber völlig daneben liegen …
Matriarchat sicherlich nicht, das ist ja eine Begriffsbildung, die unserem Patriarchat entspring. Bei den Moso sind die Männer sehr wohl geachtet, kümmern sich um Tausch und Handel. Çatalhöyük in Anatolien wird ja immer mit einer solchen Kultur in Verbindung gebracht, immerhin existierte diese Kultur ca. 1000 Jahre stabil und wurde vermutlich aufgegeben, weil das Klima sich änderte. Spricht doch für stabile Verhältnisse. Stabilere als wir sie in den letzten ca. 3000 Jahren kennen gelernt haben.
Ich glaube, dass unsere Begrifflichkeiten uns eher den Blick auf die möglichen Lebensformen verstellt. Deswegen ja die Moso, die sicherlich eine Variante darstellen. Allein schon die Konsenskultur. Das ist wirklich fast schon utopisch. Ich will mal schauen, ob ich noch andere Bücher zu ihnen auftreibe, ich will es auch genauer wissen.
“Ich glaube, dass unsere Begrifflichkeiten uns eher den Blick auf die möglichen Lebensformen verstellt.”
Ja, in der Tat, und das ist ja auch so gewollt, das ist ja das Schlimmste …
Gewollt?
Da bin ich mir nicht so sicher. Ich halte es da eher mit Laqueurs kulturrell bedingten Blick. Es ist wie mit den Beobachtungen des Soziallebens der Gorillas, da haben sich die männlichen Primatenforscher wohl stark mit den “Alpha”-Männchen identifiziert und dabei die Rolle der älteren weiblichen Muttertiere unteschätzt. (gefunden bei Meier-Seethaler – Ich sollte ihr Buch mal wieder lesen, beim Durchblättern ist mir wieder klar geworden, wie wichtig das ist was sie schreibt)
Ja, aber dieser “kulturell bedingte Blick” entsteht ja nicht zufällig oder willkürlich. Ich denke schon mit Foucault, dass Normalität durch Konstitution des Anormalen generiert wird, Zettel hat da ja neulich freundlichst den Beleg geliefert. Und dass man das, was man “kulturell” nennen kann, nicht abkoppeln kann von der sozioökonomischen Basis. Im Sinne moderner Kontrollgesellschaften kann man die Leute eben herrlich bei der Stange – produktiv – halten, weil sie was davon haben, dass sie sich so scheißnormal fühlen können. Das ist ja nur im Sinne eines alles dominierenden Funktionalismus zu verstehen, dass Sinnlichkeit und Liebe durch Patriarchat und Reproduktion deformiert wird.