Es ist kein Zufall, dass ich nach dem Spiel das erste mal seit Jahren wieder im “Toom Perstall” war. Weil man immer der kleine Teenie auf dem Schulfhof bleibt, innerlich, der Angst hat, schlicht auf die Schnauze zu bekommen, wenn er zeigt, wen und was er begehrt. Dass er gemobbt und gemieden wird. Das geht nie weg, das bleibt. Da ist der FC St. Pauli eine heilsame Erfahrung.
Im Perstall ist es zwar jetzt alles anders, weiß gar nicht, ob man noch “Katharina” zu ihm sagt. Die ist tot, eine schwer übergewichtige Transe mit tiefer Stimme und schief sitzender Perücke, die den Raum hinter dem Thresen völlig ausfüllte und den Laden betrieben hat. Man munkelte über sie, sie würde ein Doppelleben als Journalist in Wien führen. Man mußte immer aufpassen, daß sie wirklich korrekt Geld heraus gibt; irgendwo an die Wand geschmiert war eine Karrikatur von ihr mit Dollar-Zeichen in den Augen. Damals, als es nur die Music-Box mit Hanne Wieders “Circe”, Hildegard Knefs “In dieser Stadt” und Heinz Erhardts “Fährt der alte Lord fort” gab und nur vereinzelt ausgewählte, aktuelle Hits. Gibt Lieder, bei denen ich immer an diesen schmalen, verqualmten, überfüllten Raum denken muß, “Englishman in New York” von Sting zum Beispiel. An die Pferdegeschirre an der Wand, die verranzten Bänke und die zerfetzten Plastikdecken auf den Tischen, die vollgeschreibene Clowand, wo ich einst ein Max Goldt-Gedicht hinterließ, “Könnten Bienen fliegen”. Wo ich mich in Sylvesternächten halb ausgezogen auf dem Clodeckel wieder fand und immer wieder die Geschichte erzählt bekam, daß ich beim Nachhausegehen mit einem damals noch sehr attraktiven Max beim Pinkeln am einzigen Gebüsch weit und breit auf der Stresemannstraße einfach umkippte und dort schlafen wollte – “Ja, ich habe Dich dann gerettet”, wieder und wieder erzählte Max mir das. Der Tequilla halt, fiese und verwerfliche Sauf-Geschichten, die einen Heidenspaß machten
…
Auf dem Nachhauseweg kam ich immer am legendären “Penny” vorbei, damals mit dem FC St. Pauli natürlich sympathisierend, aber ansonsten an Fussball desinteressiert. Gibt ja dieses herrliche “Sie waren, sie bleiben, sie sind” von But Alive. Da sitzt der Fan vorm Penny, der Fankneipe, und die Zeile “nach Auswärtsniederlagen falle ich oft in ein tiefes Loch, wach am nächsten Morgen auf und denk: Ich lieb’ sie doch”, na, in der dieser grauenhaften ersten Halbzeit gestern fiel sie mir wieder ein, die Zeile, auch wenn das ja eine Heimspielniederlage war, die sich da anbahnte. 0:2 nach 5 Minuten, und das ausgerechnet gegen Rostock. Leute also, vor denen mich die starke Antifa rund um Hamburgs Kiez immer beschützt hat.
Wie gut erinnere ich mich daran, wie damals nach dem WM-Endspiel 1990 binnen kurzem die Reichskriegsflaggen die Stresemannstraße unappetitlich garnierten und hinterher alle erzählten, die Polizisten hätten noch in der U-Bahn-Station den Nazis den Weg zum “Spar” gewiesen, das dann gestürmt wurde. Hätte das nicht einen Hinterausgang gehabt, wer weiß, ob das alle überlebt hätten – Eisenpfeiler und Fahrräder flogen durch die Scheiben. An Wochenenden nach HSV- oder auch St. Pauli-Spielen mußte man unsinnige Umwege gehen, wenn man zum Beispiel in “Or” wollte, weil die Nazi-Hools am Hans-Albers-Platz sich ballten und vorgaben, die Hafenstraße stürmen zu wollen. Im Alltag jedoch wußte ich: Meide Bergedorf und Harburg, aber rund um den Kiez bist Du sicher. Konnte auf offener Straße Händchen halten oder mit Typen knutschen, nur vor mancher Prostituierten mußte man aufpassen, die fanden das geschäftsgefährdend
…von Polizisten fühlte ich mich diesbezüglich nie beschützt.
Und gestern randalierten sie nun vor dem Spiel rum vorm Stadion, die, die mein Leib, mein Leben bedrohen. Sehr offensiv und explizit sogar. Und saß inmitten eines Stadions, wo Transparente über die Geraden geschoben wurden, “Es grüßen die schwulen Hamburger” und “Schwulenhass: In Rostock Normalität”. Eine Reaktion darauf, daß beim Hinspiel in Rostock deren Fans glaubten, Gesänge gegen schwule Hamburger würden beleidigen. Denen spielte man vor dem Spiel “All you need is love”; als ich gerade in’s Stadion lief, riefen alle “Arschloch”, da lief nämlich “Schrei nach Liebe” von den Ärzten.
Und dann lagen wir so früh zurück. Das war wirklich der Tiefpunkt meiner bisherigen St. Pauli-Fan-Karriere. Unsere Manschaft hatte schlicht Angst, selbst der sonst so megacoole Rothenbach fing an, zitternd herumzutapsen, wenn der Ball auf ihn zurollte. Abwechselnd liefen sämtliche Spieler gleichzeitig zum Ball, wie in der E-Jugend, die linke Seite blieb so dauerhaft verwaist; oder sie liefen vor ihm weg, wichen zurück, auch der später so grandiose Hoilett und Trojan sowieso. Sako wurde immer an der gleichen Stelle umgeschubst, jener Sako, der noch im Hinspiel mit Affenlauten bedacht wurde. Es war einfach nur schrecklich. Es war demütigend, niederschmnetternd, beängstigend, grausam, daß nun ausgerechnet diese Truppe, die für Rassisten auf den Rängen spielt (nein, sie sind es nicht alle, aber es gibt sie dort sehr wohl sehr lautstark) unsere Mannschaft so dermaßen verunsichert und fertig machte. Ich hatte das Gefühl, als würde meine ganze Kultur, die ich in Hamburg seit mehr als zwei Jahrzehnten lebe, von der Hafenstraße, dem Subito und dem Dschungel über das Toom Perstall, das “Or”, das Café unter den Linden, das O-Feuer fast jeden Mittag, die Ominpräsenz von Wappen und Totenkopf im Viertel, Benny und sein “Viva con Agua”, die Musik von Kettcar, Fettes Brot und Tocotronic, der Blick auf die Elbe, die Domschenke, als würde all das mit Füßen getreten und von unseren Spielern jenem Mob, der uns schon immer abfackeln wollte, preisgegeben und ausgeliefert.
Wir alle haben in der Halbzeit nichts mehr erwartet. Überlegten, ob wir nicht lieber irgendwo ein Bier trinken wollen. Waren fertig. Litten. Versanken in Resignation. Rissen gequält Witze.
Dann diese tatsächlich ziemlich spektakulär aussehende Pyro-Show der Rostocker in der Halbzeit mit dem dämlichen Transparent “Hansa Hooligans”. War eindeutig für Filmteams und Fotografen ausgeleuchtet: Schwarze Figuren auf zaun und durchscheinender Banner vor Feuerschein.
Zugleich stellte man fest, daß Trojan und Ludwig zum Glück rausgenommen wurden, und die Boys in Brown standen inmitten des Nebels im Mittelkreis, man spürte es: Das wollen die sich nicht bieten lassen. Das lassen sie nicht zu. Nicht am Millerntor. Das können sie uns und sich nicht antuen. Boll zum Beispiel hat genau das dann ja später auch im Interview bestätigt. Es geht einfach nicht, daß Leute, die unsinnigen, sexistischen Quatsch über den “femininen Muschipups” auf Transparente schreiben (habe ich wie alle anderen gar nicht verstanden, worum’s da wirklich ging) und bei deren “Sieg!”-Rufen man das “Heil” einfach mithört, daß diese ausgerechnet bei uns die große Show abziehen.
Zum Wiederanpfiff war eine völlig andere Mannschaft auf dem Platz. Es war unglaublich. Es war großartig. Gerade noch die tiefstmöglichen Tiefen durchlitten, und dann so ein Höhenflug. In Sachen Fallhöhe einfach nicht zu toppen. Fussballgott Brunnemann gab den Antreiber, Hennings das Frettchen, das sich festbeißt, Hoilett den Super-Dribbler – und als Sako den Elfer versenkte, war ihm die Genugtuung anzuspüren. Was habe ich ihm und uns und der ganzen St. Pauli-Historie das gegönnt!!! Dann diese beiden wundervollen Tore von Hoilett, Tore, über die jede Mannschaft sich wegärgert – wundervoll, dass gerade die schwarzen Spieler trafen! Ist sogar dem NDR aufgefallen.
Es war wie eine Wiederauferstehung, es war so triumphal, so giganstisch, so gewaltig, eine Explosion all dessen, was am St. Pauli-Mythos wahr ist! Die Chöre nach Schlusspfiff, den Rostockern um die Ohren gesungen, “Nie mehr zweite Liga” – ich hasse sonst Anti-Gesänge, aber das, das kam so zu Recht so von Herzen, da hat das Herz von St. Pauli wieder im Punkrock-Rhytmus geschlagen und gebebt und gelebt.
Und dann wollte PA, der Arsch, kein Bier mehr mit mir trinken gehen, und Ring2 war irgendwo im Schnee. Dann bin ich in’s Toom Perstall gegangen, Erinnerungen pflegen. Und obwohl meine wilden Zeiten dort eher von ’88 bis ’93 waren, ich ewig nicht da war (früher habe ich sogar Schoko-Nikoläuse zu Weihnachten geschenkt bekommen, von Vera, die jetzt wieder Werner ist) hat Marion hinter der Bar mich sogar wieder erkannt. Und ich fühlte mich ganz zu Hause …
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