Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wo das Neue wohnen könnte …

Das Interview mit dem Herrn Schmidbauer neulich in Die Zeit hinterließ bei mir einen tiefen Eindruck. Insbesondere sein Finale hat mich sehr tief berührt, unten wird’s zitiert, kenne ich gut; jedoch ebenso die Ausführungen über den Segen der Verdrängung. Mache meinen jetztigen Job schließlich auch nur, weil ich vor 16 Jahren schrecklichen Liebeskummer hatte – da lief mir jemand über den Weg, der in 3 Wochen mein psychisches System mal eben sprengte, all die ausgefeilten Neurosen hinfort fegte, woraufhin ich mir bei einer Praktikumsmöglichkeit auf einem Feld, das zu beackern mir niemals in den Sinn gekommen wäre, dachte “Ach, darauf kommt’s jetzt auch nicht mehr an” – und so hatte ich den Salat. Nun, im abschließenden Prozess vor dem Arbeitsgericht, fällt mir immer wieder auf, was ich eh schon immer wußte: Ich reproduziere da Familienmuster. Der Aufbruch einst war eine Flucht in das Bekannte. Ein Nichtloslassenkönnen des Vertrauten. Dann kam das Neue wohl zu früh. Jetzt kannste aber kommen, Neues! ;-)

Insofern Labsal für meine Seele, das Interveiw mit Herrn Schmidbauer. Die Gedankführung dort war einst ja fast Gemeinwissen – frage mich, wieso es dem Klassenfeind gelungen ist, dieses Denken unter Kondionierungsmodellen zur Steigerung der Arbeitsleistung und evolutionsbiologischem Mythen-Schnick-Schnack zu begraben. Selbst mir als bekennendem Psychoanalysehasser, der ich bin, fehlt diese Zugangsweise in öffentlichen Diskursen, weil die tiefenpsychologischen Modelle im Zuge der kollektiven Menschenverachtung jener, die neben “Fördern und Fordern” nichts mehr gelten lassen wollen, die Chance zum Innehalten böten.

Das ist ja sowas wie eine fast schon mythische Hoffnung in der aktuellen Krise: Dass der ökonomische Zusammenbruch zur Entschleunigung führen könnte und dass im Zuge der Renovierung des “christlichen Menschenbildes” eine Praxis wie “Andacht” die allgegenwärtigen Normierungen und die Tiraden der Hassprediger bricht. Mal gucken. Jetzt aber O-Ton Schmidbauer:

“ZEITmagazin: Verdrängen Männer und Frauen eigentlich unterschiedlich?

Schmidbauer: Das Ideal der Männlichkeit beruht auf stärkeren Verdrängungen als das Ideal der Weiblichkeit – denken Sie nur an den Satz “Ein Indianer kennt keinen Schmerz”, den Jungen häufiger zu hören bekommen als Mädchen. Jungen werden zum Stolz erzogen und haben als Männer permanent Angst, in ihrem Stolz verletzt zu werden. Frauen sind mehr an Differenzierungen interessiert. (…)

ZEITmagazin: Am Ende sind die Männer also an allem schuld?

Schmidbauer: Nein. Sie sind nur psychologisch weniger belastbar, können seelischen Stress schlechter verarbeiten, weil sie als Kinder sozusagen eine Fleißaufgabe erledigen müssen. Mädchen können sich mit der Mutter identifizieren – Jungs müssen sich von der Mutter abgrenzen. Sie müssen von klein auf lernen, ihre Abhängigkeit von der Mutter und das weibliche Bild in ihrem Inneren zu verdrängen und etwas anderes dagegenzusetzen. Sie müssen sich – wie man so schön sagt – desidentifizieren. Das kostet Kraft, die dann fehlt, wenn es darum ginge, geduldig die vielen Knoten zu entwirren, mit denen wir es zu tun haben.”

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