Manchmal möchte ich schon mit Dir …
… Hand in Hand in Wiesbaden stehen, um dem FC St. Pauli beim verdienten, kommenden Sieg zuzuschauen – nur, daß ich bei Auswährtsfahrten immer so’n Unglück gebracht habe (was bei der Auswährtsbilanz des FC St. Pauli allerdings auch nicht die hohe Kunst der Magie ist), und außerdem bin ich ja eh nur Mode- und Erfolgsfan und Haupttribünensitzer – und trotzdem übe ich hier gerade in altbewährter Solidarität am Computer sitzend und laustark zu youtube mitsingend (da kommt man sich schon ein wenig debil vor, egal, macht Spaß!) das neu zu initiierende Fanlied für’s kommende Match ein:
Fussballclub Sankt Pauli
Go !
FC Sankt Pauli
Ohhh ! FC Sankt Pauli, schieß ein Tor !
Hat was
…
Verstehe ich nicht …
Beeinflußt denn das, was Journalisten schreiben, nicht ggf. auch Arbeitnehmerrechte? Was ist denn das für eine Vorstellung Kampf für die Rechte von Arbeitnehmern? Kann’s sein, dass da ein Vertragsmodell und ein Konzept von Öffentlichkeit gegeneinander ausgespielt werden von jenen, die Öffentlichkeiten eh im Griff haben? Und was ist mit der direkten oder auch nur mittelbaren Einfluss- und Rücksichtnahme beim Gestalten redaktioneller Teile durch und auf potenzielle Anzeigenkunden, zum Beispiel?
Schwestern, zur Sonne, zu Freiheit!
Was Somlu drüben ausgegraben hat, das ist ja schon außerordentlich erstaunlich und fast sowas wie eine reale Utopie (mal abgesehen von der Fußnote am Ende, der Umgang mit Wut ist ja doch immens wichtig). Hatte mehrfach gelesen, daß in manchen asiatischen Kulturen die Institution der Vaterschaft unbekannt sei, was das jedoch konkret heißen könnte, wußte ich nicht.
Mit meiner Schwester hätte so ein Modell durchaus auch hingehauen. Liest sich allerdings auch sehr idealisiert, wäre interessant, mal tiefer zu gucken, welche normativen und normalisierenden Kräfte dort unterschwellig wirken. Zudem ich auch zunehmend merke, daß ich für meine Nichten und Neffen immer wichtiger werde, je älter diese werden – da ist das Kontaktbedürfnis groß.Wenn’s finanziell gehen sollte, übernehme ich da eh irgendwann Studiengebühren und ähnliches.
Umgekehrt hätte selbst mancher Konflikt mit meiner Mutter gar nicht stattgefunden, da diese eher die Folge dessen waren, daß sie aus einer Ehe enstanden war – meine Großeltern -, die wirklich die Hölle auf Erden gewesen sein muß wie bei so vielen Paaren, die nach dem Krieg dann eher gezwungen denn freiwillig die 50er Jahre zusammen durchstehen mußten. Und daß keine Brüder da waren, die sie nach der Scheidung hätten unterstützen können.
Das war übrigens – jetzt sehr um die Ecke gedacht – auch großes Thema in Frankreich, als der „Paque“ oder so ähnlich dort diskutiert wurde, meine ich mich zu erinnern. Daß es gerade auf dem Lande sehr häufig Geschwisterpaare gab, gleich- und verschiedengeschlechtlich, und es keinen Grund gäbe, diesen nun rechtliche Vorteile vorzuenthalten, die homosexuelle Nicht-Geschwisterpaare nunmehr für sich in Anspruch nehmen könnten. Wie überhaupt, wenn ich richtig informiert bin, der „Paque“ oder so ähnlich auch für Hetero-Paare gilt, da ist Deutschland einfach noch lange nicht so laizistisch wie Frankreich. Liest man die Merkel-Rede weiter unten, ist das ja hier auch noch ‘ne Form von Gottesstaat in christlicher Hinsicht. Die Ehe als Bedrohung der Familie ist da tatsächlich ein Gedanke mit einer enormen Sprengkraft
.. . super.
Danke, Somlu! Gedanklich außerordentlich anregend, diese Vorstellung!
Sehnsucht nach Super-Richie
Politikerreden scheinen zumindest wieder diskussionsfähig zu sein, hier und gegenüber. Selbst wenn aus je eigener Perspektive Rayson und ich mal den Köhler, mal die Merkel des Wischi-Waschi bezichtigen, so scheint ja doch auf einmal wieder ein Anliegen entstanden zu sein, dass etwas GESAGT wird in der Arena der Politik. Und auch bei Rayson meine ich das Bedürfnis zu lesen, die Dimension des Politischen überhaupt mal wieder zu bestimmen, auch wenn er meiner Diagnose „selber schuld!“ nicht zustimmen würde, weil ich ja eher der Auffassung bin, dass eine bestimmte Rhetorik aus der liberalen Ecke, die Politik per se als Eingriff in die Privatsphäre begreift, dafür gesorgt hat, dass sie seit langem auf Felder stattfindet, wo sie gar nix zu suchen hat und zudem viel zu massiv „Staat“ und „Politik“ miteiander identifziert werden. Wobei ich umgekehrt freilich ganz auf liberaler Seite bin, die Schutzrechte des Privaten gegen den Staat in Stellung zu bringen und deshalb Die Grünen, mit denen ich politisch sozialisiert wurde, nur noch unerträglich finde. Um hier selbst zum Wischi-Waschi überzugehen. Aber ich habe ja auch nicht Amt noch Mandat.
Bin beim Lesen der teilweise sehr treffsicheren Analyse von Köhlers Rede durch Rayson trotzdem an der folgenden Passage hängen geblieben:
Das wirft ja für mich eher Fragen auf, als dass es eine Antwort böte; dem Gegenüber einfach Selbsterhöhung zu unterstellen, wenn es an die Moral des Gegenübers apelliert, das hieße ja auch zu akzeptieren, wenn man an der Bushaltestelle vermöbelt wird. Und Paragraphen gegen Körperverletzung sind der Moral nicht äußerlich. Umgekehrt sind annähernd alle sich als links verstehenden mir Bekannten dazu übergegangen, der Ansicht zu sein, dass sie den Ordoliberalismus gegen seine neoliberalen Feinde verteidigen müßten, deshalb sei genau hingelesen, was Rayson zu deren Programmatik schreibt.
Habe auch insofern vollstes Verständnis für Raysons Auffassung, dass mir der moralisch überhöhte Gestus der Weltwirtschaftsschicksalgemeinschaft und der Menscheitsaufgaben Köhlers Moral eher zu suggerieren scheint, als dass er sie in Relation zur Politik bestimmen könnte. Recht, Politik, Moral, das ist ein irrsinnig kompliziertes Verhältnis, tritt wie bei der Merkelin dann noch ein großes C hinzu und auch Geschichte, wird es ein Brei, glatt ungenießbar.
Grübelte dann, wann mich eigentlich eine Politiker-Rede zuletzt beeindruckt hat. Es gab die eine oder andere von Herrn Höppner, ehemals Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, die brachte mich zumNachdenken, eine spezfische fiel mir nicht ein. So scrollte ich , glatt 24 Jahre zurück – ja, die von Richard von Weiszäcker zum 8. Mai 1985, die hat damals schwer beeindruckt, natürlich auch, weil er der erste hochrangige Politiker war, 40 Jahre nach Kriegsende, der es erwähnenswert fand, dass auch Schwule von den Nazis verfolgt und umgebracht wurden. Der Mann hatte ja die gleiche Job-Description wie auch Herr Köhler, und fast hatte ich Angst, sie wiederzulesen, die Angst, sie nun doch banal zu finden.
Nix da. Geht auch anders als in den Ruck- und Schicksalsreden. Dem einen oder anderen mag der Kontext „Historikerstreit“ und die Diskussionen von 45-85 nicht mehr so geläufig sein, gerade die sollten erneut sie lesen. Ein Auszug nur, dann sei die Diskussion eröffnet:
- Wenn wir uns daran erinnern, daß Geisteskranke im Dritten Reich getötet wurden, werden wir die Zuwendung zu psychisch kranken Bürgern als unsere eigene Aufgabe verstehen.
- Wenn wir uns erinnern, wie rassisch, religiös und politisch Verfolgte, die vom sicheren Tod bedroht waren, oft vor geschlossenen Grenzen anderer Staaten standen, werden wir vor denen, die heute wirklich verfolgt sind und bei uns Schutz suchen, die Tür nicht verschließen.
- Wenn wir uns der Verfolgung des freien Geistes während der Diktatur besinnen, werden wir die Freiheit jedes Gedankens und jeder Kritik schützen, so sehr sie sich auch gegen uns selbst richten mag.
- Wer über die Verhältnisse im Nahen Osten urteilt, der möge an das Schicksal denken, das Deutsche den jüdischen Mitmenschen bereiteten und das die Gründung des Staates Israel unter Bedingungen auslöste, die noch heute die Menschen in dieser Region belasten und gefährden.
- Wenn wir daran denken, was unsere östlichen Nachbarn im Kriege erleiden mußten, werden wir besser verstehen, daß der Ausgleich, die Entspannung und die friedliche Nachbarschaft mit diesen Ländern zentrale Aufgaben der deutschen Außenpolitik bleiben. Es gilt, daß beide Seiten sich erinnern und beide Seiten einander achten. Sie haben menschlich, sie haben kulturell, sie haben letzten Endes auch geschichtlich allen Grund dazu.
Wie man sich fühlt …
Es ist kein Zufall, dass ich nach dem Spiel das erste mal seit Jahren wieder im „Toom Perstall“ war. Weil man immer der kleine Teenie auf dem Schulfhof bleibt, innerlich, der Angst hat, schlicht auf die Schnauze zu bekommen, wenn er zeigt, wen und was er begehrt. Dass er gemobbt und gemieden wird. Das geht nie weg, das bleibt. Da ist der FC St. Pauli eine heilsame Erfahrung.
Im Perstall ist es zwar jetzt alles anders, weiß gar nicht, ob man noch „Katharina“ zu ihm sagt. Die ist tot, eine schwer übergewichtige Transe mit tiefer Stimme und schief sitzender Perücke, die den Raum hinter dem Thresen völlig ausfüllte und den Laden betrieben hat. Man munkelte über sie, sie würde ein Doppelleben als Journalist in Wien führen. Man mußte immer aufpassen, daß sie wirklich korrekt Geld heraus gibt; irgendwo an die Wand geschmiert war eine Karrikatur von ihr mit Dollar-Zeichen in den Augen. Damals, als es nur die Music-Box mit Hanne Wieders „Circe“, Hildegard Knefs „In dieser Stadt“ und Heinz Erhardts „Fährt der alte Lord fort“ gab und nur vereinzelt ausgewählte, aktuelle Hits. Gibt Lieder, bei denen ich immer an diesen schmalen, verqualmten, überfüllten Raum denken muß, „Englishman in New York“ von Sting zum Beispiel. An die Pferdegeschirre an der Wand, die verranzten Bänke und die zerfetzten Plastikdecken auf den Tischen, die vollgeschreibene Clowand, wo ich einst ein Max Goldt-Gedicht hinterließ, „Könnten Bienen fliegen“. Wo ich mich in Sylvesternächten halb ausgezogen auf dem Clodeckel wieder fand und immer wieder die Geschichte erzählt bekam, daß ich beim Nachhausegehen mit einem damals noch sehr attraktiven Max beim Pinkeln am einzigen Gebüsch weit und breit auf der Stresemannstraße einfach umkippte und dort schlafen wollte – „Ja, ich habe Dich dann gerettet“, wieder und wieder erzählte Max mir das. Der Tequilla halt, fiese und verwerfliche Sauf-Geschichten, die einen Heidenspaß machten
…
Auf dem Nachhauseweg kam ich immer am legendären „Penny“ vorbei, damals mit dem FC St. Pauli natürlich sympathisierend, aber ansonsten an Fussball desinteressiert. Gibt ja dieses herrliche „Sie waren, sie bleiben, sie sind“ von But Alive. Da sitzt der Fan vorm Penny, der Fankneipe, und die Zeile „nach Auswärtsniederlagen falle ich oft in ein tiefes Loch, wach am nächsten Morgen auf und denk: Ich lieb’ sie doch“, na, in der dieser grauenhaften ersten Halbzeit gestern fiel sie mir wieder ein, die Zeile, auch wenn das ja eine Heimspielniederlage war, die sich da anbahnte. 0:2 nach 5 Minuten, und das ausgerechnet gegen Rostock. Leute also, vor denen mich die starke Antifa rund um Hamburgs Kiez immer beschützt hat.
Wie gut erinnere ich mich daran, wie damals nach dem WM-Endspiel 1990 binnen kurzem die Reichskriegsflaggen die Stresemannstraße unappetitlich garnierten und hinterher alle erzählten, die Polizisten hätten noch in der U-Bahn-Station den Nazis den Weg zum „Spar“ gewiesen, das dann gestürmt wurde. Hätte das nicht einen Hinterausgang gehabt, wer weiß, ob das alle überlebt hätten – Eisenpfeiler und Fahrräder flogen durch die Scheiben. An Wochenenden nach HSV- oder auch St. Pauli-Spielen mußte man unsinnige Umwege gehen, wenn man zum Beispiel in „Or“ wollte, weil die Nazi-Hools am Hans-Albers-Platz sich ballten und vorgaben, die Hafenstraße stürmen zu wollen. Im Alltag jedoch wußte ich: Meide Bergedorf und Harburg, aber rund um den Kiez bist Du sicher. Konnte auf offener Straße Händchen halten oder mit Typen knutschen, nur vor mancher Prostituierten mußte man aufpassen, die fanden das geschäftsgefährdend
…von Polizisten fühlte ich mich diesbezüglich nie beschützt.
Und gestern randalierten sie nun vor dem Spiel rum vorm Stadion, die, die mein Leib, mein Leben bedrohen. Sehr offensiv und explizit sogar. Und saß inmitten eines Stadions, wo Transparente über die Geraden geschoben wurden, „Es grüßen die schwulen Hamburger“ und „Schwulenhass: In Rostock Normalität“. Eine Reaktion darauf, daß beim Hinspiel in Rostock deren Fans glaubten, Gesänge gegen schwule Hamburger würden beleidigen. Denen spielte man vor dem Spiel „All you need is love“; als ich gerade in’s Stadion lief, riefen alle „Arschloch“, da lief nämlich „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten.
Und dann lagen wir so früh zurück. Das war wirklich der Tiefpunkt meiner bisherigen St. Pauli-Fan-Karriere. Unsere Manschaft hatte schlicht Angst, selbst der sonst so megacoole Rothenbach fing an, zitternd herumzutapsen, wenn der Ball auf ihn zurollte. Abwechselnd liefen sämtliche Spieler gleichzeitig zum Ball, wie in der E-Jugend, die linke Seite blieb so dauerhaft verwaist; oder sie liefen vor ihm weg, wichen zurück, auch der später so grandiose Hoilett und Trojan sowieso. Sako wurde immer an der gleichen Stelle umgeschubst, jener Sako, der noch im Hinspiel mit Affenlauten bedacht wurde. Es war einfach nur schrecklich. Es war demütigend, niederschmnetternd, beängstigend, grausam, daß nun ausgerechnet diese Truppe, die für Rassisten auf den Rängen spielt (nein, sie sind es nicht alle, aber es gibt sie dort sehr wohl sehr lautstark) unsere Mannschaft so dermaßen verunsichert und fertig machte. Ich hatte das Gefühl, als würde meine ganze Kultur, die ich in Hamburg seit mehr als zwei Jahrzehnten lebe, von der Hafenstraße, dem Subito und dem Dschungel über das Toom Perstall, das „Or“, das Café unter den Linden, das O-Feuer fast jeden Mittag, die Ominpräsenz von Wappen und Totenkopf im Viertel, Benny und sein „Viva con Agua“, die Musik von Kettcar, Fettes Brot und Tocotronic, der Blick auf die Elbe, die Domschenke, als würde all das mit Füßen getreten und von unseren Spielern jenem Mob, der uns schon immer abfackeln wollte, preisgegeben und ausgeliefert.
Wir alle haben in der Halbzeit nichts mehr erwartet. Überlegten, ob wir nicht lieber irgendwo ein Bier trinken wollen. Waren fertig. Litten. Versanken in Resignation. Rissen gequält Witze.
Dann diese tatsächlich ziemlich spektakulär aussehende Pyro-Show der Rostocker in der Halbzeit mit dem dämlichen Transparent „Hansa Hooligans“. War eindeutig für Filmteams und Fotografen ausgeleuchtet: Schwarze Figuren auf zaun und durchscheinender Banner vor Feuerschein.
Zugleich stellte man fest, daß Trojan und Ludwig zum Glück rausgenommen wurden, und die Boys in Brown standen inmitten des Nebels im Mittelkreis, man spürte es: Das wollen die sich nicht bieten lassen. Das lassen sie nicht zu. Nicht am Millerntor. Das können sie uns und sich nicht antuen. Boll zum Beispiel hat genau das dann ja später auch im Interview bestätigt. Es geht einfach nicht, daß Leute, die unsinnigen, sexistischen Quatsch über den „femininen Muschipups“ auf Transparente schreiben (habe ich wie alle anderen gar nicht verstanden, worum’s da wirklich ging) und bei deren „Sieg!“-Rufen man das „Heil“ einfach mithört, daß diese ausgerechnet bei uns die große Show abziehen.
Zum Wiederanpfiff war eine völlig andere Mannschaft auf dem Platz. Es war unglaublich. Es war großartig. Gerade noch die tiefstmöglichen Tiefen durchlitten, und dann so ein Höhenflug. In Sachen Fallhöhe einfach nicht zu toppen. Fussballgott Brunnemann gab den Antreiber, Hennings das Frettchen, das sich festbeißt, Hoilett den Super-Dribbler – und als Sako den Elfer versenkte, war ihm die Genugtuung anzuspüren. Was habe ich ihm und uns und der ganzen St. Pauli-Historie das gegönnt!!! Dann diese beiden wundervollen Tore von Hoilett, Tore, über die jede Mannschaft sich wegärgert – wundervoll, dass gerade die schwarzen Spieler trafen! Ist sogar dem NDR aufgefallen.
Es war wie eine Wiederauferstehung, es war so triumphal, so giganstisch, so gewaltig, eine Explosion all dessen, was am St. Pauli-Mythos wahr ist! Die Chöre nach Schlusspfiff, den Rostockern um die Ohren gesungen, „Nie mehr zweite Liga“ – ich hasse sonst Anti-Gesänge, aber das, das kam so zu Recht so von Herzen, da hat das Herz von St. Pauli wieder im Punkrock-Rhytmus geschlagen und gebebt und gelebt.
Und dann wollte PA, der Arsch, kein Bier mehr mit mir trinken gehen, und Ring2 war irgendwo im Schnee. Dann bin ich in’s Toom Perstall gegangen, Erinnerungen pflegen. Und obwohl meine wilden Zeiten dort eher von ‘88 bis ‘93 waren, ich ewig nicht da war (früher habe ich sogar Schoko-Nikoläuse zu Weihnachten geschenkt bekommen, von Vera, die jetzt wieder Werner ist) hat Marion hinter der Bar mich sogar wieder erkannt. Und ich fühlte mich ganz zu Hause …
Habe mal wieder was gelernt!
Deutsches Recht ist ja schon was Spannendes. Nicht immer schön, nicht immer nachvollziehbar, allzu oft wilhelminisch durchtränkt – und manchmal atmosphärisch überraschend frisch. Kenne ich noch von meinem Vater: Dem – Sozialdemokrat halt alter Schule – war’s als vorsitzendem Richter vor allem wichtig, den Leuten die Angst vor dem Gericht zu nehmen. Also das, was manch anderer Richter als Respekt empfindet und auch einfordert. Nun war min Vater auch in einer von Liberalen gerne attackierten Nische des Rechts zu Hause; Strafrecht zum Beispiel war ihm schlicht zu unappetitlich. Jetzt nicht wegen mutmaßlicher hygienischen Zustände von Angeklagten oder Staatsanwälten, sondern das Sujet als solches fand er gruselig – Leute zu Kanst verdonnern wollte er nicht. So ist auch der einzige Prozess, dem ich länger zuschaute, ein Strafrechtsprozess gewesen, und der Gestus des Richters hat mich nachhaltig schockiert. Selbstherrlichkeit und Inkompetenz wohl nicht hinsichtlich seiner juristischen Fähigkeiten, wohl aber hinsichtlich des verhandelten Sujets, beides in Personalunion, grauenhaft und beängstigend.
Um so schöner die heutige Erfahrung. Die Arbeitsrechtsverhandlung fand tatasächlich am runden, na, fast, Tisch statt. Auf der einen Seite die Kammer, auf der anderen Seite die Parteien. Wirkte eher wie ein Meeting irgendwo. Die Richterin distanziert und doch freundlich und charmant, jenseits jeglicher Kumpanei, klar und sehr deutlich und bestimmt bestimmt, ohne auf die Inszenierung von Macht zu gehen und zudem auch noch an klar nachvollziehbaren Kriterien orientiert. Ich bin positiv verblüfft, ganz unabhängig vom Ergebnis. Hat mir tatsächlich Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit zurückerstattet.
Und ja, es gibt lawblog und so, aber ich dilettiere hier trotzdem mal rum, weil in manchen Lagern gegenüber ja ziemlich lange das Thema ein Dauerbrenner war: Daß alles Arbeitsrechtliche viel zu wenig flexibel sei, zu umständlich, und ja sowieso Firmen nicht etwa wegen Kreditkrisen, fehlk0nzipierter Produkte, unsinniger Gewinnerwartungen, der Dumping-Preise der je größeren Konkurrenz oder schlicht steigender Rohstoffpreise pleite gehen, sondern immer nur wegen der Personalkosten und der schwierigen Kündigungsmöglichkeiten unterhalb der Leitungsebene.da schustert man sich ja dann gerne wechselseitig Kohle und Pöstchen zu.
In der Tat gibt es gewisse Rechte, die man erwirbt, wenn man lange dabei ist, z.B. eine Verlängerung der Kündigungsfrist sowie „Punkte“ bei der Sozialauswahl. Es gibt eine Sozialplanpflicht, meines Wissens, ab einer bestimmten Anzahl von Kündigungen. Aber sonst?
Man kann aus wirtschaftlichen Gründen kündigen und hat dann halt eine Sozialauswahl durchzuführen. Kann ich als neuerdings Arbeitgeber gar nicht schlimm finden. Die findet ja nur unter vergleichbaren Positionen statt.
Einfacher noch ist es, Standorte zu schließen. Deshalb ist das ja gerade so trendy, Redaktionen z.B. von Köln nach Hamburg zu verlagern oder ganze Sender von Berlin nach München. Da macht ja auch keiner einen Hehl draus, daß das zur Motivation erheblich beitragen kann, daß personalabbau so leichter fällt, selbst wenn dann nur 32 von 222 mitgehen oder so.
Dann jedoch hat bedacht zu weden, daß, wenn in anderen Unternehmensteilen an anderen Standorten eine vergleichbare Stelle frei ist, diese auch angeboten werden muß, und dann kann der Arbeitnehmer überlegen, ob er die annehmen will oder auch nicht. Wird das vergessen oder nicht gemacht, erfolgt die Kündigung rechtswidrig. Beweislast trägt hier sogar der Arbeitnehmer, und wenn man aus Mailverteilern fliegt, muß man sich halt anderweitig informieren.
Kündigungsschutzklagen haben rechtlich formal eh nur die Funktion, auf Wiedereinstellung zu klagen. Abfindungen in solchen Fällen werden dann fällig, wenn – oft vom Gericht deutlichst angeraten – ein Vergleich erfolgt, man sich also auf eine zu zahlende Summe einigt. Was freilich auch nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn es eben frei, analoge Stellen gegeben hat – im Falle einer Standortauflösung. Geht’s dem Unternhemen schlecht, daß es eh keine Jobs zu bieten hat, braucht es sich da auch keine Sorgen zu machen.
Also so what? Das ist doch eigentlich alles ganz plausibel. Was ist den daran jetzt so fürchterlich unflexibel? Die Rechtssprechung wird über Ober-Gerichte, flapsig formuliert, insbeondere hinsichtlich der Zumutbarkeitsregeln für den Arbeitgeber offenkundig ständig angepaßt, diese wird inensiv diskutiert, und wieso muß man anstatt so eines Reglements, über das jeder Arbeitgeber ja informiert zu sein hat, dann zwanghaft die totale Rechtlosigkeit der Arbeitnehmer einfordern?
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